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Marburg, Donnerstag, 26 Februar 1885.
XX. Jahrgang.
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_______________Die Erp, d. Oberh. Zeitung.
Deutsches Reich.
Berlin, 24. Febr. In der gestrigen Sitzung der Kongokonserenz teilte vor dem Eintritte in die Tagesordnung der Vorsitzende, Unterstaatssekcctär Busch, ein an den Fürsten Bismarck als Präsidenten der Konferenz gerichtetes Notistkalionsschreiben der Kongo-Gesellschaft mit, wonach diese von nahezu allen Konferenzmächten vertragsmäßig anerkannt ist. Der Vorsitzende begrüßte namens der kaiserlichen Regierung diese erfreuliche Thatsache mit dem AuSdrucke der wärmsten Sympathie für die hochherzigen, erfolgreich gekrönten Bestrebungen des Königs Leopold von Belgien. Diese Kundgebung fand lebhaften Wiverhall bei den übrigen Bevollmächtigten, welche ihrerseits ähnliche Huldigungen für den König von Belgien zu Protokoll gaben. — DaS Kommuaiqaö der Konferenz, welches in einen sachlichen und in einen Formfragen be- handeluden Teil zerfällt, enthält die Bestimmung, daß, wenn alle Ratifikationen in den kaiserlichen Archiven niedergelegt find, die Vertreter der Vertrazsmächte zusammen- lreten und ein authentisches Protokoll aufnehmen, welches die Riederlegung der Ratifik-tioiien konstatiert. Ein beglaubigtes Exemplar dieses Dokuments wird allen Mächten mitgetetlt. Alle aus den Beratungen hervorgeganzenen Akte find in ein Instrument zusammengefaßt. Die einzelnen Akte der Konferenz zerfallen in ebensoviel Kapitel mit sortlaufenden Paragraphen. Der Schlußbericht ist von Baron v. Courcel als Vorsitzenden und dem Vertreter Belgiens, Lambermont, als Berichterstatter unterzeichnet und von 6 Annexen begleitet, welche die beschlosienen Aen- derungen und Zusätze, sowie daS Protokoll der Konferenz vom 31. Januar enthalten. — Die Steuerreformvorlage wirs vom Abgeordnetenhaufe in der nächsten Woche erwartet; eS soll aber keineswegs eine einfache Reproduktion des vorjährigen Entwurfes sein, sondern eine völlig neue Vorlage. — In den Kreisen der Reichsbeamten verfolgt man, wie die „National-Ztg." schreibt, die Schicksale deS PenstonSgesetzentwurfeS mit großer Verstimmung; auch daß die Weedervorlage deS Entwurfes bis jetzt von keiner Seite angeregt wurde und die Etatsberatung im Reichstage ohne bezügliche Anfrage vorüberging, hat verstimmt, indessen wird rte Fortführung btt Reichstagsarbeiten über Ostern hinüber dte Folge haben, daß der PenstonsgeietzentwUlf
Die Schleifer von Solling.
Eine Geschichte aus dem Bauernkriege.
Erzählt von Ludovica Hesekiel.
(Fortsetzung.)
.Ich verlasse Euch jetzt," sagte der Junker, .aber hört mir zu, ich gebe Eure Tochter nicht auf, ich werde ste suchen und nicht ruhen, bis ich ste gefunden, Euer Haus laste ich bewachen, Tag und Nacht, ob Ihr mit den aufrührerischen Lauern verhandelt oder nicht, wittere ich den geringsten Unrat, seid Ihr ein Kind des Todes!"
Ohne Gruß ging er hinaus, Poschacher seufzte schwer, droben am Himmel ballten sich dte Wolken grau und düster, von weißlichen Siretfeu durchzogen, hie und da nahmen diese eiue unheimliche schwefelgelbe Färbung au; die Lust war so schwer, daß man kaum armen konnte, und da- Tageslicht schien völlig zu verlöschen. Um diese Zeit^ kam jammernd und schluchzens ein altes Weib in die Steia- schieiferei uns bat den Meister Poschacher, er möge doch um aller Heiligen willen einmal in ihre Hütte kommen, ihr Enkel, der Alois habe stch einen schweren Stein auf den Fuß geworfen und liege da in den wütendsten Schmerzen, der Fuß sei gewiß ganz und gar gequetscht.
