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Marburg, Donnerstag, 19 Februar 1885.

XX. Jahrgang.

^scheint täglich außer an Werltagen nach Sonn- und Feiertagen. Quarlal- Zbonnements-Preisbei der Expedition 2V. Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 ilffl (escl. Bestellgeld). Fnlertionsgebühr für die Aalten- Bette 10 Psg. Reklamen für die Zeile " 25 Pfg.

becheWjk Ickiiq.

Anzeigen, nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt o. M., Berlin,München und Köln: G. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Wüchcntliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. 6. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Souutagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Deutscher Reich.

Berlin, 17. Febr. Der Reichskanzler hat dem Bundes­räte einen Gesetzentwurf, betreffend den Schutz des zur An- {ertlflung von ReichSkaffenschetnen verwendeten PapiereS gegen unbefugte Nachahmung zugestellt. Der Entwurf lautet:§ 1. Papier, welche» dem zur Herstellung von ReichSkaffenschetnen verwendeten, durch äußere Merkmale erkennbar gemachten Papier hinsichtlich dieser Merkmale gleicht oder so ähnlich ist, daß die Verschiedenheit nur durch Anwendung besonderer Aufmerksamkeit wahrgenommen werden kann, darf, nachdem die Merkmale in Gemäßheit deS § 7 des Gesetzes vom 30. April 1874, betr. die Ausgabe von Reichskaffenfcheinen öffentlich bekannt gemacht worden sind, ohne Erlaubnis des Reichskanzlers oder einer von demselben zur Erteilung der Erlaubnis ermächtigten Behörde weder angefertiqt oder aus dem Auslande eingeführt noch verkauft, seilgehalten oder sonst in Verkehr gebracht werden. § 2. Wer den Bestimmungen im § 1 zuwiderhandelt, wird mit Ge­fängnis bis zu zwei Jahren bestraft. Neben dieser Strafe ist auf Einziehung deS Papier« zu erkennen, ohne Unter­schied, ob dasselbe dem Verurteilten gehört oder nicht. § 3. Auf die Einziehung des Papier» ist auch zu erkennen, wenn die Verfolgung oder Verurteilung einer bestimmten Person nicht stattfindct." In der Begründung wird haupt­sächlich betont, daß, um Fälschungen der neuen Retchskaffen- scheine zu verhüten, ein strafrechtlicher Schutz des zu diesen Scheinen verwendeten Papier» angezetgt erscheine. Im übrigen wird auf da» bestehende Strafverfahren in andern Ländern hingewiesen. Der Chef der Admiralität hat vorgestern folgenden wichtigen Erlaß auSgegeben: Je mehr He kaiserliche Marine durch den auswärtigen Dienst in Anspruch genommen wird, umsomehr ist eS für die Ad­miralität erforderlich, über den Aufenthaltsort und die Lei­stungsfähigkeit der Schiff: und ihrer Besatzungen fortlaufend unterrichtet zu bleiben. Die Herren Kommandanten haben, abgesehen von den allgemein vorgeschrtebenen Berichten, sich stets gegenwärtig zu halten, daß selbst bei Benutzung de» Telegraphen auf große Strecken die Kosten gering sind im Vergleich mit denjenigen, welche eine aus mangelhafter Orientierung hervorgehende falsche Maßregel der Admiraltät verursachen kann. Reicht die Zeit nicht hin, um bis zu einer sich bietenden Beförderungsgelegenheit die Bestimmungen über Form und Umfang der Berichte innezuhalten, so darf deshalb wenigstens die Mitgabe einer kurzen Meldung nicht unterlaßen werden. Zugleich bringe ich in Erinnerung, daß, je unsicherer die Beförderungswege und je wichtiger die Meldungen sind, umsomehr Notwendigkeit vorliegt, die selbe Meldung zweimal unter Benutzung verschiedener Be- sörrerungSwege oder BcsörderungSm'.ttel abzulaffen. Bet den nicht seltenen Fehlern der Uebermittlung von Chiffre- telcgrammen ist cS rätlich, diejenigen Teile der Depesche, welche ohne Nachteil von jedermann gelesen werden können, unchiffriert

