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JUarfiurg, Dienstag, 17. Februar 1885.

XX. JahrgMg.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal« Ubonnements-Preis bei der Expedition 3*/. Mk, bei den Postämter 3 Mk. 5® ffg. (erd. Bestellgeld). JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile ! Pfg. Reklamen für die Zeile 26 Pf,.

OlichesMe jcitimg.

Anzeigen nimmt entgegen: die Erpedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffc in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln; G. L- Daube und Co. m Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Wöchrntliche Beilagen:

r Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Zilustriertes Sountagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Deutsche- Reich.

Berlin, 14. Febr. Hiesige Zeitungen bringen die, an­geblich derMorning Post' entnommene Mitteilung, Se. Kaiserliche und Königliche Hoheit der Kronprinz habe Sr. Majestät dem Könige von Italien nachstehende Depesche gesandt: »Die freiwillige Kundgebung Italien« im gegen­wärtigen Augenblick nach den Nachrichten au« dem Sudan ist ein neuer Beweis dafür, daß da« italienische Volk seine« edlen und großherzigen Souverän« würdig ist.' Wie der StaatSanz.* au« zuverlässiger Quelle erfährt, entbehrt diese Nachricht jeder Begründung. Der Justizminister macht heute amtlich eine Ueberficht der Zahl der in Preußen wohnenden Rechtsanwälte nach dem Stande vom 1. Januar 1885 im Vergleich zu den beiden Vorjahren 1884 und 1883 bekannt. Danach betrug die erwähnte Zahl zu An­fang diese« Jahre« 2410 gegen 2241 im Jahre 1884 und 2111 im Jahre 1883. Nächst Berlin hat Köln die meisten Rechtsanwälte in Preußen. Dem Reichstage ist die Zu­sammenstellung des Ergebnisses der Reichstagswahlen im Jahre 1884 zugegangen. Danach haben bei den entscheiden- den Wahlen von 9 382792 Wahlberechtigten 5811973 gültig gewählt. 24195 Stimmen waren ungültig. Von d.n Wahlberechtigten haben sich 62,2 Prozent an der Wahl beteiligt. Auf Kandidaten der Deutschkonservativen fielen 885954 Stimmen, Reichspartei 417811, Nationalltberale und Gemäßigtltberale 1025818, Deutschfreistnnige und Fortschrittlich - Liberale 1082634, Zentrum 1254943, Polen 206346, Sozialdemokraten 507798, Volkspartei 117 749, Welsen 122 611, Dänen 11930, Elsässer 167 243, unbestimmt 807, zersplittert 10329. Boa 100 gültigen Stimmen fielen demnach auf: D-utschkonservative 15,2, Reich-Partei 7,2, Nationalliberale 17,7, Deutschfreistnnige 18,6, Zentrum 21,6, Polen 3,6, Sozialdemokraten 8,7, Volkspartei 2,0, Welsen 2,1, Dänen 0,2, Elsässer 2,9, un­bestimmt 0,0, zersplittert 0,2.Wir bemerken hierzu, daß in der Zahl der uationallibrralen Stimmen auch die kon­servativen stecken, welche für dieselben gestimmt, wie in der Zahl der freisinnigen einerseits die Zentrums- und anderer­seits die nationalliberalen Stimmen stecken, welche für frei­sinnige Kandidaten gestimmt haben. So erklärt sich die große Zahl der für riese Partei abgegebenen Stimmen; ein Schluß auf den Anhang dieser Partei im Volke ist also aus diesen Zahlen nicht zu machen. Für die neu zu errichtende Dtreklorstelle im Auswärtigen Amte ist, wie ver­lautet, der Generalkonsul be« Deutschen Reiches in Pest, Graf v. Berchem, in Aussicht genommen. Bei den zur Ausführung de« Gesetzes über die Bezeichnung de« Raum- gehalte« der Schankgefäße vom 20. Juli 1881, den Polizei­behörden obliegenden Revisionen der Schankgefäße ist mehr­fach eine Mitwirkung der Eichungsämter in Anspruch ge­nommen worden. Die Minister de- Innern und für Handel und Gewerbe können indessen, nach einem Erlasse de- ersteren vom 13. d. M., ein Bedürfnis hierzu nicht an­

