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Klarburg, Sonnabend, 14 Februar 1885.
XX. Jahrgang.
^scheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. - Quartal- Sbonnements-Preis bei der grpedition 2*/. Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 «f«. (erd. Bestellgeld). »nsertionSgebahr für die gespaltene Zelle 10 Pfg. Leklamen für die Zeile * 25 Pfg.
Osichesstschc jcitimg.
Anzeigen, nimmt entgegen: die Expedüion d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankfurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Messe in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln: G. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u- Paris.
- Illustriertes Souutagsblatt.
jßödjnitlidje Bcilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg 11. Kirchhain.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
Deutsche- Reich.
(Berlin, 12. Febr. Die Budgetkommission deS Reichstag« ist nach mehrstündiger Beratung noch nicht zur Abkimmung über den NachtragSctat für die afrikanischen Schutzgebiete gekommen. Die Debatte erstreckte sich über den vom Zentrum und von der Linken unterstützten Antrag deS Abg. v. Huene, wonach die geforderte Summe der Rlichsregicrung lediglich als Pauschquantum bewilligt werden soll, um den Reichetag nicht zu binden, gleichzeitig aber auch um die vom Reichskanzler eingeleiteten kolonial • poli- tischen Bestrebungen nicht zu hemmen. — Ja der heutigen Sitzung der Kommission des Reichstags zur Vorberatung der Postsprrkasien-Vorlage wurde di-Beratung der Vorlage beenset. Nach langer Debatte wurden zunächst die §§ 30 bis 32, welche von der Verwaltung und Verteilung der Fonds handeln, nebst den dazu gestellten Anträgen der Abgg. Graf v. Praschma, Prinz Handjery, Kalle, Francke und v. Reinbaben, teilweise mit erheblicher Majorität, ab- gelehnt; ebenso wurden die §§ 33 bis 48 verworfen. — Der Reichskanzler hat beim Bundesrat beantragt, daß in der UebergangSbestimmu"g der Bekanntmachung, betreffend die ärztliche Prüfung vom 2 Juni 1883, § 29, in welcher eS heißt: „Diejenigen Kandidaten, welche bereit» vor dem 1. Dezember 1883 die ärztliche Vorprüfung bestanden haben, find zur ärztlichen Prüfung zuzulaffen, wenn sie auch nur die Erfüllung der nach den bisherigen Vorschriften hierfür erforderlichen [Vorbedingungen nachweisen*, der auf den 1. Dez. 1883 festgesetzte Termin bis zum 1 November 1885 hiuauSgerückt werde. — Seitens der ZentrumSfraktiou sind durch den Abg. Dr. Windthorst im Abgeordnetenhause die Gesetzentwürfe, betreffend die Herstellung der Leistungen aus Staatsmitteln für die römisch - katholischen Bistümer und Geistlichen, und, betreffend die Straf reihrit des Sakrameut- spendens und des MeffelesenS, wiederum eingebracht. — In der Budgetkommisston de» Abgeordnetenh ruseS wurden vorgestern bei Beratung dcS Etat» dcS Kulturministeriums die Mittel für die außerordentliche Professur für Dermatologie an der Berliner Universität (Dr. Schweninger) mit 12 gegen 4 Stimmen bewilligt, ebenso die übrigen Ausgaben für Universitäten und die Wiederherstellung der Ge- richtskaffeuverwaltung im Justizetat genehmigt. — Die Kommission des Abgeordnetenhauses zur Beratung des Gesetzentwurfs, betreffend die Pensionierung der Volksschullehrer, begann vorgestern die G-neral-ebUte. Abg. Frhr. v. Zedlitz berechnete den durch daS Gesetz entstehenden M hrbedarf der Staatskasse auf höchstens 3650000 Mk. UnterstaatSsekretär LncanuS konnte nur erklären, daß das Staatsministerium noch keinen Beschluß gefaßt habe und voraussichtlich auch in nächster Zeit nicht fasten werde, da erst feste Beschlüste der Kommission und de» Hause» vorliegen müßten. Auf weitere Anfragen von konservativer und freisinniger Seit, wann eine Erklärung der Regierung zu erwarten stt und wie dieselbe sich zu der Entlastung der Gemeinden stelle,
Die Schleifer von Golliug.
