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Marburg, Mittwoch, 18 Februar 1885.
XX. Jahrgmg.
grscheint täglich außer an Mittagen nach Sonn-und cr.i-xtüAEN. QUGttfll* Abonnements-Preisbeider grxeditwn SV* ®tf., bet ^Postämter S Mk. 50 Mt (ejcL Bestellgeld). SÄfÄ' Wamen Jür die Zeile 85 Pf«.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Mosie in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln: G. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Deutsche- Reich*
Berlin, 16. Febr. Wir man sich in Hofkeeisen erzählt, wirb die Hochzeit der Frau Prinzessin Friedrich der Niederlande mit dem Prinzen Albert von Sachsen-Altenburg bald nach Ostern, und zwar in Berlin stattfinden. Die Vermählung wird jedoch ohne den bei Hochzeiten im preußischen Königshause üblichen Pomp, also nicht .hochfürstlich", sondern möglichst einfach und schlicht sich vollziehen; der Schauplatz wird deshalb auch nicht das königliche Schloß, sondern das Palais des Prinzen und der Prinzessin Friedrich Karl, der Mrn der erlauchten Braut, sein. Der hohe Bräutigam hat bereits seinen Abschied au- kaiserlich russischen Diensten eingeleitet; wo daS Neuvermählte fürstliche Paar seinen dauernden Aufenthalt nehmen wird, darüber find noch keine Beschlüsse gefaßt. — Von mehreren Seiten ist in Berlin der Gedanke erregt worden, dem Fürsten Bismarck am Vorabend seines 70. Geburtsfestes einen großen Fackelzug bat« znbringen. Sollte das Projekt zu stände kommen, so würde voraussichtlich die Studentenschaft Berlins, und vielleicht nicht nur diejenige Berlins, an der Ovation in hervorragender Weise sich beteiligen. — Der Reichskanzler hat dem Bundesrate den Entwurf von Bestimmungen vorgelegt, welche für den Fall der vorläufigen Inkraftsetzung des erhöhten Roggenzolles bezüglich der Einfuhr des in Spanien und in den übrigen meist begünstigten Ländern produzierten Roggens zu treffen find. Danach beträgt der Eingangszoll für Roggen auö einem dieser Länder, wie bisher, 1 Mk. pro 100 Kilo; derjenige, welcher Roggen aus den genannten Ländern zu diesem Zollsätze einführen will, hat bei dem betreffenden deutschen Konsul die Ausstellung eines UrsprungS- zeugniffeS zu beantragen. — Dem Bundesrate ging ferner vom Reichskanzler ein Gesetzentwurf zu, brtr. den Schutz des zur Anfertigung von ReichSkaffenscheiaen verwendeten Papieres gegen unbefugte Nachahmung. — Der „Nordd. Mg. Ztg." zufolge ging dem Reichskanzler von 108 landwirtschaftlichen Vereinen eine Zuschrift zu, in welcher gebeten wird, in anbetracht der schweren Schädigung, welche die Goldwährung durch die Erhöhung des Goldwertes und durch die zunehmende Silber-Entwertung der gesamten wirt- schajtlichcn Entwickelung Deutschlands, insbesondere der Landwirtschaft und Industrie, durch das fortgesetzte Sinken der Preise zusügt, die Initiative zur Herstellung einer vertragsmäßigen Doppelwährung zu ergreifen.—Die „Kreuz- zeitung" meldet: Der Vertrag der Kongogesellschaft mit Portugal datiert vom 14. Februar ist bereits unterzeichnet. Die „Kreuzzeitung" fügt hinzu: Wenn auch sachlich für den Schluß der Kongokonferenz keine Hinderniffe mehr vorliegen, da die Neutralität des Kongostaate- auch von Frank- reich und Portugal in den Konventionen mit der „Afrikanischen Assoziation" anerkannt ist, so zeigen sich jetzt doch noch formelle Schwierigkeiten, indem eS heißt, der englische Bevollmächtigte habe noch nicht die letzten notwendigen In