zu geben. Die hier tagende 10. Generalversammlung der Steuer- und WietschaftSreformer nahm eine Resolution Arendts an, welche es für dringend wünschenswert erklärt, daß schon jetzt durch eine umfaffende Erqurte die Ueber- nahme der Reichsbank durch das Reich auf Grund de« Bankgesetzes (§ 41) zum 1. Januar 1891 vorbereitet werde, und daß gemäß dem § 44 al. 7 an diesem Termin die Ausgabe von Banknoten durch die Privatbanken zu gunsten des alleinigen Notenmonopols der verstaatlichten Reichsbank aufhöre. Um den Handwerkern, Landwirten und kleinen Gewerbetreibenden den Kredit der Reichsbank zugänglich zu machen, ist eS dringend geboten, fakultative und teilhafte Genoffenschaften einzuführen und durch ein ReichSgesetz Normalstatuten zu erlaflen, welche den auf Grund derselben begründeten Genoffenschaften Diskontokredit der Reichsbank gewähren. Ferner nahm die Versammlung Resolutionen an, worin die baldige Lösung der Zuckersteuerfrage unter Sicherung der Internen der Landwirtschaft und der be­teiligten Jndustrieen erhofft, und eS als notwendig bezeichnet wird, behufs Befreiung der Grundbesitzer von der Bevor­zugung des Geldkapitals die bestehenden Agrargruppen und Brenneretvereine unter möglichst einheitliche Leitung zu bringen und dieselben kräftigst zu unterstützen und zu fördern, und sich zu dem wirtschaftlichen Programme deS Reichskanzlers zu bekennen. Ebenso wurde die folgende Resolution angenommen: Die Versammlung spricht dem Reichskanzler ihren ehrfurchtsvollen Dank für den Schutz aus, den derselbe der schwerbedrohten deutschen Landwirtschaft zu teil werden ließ. Dieselbe richtet an den Reichskanzler die Bitte, er möge die internationale Doppelwährung einführen, welche nach ihrer Ueberzeugung allein die sichere Bürgschaft für die Wiederkehr gesegneter wirtschaftlicher Zustände in unserem Vaterlande zu bieten vermag. Die Versammlung nahm sodann Anträge auf Beseitigung der Differentialtarife auf, Reform deS Aktien­gesetzes von 1870, Revision der Gewerbeordnung und des UliterstützungSwohnsitzgesetzeS, auf Verträge zwischen den ländlichen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in Gesetzesform an, welch letztere für beide Teile wirksamen Rechtsschutz im beschleunigten Verfahren mit vorläufiger ortspolizeilicher Entscheidung gewähren. DieNorch. Allgem. Ztg." sagt, indem sie die Angabe der Zeitungen über Anträge zur DampfersubventtonS-Vorlage berichtigt, der jetzt vor­bereitete Antrag werde nicht nur auf die Einrichtung der astatischen und australischen Linien, sondern auch auf die afrikanische Linie gerichtet fein. Auch die Erweiterung deS Antrags, daß die Hauptlinie über einen holländischen ober belgischen Hafen führen solle, stehe nicht im Widerspruche zu den Bestrebungen der Regierungen; nur empfehle eS sich nicht, in dem Gesetze daS Auslaufen eines bestimmten Hafens festzustellen; eS erscheine ratsam, die Auswahl unter den belgischen und holländischen Häfen den Ver­

handlungen mit den Bewerbern um die neuen Linien vor­zubehalten. In der heutigen Sitzung der ReichStagS- kommifflon zur Vorberatung de» Postsparkaffen - Gesetzes wurden die Anträge v. Manteuffel-Francke, ebenso tote § 1 der Regierungsvorlage, trotz lebhaften Eintretens der Re­gierungsvertreter, abgrlehnt, dagegen die Resolution de» Abg. Schenk:Die verbündeten Regierungen aufzufordern, dem Reichstage einen Gesetzentwurf vorzulegen, welcher durch Mitwirkung der Postverwaltungen bei Annahme, Unterbringung und Rückzahlung von Spargeldern die Ver­mehrung und Verbrfferung der Spargelegenheiten und deren Verbreitung über das Reichsgebiet bewirkt", mit erheblicher Mehrheit angenommen. An der gestrigen KommiffionS- sitzung der Afrikanischen Konferenz, welche von 2 bis gegen 7 Uhr dauerte, nahmen sämtliche Bevollmächtigte mit Aus­nahme der erkrankten Herren von der Hoeveu und Said Pascha teil; ebenso waren die Delegierten Belgien», Eng­land», Frankreich«, der Niederlande, Portugals, der Türkei und der Vereinigten Staaten von Amerika (Hr. Stanley) zugegen. Die Beratung über die Form, in welche das Resultat der Arbeiten der Konferenz zu kleiden fei, wurde fortgesetzt. Die nächste Sitzung findet Donnerstag um 2 Uhr statt. Hute nachmittag von 24 Uhr fand unter dem Vorsitz des Fürsten Bismarck eine Sitzung de» Staatsministerium« statt.

