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Marburg, Donnerstag, 5 Februar 1885.
XX. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Mosse in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Co. m Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u- Paris.
Wöchciitliche Bcilagen: Amtlichcr Aiizciger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Soiintagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
Deutsche- Reich.
verltu, 3. Febr. Der Kaiser konferierte heute nachmittags mit dem Reichskanzler. Gegenüber dem Gerüchte, wonach die Regierungen auf die Durchführung des Post« sparkassengefttzeS keinen We t legen sollen, bemerkt die „No?dd. Allg. Ztg.", die Regierungen wünschten dringend nicht nur die Durchberatung, sondern auch daS Zustandekommen deS Gesetze- in dieser Session. — Der Kaiser hat am Sonnabend die Präsidenten beider Häuser des Landtags empfangen. Eine politische Unterhaltung soll dabei nicht stattgefunden haben, vielmehr gab der Kaiser nur seiner Genugthuung darüber Ausdruck, daß die Arbeiten des Abgeordnetenhauses so rasch von statten gingen. — Prinz Wilhelm wird am 6. Februar nach Kiel reisen, um die Taufe der am 7. Februar vom Stapel laufenden „Korvette G." zu vollzi hen. — Dem Bundesrat ist folgender Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Ergänzung des 8 72 des Reichs- beamten Gesetzes vom 31. März 1873 zugegaugen: „Der § 72 des erwähnten Gesetzes erhält folgende Faffung: § 72. Ein Reichsbeamter, welcher die ihm obliegenden Pfl chten (§ 10) verletzt, begeht ein Dienstvergehen und hat die Disziplinarb-strafung verwirkt. Wegen Handlungen, welche ein Reichsbeamter vor feiner Anstellung im Reichsdienst begangen hat, ist ein Disziplinarverfahren dann zulässig, wenn jene Handlungen die Entfernung aus dem Amte (§ 73 Nr. 2) begründen. War der Beamte vorher im Dienste eines Bundesstaates angestellt, so unterliegt er wegen aller in diesem Dienstverhältniffe begangenen Dienstvergehen den Vorschriften deS gegenwärtigen Gesetzes.' In der bei« gegebenen Begründung wird auSgeführt, daß neuerdings gegen einen Reichsbramten, der „wegen mehrfacher Dienstvergehen, welche er früher als preußischer Beamter bei Leitung eines Bc-uwesenS sich hat zu schulden kommen lasten, im Wege der Disziplinär - Verfahren«" nicht hatte vorgegangen werden können, weil alle Instanzen der Reichs- disziplinarbehörden den Grundsatz ausgesprochen hatten, daß ein Disziplinarverfahren gegen ReichSbeamte nur dann zulässig sei, weun dieselben im Reichsdienste Verfehlungen begangen hätten. Hierin liege eine Lücke des Gesetzes. — Heute nachmittag 1 Uhr fand die Beerdigung des hierfelbft verstorbenen General - Leutnants und Kommandeurs der 9. Division Bogun v. Wangenhelm von der Kirche de» JnvaltdenhauseS auS auf dem Jnvaltdcnkirchhofe in der Scharnhorststraße mit militärischen Honneur« statt. Da« Osfizierkorp» der hiesigen Garnison, sowie der 9. Division waren bei der Feier durch Deputationen vertreten; vom Reserve Landwehrregiment (Berlin) Nr. 35, besten Brigade- kommrndeur der Verstorbene früher gewesen, hatte sich eine Deputation, bestehend au« 20 Feldwebeln bezw. Unteroffizieren, angeschlosten. Eine Trauer-Parade unter Kommando deS Generalmajor» v. Wißmann, Kommandeur« der 3. Garde-Jnfanteriebrtgade, bestehend au«: 1 Bataillon de« Katser Franz Garde-Gr nadierregimentS Nr. 2 mit Fahne,
Die Schleifer von Volling.
Eine Geschichte aus dem Bauernkriege. Erzählt von Ludovica Hesekie l.
(Fortsetzung.)
