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Marburg, Mittwoch, 4. März 1885. XX. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, f »wied.Annoncen-Bureaux vontzaasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; RudolfMosse in Frankfurt aM, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin,Hannover u Paris.

OlltthksWt Zitllllls.

Die Schleifer vo« Solling.

Eine Geschichte au« dem Bauernkriege.

Srzählt von Lu dovica Hefe kiel.

(Fortsetzung.)

Deö Steinschleifer« Frau und Tochter hatten sich drunten in der Einöde fast wohnlich eingerichtet, so weit da« eben thunlich war, sogar der getreue Tiger fehlte nicht, der die Frau Maria mißtrauisch anbellte und nur mit Mühe zum Schweigen gebracht werden konnte. Die Frauen nahmen sich der Erschöpften liebreich an, flößten ihr Wein ein und rieben ihr di- Füß', 616 st- endlich die Auzen wieder anf- schlua aber einen Ruf d-6 Schrecken« auSstkß. Sie hatten nämlich ein lustig flackernde« F-uer entzündet denn wenn auch droben eine warme, liebliche M iieanacht herrschte, hier drunten war« empfindlich Uhl, Frau Maria aber erschrak vor jeder h ll auflodernden Flamme; denn sie dachte jede«, mal daran, wie sie de« Steinschleifer« Behausung hatte iu Flammen aufgehen sehen. Mit freundlichen Worten suchten die Drei st- zu beruhigen, wa« ihnen auch endlich mit vieler Mühe gelang.

Eine Stunde mögt Ihr nun schlafen und ruhen , ge­strenge Frau', nahm Poschacher dann da« Wort, «länger darf ich« Euch nicht gönnm, denn ob dir Bauern nun siegen oder verlieren, Steininger wird un« Beide suchen und wird sich leicht denken können, wo er un« finden kann. Wir müsien also einen guten Vorsprung vor ihm haben.

Mit fast ausdruckslosen Augen stierte sie ihn an, dann nickte sie schweigend und legte den noch immer schönen Kopf auf den Mantel, den sie ihr darunter geschoben hatten, Frau Eyrilla deckte sie mit einem Tuch zu, daun streckte auch sie mit ihrer Tochter fich auf M Batet« Geheiß zum Schlummer au«. Rrchert dacht« nicht an« Schlaf«»; er

Wöchentliche Beilage»: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain.

Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

desien er sich bei den fremden Kabinetten erfreut. Diese« Vertrauen kann durch dich und durch weitere Veröffent­lichung von Aktenstücken nur gestärkt werden; denn aus derselben wird hrrvorgehrn, daß die deutsch: Politik sich weder durch Angriffe in der Pceffe, noch durch Lockungen in der Politik lcyaler und friedliebender Nachbarschaft irre machen läßt, welch: e« Frankreich gegenüber beobachtet. Einen irrtümlichen Eindruck könnte der Umstmd machen, daß der von Sir E. Malet gemeldete Inhalt der Instruktion an Graf Münster vom 5. Mai v. I. tu Präsen« - Form gefaßt ist, so daß bei jedem oberflächlich Lesenden der Ein­druck hervorgerufen werden muß, al« hätte der Reichskanzler jetzt gesagt, „that Germany would Support“, während cs heiß'n müßte „would have supported“ und so fort, so weit es sich um die Erwähnung jener älteren Instruktion handelt. ES ist dies ein lapsus calami in der englischen Redaktion, auf deffen Richtigstellung wir Wert legen. — In der am Sonnabend stattgehabten Sitzung der Kom­mission des Abgeordnetenhauses für da« Lchrerpmstonsgesetz begann die zweite Lesung. Eine sehr lebhafte Debatte ent­spann sich über di- von dem Abg. Seyffarth (Liegnitz) u. a. befürwortete Aufnahme der B stimmung in 8 2, wonach die Pension mindestens 450 Mk. betragen soll, welche der Vertreter des Finanzministers auf das entschiedenste be­kämpfte, da eine solche Bestimmung notwendig Forderungen anderer Beamtenkategorieen Hervorrufen würde. Abgeordneter Scyffarth-Licgnitz hob indessen hervor, daß eS sich hier um ein Notgesetz und um Berücksichtigung brsondrrer Bedürf- niffe handele. Die Abstimmung erfolgt erst in der nächsten Sitzung.

