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Marburg, Sonnabend, 7. März 1885.
XX. Jahrgmg.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. 6. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Soniitagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Zu Fürst Bismarcks Rede am 2. März.
Fürst Bismarck schloß stine hochbedeutende Rede am 2. Mäiz mit folgenden Worten: „Es liegt eine eigentümliche prophetische Voraussicht in unserem alten nationalen Mythus, daß eben, wenn eS dem deutschen Volke gut geht, wenn ein deutscher Völkerfrühling wieder, wie der verstorbene Kollege Völk sich auSdrückte, eintritt, auch stets der Loki nicht fehlt, der seinen Hödur findet, einen dämlichen Menschn, den er veranlaßt, den deutschen Völker- srühlinz zu erschlagen bezw. niederzuwerfen."
So sehr auch die deutsche Mythologie seit den Gebrüdern Grimm, R. Wagner, F. Dahn wieder die ihr zu« kommende Bedeutung im Bewußtsein des deutschen Volkes einznnehmen beginnt, so dürfte doch obige Aeußerung des Fürsten Bismarck vielen wegen mangelnder Kenntnis der Sage doch nicht ganz verständlich sein. Wir zitieren daher nach dem vortrefflichen Werke über Germanische Götterund Heldensagen von Felix und Therese Dahn („Walhall") folgende Sätze:
„Baldur, OdinS Sohn, der strahlend schöne Jüngling, ist die Verkörperung des Frühlings. Er ist schuldlos und rein. Die andern Götter aber find schuldbeladen, denn ste waren treubrüchig geworden in dem Kampfe gegen die Rtesen. Da nahete die Zett heran, da die Götter und alles Leben von der ersten Vorstufe der Götterdämmerung, d. i. des Götteruntergangs betroffen wurden durch Baldurs Tod. Baldur hatte schwere Träume: ihm ahnte, er werde bald sterben. Vergeblich sandte Odin seinen Raben Hugin aus, von zwei weisen Zwergen Rates zu holen: der Zwerge Aussprüche glichen selbst du kelen, nicht zu deutenden Träumen. Da hielten die Äsen Ratsversammlung und beschlossen, Balur Sicherung gegen jede mögliche Gefahr zu schaffen, indem Frigg von allen Dingen, welche das Leben bedrohen mögen, Eide nehmen sollte, Baldur nicht zu schaden. So that Frigg und nahm Eide von Feuer und Wasser, von Eisen und allen Erzm, von Stein und Erde, von Seuchen und Giften, von allem vierfüßigen Getier, von Vögeln, Würmern und Bäumen. Als das geschehen war, kurzweilten die Äsen mit Baldur: er stellte sich mitten in einen KrciS, wo dann einige nach ihm schossen, andere nach ihm hieben und noch andere mit Steinen warfen. Und waS sie auch thaten: — eS schadete ihm nicht. AlS aber Loki, der böse, da« sähe, gefi-l cS ihm übel, daß Baldur nichts verletzen sollte. Da ging er zu Frigg in Gestalt eines alten Weibes. Frigg fragte die Frau, ob ste wisse, waS die Äsen in ihrer Ve.sammlung vornähmen? Die Frau antwortete, sie schößen alle nach Baldur, ihm aber schade nichts. Da sprach Frigg: „Jawohl! Weder Waffen noch Bäume mögen Baldur schaden, ich habe von allen Eide genommen." Da fragte das Weib: „Haben
wirklich alle Dinge Eide geschworen, Baldurs zu schonen?" Frigg antwortete: „Oestlich von Walhall wächst eine Staude, Mistiltein (Mistel-Zweig) genannt: die schien mir zu jung, ste in Eid zu nehmen." Darauf ging die Frau fort: Loki nahm den Mistiltein, riß ihn aus und ging zur Versammlung. Hödur („Kampf") stand zu äußerst im Kreise der Männer, denn er war blind. Da sprach Loki zu ihm: „Warum schießest du nicht nach Baldur?" Er antwortete: „Weil ich nicht sehe, wo Baldur steht; zum andern hab ich auch keine Waffe." Da sprach Loki: „Thu doch wie andere Männer und biete Baldur Ehre, wie alle thun. Ich will dich dahin weisen, wo er steht: so schieße nach ihm mit diesem Reis." Hö:uc nahm den Mistel Zweig und schoß auf Baldur nach Lokis Anweisung. Der Schuß flog und durchbohrte ihn, daß er tot zur Erde fiel: und ras war das größte Unglück, das Menschen UNS Götter betraf."
