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Marburg, Mittwoch, 4. Februar 1885.
xx. Jahrgang.
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Köcheiitliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Zllustriertes Somitagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Deutsche- Reich.
Berlitt, 2. Febr. Die Budgetkommisston de» Abgeord- netenhauses beschloß, da» Gesetz, betreffend die Konvertierung der KonsolS, unverändert zur Annahme zu empfehlen. Die Beschlußfassung über den Antrag Limburg - Gttrum auf Vermehrung der Lotterie Lose wurde bis auf die bestimmt« bezügliche Erklärung der Regierung ausgesetzt. — Der Reichskanzler, bezw. in Vertretung der Staatssekretär de» Innern, Staatsmintster v. Bötticher hat an sämtliche Bundesregierungen und den Statthalter in Elsaß-Lothringen, General- Fclvmarschall Frhrn. v. Manteuffel, eine Verfügung erlassen, welche sich auf Auslassungen der in Mainz erscheinenden „Deutschen Weinzeitung- und der in Straßburg erscheinenden »Neuesten Nachrichten- bezieht. Beide Blätter hatten bekanntlich im verflossenen Jahre mitgeteilt, daß Luxemburg nickt, wie Deutschland, Gesetze gegen W-infälschungen habe, daß daher dort eine Menge von Kunstfabrtken entstanden wäre, welche ihre Erzeugnisse zum Schaden unserer heimischen Wdnproduktion ungehindert nach Deutschland versendeten. Dem gegenüber hebt nun die erwähnte Verfügung zunächst hervor, daß der erste Teil jener Mitteilungen als unrichtig erkannt worden. In Luxemburg befinde sich nämlich ein dem deutschen Gesetze vom 14. Mai 1879 ähnliches Gesetz vom 6. April 1881 in Geltung, nach welchem (Art. 5) mit Gefängnis von 8 Tagen bi» zu einem Jahre und mit Geldstrafe von 50 bi« zu 1000 Franken, oder nur mit einer dieser Strafen bestraft wird. Somit fehlt es, wie der Erlaß bemerkt, in Luxemburg nicht an der gesetzlichen Grundlage zum Einschreiten gegen die Weinfälscher und Kunstweinfabrikanteu. Andererseits aber hat sich auch, dem Erlaß zufolge, der Reichskanzler mit der großherzoglich luxemburgisch n Regierung in Vcrbin nng gel'tzt, um unter Hinweis auf die namentlich in dem Erkenntnis vom 17. Jan. 1881 zum Ausdruck gebrachte Auffaflung des Reichs erichts zu erfahren, ob und eventuell in welchem Umfange in Luxemburg Kunstwein hergestellt wird, und von welchen Grundsätzen die luxemburgischen Gerichte bei Anwenrung des Gesetzes vom 6. April 1881 auf dem in Rede stehenden Gebiete ausgehen. Da» zitierte Erkenntnis deS Reichsgerichts lautet nämlich dahin, .daß die Fabrikation den Zweck der Täuschung nicht bloß dann verfolgt, wenn der unmittelbare Abnehmer deS nachgemachten oder verfälschten NahrungS- uns Genußmittels über die wahre Beschaffenheit desselben in Unkenntnis gelaffen wird, sondern auch dann, wenn ste bewußtermaßen dazu dient, trotz einer Aufklärung de« un- mittelbaren Abnehmers über die Beschaffenheit der Waren, das aus der Hand dieses Abnehmer« — sei e« unmittelbar oder mittelbar — da» Nahrung»- oder Genußmittel erwerbende Publikum zu täuschen.- (Entscheid deS Reichsgerichts in Strafsachen Band III. Seite 273; ähnlich da« Erkenntnis vom gleichen Tag- ebenda Band III. S. 269.) Wie der Erlaß bemerkt, find dir Erörterungen mit der luxemburgisch!» Regierung noch nicht zum Abschluß gelangt.
Die Schleifer von Volling.
Eine Geschichte aus dem Bauernkriege. Erzählt von Ludovica Hesekiel.
(Fortsetzung.)
„Es ist meiner Frau Pathe oben auf dem Schloß Namenstag,- entgegnete Sittich, und lud Rupert mit einer Handbewegung ein, neben ihm aus dem oänklein Platz zu nehmen.