„Ich will« versuchen," erwiderte Sittich, aber ein böser Blick zeigte stch in seinen Augen, so freundlich er anscheinend dem Steinschleifer die Hand reichte. „Ich gehe auf« Schloß' sagte er dann, „hast Du an de« Pförtner« Eyrilla eine Botschaft l" „
.Wir haben Abschied genommen von einander," wehrte Rupert ab, aber ich wollte lieber, Ihr ginget nach Hohen- werffm zu Fräulein Brigitta al« hinauf zu der Zauberin I
Die Treuherzigkeit des Burschen, die aufrichtige Anhänglichkeit, die mehr noch im Ton seiner Stimme und im Ausdruck seiner Züge al« in seinen Worten lag, überwanden den Junker; er reichte dem Spiclgenosten die Hand und sagte freundlich I „Laß e« gut sein, Rupert, mir ist nicht anders zu helfen als durch Deinen Meister und sein Gold l
Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, wandte er stch um und schlug denselben Weg ein, den Eyrilla vor ihm gegangen »ar, während Rupert mit einem Seufzer daö Hau« betrat. Au« einer offenen Thür klang ihm rin „Grüß Gott" entgegen, von einer tiefen, wohllautenden Stimme gesprochen. „Grüß Gottl" wiederholte der junge Gesell und trat über die Schwelle in ein niedrige« Gemach, darin allwälig Dämmerung zu herrschen begann; doch ließen stch alle in demselben befindlichen Gegenstände noch erkennen. Ein Holzbank nahm die eine Wanv ein, vor der ein trage - fügtcr Tisch stand. Am Fenster befand stch eine Schleifbank, auf einem viereckigen Kasten, der mit Eisen beschlagen »nd mit einem gewaltigen Schlöffe versehen war, läge«
Spiellmten und RegimentSmustk, je 1 Eskadron de« 1. und 2. Garde-Dragonerregiment« mit dem Trompeterkorp« deS erstgenannten Regiments, und eine Batterie der Garde- Feldartillerie zu 6 Geschützen nebst TrompstrrkorpS, hatte gegenüber der JnvaltdenhauS-Kirche Aufstellung genommen.
— Dir Krmzerfregatte „Stosch" hat nunmehr auch Befehl erhalten, nach Kamerun abzudampfen. Die „Stosch" führt 16 Geschütze und eine Bemannung von 404 Köpfen. Kommandant ist der Kapitän z. S. v. Nosti', der bekanntlich seiner Zeit die Erlaubnis erhalten hatte, die erste für chinesische Rechnung auf der Vulkanwerft bei Stettin erbaute Panzerfregatte nach China überzuführen. Als erster Offizier fungiert Kapitän - Leutnant Schloepke. Bet der künftigen Indienststellung größerer Kreuzrrfregatten und Korvetten sollen dem Vernehmen nach auf jedes Schiff Seesoloatcn bis auf 80 Köpfe stark, eingeschifft werden, da diese besonders bet event. Landungen ganz vorzügliche Dienste zu leisten im stände sind. An Bord des afrikanischen Geschwader« befinden stch keine Seesolsaten-DetachcmentS. — Die in den Kämpfen von Kamerun schwer verwundeten Matrosen Krüger und Pfeiffer, betreffs deren man ursprünglich Besorgniffe hegte, b< fanden stch, wie der Berichterstatter der „Köln. Ztg." in einem am 26. Dezember geschriebenen Briefe mitteilt, an jenem Tage bereits außer aller Lebensgefahr. Admiral Knorr beabsichtigte nach Abfertigung de« Dampfer» „Adler" selbst an einigen Expeditionen teilzn- nehmen. Die erste Expedition soll nach Bimbta, die zweite den Mungvfluß aufwärts, die dritte den Kamerunfluß aufwärts unternommen werden. Es wird dazu der Dampfer „Dualla" benutzt werden, und um die Expedition al« eine friedliche zu bezeichnen, wird da« Musikkorps de« „Bismarck" die Expedition mttmachen, welche schon zur Abreise bereit ist. —Dem „Nabab* zufolge wird Mancini die wegen der Besetzung von Beilul und Maffovah eingelaufenen türkischen Protestnoten unbeantwortet lasten. Die „Societa generale di navigaztoue" soll den Befehl zur Bereithaltung von acht großen Dampfern zum Truppen - Transport erhalten haben. — Die Petition?-Kommission des Reichstage« beschäftigte stch heute mit Petitionen um Abänderung dc« Unterstützung oehrsitzeS, und zwar in dem Sinne, daß die Unterstützung bereits nach einjährigem Aufenthalt ein- tritt. Der Regi-runoSkommistar erklärte, die ReichSregierung sei gegenwärtig beschäftigt, eine anderweitige Regelung dieser Materie auszuarbeiten, und deshalb beschloß die Kommission Uebergarg zur Tagesordnung.