Der Reichstag hat nunmehr nach fünftägiger Dis­kussion die Angelegenheit der Getreidezölle bi» zu einem ersten entscheidenden Stadium gefördert. Selten hat eine Debatte günstigere Gelegenheit geboten, die Kampfweise der sich gegenübkrstehenden Parteien zu charakterisieren, al» diese. In äußerster Kraftanstrengung suchte die freihändlerisch- demokratische Linke zu verhindern, daß ein Damm aufge­richtet werde, bestimmt, die ackerbautreibende Mehrheit der Bevölkerung In ihrer Nahrung und PrästatlonSfähigkeit zu schützen. Die Erregtheit und der Ton der Redeweise, in der diese Versuche gemacht wurden, sind ursprünglich außer­halb deS Parlaments angeschlagen worden, und zwar zuerst und hauptsächlich in der Manchesterzwecken dienbaren Presse. Als der Charakter der gewählten Kampfweise nicht der Widerstand an sich als demagogisch, aufwieglerisch be­zeichnet wurde, zeigte man sich tiefentrüstet" über diese Entrüstung" nahm in den antikornzöllnerischen Reden der letzten Tage einen bedeutenden Raum ein. DaS einzige Argument von irgend welchem Belange, da» die Gegner vorzubringen hatten, war die behauptete Verteuerung deS Blutes, derZoll auf Blut" wie Herr Bamberger sich ausdrückte. Dieses allein auf eine rein mechanisch-kalkulatorische Auffassung der Vorgänge deS wirtschaftlichen Leben» gestützte einzige Argument läßt die thatsächllchen Vorkommnisse voll­kommen unbeiücksichtigt; daS ist nicht einmal, sondern in zahllosen Belegen und Varitatlonen nachgewtesen und jener Seite vorgehalten worden. Schon vor 30 Jahren hatte

Die Schleifer von Golltug.

Eine Geschichte aus dem Bauernkriege.

Erzählt von Ludoviea Hesekiel.

(Fortsetzung.)

Dank, Dank," flüsterte der Junker von Kuchl, die Züqe sein'« AngestchteS zuckten, die Hand griff in« Leere, mit starken Armen umfaßte ihn Rupert, aber sein Haupt sank zurück, Sittich von Kuchl war tot.

Ein hohes stolzes Weib in schillernden Seidengewändern, einen kostbaren P-lz um die Schultern, trat über die Schwelle; unter der Pelzkappe leuchtete ihr Haar in gol­digem Schein, regelmäßig schön waren die Züge, keine Spur des Alters zeigte sich in denselben, aber die großen blauen Augen batten einen kalten, harten Blick. Zwei Jünglinge folgten ihr, der eine in geistlichem Gewände, der andere tat Jagvkletv, blond unv blauäugig wie sie, der im Jagd­kleid hatte auch den harten, kalten Aus-ruck der Mutter, der vornehme Weltgeistliche sah trotz seiner Jugend müde und verlebt au».

Rupert erhob sich von der Leiche de» Freundes; mit feinen Nägelschuhen trat er fest und furchtlos auf die drei ihn mit zorniger Verwunderung Anblickenden zu.

Der gestrenge Junker Sittich von Kuchl ist soeben in meinen Armen verschieden," sagte er mit leicht bebender Stimme,sein letzter Gedanke auf Erden war eine Bitte für das Wohl der Seinen. Befehlt über mich, gestrenge Frau, samt Euren Söhnen l"

Niemand würdigte ihm eine Antwort. Frau Maria rauschte an ihm vorüber, sodaß der Saum ihre» Gewandes ihn streifte; hastig zog sie es an sich, al» wollte sie e» vor drr Berührung mit ihm schützen. Junker Joseph, der Jäger, beachtete ihn gar nicht, nut Herr Firmian sah ihn

mit einer Mischung von Neugier und Wohlwollen an. Dieser Blick entging dem Steinschleifer nicht.Hätte doch Einer von ihnen ein Herz?" dachte er.