struktionen erhalten. — Dem BundeSrat ist eine Ueberstcht der Geschäfte de- Reichsgerichts im Jahre 1884 zur Kenntnis« nähme vorgelegt worden. Wir entnehmen derselben das folgende: Von Zivilsachen sind anhängig gemacht worden 2103. Von den ergangenen Urteilen lauten auf Zurückweisung der Sache in die frühere Instanz 359 und Entscheidung in der Sache selbst 128, auf Zurückweisung oder Verwerfung der Revision 1328. Mündliche Verhandlungen fanden statt 1835. — An Strafsachen waren überjährige 352, diesjährige 3271, zusammen 3623, davon sind erledigt durch Urteil 2918, überhaupt 3371; unerledigt überhaupt 352. Die Zahl der Hauptverhandlnugen betrug 2918. Urteile auf Revisionen gegen Urteile der Schwurgerichte ergingen 196, gegen Urteile der Strafkammern 2722; eine Verwerfung der Revision erfolgte in 2100 Fällen. Beschwerden in bürgerlichen Rechtrstreitigkeiten, Strafsachen und Konkursverfahren wurden 669 anhängig gemacht. Davon wurden erledigt ohne Entscheidung 15, durch Entscheidung und zwar für begründet erklärt 90, für unbegründet erklärt 543. Die Reichsanwaltschaft hatte zu bearbeiten 3276 Strafsachen, 14 Disziplinär« fachen, 29 Ehrengerichtssachen gegen Rechtsanwälte, 77 Ehesachen ic.; Vortragsstücke überhaupt 4768. Verhandlungen haben stattzefunden 2967, davon in Strafsachen 2922. — Die Kommission des Reichstags zur Vorberatung der Gesetzentwürfe betreffend die Ausdehnung der Unfall- und Krankenversicherung und der Unfallversicherung auf die Arbeiter der Land- und Forstwirtschaft hat heute vormittag die zweier Beratung des Gesetzes über die Unfall- und Krankenversicherung begonnen und auch zu Ende geführt. Die Beschlüffe der ersten Lesung werden infolge von Verbesserungsanträgen, welche der Abg. Wichmann gestellt und welchen die Regierung zugestimmt, in bezug aus die 88 2, 3, 4 und 15a in veränderter Fassung, im übrigen aber in der Fassung der ersten Lesung angenommen. — In der gestrigen Sitzung der PetitionSkommisston de» Reichstages wurde eine Eingabe einer Anzahl Gerichtsvollzieher aus den verschiedensten Bezirken, in welcher dieselben die Notwendigkeit einer Umänderung von nahezu 100 Punkten der Gebührenordnung und der Zivilprozeßordnung nachzuweisen versuchen, durch Uebergang zur Tagesordnung erledigt, da der Regierungskommissar erklärte, daß die Reichs- Regierung Kenntnis von dieser Petition habe und die darin enthaltenen Anschauungen sehr sachlich zur Darstellung gebracht worden seien; dieselben würden daher auch bei den zur Zeit stattfindenden Erwägungen über eine Abänderung der betreffenden GesetzeSmaterie Beachtung finden.
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Rom, 16. Febr. Kardinal Chigi ist gestorben.
Puris, 16. Febr. Der gestrige Abend oder vielmehr die letzte Nacht verlief ohne alle Ruhestörungen auf dem Opernplatze. Die Polizei war übrigens schon de» Abends
um 6 Uhr sicher, daß nicht» zu befürchten sei, und sie hob Infolge besten einen Teil der von ihr ergriffenen Vorsichtsmaßregeln auf. Heute herrscht in Pari» rege» Leben. Da» Wetter ist prachtvoll, für die Jahreszeit fast zu milde, und alle Boulevards und Hauptstraßen sind feit nachmittags 1 Uhr von einer dichten Menge bedeckt. Der Karneval ist einzig und allein von verkleideten Kindern und einigen Reklamewagen vertreten. Ungeachtet besten herrschte unter der Menge ein recht heiterer Ton und nichts beutete das furchtbare Elend an, daS augenblicklich in der französischen Hauptstadt herrscht. Echt karnevalistisch ging eS jedoch im Saal Grafford (Boulevard Menilmantant) zu. In demselben hatten sich ungefähr 1500 Revolutionäre aller Farben versammelt. Der Saal war mit roten Fahnen und schwarzberänderten Zetteln geschmückt, in welchem man den Tod v. Vallös ankündtgte. Die tollsten Reden waren selbstverständlich und schließlich ward eine Tagesordnung angenommen, in welcher gegen die Mißbräuche der infamen Regierung Frankreichs Einspruch erhoben und dann die Versammlung aufgefordert wurde, dem Leichenbegängnis von JuleS Vallos, das morgen stattfindet, anzuwohnen. Die Versammlung trennte sich hierauf unter dem Ruf: „ES lebe die Kommune". Die Revolutionäre setzten auf der Straße jedoch ihr Fastnachtsspiel nicht fort. Nur eine Perfon wurde verhaftet, welche die Polizei - Agenten, die sich in großer Anzahl eingesunden hatten, beschimpfte.