Oldenburg in Holstein, 3. Febr. Das amtliche Ergebnis der Wahl zum Abgeordnetenhause ist folgende«: Landrat Hansen aus Tondcrn (frcikonservativ) wurde mit 95 von 102 Stimmen wiedergewählt.
Braunschweig, 2. Febr. Bisher residierte der preußische Gesandte für Braunschweig, Oldenburg und die Hansa« städte stet« in Oldenburg. Jetzt hat nun der zeitige Gesandte, Kammerherr v. Normann, hier eine Familtenwohnung und standen allerlei zum Steinschleifen nötige Dinge, auch die Steine selber und waren es hauptsächlich Smaragden, wie solche häufig im Erzstift Salzburg gefunden werden, die Meister Stetninger schliff.
Der Steinschleifer, ein großer, starker Mann von vielleicht fünfzig Jahren, besten braune« Haar unter dem Leder« käppchen noch Line Spur von Grau zeigte, hatte Feierabend gemacht, und saß in dem zweiten Fenster de« Gemaches vor einem schweren Lesepult, auf dem ein in Pergament gebunde» Buch lag, das nicht nach neuer Weise gedruckt, sondern noch nach alter geschrieben war. Gehörte etwa» dazu, diese krausen Buchstaben zu entziffern, man muß scharf Hinsehen, um zu gewahren, daß e« deutsch war, wa« Meister Stetninger la», konnte also kein Zauberbuch sein, denn die waren ja alle in hebräischer oder noch gelehrteren Sprachen geschrieben. Wenigstens hatte da» der Stein- schleifer seinem Gesellen gesagt und dieser glaubte blind alle«, wa» sein Meister sagte.
Stetninger hob die klugen grauen Augen von seinem Buch-, al» der Gesell über die Schwelle trat und sagte: „Hat der Junker wieder in Dich hinein gequält!"
„Ja, Meister und ich hab» ihm versprochen, Euch nochmal« zu fragen, ob Ihr in seinem und de» fremden Fräuleins Beisein zeigen wolltet, wie man Blei oder andere» schlechtes Metall in Gold verwandelt."
„Der thörichte Knabe", entgegnete Stetninger, „selbst wenn ich« könnte, thät ich» nicht; denn die blonde Teufelin würde mich nie wieder lo» lassen, dieweil ihr Golddurst nie zu befriedigen sein würde. Sie würde ihm auch ihr Wort nicht halten, wa» fragt ste nach ihm, ste will Gold, nichts al» Gold und ich könnte ihr« nicht geben, selbst wenn ich« wollte l"
gemietet, um also seinen Wohnsitz nach hier zu verlegen. Diese Wohnsitzverlegung giebt zu manchen Kombinationen Anlaß.
Drestze«, 2. Febr. Die „Dresdener Nachrichten" schreiben: „Die von der „Germania" al« ein Schlag gegen die Katholiken Dresdens geschilderte Mastenausweisung czechtscher Arbeiter reduziert stch darauf, daß eine geringe Zahl österreichischer Staatsangehöriger ausgewiesen worden ist. ES ist dabei aber nicht nach ihrer deutschen oder slavischrn Abstammung gefragt worden, noch viel weniger nach ihrem Glauben. Die Ausweisung hat vielmehr nur 3 Oesterreichcr betroffen, die sämtlich der deutschen Nationalität angehören. Sie erfolgte auf Grund von Haussuchungen nach verbotenen sozialdemokratischen resp. anarchistischen Schriften; einer der Ausgewiesenen war früher Vorstand de« Fachvereins der Schneider. Ebenso find bei einigen Ruffen Haussuchungen vorgcnommen und mehrere am Köuigl. Polytechnikum studierende Ruffen verhaftet worden. Sie wercen in sehr strenger Haft gehalten. Endlich haben mehrere Haussuchungen bet notorischen Führern der sozialdemokratischen Bewegung stattgefundeu. Ob diese Haussuchungen, Verhaftungen und Ausweisungen von deutschen, österreichischen und russischen Sozialdemokraten resp. Anarchisten oder Nihilisten untereinander Im Zusammenhänge stehen, entzieht sich unserer Kenntui»."