erkennen. E« handele sich bei den betreffenden Revisionen für die Polizeibehörden nicht um die Feststellung minimaler Differenzen; es werde vielmehr der von dem Gesetze beab­sichtigte Schutz de» Publikum« in hinlänglicher Weise er­reicht, wenn solche Abweichungen der Schankgefäße von dem vorschriftsmäßigen Inhalte gerügt würden, welche mit der den Polizeibehörden zu Gebote stehenden Hilfsmitteln er­kannt werden könnten. In Fällen, in welchen die Ab­weichungen so gerinfügig seien, daß sie sich nur durch exate Messungen feststellen ließen, werde von einer strafrechtlichen Verfolgung abzusehen sein. Werde e« aber im Laufe einer gerichtlichen Untersuchung zweifelhaft, ob ein von der Polizei­behörde beanstandete« Schankgefäß die zugelassene Fehler­grenze überschreite, so seien im gerichtlichen Beweitverfahren die erforderlichen Feststellungen herbeizuführen, und es werde den Gerichten überlassen bleiben können, ob sie hierzu die Mit­wirkung der Eichungsbehörden in Anspruch nehmen wollen. DieNordd. Allg. Ztg.' schreibt betreff- des Entschlusses der französischen Regierung; nach einer strikten Handhabung der NeutralttätSmaßregeln durch England in den chinesischen Gewässern nunmehr auch ihrerseits die der kriegführenden Partei gegen die Neutralen zustehenden Rechte in Anspruch zu nehmen, die deutschen Schiffe müßten daher anhalten und eine Durchsuchung durch französische Kreuzer in den chinesischen Gewässern gewärtigen; sie würden gut thun, jeder Versuchung, KriegSkontrebande zu führen, zu wider­stehen. Man habe indeß Grund zu glauben, die Befehls­haber der französischen Kriegsschiffe würden auch ferner dem legitimen Handel die thunlichste Rücksicht schenken und lediglich das Ziel verfolgen, die Ausschiffung von KriegS­kontrebande an den Kästen von China und Tonking zu verhindern.

Die Reichstagskommission für die Novelle zum Unfall-BerflcherungS-Gesetz beendete die erste Lesung und beschloß, eine zweite Lesung vorzunehmen. Die von den Abgeordneten Dr. Freiherr v. Schorlemer-Alst, v. Kardorff, Dr. Frege, Günther, Graf v. Hoenbroech, Frhr. v. Horn­stein, Dr. v. Kulmiz, Staudy, Uhden und Letocha mit Unterstützung derFreien volkswirtschaftlichen Bereinigung' zu der Zolltarifnovelle angebrachten AbänderungSanträge unterschetoen sich bezüglich Der Getreidezölle von der Re- gierungSvoilage dadurch, daß der Zoll für Roggen eben­falls auf 3 Mk. erhöht; Hafer, Buchweizen, Hülsenfrüchte und andere nicht besonder« genannte Getreidearten unver­ändert bleibt (1 Mk., Regierungsvorlage 2 Mk.); ebenso der Zoll ans Gerste (Regierungsvorlage Mk. 1.50). Der Zoll auf Raps, Rübfaat und Mohn, den die Regierungs­vorlage nicht erhöhen will, soll auf 3 Mk., Mais auf 1 Mk. (Regierungsvorlage 50 Pfg.), Malz auf 2 Mk. 10 Pfg. (Regierungsvorlage 3 Mk.), Anis, Koriander, Fenchel und Kümmel auf 3 Mk., (Regierungsvorlage 4 Mk.) erhöht werden. Bon Gemüse soll nur Kraut (Kopfkohl) zollfrei bleiben, für alle« übrige der Zoll 5 Mk. betragen;

