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UlarÖlirg, Dienstag, 27. Januar 1885.

XX. Jahrgang.

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Anzeigen nimmt entgegen': die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M-, Kassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Mofse in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln: G. L. Daube und Eo. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u- Pari-.

Wöchkiitiichc Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. S. Kreise Marburg ti. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

Für die Monate Februar und März nehmen alle Postanstalten Bestellungen auf die

Oberheffische Zeitung

nebst ihren wöchentlichen Beilage« entgegen.

Soweit der Vorrat noch reicht, wird der Wandkalender für 1885 beigegeben.

__Die Ex-, d. Oberh. Zeitung. Deutsche- Reich.

Berlin, 25. Jan. Uebcr das Befinden de» Kaiser» erfahren wir, daß Allerhöchstderselbe dm größten Teil de» gestrigen Tage- außer Bett zugebracht, Besuche empfangen und die gewöhnlichen Vorträge entgegengenommen hat. In der vergangenen Nacht war der Schlaf durchaus befriedigend. Heute vormittag nahm der Kaiser die Vorträge des Hof« marfchalls v. Perponcher unb des General» ti. Albedyll ent­gegen und empfing dann den Fürsten Dolgorukt, sowie den Prinzen und die Prinzessin Albrecht.—Die Verhandlungen de» Netchstag» über die Börsensteuer haben im ganzen einen zufriedenstellenden Verlauf genommen. Der in den Kreisen der Börse gebilligte Gegenentwurf—Antrag ArnSperger — enthärt zum rrstenmale ein Entgegenkommen, welche» eine Verständigung ermöglichen kann. Die Debatte nahm einen ruhigen und sachlichen Verlauf, weil man nicht mehr gegen den Grundsatz sich ablehnend verhielt, daß da» mobile Kapital zur Tragung der nun einmal unvermeidlichen Steuerlasten mehr wie seither heranzuziehea sei. Der Antrag de» Abg. v. Wedell - Malchow ist einer Kommission von 21 Mit- glieve n überwiesen, welche Montag ihre Sitzungen beginnt. Boi sitzender der Kommission ist Graf Hompesch, Stell­vertreter desselben Dr. Grimm, die Abgeordneten Wör­mann und Löwe Schriftführer. Die übrigen Mitglieder der Kommission sind: v. Buol, Trimborn, Porsch, Fritzen, Eichbühler, Graf v. Droste (Zentr.), v. Wedell, v. Masiow, Klemm, Graf zu Stolberg (deutfchkonf.), Gamp (Reichest.), Oechelhäuser, Lcipio (natltv.), Dr. Beisert (seulschfrets.), Kvpser (VolkSp.), Singer (Soz.). — Die Etjenbahnkcm« Mission de» Abg orduetenhause» nahm die Vorlagen über den Erwerb der Schle-wigschen Eisenbahn, der Bahn von Münster nach Enschede und der Braunschweiger Bahn an. An den Erwerb der letzteren knüpfte die Kommission die Bedingung, daß ihr balomögltchst der Kostenvoranschlag über een Bau einer Eisenbahnlinie von Braunschweig nach Htlve-Heim, resp. nach Gtshorn zugehe. — Die Buvget- kommijsiou de» Abgeordnetenhauses hat beschlosien, dem Abgeoronetenhaufe die Bewilligung der im Extraorvtnarium de« Domänenetat« zur Bewilligung von Darlehen an Do­mäne» Pächter behus» AuSsühiung von Meliorationen ge­forderten 600000 Mk. zu empfehlen. Ebenso hat die Kom« Mission dre Verwilligung der im Extraordinarium de» Forst« etats zur Ablösung von Forst - Servituten ausgeworsenen 1500000 Mk. und der zum Ankäufe von Grundstück«

Der verwunschene Prinz.

Novelle von Theodor Scheffel.

(Fortsetzung.)

„Wa» soll nun ferner geschehen?" frug Herr von Ravenstein den Fremdling. „Wohin wünschen Sie von hier zu gehen? — Sie sind doch offenbar fremd in dieser Gegend, wahrscheinlich sogar fremd in Deutschland? Wollen Sie mit Hülse der Behörden in Ihre Heimath zurück, so bitte ich um Ihre Legitimation-Papiere, um die betreffenden Anordnungen treffen taffen zu können. Oder haben Sie Verwandte und Freunde in der Nähe?"

Der Prinz schüttelte traurig da» Haupt und bewegte abwehrend die Hände, indem er mit langsamer Betonung sagte:

„Verwandte und Freunde habe ich überhaupt nicht mehr, auch besitze ich keine Heimat und kein Vaterland mehr, denn weun ich mich dort wieder z-igte, würoe man meinen Namen nur mit Schimpf und Fluch belastet neunen können. Ich habe nur einen einzigen Wunsch noch auf dieser Well unv der ist: Ich will sterben in Deutschland, in der alten Heimat, bei meinen Vätern, von denen einige in dieser Gegend ruhen. Einsam uno unbehelligt sterben und vergeffen sein, kann ich nur hier in Deutschland. O, hält-n meine Värer doch niemals die alte Heimat verlast m, vielleicht blühte da auch unser Geschlecht in seinem alten Glanze fort und wäre an dem gllißnerischen Ruhme und den berückenden Leidenschaften de- Auslandes nicht zerschellt."