.Darum der Staat; aber wir seit Ihr in den Sammet* schuhen durch den Markt gekommen, Junker.'
Sittich deutete auf die hölzernen Untcrschuhe, Rupert stieß einen langen Pfiff au». .E» stand bester um Euch, Junker,- sagte er dann, ,al« Ihr noch Lever und Wolle trugt, statt Sammet und Seide, hab damals nie solche Wolken auf Eurer Stirn gesehen wie jetzt; hei, da war kein Berg zu hoch, keine Gemse zu flink!'
.Damals-, seufzte der Junker, .war ich ein ungelrckter Bär, sitzt könnte ich mich an jedem Hof, sogar in Burgund, sehen taffen.'
.Wüßte nicht, was Ihr dort zu suchen hättet,- sagte Rupert trocken, .für Kuchl wäret Ihr gut genug und Fräulein Brigitta war auch mit Euch zufrieden.'
,Aber Kucht und Fräulein Brigitta sind mir nicht gut genug,' stieß der Junker heran»; e» klang, al» sei er auf sich selbst zornig.
.Das ist eben da« Leid,- entgegnete Rupert, .aber ich weiß, wer daran schuld ist, niemand ander» al» —*
. Still,' befahl der Junker; seine Stimme klang kalt und schneidend.
.Wie Ihr wollt, Junker,- entgegnete der Andere gletch-
Der Direktor des luxemburgischen Justizdepartement« hat nämlich au« vorstehendem Anlaß ten Wunsch geäußert, e» möchte beim Vorkommen von angeblichen Falsifikationen luxemburgischen Ursprung« in Deutschland eine Quantität derselben in Beschlag genommen und noch Luxemburg übermittelt werden, wo dann leichter die Verurteilung herbeigeführt werden könne, sofern feststehe, daß dortige Firmen derartigen Wein, ohne ihn ausdrücklich als Kunstwein zu bezeichnen, nach dem Auslande verkauft haben. Ueberhaupt sei zu wünschen, daß die beiderseitigen gerichtlichen Behörden sich in dieser Angelegenheit thunlichst gegenseitig in die Hände arbeiten möchten. Der Erlaß schließt sich dieser Ansicht an, da, wie in ihm hervorgehoben wird, ein energische« Vorgehen gegen die Weinfälscher in Luxemburg dem diesseitigen Interesse durchaus entspricht. Andernfalls würden dieselben vor ihren Genosten in anderen fremden Ländern noch den besonderen Vorzug haben, ihre in der Heimat unbeanstandete Fabrikate zollfrei nach Deutschland einführen und hier, bei der Schwier igkeit de« nachträglichen Nachweises der Fälschung am fertigen Fabrikate, in den Verkehr bringen zu können. Zum Schluß wird in dem belegten Erlaß das Ersuchen ausgesprochen, im Falle des Einverständniste» gefälligst anordnen zu wollen, daß den Wünschen des DirekiorS de« luxemburgischen Justizdepartement« thunlichst entsprochen werden möchte, und wird dabei zugleich bemerkt, daß gefällige Mitteilungen über da» in dieser Beziehung Verfügte diesseits mit Dank entgegengenommen werden würden. — Der erste ordentliche VereinStag der Vereinigung deutscher landwirtschaftlicher Genossenschaften wird Sonntag, den 15. und Montag, den 16. Februar d. I«., jedesmal vormittags 10 Uhr beginnend, zu Berlin, im Gebäude de» Klubs der Landwirte, Doro* theenstraße 95/96, stattfinden und ist die Tagesordnung folgen:«: 1. Jahresbericht de» VerwaltungSauSschustes. 2. Definitive Festsetzung der Satzungen der Vereinigung (gemäß Beschluß der Hamburger Versammlung). 3. Wahl de« Verwaltungsausschusses (§ 6 der Satzungen). 4. Rechnungsablage und Festsetzung des JahrrSvoraufchlageS pro 1885 (8 10 der Satzungen). 5. Festsetzung der Ge* schästSorvnung (8 10 der Satzungen). 6. Da» Transport- und Tarifwesen für Milch und Milchprodukte. 7. Antrag de» Verbandes der oldenburgischen landwirtschaftlichen Konsum-Vereine: Die Vereinigung deutscher landwirtschaftlicher Genostcuschaften wolle möglichst dahin zu wirken suchen, daß für Kalk und ähnliche Rohstoffdünger eine Preisermäßigung der Gütersracht auf den deutschen Bahnen durchgeführt werde. 8. Auf Antrag der Milchgenossen- schaft Trier: Welches Verfahren ist anzuwenden, um den Wert der Milch, welche an Sammelmriereien geliefert wird, nach dem Festgehalt festzustellen? 9. Mitteilung über den Stand der Organisation der Unfallversicherung für die Molkerrigenoffenschaften. 10. Bestimmung von Zeit und Ort für den nächstjährigen VereinStag.