— Dem Kaiser wurde am Sonntag den 1. März, an welchem Tage im Jahre 1871 bl: deutschen Truppen in Paris einzogen, gewifferm ahen zur feierlichen Erinnerung an dies Ereignis von der Kapelle des auf Wache ziehen en Regiments und dem letztere in Mafien begleitenden Publi­kum eine Ovation dargebracht. Sobald nämlich die neue Wache, welche das Kaffer-Franz-Garde-Gr-nadicr-Regiment stellte, sich dem Palais näherte, intonierte die Musik den Pariser Einzugsmarsch. Kaum waren die Spielleute mit der Tete an der Rampe drS Palais anzelangt, als auch schon der kaiserliche Herr, jedoch nicht wie sonst im auf­geknöpften Uebrrrocke, sondern im Waffenrocke mit Epau- lettes an daS zweite Fenster veS AudienzzimmerS trat, um die einzelnen Sektionen defilieren zu sehen. Sobald die Mengen, die da« Denkmal in dichten Scharen umlagerte, de« Monarchen ansichtig wurde, brachte sie unter Hut­schwenken dem greisen Herrscher ein dreimalige« Hoch au«, da« di- Musik vollständig übertönte. Der Kaiser dankte für diesen Gruß, sich nach allen Seiten tief verneigend. Aber auch de« Kronprinzen sollte an diesem Tage gedacht «erden. Die« geschah dadurch, daß die Kapelle der Franzer beim Passieren des kronprinzlichrn Palais den „Hohen-

hatle au« dem Schuppen da« alte Buch herausgeholt; zum erstenmal seit lang r Zelt v-rtlefie er sich wieder in seine dunkeln Aussprüche, die ihm so hell dünkten, und wie manchesmal so wünschte er auch heute, er könnte erfahren, wer denn eigentlich dies wunderliche Bach geschrieben habe, denn das stand nirgends darin und ein Titelblatt halte e« nicht, so daß auch nicht ersichtlich war, wann und wo e« geschrieben wordm war. Aber wie er nicht Ruhe hatte zum Schlafen, so werkle der Steinschleifer bald, daß er auch keine Ruhe zum Lesen hatte, und wie er sich umwandte, sah er die Hellen Augen seiner Cyrill' ebenfalls schlaflos und weit offen auf sein Antlitz gerichtet.

«Du schläfst nicht', fragte er.

«Nein', e-itgegnete st-, «es war eine Thorheit von Dir, diese da —* sie zeigte auf Frau von Kuchl — «zu retten, aber ich weiß, daß Du nicht anders konntest. Nun müssen wir mit ihr fliehen, wenn die Bauern siegen 1'

«Ihr nicht, Euch thun sie nichts 1'

«Doch, hast Du dem Steininger sein Opfer entriffen, sucht er sich einander-, ich sah seine Augen glühen, al« er mit Dir sprach, st- haben sich seitdem an Blut gewöhnt, er wird un« nicht schonen.'

Poschacher erschrak; eine innere Stimme sagte ihm, daß die schlichte, einfache Frau Recht habe. Langsam erhob er sich und sie folgte seinem Beispiel.

«Ich muß herausbriugen, wer Sieger geblieben ist,' flüsterte der Steinschleifer leise, um die Schläferinnen nicht zu erwecken, «sind» die Bauern, so müffen wir eilig fliehen und Gott mag un« schützen, ich weiß keine Hülfe für un«!'

«Er wird eS auch thun,' entgegnete Frau Cyrills zu- verstchtlich. Frau Maria fuhr jetzt au« dem Schlafe auf, chrr Augen hatten noch immer dm leeren sti«rm Blick, da«

AM- Für den Monat März nehmen alle Postan- stalten Bestellungen auf die

Oberhesstsche Zeitung

nebst ihren wöchentlichen Beilagen entgegen.

Soweit der Vorrat noch reicht, wird der Wandkalender für 1885 beigegeben.

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DmIjcheV Reich.