Baldur ist das Licht in seiner Herrschaft, die zu Mittsommer ihre Höhe erreicht hat; sein Tod ist also die Neige des Lichts in der Sonnenwende. Möge das geistvolle Zitat des Fürsten Bismarck dem deutschen Volke Anlaß geben, zu bedenken, daß sein 1870/71 ausgestiegenes Licht nicht in der Sonnenwende sich neige!
Deutscher Reich.
Berlin, 5. März. Di- „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Fortschrittliche Blätter schicken mit bezug auf Braunschweig die Erfindung in die Welt, daß von hoher Stelle das Wort gefallen sei, um den Felsen der Legitimität deS Welfen- hauseS werde man nicht herumkommen. Wahrscheinlich ist dieser unklare Ausdruck in der Absicht gewählt, der Vermutung Raum zu geben, als ob der Kaiser etwas Derartiges gesagt haben könnte. Diese Vermutung bezeichnen wir als eine unbedingt irrtümliche. — Dasselbe Blatt bemerkt ferner: Die Rede, welche der Reichskanzler am letzten Montage im Reichstage gehalten hat, wird nicht nur von ausländischen Blättern, sondern auch von unserer Oppo- sttionspreffe auf die Tendenz zurückgeführt, dem Ministerium Gladstone die Existenz zu erschweren und zu seinem Stu-z beizutragen. Daß dicS eine wirkliche Entstellung der Wahrheit ist, wird jedem klar werden, wenn er die Rede liest Dieselbe enthält nicht ein Wort über Herrn Gladstone und sein Ministerium. DaS Motiv der Rede ergibt sich auf das deutlichste aus ihrem Inhalte, als das Bedürfnis, zu verhüten, daß befreundete und benachbarte Regierungen, mit welchen daS gute Einvernehmen zu erhalten die deutsche Politik erfolgreich bemüht ist, nicht durch die Entstellungen der Thatsach-n, wie ste von englischer Seit« auSgegangen und in der Preße verbreitet sind, in ihrem Vertrauen zu der Znverläistgkeit der deutschen Politik irre gemacht werden. Die Erfindung, daß der Reichskanzler Egypten einfach den
Engländern angeboten habe oder ihnen geraten habe, eS zu nehmen, ist nicht zum ersteumale jetzt aufgetaucht, aber doch zum ersteumale in der amtlichen Form ministerieller Reden und Depeschen. Wenn eS wahr wäre, daß der Reichskanzler In diesem Sinne die englische Regierung bearbeitet hätte, so müßte dadurch natürlich daS Vertrauen bei allen den Regierungen, deren Interesse durch die englische Annexion Egyptens verletzt worden wäre, wesentlich erschüttert werden, also in erster Linie bei der Pforte, über deren Reichsgebiet ohne ste verfügt worden wäre; dann aber auch bei Frankreich, bet Rußland und selbst bei Oesterreich. Alle Mächte sind vertragsmäßig bei der Integrität des türkischen Gebietes interessiert, und es muß ihnen daran gelegen sein, daß nicht Teile desselben von anderen Großmächten einseitig annektiert werden. Es war demnach für den Reichskanzler geboten, den englischen Veröffentlichungen gegenüber den wahren Sachverhalt klarzustcllen, um den nachteiligen Folgen vorzubeugen, welche stch aus einer Entstellung hätten entwickeln müßen. Das Motiv der Rede des Fürsten Bismarck liegt so klar zutage, daß man dasselbe ohne die Absicht der Entstellung kaum verkennen kann. — Die Holzzoll-Kommission deS Reichstags erledigte hcute die Pos. 13 c. III: Bau- und Nutzholz