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JRorßurg, Sonntag, 8 Februar 1885.

XX. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- UbonnementS-Preis bei der Expedition 21/, Mk, bei den Postämter 2 Mk. 50 Pf». (excl. Bestellgeld). JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf», ßtellamen für die Zeile «S Pfg.

AttlskM jritimg.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M-, Kassel, Magdeburg und Wien: Rudolf Mosse in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln: G. L. Daube und 6o. tn Frankfurt a. M Berlin, Hannover u. Paris.

Köchcntlichc Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. -. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Souutagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Aug. Koch

Derüsche- Reich.

verlitt, 6. Febr. Der Bundesrat hielt am gestrigen Tage unter dem Vorsitz des Staatsminister«, Staatssekretär« dcS Innern v. Bötticher, eine Plenarsitzung ab. Die Ent- wür e tim 5 Gesetzes wegen Ergänzung de» § 72 des Reichs- beamten-GcsetzkS vom 31. März 1873 unv eines Gesetz?« wegen Abänderung von Bestimmungen de» GertchtSver- sssiungSgesetzeS uns der Strafgerichtsordnung wurden dem Ausschuß für Justizwesen überwiesen. Von einer Eingabe wegen Gestattung der zollfreien Einfuhr von baumwollenen Garnen nahm die Versammlung Kenntnis und beschloß, eine Eingabe, betreffend die Befreiung der Inhaber von Stickerei- und Wäßwarengeschäften von der Versicherungs- Pflicht auf Grund des Unfallversicherungsgesetzes keine Folge zu gcbiN. Endlich wurde über die geschäftliche Behandlung mehrerer Eingaben Beschluß gefaßt. Ein offiziöser Be­richterstatter meldet derEchtes. Ztg.", daß Fürst Bismarck sich zur Zeit recht angegriffen fühle, und daß mau glaube, er werde stch von den Geschäften für einige Zett zmück- ziehen. Trotz der eminenten Arbeitskraft des Unterstaats­sekretärs Dr. Busch ist der Fürst Reichskanzler infolge der Beurlaubung des Grafen Hatzfeldt in letzter Zeit mehr alS gewöhulich zur Erledigung der laufenden Geschäfte des Aus­wärtigen Amtes herangezogen worden. Für das Ehren- geschruk zum 70. Geburtstag des Reichskanzler« stad auf der Börse namhafte Summen gezeichnet worden. Die Herren v. Bletchröder und Hansemann zeichneten je 150 000 Mk., Mendelssohn 100000 Mk rc. (Wie dieNat.-Zlz." hört, hat daS Zentral - Komitee davon Abstand genommen, eine Liste der einzelnen Beiträge zu veröffer tlichen; man beabsichtigt vielmehr, die Namen der Spender dem Fürsten zu seinem Geburtstage .in einem Folianten" zu über­reichen.) Gegenüber der Nachricht der .Germania" aus Rom von einer Wi deraufnahme der Verhandlungen mit Herrn v. Schlözer uad einem Memoriale des Vatikans über seine Destderata kann die .Nordd. Allg. Ztg." kon­statieren, daß den hiestgen offiziellen Kreism weder von Verhandlungen de» Herrn von Schlözer in Rom, noch von einem Memoriale des Vatikans irgend etwas bekannt ist. Die Busgetkom misston de» Reichstags setzte die Debatte über den Nachtragsetat pro 1885/86 fort. Die Regierungs- Vertreter erklären stch nicht in der Lage, auf alle Fragen zu antworten. Diskutiert wurde besonder« die Frage der Bedeutung de« kaiserlichen Protektorat«, ob die bezüglichen Länder jetzt noch für un« Ausland bleiben V Ferner, welche Gesetze in den Kolonieen cingeführt werden sollen, für die deutschen Reichsangehörigen, für die übrigen Europäer und sür die Eingeborenen. Geheimrat v. Kufferow ist der An- stcht, daß es stch hier gar nicht um subtile staatsrechtliche Fragen handele, sondern nur darum, nach den überseeischen Schutzgebieten juristisch geschulte und vorgebildete Beamte zu entsenden, welche dort Ordnung schaffen und die dem­nächst nötige Organisation erst vorberetren sollen. Den

Rechten des BundeSratS und des Reichstag« werde durch die Bewilligung für die Hinaussendung dieser Beamten in keiner Weise präjudiziert. Ein Beschluß wurde nicht gefaßt. Die Postsparkaffen-Kommission erledigte die §§ 3 bi« 15 gemäß der Regierungsvorlage, setzte jedoch den Maximalsatz der Etnlagegelder von 800 auf 600 Mk. herab. Der .Kreuzzeitung" zufolge schloß Rußland gestern mit der Afrikanischen Gesellschaft einen Vertrag wegen Anerkennung de« Kongostaates ab.Einem Abendblatte zufolge erfolgt morgen früh in Halle die Hinrichtung Reinsdorf« und Küchlerö. Rupfch wurde begnadigt.