Berlin, 2. März. Die «Nordd. Allz. Ztg.' sagt be­züglich de« kürzlich auSg-gebenen englischen Blaubuch:S: In den Publikationen de« letzten, Ende vorigen Monats auSgegebrnen Blaubuch«, ist da« englische Auswärtige Amt in b-merk-nS werter Weise von seinen bisher stet« beobachteten Traditionen internationaler Courtoists abgcwichen: Es war sonst stets Gebrauch, daß vor der Veröffentlichung von Noten oder von Berichten, welche vertrauliche Unterredungen Wiedergaben, eine Anfrage an die beteiligte Regierung ge­richtet wurde, ob dieselbe damit einverstanden wäre. Das­selbe Verfahren ist, soviel wir wissen, auch seitens des deutschen Auswärtigen Amtes bei Zusammenstellung der Weißbücher eingeschlazen worden. Dir englische Regierung hat diesmal diese Rücksicht außer acht gelassen: sie ist darin so weit gegangen, daß st- z.B. in dem Blaubuch 0.4273 Seite 164 einen an den Kaiser gerichteten Brief des samoa­nischen König« Malietoa eher gedruckt hat, als d-rselb- stch in den Händen Sr. Majestät befand. ES ist die« be­zeichnend für die G-nestS des Briefes. Auch Lord Gran­ville« Noe vom 21. v. M., betreffend Kamerun, lag dem englischen Parlament bereits im Druck vor, ehe sie auf diplomatischem Weg- hier bekannt sein könnt'. In dem Erlaß Lord Granvilles vom 7. v. M. an den englischen Botschafter in Berlin ist der Inhalt eines von diesem selbst geschriebenen Berichte« über eine ganz vertraulich- Unter­redung, die er mit dem R-ichSkanA-r gehabt hatte, rcpro duziert, und auf diese Weise der Oeffentlichkett übergeben worden' Die «Köln. Ztg.' meint, daß dabei die Absicht obacwaltet habe, Mißtrauen zwischen Deutschland und Frank­reich zu säen. Wir können kaum glauben, daß di-S die Absicht gew-s n sä, dmn wir sehen nicht, welchen Grund zum Mißtrau n Frankreich aus jenen Andeutungen Lord Granvilles schöpfen könnte. Wir sehen in dem Vorgänge allerdings einen BertraucnSbruch, aber einen solchen, der von Lord Granville persönlich nicht beabsichtigt sein kann; er ist nutz os und verdankt sein Entstehen wahrscheinlich der Unmöglichkeit, in welcher Lord Granville sich befand, seine Seit In diesem Augenblick der Ueb-rwnchung der Re­daktion von Noten zu widmen. Unserem Reichskanzler ist e« stets als ein Hauptoerdienst in der Diplomatie an- gercchnet worden, daß er die Wahrh.it spricht und ein- gegangene Verpflichtungen hält: darauf be uht da« Vertrauen,

friedbergec Mirich" spielte, welches bekanntlich der Parade­marsch der Pasewalker Kürassiere ist, bei denen der Kron­prinz L la suite geführt wird. — Der «StaatS-Anzeiger' bringt an seiner Spitze daS Folgende: Se. Majestät der König haben Allergnädigst geruht: dem Prinzen Albert Viktor von Großbritannien und Irland, H-rzog zu Sachsen, den Schwarzen Adler-Orden zu verleihen. (Prinz Albert Viktor ist der älteste Sohn de« Prinzen von Wale«, geb. am 8. Januar 1864.) — Die Vorbereitungen zu einer großartigen Feier de« 50jähr!gen Dienstjubiläum« de« Reichskanzlers sind in vollem Gange. Zahlreiche Depu­tationen ans allen Teilen de« preußischen Staate« und Deutschen Reiche« werden am 1. April d. I«. dem Fürsten Bismarck ihre Glückwünsche darbringen. Die Beiträge zu der Ehrenabgabe für den Reichskanzler sollen, der «R. Pr. Ztg." zufolge, bereits die Summe von 700000 Mk. übersteigen.