(Sine G schichte aus dem Bauernkriege. Erzählt von Ludovica Hesekirl.
(Fortsetzung.)
Bon dem Junker von Kuchl und seiner Gemahlin drang wenig Kunde in die Heimat; nur die ihm zustchen« den Gefälle, Zehnten und Zölle ließ Ersterer regelmäßig durch einen sicheren Boten abholen; den Besitz selbst verwaltete ein Schreiber, der keine Lieferung und keine Frohne «ließ, die Leute quälte und rechtschaffen von ihnen gehaßt wurde. Jedes Jahr ließ Poschacher seinem Junker sagen, n wöge doch h tmkehreu, aber nie kam derselbe, eS mußte in Wien etwa» fein, da» ihn mehr fesselte alS die alte schöne Heimat.
Die Sonne war Im Sinken; drinnen In der Stube Hirte das Schleifrad auf sich zu drehen, Poschacher wollte Feikrabend machen, und dsS kleine Mädchen in der Wiege war erwacht. Frau Cyrtlla legte den Spinnrocken hin und nahm das Kind auf die Arme, die Nonne erhob sth.
„Wollt Ihr wieder heim, Schwester Katharina*, fragte die Frau de» Steinschleifer» und stand ebenfalls auf; man werkte eü am Tone ihrer Stimme, daß ihr die Bezeichnung »Schwester* für da» vornehme Fräulein noch immer etwa» sauer wurde.
„Ja, Cyrtlla*, entgegnete Katharina, „nur Eurem Manne will ich die Hand noch reichen, in de« braunen Anus Gasthof steht «ein Gefährt, der Klosterknecht, der t« lenkt, wird schon auf mich harren.*
„Erst Euren Segen für Margretlein, ehrwürdige Schwester*, bat Cyrtlla, und hielt der Nonne da« Kind hin.
Eine Hand, weiß und fein »le w« Wach« streckte die
erfolgt- keine Antwort. Gleichwohl soll die Beratung fv'tgesttzt werden. Anträge wegen Aufrechterhaltung deS nassauischen PensionSgeseheS und der für Ost- und Wcstpreußen günstigeren Verhältnisse wurden Vorbehalten. — Der Bundesrat hat in seiner heutigen Plenarsitzung sein Einverständnis damit erklärt, daß auf der Grundlage deS zwischen Preußen und Rußland abgetchlossenen Auslieferungsvertrages ein solcher zwischen dem deutschen Reiche und Rußland abge- fchlosscn werde.
— In der Budgetkommission deS Reichstag» Verla» der Geh. Rat v. Kufferow vom Auswärtigen Amte eine nicht an die Kommission, sondern an den Geh. Hellwig gerichtete Erklärung deS Reichskanzler» Fürsten Bismarck, wonach eS außerhalb der Aufgabe und des Rechtes der Kommiffarien liege, auf die gestellten Anfragen (über die staatsrechtliche Bedeutung rc. der Schutzgebiete in Afrika) zu antworten. Diese Erklärung hat folgenden Wortlaut: „Das Auswärtige Amt ist zur Beantwortung der laut Anlage an dasselbe gestellten Anfragen der Herren Abgeordneten Richter, von Strombcck und Freiherrn v. Gagern nicht kompetent. Dasselbe ist kein unabhängige» und zur Veitretu 'g selbständiger Meinungen dem Reichstage gegenüber berechtigtes Organ des ReichsdienstcS. Die Beamten desselben haben den Beruf, unter Verantwortlichkeit des Reichskanzlers die Anordnungen und Verfügungen des Kaisers im auswärtigen Dienste nach Maßgabe der Artikel 11 und 17 der ReichS- verfaffung, zu vollziehen. Ich muß daher annehmen, daß der anliegende Fragebogen unter der Adreffe dcS Auswärtigen Amt» an mich als Reichskanzler gerichtet ist. Aber auch dem Reichskanzler fehlt die Legitimation zu kompetenter Beantwortung der meisten- und wichtigsten unter den gestellten Fragen. Nach Artikel 16 der Reichsverfassung werden die für den Reichstag „erforderlichen Vorlagen nach Maßgabe der Beschlüsse de» BundeSratS cn den Reichstag gebracht und dort durch Mitglieder des Bundesrats oder durch besondere, von letzterem zu ernennende Kommiffarien vertreten.