XX. Jahrgang.
Marburg, Sonnabend, 21. Februar 1885.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Mosse in Frankfurt ♦ a. M., Berlin,München und
Köln; 0. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u- Paris.
Die Schleifer von Solling.
Eine Geschichte an» dem Bauernkriege.
Erzählt von Ludovica Hesekiel.
(Fortsetzung.)
Da kam eine verhüllte Frauengestalt auf fein Hau« zu, er kannte sie trotz de« dichten Schleier«, so hoch und stolz trug stch nur Eine, Frau Maria von Kuchl. Er wartete nicht, bi« ste anklopfte, sondern öffnete ihr die Hau-thüre, auch Frau Cyrilla kam mit einer tiefen Der« beuguug herbei. Eie dankte nicht, ste bot dem Ehepaare die Zett nicht, kurz und hart sagte ste: .Ich will mit Tuch sprech« l"
Cyrilla führte sie in da« Wohngemach, steckte ein Talg- licht auf einen eisernen Leuchter und zündete e« an. Da« Fenster war offen geblieben, Niemand achtete darauf daß hinter dem Pfeiler desselben die hohe Gestalt eine« Mannc« lehvte, in besten Gürtel unt r dem Mantel Waffen blitzten.
Der gelbliche Schein de« Lichtes fiel auf Maria« stolze«, weiße« Antlitz, ste wehrte den Stuhl, den Frau Cyrilla ihr anbot, «achtem sie ihn zum Ueberfluß noch mit ihrer Schurze abgewischt hatte, verächllich ab und blieb hoch aufgerichtet stehen.
„Ihr werdet wohl wisten, wa« ich von Euch will", Hub ste an, und tu ihrm Augen loderte e« unheimlich.
»Könnt« nicht behaupten, gestrenge Frau", entgegnete Poschacher ruhig.
. .Wollte Euch nur sagen", sprach ste mit schneidender Stimme, „daß ich Eure Dirne mit Hunden vom Hofe hetz« laste, wenn ste e« stch einfallm lass« sollte, al« meine« Sohne« Braut nach Schloß Golltng zu komm«!
Draußen knackt« e«, wie »en» der Hahn einer Pistole
Deutscher Reich.
Berlin, 19. Febr. Dem .Reichsanzeiger" zufolge sind bic Müchte über bevorstehende Reisen der Kronprinz-lchen ßerrfc^fun nach dem Auslande unbegründet. — Der Bundesrat überwie« die Zollbehandlung de« in Spanien uüb den übrigen meistbegünstigten Ländern produzierten Roggens uns den Handelsvertrag mit Transvaal an die betreffenden AuSschüste. — Die Subkommission für das LSrsrnstm^rgesetz einigte sich dahin, daß die Abgabe von Kauf-, Verkauf-, Rückkauf-, Tausch-, Lieferung«- und son- Az.n ÄnschaffnnzSgegenständen, über die im Auslände zahlbare Wechsel, ausländische Banknoten, ausländisches Papiergeld, ausrändische Geldsorten, Zahlungen an die ausländischen Plätze in fremden Valuten, über Wertpapiere der sonst im Tarife bezeichneten A t, über eine Menge von Sachen und Waren, welche nach Gewicht, Maß oder Zahl gehandelt zu «erden pflegen — ein Zehntel pro Mille vom Werte des Geschäftsgegenstandes für je volle 1000 Mk., bis zu Ge- schästm über 100000 Mk. für je volle 10000 Mk. be- tragen soll. Im Auslande abgeschlossene Geschäfte sollen einet Abgabe unterliegen, wenn beide Kontrahenten Im Inlands wohnhaft sind. Al« tat Auslande abgeschlossene gelten auch die Geschäfte, welche durch eine briefliche oder telegraphische Korrespondenz zwischen einem Orte im Jnlande uns eimm Oit« ve« Auslandes abgeschlossen werden. Für die Frage des Wohnsitzes entscheidet bei kaufmännischen Firmen der Sitz der Handelsniederlassung. — In der ReichStagskommisston für die Dampfervorlage wurde gestern abeno ver Bericht fest gestellt. ES entwickelte stch noch eine lebhafte Diskussion besonders d.Shalb, weil die Mitglieder der Kommission, welch- gegen die australische Linie gestimmt halten, zum Teil die Motivierung ihre« Votums im Bericht anzegeb