getrocknete Zichorien und gedörrte Rüben (bisher zollfrei) mit einem Zoll von 1 Mk. belastet werden. Born Abg. Dr. Delbrück liegt bereit« ein Eventualantrag vor, für den Fall die Erhöhung de« Roggenzolls abgelehnt wird, den Weizenzoll auf 4 Mk. zu erhöhen. Born Abge­ordneten v. Kardorff ist mit Unterstützung der Reichs­partei bereit« da« Sperrgefetz al«Entwurf eine« Gesetze«, betreffend die vorläufige Einführung von Aenderungen be« Zolltarif«*, im Reichstage eingebracht worden: 81» Die Ein­gangszölle von den unter Nr. 9 (Getreide rc.) und Nr. 25 q. 2 (Mühlenfabrikate rc.) be« gegenwärtig geltenden Zolltarif- fallenden Gegenständen, sowie von den unter Nr. 25 e. 2 dieses Tarifs fallenden Schaumweinen können durch An­ordnung de« Reichrkanzler« in derjenigen Höhe in vor­läufige Hebung gesetzt werden, welche der Reichstag bei der zweiten Lesung de« demselben vorliegenden Entwurf« eine« Gesetze«, betreffend die Abänderung de« Zolltarif« vom 15. Juli 1879, genehmigt hat oder noch genehmigen wirb; S 2. Die Anordnung (8 1) ist In da« Reichs-Gesetzblatt aufzunehmen und tritt sofort in Kraft. Die Anordnung erlischt, sobald der betreffende Gesetzentwurf (8 1) al« Ge­setz in Kraft tritt oder abgelehnt oder zurückgezogen wird, spätesten« aber mit dem fünfzehnten Tage nach Schließung der gegenwärtigen ReichstagSsession. 8 3. Nach dem Er­löschen der Anordnung sind unverzüglich diejenigen Zoll- betrüge, welche über den bi« dahin gesetzlichen Zollsatz hinaus entrichtet oder zu Lasten be« Zollschuldner« ange­schrieben sind, zu erstatten beziehentlich wieber abzuschreiben, insoweit diese Beträge nach höheren Zollsätzen berechnet sind, als die zur Zeit de« Erlöschens der Anordnung be­stehende Zollgesetzgebung festsetzt. 8 4. Während bet Geltungsdauer der im 8 1 bezeichneten Anordnung tritt die Bestimmung unter I. de» Artikel« 5 de« Zollvereini- gungSvertrage« vom 8. Juli 1867 (Bundes-Gesetzblatt Seite 81), wonach von allen bei der Einfuhr mit mehr als 15 Groschen vom Zentner (3 Mark von 100 Kilo­gramm) belegten ausländischen Erzeugnissen keine weitere Abgabe, sei e« für Rechnung be« Staates oder für Rech­nung von Kommunen und Korporationen, erhoben werden darf, bezüglich der von der Anordnung betroffenen Gegen­stände außer Anwendung. 8 5. Diese« Gesetz tritt sofort In Kraft.

Kxiltuti).

Rom, 14. Febr. Wie derPopolo Romano* schreibt, wi'.d zur endgültigen Kompletierung der italienischen Garni­sonen am Roten Meere eine dritte Expedition von 1400 Mann zur Verstärkung der Garnison von Massauah am 19. resp. 20. d. M. abgehen. Die am 11. und 12. d. M. abgegangene zweite Expedition war für Assab bestimmt. Die Stärke der gesamten bisher an die Garnisonen am Roten Meere abgegangenen Truppen beträgt mithin 1200 Mann. Kardinal Ehigi liegt im Sterben.

Die Schleifer vor» Äolltrrg.

Tine Geschichte au« dem Bauernkriege.

Erzählt von Lndoviea Hesekiel.

(Fortsetzung.)

Steinioger biß sich auf die Lippen, dann sagte er hastig:

Er war der Letzte und Einzige feine« Gelichter«, dem ich traute; mahne mich nicht an ihn, der Gedanke an fein Ende und die, so e« verschuldet haben. macht meinen Haß nur noch grimmiger. Ich will meine Straße weiter ziehen, nachdem ich noch einige Freunde hier gesprochen, ich hatte gedacht, sie sollten auch dir Deinigen werden.*

Ich weiß, wen Ihr meint,* entgegnete Poschacher,ich hab« nie vermocht, ihnen Freund zu werden, ich hasse Die« wilde Wesen l*

Lies »eiter, Ile« weiter,* drängte Steininger,und Du wirst erkennen, daß sie Recht haben. Jetzt will ich weiter, da« Buch sollst Du behalten, aber den hier gieb mir wieder mit,' er legte die Hand auf Tiger« Kopf,ich habe wich immer nach ihm gebangt.*

Da« Tier wird alt,* meinte Poschacher,gönnt ihm da« Gnadenbrod, da« ich ihm gebe oder nehmt ein« von feinen Jungen mit, beten ich etliche aufgezogen habe.*

Nicht« da,* entgegnete ber Mann, der mit der ganzen bestehenden Weltordnung aufräumen wollte,meinen alten Tiger will ich haben, der ist treu I*

Treu!* wiederholte Poschacher und Steininger fuhr zusammen; da« Wort hallte so eigentümlich feierlich wieder von den Felswänden.