mutig, ,m ine Gedanken könnt Ihr nicht wehren und könntS auch nicht hindern, wenn ich alle Tage Gott bitte, Euch zu erlösen von Euren Ketten!'
.Es sind keine Ketten!"
.Weiß wohl, daß e« nur feine Goldfäden sind, die sch'mmernven Fättein ihres Haare», an feinen feie Zauberin Euch hält, aber Ketten sinds doch, schwerer al» wenn ste von Eisen wären.'
Diesmal widersprach Sittich nicht, er legte feie Hand auf den Arm Rupert« und fragte: „Hast Du gethan, wie ich von Dir begehrte!'
.Mit meinem Meister gesprochen,' entgegnete der Andere, „ja freilich, Junker, war e» doch hohe Zeit, denn heut Abend noch gehe ich auf die Wanderschaft, und die Antwort ist ausgefallen, wie ich es Euch vorher sagte."
.Er behauptet nicht« zu wiffen von feer Kunst, unedle Metalle in edle zu verwandeln,' sagte der Junker leise und atemlos.
.Wenn ich Euch sage!'
.Und die alten Folianten, in denen er studiert Tag und Nacht 1-
.Darin sei nichts geschrieben von Gold, sagt er!'
.Sagt er,' fuhr er auf, .warum bist Du so dumm, ihm zu glauben, aber bei allen Heiligen, ich will ihm sein Geheimnis entreißen oder er soll mirS büßen l*
Rupert stand auf, seine dunklen Brauen zogen sich drohen» zusammen, auf seiner Stira zeigte sich eine tiefe Falt-. .Junker,' sprach er mit fester Stimme, .hätte nicht meine Mutter, Gott gebe ihr die ewige Ruhe, Euch einst an ihrer Brust genährt, ich antwortete Euch ander« auf solch« Drohung wider meinen Meister!'
— Der Reichstag hatte am Sonnabend wieder eine sehr sensationelle Sitzung. Zuerst wurde die Vorlage über die Ausdehnung der Unfallversicherung auf die landwirtschaftlichen Arbeiter beraten und dieselbe an eine Kommission überwiesen. Der Abg. v. Helldorff wies auf die von der Industrie verschiedenen Verhältniffe der Landwirtschaft, namentlich des kleinen Bauernstandes hin, wodurch es geboten sei, die Vorlage einer gründlichen Vorberatung zu unterziehen. Bekanntlich hatte sich am Freitag der Herr v. Ow von der Reichspartei schon in ähnlichem Sinne ausgesprochen. Der Minister v. Bötticher war von dieser kritischen Stellung nicht gerade angenehm berührt und betonte in längerem Vortrage die Notwendigkeit befl Gesetzes gerade auch im Intel esse der Landwirtschaft. Der konservative Abgeordnete von Maltzahn-Gültz beruhigte aber den Minister durch die Versicherung, daß man auf konservativer Sette über die Einbringung der Vorlage sehr befriedigt fei und an eine Behinderung derselben nicht denke. ES entspann sich dann eine lange und ernste Debatte über daS Sozialistengesetz und feine Wirkungen. Der Sozialdemokrat Singer hielt feine Jungfernrede und zeigte sich wie alle Sozialdemokraten, bi» auf den Vertreter von Frankfurt a. M., al» gewandter Redner. Die Sozialdemokraten lieben eS, sich jetzt immer im weichen Schafspelz zu zeigen, und erst wenn ste hart angefaßt werden, tritt der echte Sozialdemokrat hervor. Diese Taktik haben ste schon bei der letzten Reichstagswahl angerommen, wo sie mit einem Wahlprogramm operierten, welches feem christlich-sozialen täuschend ähnlich sah. So haben ste sich auch mit ihrem neuen