n wissen wollten, daß ste nicht im Prinzip gegen diese Linie seien, sondern durch besondere Gründe zur Ablehnung bewogen wurden. Zu der gestrigen Sitzung der Kommission waren auf besonderen Wunsch des Vorsitzenden, Grasen Ballestrem, auch die Abgg. Dr. Bamberger, Meier (Bremen) und Wörmann eingeladen und erschienen, welche bekanntlich vor einiger Z it au« der Kommission auS- geschie.en sind. — Der vom Abg. Brömel ve-saßte Bericht ist bereits in Druck gegeben, soll Sonnabend in die Hände der Mitglieder deS Hauses gelangen und wird vermutlich am Dienstag auf die Tagesordnung des Plenums gesetzt werden. — Die .Nordd. Allg. Ztg." sagt: DaS ungarische Blatt „Nemz.t" brachte kürzlich die Unterredung eine» in Beilin wellend« ungarischen Grafen mit dem Fürsten Bismarck, worin letzterer geäußert haben sollte, für die OricaPolitik Oesterreich - Ungarn« wä.e :ie Eroberung Syriens das natürlichste Verlangen. Ferner soll der Reichskanzler gesagt haben, Rom müsse dem Papste wiedergegeben werden. Die „Nordd. Allg. Ztg." erklärt beide Angaben des unga ischen BlatteS für eine märchenhafte Erfindung,
^scheint täglich außer an
Müftämter 2 Mk. 50 fh «cL Bestellgeld).
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höchsten« 2—3 Bauern mit 80-100 Morgen, der übrige Grund und Boden ist einer fortwährenden Teilung und Wiedervereinigung durch Erbschaft oder Kauf unterworfen. ES versteht flch von selbst, daß da gerade der Kleinbauer bi« zu einem Morgen Land in 2—5 Parzellen zu Hause ist. Bevor die Sozialisten und Deutschfteistnnigen die Bezeichnung „Kleinbauer" für diese Grundbesitzer erfunden haben, wußten sie selbst nichts anderes, als daß sie landwirtschaftliche Arbeiter — Maurer, Steinmetzen, Schuster, Schneider rc. mit einigem Grundbesitz waren. Wenn man alle diese kleinen Leute heute fragt, was ste von dem Zoll auf Getreide halten, so werden ste die Antwort geben, daß dies nur zu ihrem Vorteil gereichen würde. Man muß nämlich wissen, daß diese Lute selten Räumlichkeiten zum Aufheben ihre« Ernteergebnisses haben, daß sie ihren Weizen, Korn, Gerste, Erbsen, sofort nach der Ernte zu verwerten trachten, und seit Jahren stch üb?r die niedrigen Preise und Mangel an Absatz zu beschweren haben. Die meisten haben nicht einmal einen Backofen, und befinden stch besser dabei, das Brot beim Bäcker zu kaufen. Die Feldarbeiten dieser sogenannten Kleinbauern werden von bereit Frauen und Töchtern besorgt, eine sehr nützliche Beschäftigung, währenddessen ihre Männer wochenlang anSwärt« oder in der Nähe ihrer BesHäftigung nachgehen. Mit dem Ernte- Erlös werden allerlei Ausgaben bestritten, namentlich Terminzahlungen für ein ersteigertes Ackerparzellchen; erlösen ste nun nicht« aus ihrem bischen Korn ober Gerste rc., so find sie geschlag ne Leute. Wenn bie Manchestermänner dies nicht glauben, so mögen ste stch zu uuS aufs Land begeben, um Umfrage zu halten, und nicht mit ihren schönen Phrasen die Zeit im Reichstage verschwenden. Sie würden alsdann hören, daß eS dem Arbeiter auf 2 bis 3 Pfg. am Pfund Brot nicht ankommt, wenn er nur Verdienst hat, und Verdienst können die Städter nicht allein geben, daS weiß doch jcseS Kind. Da kommen sie fort und fort mit ihren Arbeitern in den Städten, la den Fabriken, welche täglich ihre geregelte Arbeit und Verdienst haben, ihre Würstchen essen, 4—5 GlaS Bier trinken, Theater, Tingeltangel, Tirolersängerinnen u. s. w. besuchen, währenddessen der Bauer im Schweiße seines Angesichts sein