In der Thür warf er noch einen Blick auf die Leiche seine« Jugendgespielen. Frau Maria stand hoch aufgerichtet am Kopfende derselben in düsterer Schönheit, ohne jede Spur von Bewegung. Joseph ging mit über der Brust gekreuzten Armen im Gemache auf und ab; er war nun Herr an seines Vaters Statt über Land und Leute, nur der Geistlich: tniete an der Seite deS Toten; in seinen Augen schimmerte es feucht und langsam ließ et die Perlen seines Rosenkranzes durch die Finger gleiten.

VI.

Mit dem Tode des Junker» von Kuchl schien der Frieden an» Golltng geschwunden zu sein; sein ältester Sohn war trotz d:s finsteren rauhen Arußeren ein schwacher Mensch, ein fügsame» Werkzeug in den Händen seiner Mutter, der, von ihr aufgestachelt, seine Leute auf» Aergste plagte. E» war nicht Lust an der Härte, die Fran Maria dazu brachte, allzeit grausam zu wirtschaften, e» war ihre feste Ueber. zeugung, daß die Bauern mehr zahlen und arbeiten könnten, wenn sie nur wollten. Sie sah sich mehr und mehr der gänzlichen Armut gegenüber, das aber machte sie nur härter und bitterer. Joseph überließ ihr alle«, er war zufrieden, wenn er mit seiner Meute auf dir Jagd gehen konnte und ihm nicht» weiter in den Weg trat, al» da» Wild. Mit sicherer Hand streckte er e« riebet und sollte doch jedesmal Thränen in den Augen haben, wenn es verendend vor ihm lag, Thränen, die er für Menschen nie weinte, mochte deren Elend auch noch so groß fein. Liebe hatte Niemand zu bem finstern menschenscheuen Junker, »eit eher noch zu

seinem Bruder, dem geistlichen Herrn, der doch einmal ein gute» Wort einlegte bei der Mutter für die gequälten Bauern. Wären nicht die Gemüter zu aufgeregt gewesen, Herr Firmian hätte wohl eine Versöhnung herbeiführen können, aber fein geistlich Gewand erfüllte die Leute mit Mißtrauen.

Firmian war auch der Einzige aus feiner Familie, der sich um den Steinschleifer Rupert kümmerte, obgleich er immer lauter und allgemeiner von einigen Anhängern der alten Lehre, die im Salzburgischen immer mehr an Boden verlor, als Ketzer bezeichnet wurde. Der junge Priester hatte zw.t auch seine Fehler und Mängel, aber er hatte, wie die» Poschacher an seine» Vater» Leiche gesehen, ein Herz; e» verlangte ihn nach Teilnahme, nach Freundschaft, da ihm die Liebe ja versagt bleiben mußte, und gern kehrte er in dem kleinem Hanse ein, wo sich da» Schleifrad lustig drehte und eine helle Mädchenstimme lustig bei der Spindel sang. Wehmütig ruhten die schönen blauen Augen de» Priester« aus dem bräunlichen Gesichtchen mit den dunklen Augen, auf der schlanken, zierlichen Gestalt; Poschacher» Margarethe wat die schönste Blume von Golliug, ober solche Blumen blühten nicht für Firmian von Kuchl. Glänzte doch an der Heinen braunen Hand ein silberner Ring, den hatte bet Leonhard R-itmcser daran gesteckt, znm Zeichen, daß sie gegen Weihnachten Bäuerin werden solle auf dem Reitmoser Hofe zwischen Golling um Werffen.

Aber nicht allein Herr Firmian und Leonhard Rett- mosct hatten es ausgespürt, wie holdselig die Margarethe Poschacherin erblüht war, sondern noch ein Anderer; der finstere Jäger von Kuchl und der wat nicht gewillt, seine Wünsche so leicht aufzugehen, wie bet Priester.

(Fortsetzung folgt.)