Langsam schritten beide Männer dem Ausgange zu, da» Buch blieb unten in den Defen, Tiger aber fotzte seine« «Ihn Herrn.

V.

Fast zwanzig Jahre später lag in einem großen Gemache be« Schlosse» Golllng ein Mann auf einem sogenannten Lotterbette, dessen Züge wohl mehr durch Krankheit gealtert, dessen Haar wohl mehr durch Sorge ergraut al« durch die Zelt gebleicht war. Um ihn herum trug alle« die Spuren de« Verfall«, die Pracht, die einst hier geherrscht hatte, war verblichen und verschlissen, e» war wie ein passender Rahmen für feine eigene verfallene Gestalt, seine eigenen vergrämten Züge. Hohl ging der Wind in den Bäumen draußen vor den Fenstern, die Zweige klopften an die viel­fach zersprungenen Scheiben und eintönig rauschte der Regen.

Wie im Fieberschauer zog der kranke Mann die schwarze velzverbrämte Schaube enger um den mageren Körper zu­sammen die verblaßten blauen Augen blickten sich suchend um, al» plötzlich leise an die Thür geklopft wurde. Auf da« schwache: herein! de» Kranken trat ein Mann Aber die Schwelle in dunkler Kleidung mit schweren nägelbe­schlagenen Schuhen, den Hut tu der Hand.

Poschacher, Du?* rief bet Andere und ein freudiger Schimmer flog über das blasse Antlitz,ich bin einsam und verlassen, da» Feuer ist erloschen und mich friert.*

«Dann wollen wir zunächst ba« Feuer anschüren,* er­widerte Poschacher, ber seinen Tritt sowohl wie die Stimme möglichst zu dämpfen trachtete,Holz genug ist noch hier.*

Er trat zu dem weiten Kamin, schürte mildem eisernen zierlich gearbeiteten Feuerhaken die Glut auf« neue an, warf ein paar tüchtige Eichenkloben darauf und erst als sie prasselnd aufflammten, näherte er sich dem Lager be« Kranken. Ein Bärenfell war von demselben herab zur

Erde geglitten, er hob e« auf und bedeckte den Mann da­mit, der ihm dankend eine weiße, magere Hand reichte.

Du bist die einzige Seele auf Erden, die wir treu ge­blieben ist, mein alter Rupert*, sagte er, während Jener sich einen schweren geschnitzten Sessel heranzog und neben dem Ruhebette be« Kranken Platz nahm.

Müßt nicht so verzagt sein, Junker,* tröstete ber Stein­schleifer,bk gestrenge Frau wirb schon nach Euch umschauen 1*

Diel* entgegnete der Junker von Kuchl unb ein un­säglich bitterer Zug spielte um seinen bleichen Mund,gen Salz­burg ist sie geritten zu ihren Freunden, den Stiftsherren, geht lustiger da zu al« bei dem kranken Manne und meine Söhne, die ungeratenen Buben, arten ihr nach! Rupert, ist e« denn möglich, daß ein Mann an einen Weibe zu Grunde gehen tarnt 1*

Sollte wohl nicht fein, Junker*, entgegnete Rupert ernst, fest,es ist aber nicht da« Weib, sondern die Krank­heit, bi» Herr über Euch geworden ist.*

Der Junker schüttelte Den Kopf.Sie ist e« doch, die mir da« Mark au» den Knochen gesogen, meinen Willen unterjocht hat. Ich war ihr Herr nur so lange, al« ich hier war; warum gab ich ihr nach unb ging an den Hof: Sie hatte mich angesteckt mit ihrem Ehrgeiz, mit ihrem Golbdttrst, dort in Wien hatte sie leichte« Spiel. Alle«, wa« gut in mir war, dort ward e« eingeschläfert unter den Tönen ber Freude; Dein Ruf klang zuweilen hinein in die berauschenden Klänge, er war nicht stark genug.*

Und kam da« Gold, kam der Ruhm?* fragte Rupert.

Sie kamen Beide nicht*, stöhnte Sittich,ich war ber Mann nicht, sie fest zu halten unb auf meinem Weibe lag« wie ein Fluch, je mehr sie danach haschte, je weiter flohen sie von ihr!*.

«Gotte» Finger i* flüsterte Rupert. (Fortsetzung f»lgt.j