beschwerliche« Tagwerk auSüdt, gewöhnlich nur Sonntag« einen Bissen Fleisch und ein GlaS Bier bekommt und drei Viertel seiner Nahrung auS Kartoffeln gesteht. DaS sind keine Arbeiter bei diesen Herren I Obwohl die Bauern drei Viertel der ganzen Bevölkerung ausmachen, so dürfen sie verkommen, verarmen, wenn nur der städtische Arbeiter billiges Brot bekommt. Ahnen diese Herren denn nicht, welcher Zukunft wir entgegengehen, wenn der Bauer seine Produktionskosten nicht mehr bezahlt bekommt, wenn er verarmt, der Verzweiflung verfällt? Im nahen Lothringen, bei Metz, giebt eS ast nut sogenannte Fruchthöfe, Welzen und Hafer, der Boden ist sehr schwer zu bebauen (6 Pferde an einem herlaufen, ich kenne ihn, ste muß so weit fort, daß er sie nicht erreichen kann; daS wollte ich Euch sage». Nehmt Eure Dirne und geht mit ihr fort aus dem Ponga», geht dahin, wo die Ketzer ungescheut ihr Haupt erheben dürfen.".
„Und wenn ich nicht ohne Weitere« meine Heimat auf# geben will."
„So zwinge ich Euch dazu."
Sie war dicht an ihn herangetreten, in demselben Augenblick aber setzte Poschacher mit einem gewaltigen Sprunge über den Fenstersims, und packte den Arm de» draußen stehenden Mannes mit solcher Gewalt, daß die erhobene Pistole zur Erde fiel, nachdem der Schuß stch donnend in die Luft entladen hatte. Nun ist in jeden jagdfreudigen Gegend m ein Schuß nicht eben etwas Seltene«, aber die beiden Frauen schrieen doch laut auf.
Mit heiserer Stimme rief Rupert durch da« Fenster ins Zimmer hinein: „Geht, gestrenge Frau, geht, der Mord war hinter Euch, einmal wandte ich ihn ab von Eurem Haupte, aber wer weiß, ob ich e« immer kann l"
„Mordgeselle, Bube," schalt Frau Maria, „da» sollst Du büßen!"
Sie konnte nicht daran glauben, daß der Mann chr Leb.vSretter sein sollte, dm sie eben In seinem Heiligsten bedroht hatte.
„Flieht," keuchte Rupert, der gewaltig mit dem Fremd« , rang, „noch ist der Weg frei!"
Jetzt hielt sie e« doch für Keffer, der Warnung zu folgen, hastig stieß sie die Thür auf und entfloh eilenden Laufes, während Frau Cyrilla laut betenb auf ben Knieen lag.
(Fortsetzung folgt.)
welche von vornherein von niemanb ernsthaft aufgefaßt werden könnte. — Die Kommission des Abgeordnetenhauses zur Beratung bes VolkSschullehrer-PenstonSgesetze« erledigte | Ute ben § 6 deS Entwurfs, der in folgender Fassung angenommen würbe: Die Pension wird bis zur Höhe von 800 Mk. vollständig, über diesen Betrag hinan« zu zwei Dritteilen aus der Staatskasse, zum Reste von den bisher Verpflichteten gezahlt. Hat der Inhaber eine« bereinigten Kirchen- und Schulamts bei der Versetzung in den Ruhestand eine Pension aus kirchlichen Mitteln zu beanspruchen, so wird der Betrag derselben auf die nach den Vorschriften dieses Gesetzes zu gewährende Pension angerechnet. Ein Antrag des Abgeordneten v. Schenckendorff, die Nachfolger im Amte unter allen Umständen von den Verpflichteten auSzuschließen, wurde mit einer Stimme Majorität abgelehnt. Allerdings wird nach der obigen Fassung die Heranziehung de» Stellen-Nachfolger« nur in ganz vereinzelten Fällen und in sehr mäßigem Betrage stattfinden. — In der heutigen Sitzung der Kommission der Konferenz wurde die Schlußakte weiter beraten, Die nächste Sitzung ist unbestimmt. — Die hiesigen Stadtverordneten berieten heute den Antrag HermeS und Genossen, betr. eine Petition gegen die Erhöhung der Getreidezölle. Die Versammlung beschloß mit 58 gegen 35 Stimmen die von Äuerten beantragte motivierte Tagesordnung.