* Diese Vertreter haben also keine eigenen und keine Ansichten Kaiserlicher Beamten, sondern nur die Beschlüsse deS BundeSratS zu vertreten, „nach deren Maßgabe* die Vorlagen an den Reichstag gebracht worden sind. Die Beteiligung solcher Kommiffarien an Verhandlungen der Ausschüsse deS Reichstages kann sich nicht über den Bereich bereit» vorhandener Beschlüffe des BundeSratS hinan» erstrecken u d die Zustimmung de» letzteren nicht im weiteren Umfange voraussetzen, al» sie tatsächlich vorltegt. Die Aufklärungen, welche Vertreter deS Bundesrats im Ausschüsse zu geben vermögen, werden daher vorwiegend nur tatsächliche sein und daS vorhandene Aktenm iterial nicht überschreiten können. Soweit sie darüber hinauSgehen, werden sie in da» Geriet der persönlichen RechtSansichten, Vermutungen oder Besprechungen fallen. RechtSansichten der verbündeten Regierungen können durch keinen Vertreter de» BundeSratS präjudiziert und
Nonne aus, während ihre blaffen Lippen leise SegenSworte murmelten. Dann aber beugte sie sich nieder und küßte daS kleine rosige Kindergestcht. Danach gingen sie in die Stube und nach einem freundlichen AbschitdSwort schritt die Nonne die Straße hinunter, dem sauberen Gasthofe des braunen Linu» zu.
Das Ehepaar stand mit feinem Kinde tändelnd in der HauSthür und schaute ihr nach; der Hund bellte vergnügt dazwischen und sprang lustig von Einem zum Andern. Plötzlich spitzte er die Ohren, begann zu schnüffeln und dann am ganzen Leibe zu zittern. Die Nonne war gerade an einem Manne vorüber gegangen, der die Straße herauf- kam; sie hatte ihn scharf angesehen, als habe etwas in seinen Zügen sie wie bekannt angemutet, da er aber nicht einmal grüßend an seiner Lederkappe rückte, so war sie ruhig weiter gegangen. Und doch hatte der in der Tracht eines Handwerks gekleidete Mann mit feinen klugen, grauen Augen die Nonne gar wohl erkannt, eS mochte nur nicht in seiner Absicht liegen, sie das merken zu lasten. Jetzt war sie um eine Ecke gebogen und jetzt schoß mit langen Sätzen der Hund herbei, beschnüffelte dm Fremden, sprang wie prüfend an ihm empor und begann dann nicht zu bellen, sondern ein seltsame» Geheul auSzustoßeu.
„Tiger, mein treue» Tier,* murmelte der Mann, dem die Augen feucht wurden und beugte sich nieder, um den braunen Kopf zu streicheln. Jetzt wußte aber auch Poschacher, wer der Fremde war und mit auSgestreckten Händen eilte er ihm entgegen.
„Willkommen, Meister ©tlninger,* jubelte er, „willkommen, tretet nur näher, Euer Haus ist auch wieder da, wenn schon etwa» voller, als da Ihr« verließet, könnt denken, daß Ihr nur getr&umet hättet l*
promistorische Erklärungen ohne Unterlage eines Bundes- ratSbcschlustcS weder von Kommiffarien, noch von Reichs« beamten, einschließlich des ReichSkanzlirS, abgegeben werden. Die verbündeten Regierungen werden sich ihre definitiven Beschlüste in der Regel für daS Stadium der Verhandlungen im Plenum des Reichstage- vorzubehalten und sie in Veranlassung von Beschlüssen des Reichstages, nicht aber schon auf Grund von KommisflonSbeschlüsten oder von Anfragen einzelner Kommisstonsmitglieder zu fasten haben. Ich kann daher Euer Hochwohlgeboren nur empfehlen, Fragen, bereit Beantwortung in die Kategorie der RechtSansichten, Interpretationen oder provisorischen Erklärungen fällt, alS außerhalb Ihrer Kompetenz liegend anzusehen und sich gegenwärtig zu halten, daß auch der Reichskanzler nicht berechtigt ist, Sie zur Beantwortung solcher Fragen amtlich zu ermächtigen oder zu instruieren, da Sie in der Kommission nicht