in der Richtung der Längsachse beschlagen, gesägt oder auf anderem Wege als durch Bewald- rcchtung vorgearbeitet oder zerkleinert, noch waldkantig ohne rechtwinklige Schnittflächen. ES wurde der in zweiter Lesung beschloßene Zollsatz von 1,50 Mk. pro 100 kg = 9 Mk. pro Festmeter bestätigt. Ein Antrag deS Abg. Klumpp, von dieser Position Eisenbahnschwellen nach der Längsachse getrennt, auszunehmen und mit einem niedrigeren Zollsätze zu belegen, wurde abgelehnt. — Dem Abgeordnetenhause ist der Nachtragsetat zum StaatShauShaltsMat 1885/86 nunmehr zugegangen. Er beläuft stch in Einnahmen und Ausgaben auf 1309186 Mk., die zum größten Teil für die neuverstaatlichten Eisenbahnen verwendet werden sollm. Für einen neu anzustellenden Polizeikommtßar und 12 Schutzmänner in Frankfurt a. M. werden 20970 Mk. verlangt, und im Extraordinarium 476000 Mk. zu dem Ankauf deS Anteils deS Grafen Henckel von Donnersmarck an der Stetnkohlengrube „Guido" bet Zabrze einschließlich der ihm gehörigen zwei Freikuxen. Der andere Teil dieser Grube gehört der Oberschlesischen Eisenbahn Gesellschaft. — Die Kommission deS Abgeordnetenhauses zur Beratung des Verwendungsgesetzes (Antrag v. Huene) trat gestern abend zu ihrer zweiten Sitzung zusammen. ES lag rin Antrag des Abgeordneten v. Zedlitz vor, der einen festen Betrag aus den Ueberfchüßen der neuen Retchssteuern für die Schulunterhaltung verwenden will und zu diesem Zweck statistisches Material zusammenstellt. Ferner liegt eine statistische Nachweisung der Einfuhrmcngen und der Zoll-
Bon -er jüngsten deutschen Kolonie.
DaS im Verlag von Greßner & Schramm in Le'pzig erscheinende illustrierte Prachtwelk „Europas Kolonien", geschildert von vr. Hermann RvSkoschny, bringt interessante Mitteilungen über das Gebiet, in welchem die Besitzungen des Stuttgarter Hauses Fr. Colin liegen, in welchen am 1. Januar b. I. durch Kapitän Thüden von der „Ariadne" die deutsche Flagge gehißt wurde. Da jede Mitteilung über dieses bisher so wenig gekannte Gebiet augenblicklich von hohem Interesse ist, laßen wir nachstehend einen Auszug aus dem genannten Werke folgen, in welchem auS dem nicht sehr reichhaltigen Nack richtenmaterial, daS bisher vorliegt, ein hinreichend orientierenden Bericht zusammengestellt ist.
Nächst den FullahS stad in dieser Gegend das wichtigste Volk die SousouS, denn ihre Sprache wird von allen Völkern am Rio Nanez gesprochen, die auch viel von ihren Sitten angenommen haben. Sie wohnten wahrscheinlich einst am Unten Ufer deS Rio Nunez, wurden aber von den LandoumanS und anderen Völkern nach Süden gedrängt. Einen geeinigten Staat bilden ste heute nicht mehr, und die Könige der einzelnen Dörfer vereint nur der gemeinsame Haß gegen die Fulluhs und dem MohawmedaniSmuS. Die Sousous im Innern des Landes, zwischen dem Rio Nunez und Mellarm sr find ein wildes, kriegerische« Volk; die in der Nähe der Faktoreien Ansässigen verkehren aber freundschaftlich mit den Europäern, und in den englischen Niederlaßungen tragen ste sogar mit Vorliebe europäische Kleidung — allerdings in einer durch den bekannten Negcr- geschmack beeinflußten Zusammenstellung.