Rupert «ar es gewohnt, bei ähnlichen Fällen um Hülfe angegangen zu werden, er hatte stch aus seiner Mauserung und durch spätere vielfache Beschäftigung mit allerlei Uebela und Schäden, eine gewisse Erfahrung auf dem Gebiete der Hellkunde erworben.
Er kannte Kräuter gegen alle möglichen Leiden, konnte eine Wunde verbindeneinen Arm wieder einrenken uud dergleichen mehr. So tonnte ihm denn das Berlangen der Pfluugert«, ihre« Enkel beistehen, nicht ausfalle«, auch
von der Regierung wiederum eingebracht werden wird. — Seitens der königlichen Regierungen in Schlesien ist, wie die „B. P. N." hören, das Verbot der Einfuhr von Schweinen aus Oesterreich-Ungarn soeben wieder in Kraft gesetzt worden, nachdem eö für eine kurze Zeit aufgehoben worden war. Dasselbe tritt nach dem Ablauf deö 24. Februar in Wirksamk.it und soll dem Vernehmen nrch auch auf ganz Deutschland bezw. auf die an Oesterreich- Ungarn grenzenden Bundesstaaten ausgedehnt werden. Ver- anlastung dazu hat in erster Linie dte Entdeckung von Klauenseuche bet Schweinetransporten gegeben, welche aus Galizien kamen; daneben aber sind auch mehrere Fälle vorgekommen, in welchen mit der Seuche behaftete Tiere ans dem Biehhof und der Quarantäneanstalt Steinbruch bei Budapest gekommen waren. Im Jntereste der Gesundheit des eignen Viehstandes mußte daher ein solches Verbot erlasten werden. Außerdem aber findet dasselbe noch eine weitere Begründung in der Erwägung, daß nur dadurch allein die deutsche Biehausfuhr nach England selbst in der gegenwärtig beschränkten Weise offen zu halten war.
— DaS VolkSschullehreipensionSgesetz ist in der betreffenden Kommission des Abgeordnetenhauses in erster Lesung durchberaten. Die Lehrerschaft kann mit dem Resultate der ersten Lesung durchaus zufrieden und deshalb den Antragstellern von Zedlitz und Schmidt -Sagan nur dankbar fein. Die Interessen der Lehrer sind durchaus gewahrt. Wenn auch die Stellung der Regierung noch nicht mit voller Klarheit hervortritt, so ist eine Ablehnung doch kaum denkbar, denn einerseits hat gerade dte StaatSregiemng in früheren Jahren schon weit größere Zusagen in den angekündigten DotationSgesetzen gemacht und andererseits wird hier der erste Schritt des Staates, den bedrängten Kommunen in ihren Schullasteu zu Hilfe zu kommen, unternommen. Letzteres ist aber ein sehr oft vom Reichskanzler geäußerter Wunsch. Das Gesetz soll mit rem 1. April 1886 in Kraft treten. Hervorzuheben ist, daß Sorge getragen werde, daß nicht etwa manche Lehrer durch das neue Pensionsgesetz schlechter gestellt werden, als durch die bisherigen Bestimmungen. Zu diesem Zwecke wurde ein Antrag von Zedlitz angenommen, welcher lautet: „Lehrer, welche vor dem Inkrafttreten dieses Gesetzes die Pensionsberechtigung erworben haben, bleiben penftonsberechtigt, auch wenn ihnen nach § 1 dieses Gesetz s eine Pensionsberechtigung nicht zustände. Ist die nach Maßgabe dieses Gesetzes bcmeffene Pension geringer, als die Pension, welche dem Lehrer hätte gewährt werden müssen, wenn er am 31. März 1886 noch den bis dahin für ihn geltenden Bestimmungen pensioniert worden wäre, fo wird diese Pension an Stelle der ersteren bewilligt". Ferner ist ein neuer Paragraph eingeschaltet worden, worin bestimmt wird: „Zusicherungen, welche in b zu ; auf dcreinstige Bewilligung von Pensionen an einzelne Lehrer oder Kategoriecn von Lehrern durch den König oder
h-.tte er den frischen Gesellen gern, der das gleiche Handwerk trieb wie er und vonAhm darin unterwiesen worden war. Jetzt war er vor Kurzem von der Wanderschaft zurückgekehrt und wartete auf eine Gelegenheit, sich als Meister zu setzen. Freilich hielt er zu den Bauern, aber daran dachte Poschacher in diesem Augenblick nicht, sondern arglos folgte er d.r Pflungcrin, obgleich es ihm nicht ganz recht war, heut sein Haus verlaffen zu müffen.