den Reichskanzler, sondern den BundcSrat und seine Vorlage vertreten. Ein Teil der in der Anlage gestellten Fragen läßt sich ohne Präjudiz für künftige Entschließungen des BundeSratS au» den bereits vorhandenen Akten beantworten. Dahin gehören die Fragen 4, 5 und 6 des Herrn Abgeordneten Richter und die de» H rrn Freiherrn v. Gagern: Eurer Hochwohlgeboren wollen zu diesem Behuf die uns vorliegenden Verträge der deutschen Firmen, die vorhandenen englischen Ur künden über Nord - Borneo, die verfügbaren statistische' Data über die Anzahl der Deutschen und die Aktenstück, vermöge deren Seiner Majestät dem Kaiser Hoheitsrechte übertragen oder angeboten wurden, den Herren Antrag- stillern durch Mitteilung an die Kommission zugänglich machen. Die Fragen Nr. 1, 2, 3 und 7 deS Herrn Abg. Richter und die Anfragen des Herrn Abg. v. Strombeck treffen Gegenstände und Ansichten, über welche der Bundesrat bisher keine Beschlüste gefaßt hat und in Betreff deren ich, soweit ich mir überhaupt eine feststehende Meinung schon gebildet habe, zu deren Kundgebung im jetzigen Stadium nicht berufen bin. Ich glaube auch nicht, daß der BundeSrat gegenwärtig schon in der Lage sein wird, zu den in diesen Fragen angeregten Punkten Stellung zu nehmen, wenigsten» würde ich als Vertreter Sr. Majestät de» Kaisers und Königs von Preußen und gefchäftslei- tender Vorsitzender noch nicht im Stande sein, bezüglich der wichtigsten der angeregten Fragen bestimmte Anträge bei Sr. Majestät dem Kaiser behufs Vorlage an den Bundesrat zu besürworten. Unter Bezugnahme auf den Schluß meiner Erklärung vom 6. Februar wiederhole ich den Ausdruck meiner Ueberzeugung, daß die Kaiserliche Regierung und der Bundesrat wohl thun werden, ihre Entschließungen nicht festzulegen, bevor sie dieselben nicht an der Hand der Erfahrung geprüft haben. Dies wird nicht der Fall sein können, so lange nicht ausreichende Berichte und Anträge amtlicher Organe auf Grund von Beobachtung und Erfahrung an Ort und Stelle vorliegen.
„Ein böser Traum wärs gewesen,* entgegnete Steinin« ger, „aber mein grau gewordenes Haar mahnt mich zu sehr caran, daß e» Wirklichkeit war.*
Er hatte die Kappe abgenommen und es zeigte sich wirklich ganz ergraute« Haar unter derselben.
Sie hatten ihn in» Hau» gezogen, Frau Cyrilla begann aufzutragen und Tiger war nicht von seinem alten Herrn fortzubringen. Der Meister langte tüchtig zu, Niemand fragte ihn, woher er des Weges komme, warum und auf wie lange er die alte Heimat ausgesucht habe, ruhig warteten sie, bi« eS ihm selber belieben werde, sie darüber auf* zuklären.
Al» Steininger gesättigt war und den Bierkrug bi» auf den letzten Tropfen geleert hatte, ihat er aber zunächst eine Frage, auf die sie nicht vorbereitet gewesen waren und verwundert starrten sie ihn an, al» die Worte von seinen Lippen tarnen: „WaS habt Ihr mit Klosterlluten zu schaffen?*
„Waö meint Ihr?* fragte Rupert erstaunt dagegen, der gar nicht begriff, warum sein alter Meister ihn so seltsam forschend ins Angesicht sah, «ährend Frau Cyrilla entsetzt eia Kreuz schlug.
„Sah ich nicht eine Nonne au» Deinem Hause kommen?* nahm Steininger wieder da» Wort.
Rupert lachte. „Jetzt fällt mir« wieder ein, Meister, daß Ihr die Klosterleute nie leiden mochtet, aber die Nonne, die va au« meinem Haufe ging, das war die fromme Schwester Katharina, ehedem Fräulein Brigitta von Werffen geheißen. Hab' einst gedacht, ste sollte unsere Herrin werden, ist aber, Gott sei« geklagt, ander« gekommen.*
(Fortsetzung folgt)