Die Kommission zur Vorberatung de« Postspar­kassengesetzes hielt gestern wiederum eine Sitzung und nahm den folgenden Antrag de« Abg. Frhrn. v. Manteuffel an, durch welchen der 8 47a folgende Fassung enthält: Die Verwaltungen der bestehenden öffentlichen da« heißt der unter Bürgschaft von Kommunalvrrbänden thä- tigen Sparkaffen, ingleichen die Verwaltungen solcher öffentlichen Sparkassen, welche nach dem Inkrafttreten diese« Gesetzes errichtet werden sind, vorausgesetzt, daß bei diesen Kaffen Spareinlagen im Mindestbetrage von einer Mark angenommen werden, zu befragen, ob sie die Vermittelung der in ihren bezüglichen Bezirke» eingerichteten Postanstalten zu dem Behufe in Anspruch nehmen wollen, um durch diese Postanstalten 1. Einzahlungen für ihre Sparkaffe gegen eine Entschädigung von V» Prozent des Betrage» einer jeden Einzahlung annehmen und der Sparkasse eventuell nebst dem bereits ausgefertigten Sparbuche, auf welches eine Einzahlung erfolgt, unter Angabe der Adresse über­mitteln zu lassen, an welche der Sparer sein Sparbuch nach erfolgter Berichtigung zugesandt zu wissen wünscht; 2. von Sparern der öffentlichen Sparkassen Anträge auf Kündigung oder Auszahlung von Sparbeträgen entgegen­zunehmen und der Sparkaffe nebst dem Sparbuche de» Antragstellers unter Angabe der Adresse zuzustellen, an welche derselbe da« Buch nebst dem auszuzahlenden Spar­betrage zurückgesandt zu wissen wünscht. Bejahenden­falls treten die Postanstalten dieser Bezirke in dem ad 1 und 2 bezeichneten Sinne als Vermittlungsstellen der öffent­lichen Spa> lasse deö bezüglichen Bezirkes in Thätigkeit und es unterbleibt bei den beregten Postanstalten die Ausstellung neuer Sparbücher; jedoch können auch bei diesen Postan­stalten Ein- und Auszahlungen auf bereits ausgefertigte Postsparbücher erfolgen. Gewöhnliche uneingeschriebene Brief­sendungen, ingleichen Wertsendungen zwischen den als Ver­mittelungsstellen öffentlicher Sparkassen thättgen Postan­stalten und den ersteren, sowie von den öffentlichen Spar­kassen an Sparer werden portofrei befördert, sofern die Eigenschaft der Sendung als Sparkassensache auf der Auf­schrift erkennbar gemacht ist. Als Bezirk einer öffentlichen Sparkasse gilt das räumliche Gebiet derjenigen kommunalen Verbände«, welcher Bürgschaft für dieselbe leistet." In Verbindung mit diesem Anträge wurden sodann die §8 1

und 2 der grundlegenden Bestimmungen angenommen. Staatssekretär Dr. Stephan erklärte, daß die Regierung dem Anträge v. Manteuffel nicht zustimmen könne, weil durch diesen 8 47a die Grundprinzipien des Gesetze» ver­letzt werden. Die Arbeiter-Schutzkommission de» Reichstag« hielt gestern vormittag eine Sitzung und setzte die Generaldebatte über die Frage der Sonntagsruhe fort, die jedoch auch heute zu keinem Beschluß führte. Von den sozialdemokratischen Mitgliedern der Kommission war der Antrag gestellt worden, die Beratung der Vorlage so lange zu vertagen, bis der Antrag der sozialdemokratischen Fraktion in erster Lesung im Plenum beraten worden ist, weil man voraussetzt, daß dieser Antrag dann derselben Kommtsston überwiesen werden wird und diese demnächst die Beratung der beiden Gesetzentwürfe mit einander ver­binden könne. Ueber diesen Antrag wird tn der morgen vormittag stattfindenden nächsten Sitzung der Kommission beraten werden.