Die Hütte der Alten lag weit draußen, es fing schon an zu donnern, ehe sie dieselbe noch erreichten und gr ade als sie hinein traten, brach da« Unwetter los, als sei der jüngste Tag herbeigekommen. Im grellen Schein des Bl-tzeS sah Rupert, daß der Alois amHerd aufrecht stand, einen Dreschflegel in der Hand, um ihn herum etwa zwanzig Lauern mit Sensen, Sicheln, Aexlcn und anderen Waffen.
„Was soll das? Wozu hast Du mich hierher gelockt?" fuhr Poschacher auf, aber statt aller Antwort fielen ste über ihn her und dieser Uebermacht waren selbst seine Riesenkräfte nicht gewachsen? sie überwältigten ihn, banden ihn uns schleppten ihn auf ihren Schultern durch da« gräuliche Unwetter an dm Ort ihrer Versammlung dicht beim Paffe Laeg. Hier stand Steininger hochaufgerichtet.
.Gut gemacht, Kinder," rief er, „nun tragen wir ihn im Triumph vor uns her und die hochmütige Frau dort oben soll sehen, daß man nicht ohne Weiteres einen Gol- linger von Haus und Herd treibt!"
„H st wohl gedacht, wir seien Deine Feinde, Poschacher," nahm Alois oaS Wort, „uns ein Bischen arg haben wirS freilich machen mästen, venu Du wehrtest Dich stark, ist aber nur aus reiner L«ebe un» Freundschaft geschehen. Der Steininger, unser Oberster, hats uns gesagt, daß die Junker
einen der Minister, oder durch eine Provinzialbehörde, oder mit deren Genehmigung gemacht worden sind, bleiben in Kraft." Schließlich trat noch Abgeordneter v. Schenckendorff für die vorh indenen Pensionäre ein, deren das neue Gesetz nicht gedenkt, indem er für die zweite Lesung, in Gemeinschaft mit dem Abgeordneten Lückhvff, eine Resolution ankündigte, wonach der seitherige Dispositionsfonds bestehen bleiben und bedürftige Emeriten in dem Verhältniffe, wie dieser Fonds künftig entlastet wird, in ihren Pensionen Verbeffert werden sollen.
Bresla«, 21. Febr. Hier konstituierte stch ein Verband schlesischer Sparkaffen. Ober-Bürgermeister Dr. Friedens- bürg äußerte in seiner die Verhandlungen eröffnenden Rede, gegen den Entwurf eines Post - SparkaffengesetzeS könnten zwar viele Bedenken geltend gemacht werden, es laffe stch aber nicht leugnen, daß er den Sparern große Vorteile biete. Ein engmaschiges Sparstellennetz solle nach dem Entwurf über ganz Deutschland ausgebreitet werden, und die Sparbücher einer nach dem Gesetzentwurf ins Leben zu rufenden Reichssparkasse würden den Wert fast des Reichsgeldes erlangen. Es handle stch für die kommunalen Sparkassen nun darum, der drohenden Konkurrenz wenigsten« durch annähernd gleiche Vorteile für die Sparer zu begegnen, in elfter Linie durch Schaffung eines Verbandes im Rahmen der Provinz. Ein Statut für den Verband fand Annahme und wurde bezüglich der Uebertragbarkeit von Einlagen ein Organisationöentwurf festgestellt, der den Sparkaffen zur Einführung empfohlen werden soll.