Loudon, 16. Febr. Das „Rentersche Büreau" meldet: Die englische Regierung beschloß endgültig den Bau einer Eisenbahn von Suaking nach Berber; die hierauf bezüglichen Arbeiten würden sofort beginnen. — Dasselbe Büreau bringt ein Telegramm aus Kairo, welches wissen will, daselbst werde demnächst eine Kommission, bestehend aus den Generalkonsuln der Mächte und technischen Delegierten derselben zusammentreten, um die Angelegenheiten zu erledigen, welche mit der Frage der freien Schiffahrt auf dem Suezkanal in Verbindung stehen. — Heute findet ein Kabineit-rat statt. Gladstone richtete ein Schreiben an die ministerielle Partei, worin es heißt, daß sofort nach dem Zusammentritt deS Parlaments am 19. Febr. Dinge von äußerster Wichtigkeit besten Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen würden. Die „Times" meldet aus Alexandrien, 16. Febr.: Lord Wolfeley verläßt morgen Korti. Prinz Hastan wird entgegen der Meldung des „Reuterschen BüreauS", wonach derselbe das Kommando deS egyptischen KavallcrikkorpS angenommen hätte, als Zivilkommiffar de« Khedive Wolfeley l Stabe beigegeben. — Wegen deS schlechten Wetter« ist die Abreife der Königin nach Windsor auf unbestimmte Zeit verschoben worden. — Die Reise der Königin Viktoria nach Windsor ist auf einige Tage verschoben worden, bis die Erkältung, an welcher die Königin leidet, gehoben.
Adeu, 16. Febr. Die „Ageneia Stefani" meldet:
Die Schleifer von Golling.
Eine Geschichte aus dem Bauernkriege.
Erzählt von Ludovica Hesekiel.
(Fortsetzung.)
„Ich hätte sitzen bleiben sollen in der Heimat meiner Väter", sprach der Junker weiter, „meinen Leuten ein rechter Herr sein, dazu war ich geboren, ich hätte ein Segen werden können für Biele, so bin ich nur mir selbst eine Last geworden. Dem süßen, sanften Mädchen, daS mich ieb hatte wie keine Andere, hätte ich meine Hand geben ollen und es wäre Viele mit uns glücklich geworden! Zu pät, zu spätl"
Ahnt er, daß drüben in Salzburg eine bleiche Nonne vor dem Altar kniet, die ihn noch immer nicht vergessen hat und die ihr Herz unter tausend Thränen dazu zwingt, für ihn zu beten, daß er glücklich werden möge mit einer Andern. Gott hat die« selbstlose Gebet nicht erhört, er ist nicht glücklich geworden, aber wie sich jenes „zu spät" von seinen Lippen ringt, da wird weit von ihm daS Herz der Nonne stiller, und wie sich ihre Hände auf» Neue falten, ba ists, als wehe von ihr zu ihm ein Hauch des Friedens. Mit gelassener, ergebener Stimme spricht er weiter: „Zuletzt kam die Krankheit, sie machte mich zu ihrem willen- losen Werkzeug, der steche Mann war froh, wenn er Ruhe hatte, er konnte seine Söhne nicht erziehen, sie wurden hart und stolz wie die Mutter. Zuletzt hatte ich nur noch einen Wunsch, dm, in der Heimat zu sterben, und ste erfüllten ihn mir, nicht ans Liebe zu mir, o nein, nur weil ste alles, alle« verschwmdet hatten und meinten, in der Heimat noch Einige Trümmer zu finden von dem, wa« einst mein war!"