Königsberg, 6. Febr. Ein Aufmf zur Beteiligung an einer Ehrengabe für den Reichskanzler ist heute hier erschienen. Derselbe betont, er ergehe an alle, ohne Unter­schied der Parteistellung. Unterzeichnet ist der Aufruf von vielen Notabilitäten der Stadt und der Provinz.

Kiel, 6. Febr. Für die Ehrengabe anläßlich de« Ge­burtstage« de« Kanzler« hat sich ein Komitee unter dem Vorsitze de« Oberbürgermeisters Moelling gebildet und einen Aufruf erlassen. Prinz Wilhelm ist vor 11 Uhr hier eingetroffen und vom Prinzen Heinrich, dem Stadtkomman­danten und dem Chef der Marine-Ostfeestation empfangen worden. Ein zahlreiches Publikum war gleichfalls am Bahnhof. Die Stadt und alle Schiffe im Hafen haben reich geflaggt.

Hannover, 5. Febr. Die heutige Versammlung de« Baugewerkenamtes behufs Blldung von Berufsgenossen- schäften für die vaugrwerke der Provinz Hannover, des Regierungsbezirk« Minden, de« GroßherzogtumS Olden- bürg, de« H-rzogtumS Braunschweig, der Fürstentümer Lippe und der Stadt Bremen waren sehr zahlreich besucht. Dieselbe wurde vom Geh. RegierungSrat Dr. Kayser vom ReichSverstcherungSamt eröffnet. Die beantragte Blldung einer BerusSgenossenschaft wurde fast einstimmig genehmigt, zum Sitz derselben wurde die Stadt Hannover bestimmt, ebenso wurde die Bildung von Sektionen genehmigt, welche die Entschädigung wegen kleiner Unfälle ordnen sollen, während die Entschädigung wegen größerer Unfälle von dem GeoosseuschaftSvorstande geregelt wird. Der au« 11 Mitgliedern bestehende Vorstand kann stch noch 9 Mitglieder zuwählen und wird die Satzungen auSarbeiten. Die Ge- nossenschast umfaßt etwa 4887 Betriebe mit 28478 Arbeitern.

Pest, 6. Febr. Das Abgeordnetenhaus nahm mit 229 gegen 140 Stimmen da« Budgetgesetz für 1885 an.

Die Schleifer von Golling.

Eine Geschichte au« dem Bauernkriege.

Erzählt von Ludovica Hesekiel.

(Fortsetzung.)

Frau Maria sprach gegen ihren Mann de» Verdacht au«, mit dem sie den Steinschleifer schon bedroht hatte, nämlich den der Zauberei, aber Junker Sittich lachte sie aus und meinte:Steht manches von weitem wie ein Zauber au», ist aber, in der Nähe besehen, nicht« damit; laß Du den Alten treiben wa« er Lust hat, geht ohnehin nur den Gollinger, meinen lieben Gevatter, an l"

Frau Maria biß stch auf die roten Lippen, daß sie bluteten, hatte der junge Ehemann mit seinen ersten Worten auf fit zielen wollen 1 So viel stand fest, daß er ihr lange sicht mehr so unterthänig war, wie ehedem, da sie ihren V.sttz an die Erfüllung einer schier unmöglichen Bedingung geknüpft hatte; sogar die Gollinger schienen von Fran von Kuchl weit weniger entzückt al» von Fräulein von Narsa. Da« arme Fräulein hatte seinen Hochmut zu verstecken ge­mußt, bi« e« ihm gelungen war, de« reichen Junker« Frau iu werden, jetzt trat er unverhüllt zutage. Dazu kam noch, ° Maria dm Junker keineswegs au« Liebe geheiratet Me. Hätte ste wirklich dem Steinschleifer da« Gehcimni« de« GoldmachenS entreißen können, ste hätte nicht daran Sedacht, Sittichs Frau zu werden; so aber erfaßte ste die Angst, ste könne mit all ihrer Schönheit doch schließlich "Ne alte Jungfer werden und so nahm sie da« gewisse fürs ungewisse. De« hartnäckigen Steinschleifers Herrin aber JJMIte sie über kurz oder lang doch werden, denn der Gol- unger hatte keinen Sohn und Sittich war sein nächster «bensvetter.