Braunschweig, 23. Febr. Folgende Angelegenheit erregt hier uns im ganzen Herzogtum das größte Aufsehen. Ja dem hiesigen Kreislandwehrverein, dem größten Kriegerverein des Herzogtums, welcher 15—1600 Mitglieder zählt und ein Vermögen von ungefähr 30000 Mk. besitzt, kam es in einer Versammlung im Januar zu heftigen Streitigkeiten. Ein zum Vizepräsidenten vorgeschlagenes Mitglied wurde der Hinneigung zur Sozialdemokratie beschuldigt. In der hitzigen Debatte erklärte dieses sowie ein anderes Mitglied öffentlich, ste seien gar keine Sozialdemokraten, hätten aber bei der letzten Wahl für BlvS gestimmt. Es wurde nun ein Antrag auf Ausschließung dieser Mitglieder gestellt, dieser Antrag jedoch in einer dieser Tage stattgehabten, sehr stürmisch verlaufenen Sitzung mit 167 gegen 120 Stimmen cbgelehnt. Der Gesamtvorstand mit Ausnahme eines Mitgliedes hat nun sein Amt niedergelegt. Es werden, da auch früher schon ärgerliche Auftritte in dem Verein vorgekommen sind, MaffenauStritte und vielleicht auch ärgerliche Prozesse wegen des Vereinsvermögen» erfolgen. Generalleutnant Frhr. v. HilgerS hat die aktiven UN) inaktiven Militärpersonen (es waren namentlich viele Reserveoffiziere wirkliche oder Ehrenmitglieder de» Vereins) durch Garnisonsbefehl aufgefordert, dem Verein fern zu bleiben. ES ist such bereits ein Antrag gestellt auf AuS-
Dir nachstellen, daß wir Dich müßten vor ihnen in Sicherheit bringen. Du wolltest aber als tapferer Mann ihnen allein irS Auge sehen, das leiden wir nicht, wir brauchen Dich, wir haben Dich lieb und wollen Dich, auch wenn Du nicht willst."
Rupert warf einen ZorneSblick auf Steininger, der ihm fest ins Angesicht schaute, dann sagte er: „So groß war die Gefahr nicht, ober nun bindet mich los, lieben Freunde!"
„Wir denken nicht daran," lachte der ganze Haufe, „Du würdest uns Allen vorauf sein und Deine Rache allein nehmen, wir wollen aber auch unser Teil haben!"
Der Steinschleifer ballte die gebundenen Fäuste, welche Macht mußte sein alter Meister über die Gemüter auS« üben daß ihm diese trotzigen Bauern aufs Wort glaubten und aufS Wort gehorchten! Also als einen Todfeind deS Junkers hatte er ihn dem Haufen vorgestellt, und er sagte sich im rächsten Augenblick, daß das am Ende nicht so schwer zu glauben gewesen fei; auch warS Ja keine Lüge, wenn er ihn als von den Junkern bedroht hingestellt hatte, wollte er wirklich so weit gehen und ihn zum Zuschauer der Gräuel machen, die In den Köpfen der Bauern spukten? Einzelne Ausrufe ließen ihn nicht Im Unklaren, welcher Art die P-ine derselben waren.
„Laßt mich jetzt einmal allein mit unserem Poschacher. reden," herrschte Steininger die Bauern an, „wenn er uns verspricht, daß er nicht vor und auf die Burg dringen, daß er uns die Rache an den Blutsaugern überlasten will, binden wir ihn los. Geht jetzt auseinander, wenn ich daS Zeichen gebe, gehts zum Sturm auf Gvlling."
(Fortsetzung folgt.)