Köln, 2. März. Heute m ttag 128/* Uhr ist das Domhotel eingestürzt, di- Jnsaffen konnten noch auf die Straße flüchten, indem der Einsturz durch vorhergehende« Schwanken und Krachen sich ankündigte. Da« HauS sollte demnächst einem Neubau Platz machen, weshalb bereits ein Anbau niedergelegt war.

Leipzig, 2. März. Heute vormittag um 9 Uhr be­gann vor den vereinigten zweiten und dritten Strafsenaten de« Reichsgerichts unter dem Borsttze de« Präsidenten Drenkmann der Landesverrats Prozeß gegen den Kaufmann Gustav JanffenS au« Lüttich und den Geschäftsmann Adolf Knipp-r aus Birkenfeld. Di: Staatsanwaltschaft ist ver­treten durch den Oberreichsanwalt Freiherrn v. Secken- vorff und den Ersten Staatsanwalt Treppun. Der An­geklagte JanffenS wird vom Justizrat Lüntzel, Knlpper vom Justizrat Stegmann verteidigt. Zwölf Zeugen sind vorgeladen, darunter der wegen desselben Verbrechen« be­reits militärgerichtlich abg-urteilt-, au« dem Zuchthausr vorgeführte frühere Sergeant Schneider au« Münster. Au- Berlin sind al« Zeugen anwesend: der Major im Krieg«- minlsterlum, Freiherr v. Gemmingen, der Hauptmann im Krtegöminist-rium Jordan und Poltzeirat Krüger. Der Oberreichsanwalt beantragt Ausschluß der O ff-ntlichk-it, welchem Anträge der Gerichtshof mit der Motivierung stattgab, die O-ffentlichkeit der Verhandlung könnte di­öffentliche Ordnung gefährden.

Stuttgart, 2. März. Staat-Minister v. Mittnacht wurde aus Gesundheitsrücksichten pensioniert. Staatsrat Sarwey wurde zum Kultusminister ernannt. Generalmajor Steinheil rückt zum StaatSmintster vor.___________________

Auriaud.

Pest, 2. März. Julius Berhovay wurde wegen Ver­untreuung zu IV2 Jahren Keikerstrafen und fünfjährigem Verluste feine« Amtes, Ludwig Berhovay zu zehnmonatlicher

Ehepaar schauderte, «ich glaube, sie ist wahnsinnig geworden,' murmelte Cyrilla. Poschacher aber kletterte auswärts, um womöglich etwas über den AuSgang de« Kampfe« in Er­fahrung zu bringen. Als er wieder droben war, sah er dunkle Massen sich der Reichsstraße zu wälzen, und bald wurde ihm klar, daß es fliehende Bauern waren, hinter ihnen der Junker mit einer Zahl seiner Seute, unter denen er zu seinem Erstaunen jetzt auch Herrn Firmian in seinen geistlichen Gewändern erkannte.

Man war zu Salzburg bester über den Plan der Auf­ständischen unterrichtet gewesen, als zu Golling und hatte ein Fähnlein Landsknechte dorthin geschickt, zu den sich auch Firmian gesellt halte. Sie waren rasch mit den Bauern fertig geworden und die Hetzjagd jetzt galt hauptsächlich dem Steininger, der mehrfach verwundet, offenbar dm Gefeit zustrebte.

Jetzt erkannte der Junker den Poschacher. »Ist meine Mutter in Sicherheit?" fragte er hastig.

«Ja, j»,' entgegnete Rupert, der dem Steininger den Weg zu vertreten suchte. ES war vergeben«, dieser begann, von seinen Feinden versolzt, hinabzuklettern, einige der Ver­folger hatten Fackeln, elllche Bauern drängten sich noch um Steininger; sie glaubtm, er wlste einen Schlupfwinkel, in dem er sie und sich reiten könne.

Unter denen, die dem Junker zu Hülfe gekommen warm, hatte Poschacher zu seiner inneren Befriedigung auch seinen zukünftigen Schwiegersohn, den Rettmoser, entdeckt, destm Erscheine» der Rinde um Joseph Kuchl« Herz den letzt« Stoß gegeben hatte. In die Hand hatte er ihm gelobt, ule mehr nach feiner Braut zu schäum, wie er jetzt in ab- aeriffenen eiligm Wort« seinem Schwiegervater mitteilte.

(Schluß folgt.;