Der Kranke seufzte tief auf und Poschacher blickte trübe
vor sich hin, er wußte, die Hand der Herrin lag schwer auf den Leuten von Golling uns Kuchl, und ein dumpfe« Murren ließ sich mit jedem Tage deutlicher vernehmen.
„Rupert", bat Junker Sittich nach einer Weile, „dort steht gewürzter Wein in einem Silberbecher auf dem Kamin, reiche ihn mir, daß ich mir für eine Viertklstunde Stärkung trinke, bann möchte ich noch etwa» mit Dir redml"
Rupert gehorchte; ein tiefes Mitleid erfüllte fein Herz für den armen Mann, der, obwohl fo viel vornehmer als er selbst, doch so arm an Liebe war; Poschacher war freilich in seinem Leben nicht krank gewesen, aber wäre er« gewesen, Frau Cyrllla und sein Margretkein hätten ihn der Pflege Fremder niemals überlasten.
Der Junker von Kuchl setzte den Becher mit dem starken tiefrot flimmernden Weine an die Lippen, seine Wangen färbten sich leicht und mit kräftigerer Stimme al» bisher sprach er zu dem alten Freunde: „ES geht ein böser Geist ees Aufruhrs durch unsere Tage, der Luther hat den Bauern zu viel von der Freiheit erzählt und mit Gewalt wollen ste nun frei sein!"
„Der Luther", unterbrach Rupert den Sprechenden, „mit nichtcn, Junker, er hat uns nur Gottes Wort verdeutscht, und darin steht nicht- von Aufruhr und Freiheit!"
Erschrocken blickte der Junker den Steinschleifer an. .Bist Du ein lutherischer Ketzer?"
„Nennt mich immerhin so, mir hat der Luther nicht« Neue» gesagt; nur deutlicher, für unS Ungelehrte verständlicher hat er ausgesprochen, was ich vor zwanzig Jahren schon mühsam au- einem alten Folianten herausgelesen."
„So hältst Du nicht zu den Bauern, wirst nicht Helsen, die Junker totschlagen."
„Da« fünfte Gebot lautet: Du sollst nicht töten! Ich
erhebe meine Hand wider keinen Menschen auf Erden," entgegnete Rupert.
„Aber ich verlange mehr von Dir," fuhr Sittich fort, „der Aufruhr braust heran, ste thnn nicht« dagegen, ste werden nur immer übermütiger, Du weißt, wen ich meine?"
Der Steinschleifer nickte.
„Sie haben mir nlcht-GuteS gethan, ste verlasten mich in meiner Sterbestunde," sprach der Junker weiter, „aber sie gehören doch zu mir, ste Ist mein Weib, ba« an meinem Herzen lag, es sind meine Söhne, in deren Adern mein Blut fließt, ich sehe da« Eiend heranziehen, Blut und Flammen umgeben ste, ohne Freund, ohne Schutz stehen ste da, Du sollst ihr Freund, ihr Schutz sein!"
„Ich?' rief Rupert und sprang auf. „Vergeßt nicht, ich bin ein freier Mann, kein höhriger Bauer, ich hab Euch lieb gehabt, meinem Gespielen, was hab Ich mit Eurem Weib, Euren Söhnen zu schaffen, daß ich die schützen soll, die doch nur Böse« sinnen gegen ihre Mitmenschen!"
Der Junker ächzte; feine bleichen Hände zuckten fieberhaft. „Verlaffen, verlaffen auch von Dir," stöhnte er, „Christus hat am Kreuz für seine Feinde gebetet, Menschen können daö nicht!"
„Und doch können es Menschen," rief Rupert k Er war neben dem Lager in« «nie gesunken und legte seine Stirn auf die fieberheiße Hand des Sterbenden, „seid Ihr e« nicht selbst, der für die fleht, die ihm das Herz gebrochen habm l Ich will Euch nachthun, ich will meine Feinde lieben, wie e« uns geboten ist in Gottes Wort. Hier in die Hand verspreche ich« Euch, wo ich immer kann, will ich Schaden und Gefahr abwenden vom Haupte Sure« Weibe«, Eurer Söhne, so wahr mir Gott helfe, Urnen!"
(Fortsetzung folgt.)