— Ein Landwirt in der westlichen Rheinpfalz fühll sich durch die Reich ttagSverhandlnngen über die Getreidezölle zu nachstehenden Bemerkungen angeregt, welche wohl al« eine interessante uns belehrende Ergänzung der fraglichen Debatten gelten können und nur bedauern lassen, daß im Reichstag selbst nicht mehr solcher Praktiker gegenüber den doktrinären Behauptungen der Freihandelsmänner daS Wort zu ergreifen vermögen. Der Landwirt schreibt: Der Verlauf der Debatten im R ichstag für und gegen die vom BundeSrate vorgeschlagene Zollerhöhung aus Getreide, blS zum 12. Februar, veranlaßten mich, im Namen vieler Kleinbauern folgende Zeilen für Ihre Zeitung einzusenden, obwohl mir nur zuweilen Auszüge aus derselben zu Gesicht kommen, die jedoch in wirtschaftlicher Hinsicht stets für das Wohlergehen des Bauernstandes in die Schranken treten. Sobald man die Ausführungen der Wortführer der freisinnigen Partei im Reichstage, wie Rickert, Bamberger, Dirlchlet rc. gelesen, bemächtigt stch jeden Praktikers ein Gefühl des Unwillen«, well diese Herren stets das Gegenteil von dem behaupte-', was den thatsächltchea Verhältnissen entspricht, namentlich waS den sogenannten oder wirklichen Kleinbauer betrifft. In meiner Umgebung, wie überhaupt in der ganzen Rheinpfalz, ist der @ruib und Boden feit der ersten französischen Revolution jeder beliebigen Teilung prelS- gegeben, und sind größere geschlossene Güter von 300—600 Morgen eine Seltenheit, ja in der Vorverpfalz so gut wie gar nicht vorhanden. In allen Gemeinden der Pfalz giebt eS
gespannt wird, aber N emand im Zimmer hörte es und Poschacher antwortete gelassen: „M ine Tochter ist keine Dirne, und ste wird als Eure« Sohnes Braut niemals nach Schloß Golling kommen!"
„Ach, Ihr denkt, sie soll seine Frau werden", höhnte Maria, „ir t Euch nicht, Pfarrer Rädler weiß, daß mein Sohn kein Bürgermädchen heiraten darf, besteht er doch darauf, so klage ich Euch der Ketzerei, Eure Dirne der Zauberei an, die mit gottlosen Künsten meine» Sohn ver- hexi hat."
Wieder ließ stch das verdächtige Knacken hören, diesmal war c« dem Steinschleifer nicht entgongm, er trat an« Fenster, der Mond erhellte da» Angeficht eines greifen Mannes mit jugendlich funkelnden Augen; als habe er nichts bemerkt, aber die Hand leicht auf den Sim« des Fensters gestützt, erwiderte er: „Thut was Ihr nicht lass« könnt, gestrenge Frau, wir stehen in Gottes Hand, ich und mein Kind; das Eine aber sage ich Euch, cs beehrt nicht danach, Eure Söhnerin zu werden, und ich habe nie daran gedacht, mir Euren Sohn zum Eidam auszusuchen; mein Wort hat der Reitmoser und Reitmoscr-Bäuerin und gor nichts anderes soll meine Margarethe »erben!*
Das weiße Haupt draußen nickte wie befdeblgt, und der Arm mit der Waffe senkte stch etwas; Frau Maria sah den Sprechenden an, als begreife ste seine Worte nicht. Sie setzte ihm jede mögliche Drohung entgegen, falls er fein Kind mit ihrem Sohn vermählen wolle, daß er aber eine solche Ehre zurückweise schien ihr unglaublich und verletzte ihren Stolz auf« Allerilesste. Sie bezwang indessen die« Gefühl uno fuhr mit ihrer schürfen, schneidend« Stimme fort: „Da« ist nicht genug; sie bliebe meinem Sohn viel zu nah und er. würde immer wieder hinter chr
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchham. - Illustriertes Souutagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.