Von dem Kenygebirge, welches der ganzen, von diesen Völkern bewohnten Küste ihr Gepräge aufdrückt, hat letztere auch den Namen Kerryküste erhalten. Man versteht unter diesem Namen den etwa 200 englische Mellen langen Küstenstrich im Noxdm von Vierra Leone, in welchem die Flüße
Nunez, Pongo, Forecaria, Dubrika, Mallccory und Scncias in das Meer münden. Alle vorgenannten Flüße können tief in das Land hinein, bis auf eine Entfernung don 60 bis 70 englischen Metten auch von groß n Seeschiffen befahren werden, und bilden vorzügliche Transportwege für au« dem Innern kommende oder dorthin zu versendende Waren. Ein lebhafter Handelsverkehr hat stch hier entwickelt, umsomehr, da das Klima wegen des nahen Gebirge« eia so gesundes ist, daß Aerzte völlig entbehrt werden können. Die trockene Jahreszeit, welche von Anfang August bis Anfang Mai währt, ist die gesundeste, a'ier uch die ReM- zeit ist nicht ungesund, und Fieber, von denen der Europäer au der Westküste sonst höchst selten verschont bleibt, kommen hier gar nicht vor. Die« findet seine Erklärung darin, daS hier nicht wie in anderen Teilen der Westküste sumpfiger, mit Mangroven bedeckter Boden einen ewigen Fieberherd bildet. DaS Ker>ygcbirge steigt zu 2000 bis 3000 Faß lwpor, fast überall bis zu den höchsten Spitzen mit Wald bedeckt, in welchem Kopalbäume vorherrschen, und zwischen den waldigen Höhen liegen furchtbare Thäler, in denen die Kaffeestaude und da« Zuckerrohr in Mißen wild wachsen und alle Pflanzungen der Eingeborenen trotz der Trägheit ihrer Bebauer reichen Gewinn abwerfen. Ein weites Felo eröffnet stch hier europäischer Unternehmungslust, und da« Stück afrikanischen Bodens zwischen dem Rio Pongo und dem Mallccory dürfte noch einst einer der reichsten und blähendsten Landstriche Afrikas wersm, wenn erst einmal fleißige Hände am Werk sein werden, die jungfräuliche Erde auszunutzen una die Schätze zu heben, welche zu verwerten der Neger zu faul ist.
Die Waldungen am Dubrika, Forccnia und Mallccory liefern hauptsächlich Gummikopal, der einen wichtigen Handelsartikel bildet. Außerdem komm« in dm Handel Sesam- samrn und Erdnüße, von welchen letzterm Ladungm von
30000 bis 40000 Bushel nach Marseille (vielleicht auch nach Hamburg?) vkrsandi werden. Ingwer, welcher nach England und Amerika exportiert wird, gedeiht hier so gut wie In Westindien, und auch der hier noch meist wild wachsende Kaffee ist eine gute Sorte. Der Strauch liefert an der Kerryküste 14 bis 15 Pfund Bohnen, aber trotz des großen Gewinnes, der durch den Anbau von Kaffeestauden zu erzielen ist, haben die Neger bisher nnr wenige kleine Plantagen angelegt und das in den Handel kommende Quantum Kaffee ist noch ziemlich unbedeutend. Da wird europäisches Kapital eingreifen müßen, um aus dem Kaffeestrauch ebenso größern Nutzen zu ziehen, wie bereits für das Zuckerrohr, welches die Eingeborenen nur roh verbrauchen, durch englische Unternehmer eine bessere Verwertung geschaffen wurde. Nach Versuchen, welche in Liberia angestellt wurden, kann man annehmen, daß am Dubrika, Mall-cor y u. s. w. KaffecPlantagen, wenn ihnen die nötige Sorgfalt gewidmet wird, nach 3 Jahren bereits so ertragfähig sein könnten, daß 12000 Sträucher etwa 600 Zentner Kaffee jährlich liefern würden.
Große Schätze, welche gleichfalls noch der Hebung harren, bergen die Wälder, welche Holzarten enthalten, die sich den gesuchtesten südamerikanischen an die Seite stellen können. Dem Holztransport stehen nirgends Schwierigkeiten im Wege, da der Wald fast überall stch bis zur Meeresküste erstreckt und die vielen wasserreichen Flüße auch den Transport au« dem Innern erleichtern.
Auch für die Viehzucht ist das Land so wohl geeignet wie kein anderes auf der ganzen Strecke vom Gambia bis hinab nach Moßamede«. Die Kerryküste ist einer der wenigen Punkte West-AfrikaS, wo man an der Küste frische« Rindfleisch erhält, während man sonst meist auf Ziegenfleisch angewiesen ist. Kuh- und Ochsenhäute stehen unter dm Exportmittel obenan. Käufer ist ausschließlich Amerika,