München, 3. Febr. Das hier für eine patriotische Feier des 70. Geburtstage» des Fürsten Bismarck gebildete Komitee beschloß die Ueberreichung einer künstlerisch ausgestatteten Adresse an den Fürsten; ferner soll am genannten Tage stch ein Festzug nach dem Maximilianeum begeben, wo eine größere allgemeine Festlichkeit stattfindet.
Äwllaib.
Paris, 3. Febr. Eine Depesche des Admiral« Courbet au» Kelung meldet: Eine au» 1500 Mann mit 4 Geschützen bestehende Kolonne nahm am 25. Januar mehrere befestigte Werke weg, welche unsere südöstlichen Positionen bedrohten und den Zugang zu den Minen beherrschten. Die Franzosen machten Halt vor einer steilen, stark befestigten Hochfläche. Sie befinden sich auf fester Basi» und werden t tr Operationen sortsetzen, sobald die Truppen auSgeruht sind. Der Widerstand de» Feinde» war heftig daS Feuer desselben vorzüglich. Die Verluste der Franzosen betrugen 9 Tote und 53 Verwundete.
London, 3. Febr. Lord Wolseley zeigte dem Kriegs- Minister in einer Depesche auS Korli vom Montag 9 Uhr abends an: General Earle besetzte Sonntag das vom Feinde geräumte Barti. Die Nillschiffahrt ist sehr schwierig. Die Kolonne Earle übcrwanv aber bisher alle Schwierigkeiten. — Dem „Daily Telegraph" zufolge wäre der Polizei die Anzeige zugegangcn, es bestehe ein Komplott zur Zerstörung der Westminster-Abtei.
Ehristlaula, 3. F.br. Der Kronprinz eröffnete da«
„Meister", nahm Rupert nach einer Pause daS Wort, „Ihr seid klüger und weiser als alle Mrnschen, die ich bislang sah, solltet Ihr nicht auch da« große Geheimnis kennen; Ihr kennt mich genugsam, um zu wissen, daß ich e» nicht für mich begehre, ich habe kein Verlangen nach Gold, aber ich möchte den Junker Sittich gern glücklich sehen!"
„Glaubst Du, Gold mache glücklich?"
„Aber e« hülfe ihm zu dem Weibe, daS er liebt!"
„Glaubst Du, ein Weib, das um Gold zu erkaufen ist, mache glücklich! Steh, mein Sohn, ich bin jung gewesen wie Du und stand bei einem Meister in der Lehre, drunten in der Kaiserstadt Wien, der wußte um da« große Geheimnis, aber er war nicht glück ich; einsam ging er durch da« L-ben, Weib und Kinder hatte ihm die Pest geraubt und zuletzt haben ste ihn gar als Zmberer verbrannt l"
Der gewaltige Mann schüttelte sich wie im Fieber und sagte dann langsam l „Ich war dazumal schon nicht mehr tn Wien und die Kunde von dem entsetzlichen Ende meine« Meister« habe ich erst vor etlichen Monden erhalten durch daeselbe Weib, da« sein Geheimnis bei mir sucht."
„Durch das Fräulein vonNarsa?" ries Rupert erstaunt, „wie konnte das darum wissen?"
„Mein Meistec stammte au« edlem Geschlecht," entgegnete Stetninger, „aber seine Familie war verarmt, darum hatte er zu dem Erwerbe eines Stetvschleifers gegriffen, um schließlich ein Goldmacher zu werden. Sein Bruder hatte Kriegsdienste genommen und war jung gestorben» sein einzig Kind, die Maria, wnch» in einem Frauenkloster auf, aber je zuwellen besuchte ste den Oheim und eine« Tages hat ste al« ein zehnjährig Mägdlein ihn belauscht, wer er Blei In Gold verwandelte. (Fortsetzung folgt.)