Arbeiterschutzgesetz ganz auf den Boden der bestehenden Gestzg, bring und Gesellschaftsordnung gestellt, und abgesehen von der einen Bestimmung, daß die Arbeiterkammern den Minimal-Lohn sestsetzkn sollen, enthält der Entwurf lauter Dinge, welche die Konservativen und daS Zentrum schon längst verlangt haben. Der Minister v. Puttkamer konnte ihnen deshalb mit Recht sagen: Mit diesem Entwurf könnten Sie sich auf die rechte Seite de» Hanfes setzen. Daß da« bloße Taktik von den Sozialdemokraten ist, um die großen Volksmassen , welche von feen eigentlich revolutionären und kommunistischen Bestrebungen nichts wissen wollen, in ihre Netze zu ziehen, ist zweifellos. Denn daß die sozialdemokratischen Führer wirklich daran dächten, sich mit Reformen auf Grund der bestehenden Verhältniffe zu begnügen, das kann man ihnen vorläufig noch nicht glauben. Wenn es ihnen damit ernst wäre, so würden ste von ihren Parteigenossen im Auslande heftig bekämpft werden und nicht so gute Beziehungen zu denselben pflegen können, wie sie in ihrem neulichen Briefwechsel mit feen dänischen Sozialdemokraten zu Tage traten. Herr von Puttkamer wies die Herren namentlich auf feie Sprache ihre« offiziösen Partuorgan«, des in Zürich erscheinenden.Sozialdemokrat' und feiner scheußli en Aeußerungen über feen Prozeß Rcinsdorff und die Ermordung deS Polizeirats Rumpff
.Und dächte ich nicht daran, daß ich Deiner Mutter da» Leben versank«, dieweil sie sich des mutterlosen Kinde» erbarmte, ich duldete solche Sprache von keinem niedrig Geborenen!'
.Vergeßt nicht Junker,' ries Rupert, „daß de« Steinschleifer« Sohn aus Knchl nicht Euer Höriger ist; nicht einmal ein zünftiger Handwerker, sondern ein freier Künstler bin ich, wie mein Vater und mein Meister, den Ihr zum Zauberer stempeln möchtet!, nur rodle Euch genehm wäre, von dem Zauber zu nützen! Und wozu, wozu? O mein lieber Junker Sittich," unterbrach sich Rupert plötzlich und seine Stimme klang fast flehmd, „lasset Euch doch zureden, von einem der Euch lieb hat, wie außer ihm vielleicht nur noch Fräulein Brigitta I Nicht mein Meister ist ein Zauberer, aber Ihr liegt in den Feffeln einer Zauberin, reißt Euch los von ihr, heiratet Fräulein Brigitta und alle» wird gut werden!'
.Du hast vielleicht Recht,' entgegnete Sittich in tiefer Bewegung, .aber ich kann nicht, Rupert, ich kann nicht. Sprich noch einmal mit Deinem Meister, steh, ich will ja nicht sein Geheimnis besitzen, nur einmal eine Probe soll er machen in meiner und der Fremden Gegenwart, dann will st« mein sein, mein Weib, hörst Du«!'
Die Auge.i de» Junkers glühten, krampfhaft drückte er feie Hand des Steinschleifer«, der fein Spielgenoß gewesen und sein Freund geblieben war trotz aller Verschiedenheit de» Stande«. Rupert aber schüttelte den Kopf. „Dann thät ich« gewiß nicht, auch wenn ich« könnte,' stand auf feinem Angesicht geschrieben, feine Worte aber suchten den Aufgeregten zu beschwichtigen. .Sei» denn Junker, ich will den Steininger noch einmal fragen, ober Ihr müßt Euch dann muh mit der Antwort zufrieden geben.' (Fortsetzung folgt.)