Niemand aber hätte geglaubt, daß dieser Fall eintrete« könne, noch ehe Maria ein Jahr vermählt war; der Gol­linger hatte da» Unglück auf der Jagd so gefährlich zu stürzen, daß er nach wenigen Tagen eine Leiche war. Frei­lich dauerte eS noch etliche Monde, ehe alle die nöligen Förmlichkeiten erfüllt waren, aber Rupert war noch keine zwei Jahr tn der Fremde, da saßen Junker Sittich und Frau Maria al« Herren auf Golling. Da« fühlten be­sonder« deutlich zwei Personen, Meister Steininger und Cyrtlla, die nun doch in den Dienst der Frau von Kuchl kam, da ihr Vater sich nicht von seinem Pförtner-Amt trennte. Eine sehr milde Herrin hatte ste nicht an der stolzen Dame und Sittich wagte ste nicht zu schützen, da der erste Versuch von Maria dazu benutzt worden war, den Ruf oe« Mädchen« anzuiastm, al« sei diese« in heim­lichem Liebesverständnis mit dem Junker. Gegen ihren allen Vater klagte Cyrtlla nicht, heimlich tröstete ste sich mit dem Gedanken, e« wäre ja nicht lange mehr bis zu Ruperts Heimkehr und dann mußte dirQuälerei ein Ende haben.

Schlimmer stand e« um Steininger, dm die rachsüchtige Fran wirklich der Zauberei anklagte. Leider konnte man keinen Bewei« und keinm Zeugen dafür finden, denn die Einwohner von Golling vrrehrtm den Steinschleifer al« ihren Wohlthäter in vielerlei Krankheiten, auch hatte er eine offene Hand für die Armen und immer ein gute» Wort selbst für den Verachtetsten. Freilich wußten Alle, daß seit einiger Zeit der Meister, in verschwiegener Nacht­stunde, ein Bündel unter dem Arm, von seinem getreuen Tiger begleitet, einsame unbekannte Pfade einschlng; viel­leicht hingen diese nächtliche Wandernngm mit der Zauberet zusammen, aber Niemand vertet der Herrin rin Wort davon.

So waren die letzten Tage des alten Jahrhundert« ge­kommen, Frau Maria wiegte einen Sohn auf dem Schoße und wa« ste für stch anscheinend nicht mehr begehrt hatte, da« sehnte ste nun um so glühender herbei für ihr Kind. Noch einmal hatte ste Steininger in dm Ohren gelegen und die alte Antwort von ihm empfangen:Ich weiß nicht« I" Da war ihr Zorn mächtig aufgebraust und stch selbst nicht mehr meisternd, hatte ste gerufen:So soll Euch denn doch die Folter nicht erspart werden!" Steinin­ger aber hatte nur schier unheimlich gelächelt.

Um diese Zeit hatte Frau Maria einen vornehmen Gast, einen Domherm au« Salzburg, einen Herm von Ketnburg) dem vertraute ste ein gar geschickt erfundme« Märchen von dem grimmen Zauberer und leise ließ ste durchbltcken, daß derselbe wahrscheinlich auch um da« Ge­heimnis der Alchymte wisse. Da spitzte Keinburg die Ohren, solche« Geheimnis hätte dem erzbischöflichen Stuhl zu Salzburg wohl auch gepaßt, denn die Säckel de« Erz- sttft« waren gewaltig leer, und der Domherr ließ stch einen Befehl senden, den vielleicht sehr nützlichen Mann heimlich aufzuhebcn und nach Salzburg zu senden. Da« hatte Frau Maria gewollt; sie wußte, daß man ihn droben auf der hohen Salzburg nicht lo» lassen würde, er habe denn sein Geheimnis verraten. Entging ihr auch die Mitwissenschaft, ste hatte doch ihre Rache, denn bekannte der Meister, daß er Gold machen könne, so ließen ste ihn gewiß nicht aus dm Händen, bekannte er aber nicht, so war e« leicht mög­lich, daß sie ihn in ewigem Kerker hielten, wenn ste nicht noch schlimmer mit chm verfuhren.

In der letzte« Nacht de« Jahre« sollte der Anschlag ausgeführt «erden; da« Haus de» Steinschleifer« wurde