Der Fremdling schwieg, seine Stimme hatte klagend Und jammernd dir letzten Worte kuudgegeben und der Edelman«, sowie der Arzt blickten mit großer Teilnahme wfthn.

zur Aufforstung geforderten 950000 Mk. zu beantragen beschlosien; ebenso empfiehlt fle die Annahme der Etat- der Staat-schulden-Verwaltung und der Oberrechvung-kammer. Die Etat- der direkten und indirekten Steuern In den Ein­nahmen wird die Kommission zu genehmigen beantragen, dagegen hat sie die Beratung der dauernden Ausgaben der ge­nannten Etats einstweilen au-gesetzt. —Der „Kreuzzto." zu­folge bestätigt e» sich, daß der Geh. Reglerung«rat Köhler zum Direktor de» Reich»gesundheit«amte» bestimmt ist. — Die „Freie wirtschaftliche Vereinigung" de» Reichstag« rückt jetzt mit ihren Anträgen heran«. Sie beantragt zunächst folgende Erhöhungen: 1. Pferde von Mk. 10 auf 20, Stiere und Kühe von Mk. 6 auf 9, Ochsen von Mk. 20 auf 30, Jungvieh von Mk. 4 auf 6, Kälber von Mk. 2 auf 3, Schweine von Mk. 2,5 auf 6, Ferkel von Mk. 0,30 auf Mk. 1 für da» Stück. 2. Fleisch, Fleischrxtrakt und Tafel­bouillon für den Doppelzentner von Mk. 12 auf 20, Wild und Geflügel, nichtlebend, auf Mk. 30, Fische, frische, auf Mk. 3, Kaviar von Mk. 100 auf Mk. 150, Austern Hummern und Schaltiere von Mk. 24 auf 100, Honig von Mk. 3 auf 20, Wachs von Mk. 8 auf Mk. 15, Cichorien und getrocknete Rüben Mk. 1, Gemüse, jetzt frei, auf Mk. 5. Außerdem wurden Holzzölle im wesentlichen nach der Regierungsvorlage beschlosien. — Heute abend fand wieder eine Sitzung der „Freien Vereinigung" statt, in welcher über die Zölle auf Weizen und Roggen be­raten wurde. Auf Antrag Schorlcmer» wurde beschlosien, beim Reichstag die Erhöhung des Roggen- und Weizenzolls auf je 3 Mk. zu beantragen.

Mannheim, 24. Jan. Die „Neue Badische Landes- Zettung" bestätigt, daß der in Hockenheim Verhaftete nach Frankfurt überführt wurde, weil nachweislich der dringende Verdacht vorliegt, da» derselbe an dem Rumpffschen Morde beteiligt sei. Der Verhaftete verweigert auch weiter hart­näckig jede Auskunft.

Wie«, 24. Jan. Die „Neue freie Presse" meldet au» Rom: Sollte die Pforte darauf bestehen, die Häfen des roten Meeres zu okkupieren, fo wird Italien die» nötigen­falls mit Waffengewalt verhindern. Admiral Bertelli hat auf gegebenen Befehl den türkischen Tran»portschiffen den Weg nach dem roten Meere zu verlegen.

Puris, 24. Jan. Die „Agence Hava«" meldet aus Kairo, daß Beilnl bei Asiab dem Vernehmen nach italie- nischersettS besetzt worden sei. — In dem heute Vor­mittag stattgehadten Ministerrate teilte Ferry die Antwort Englands auf die Vorschläge der Mächte bezüglich Egypten« mit. England ist damit einverstanden, daß die Anleihe von 9 Millionen Pfund von allen Mächten, oder auch nur von einigen derselben garantiert werde. England accepttert ferner die 5prozentige Steuer auf die Coupon« aller An­leihen für 2 Jahre. Nach Ablauf dieser Frist werden die

„G-staUrn Sie eine Frage," erwiderte der Herr von Ravenstiin. „Nach den Worten Ew. Durchlaucht haben in früheren Zeiten ihre Vorfahren hier in dieser Gegend ge­lebt. Wo ist dies wohl gewesen, wo haben Ihre fürstlichen Stammschlisier gelegen?"

„Wo Sie wohnen, gnädiger H rr, wo wir uns jetzt befinden," erwiderte der Prinz mit gleichmütigem Schwer­mut. „Der Eulenstein, wie man noch heute die alte Burg­ruine nennt, wo Sie mich auch meinem Ende nahe ge­funden haben, ist im Mittelalter, j, selbst bis in das Zeit­alter der R-fonnation hinein unser stolzes Ahnenschloß gewesen, bis e« in blutiger Fehde belagert und zum großen Telle zertrümmert wurde. Dem damaligen Grafen von der Eichen wurde von seinem siegreichen Gegner ein so hohe» Lösegels auf erlegt, daß man damals unsere Güter mit bedeutenden Schulden belastet werden mußten und der sehnliche Wunsch der Vorfahren, da» alte Ahnenschloß wieder in neuem Glanze erstehen zu lasien, au« Mangel an genügenden Geldmitteln nicht in Erfüllung gehen konnte. Die Grafen von der Eichen lebten daher nur noch auf dem Schloss- Ehrenstein, welche« erhalten worden war."

„Das ist ja eine sehr wunderbare Geschichte, zumal wenn man sie in Verbindung mit den späteren Schicksalen Ihrer erlauchten Familie erzählen hört," bemerkte der Guts­herr. „Wir haben von all diesen Begebenheiten keine Ahnung, nur mein Freund, der Doktor, welcher fast vierzig Jahre in dieser Gegend lebt, hat eine schwache Erinnerung, daß hier in frühere« Zeiten ein Graf von der Eichen ge­wohnt hat."

ÄSchicksal unserer Familie ist ein seltsame», ein , aber doch wohl ein gerechte« gewesen,, er«

Mächte bestimmen, ob die Coupon»steuer forterhoben wer­den soll und für welche Zeitdauer. Im übrigen scheine England geneigt, die Frage der Freiheit der Schiffahrt im Suezkanal mit den anderen schwebenden Fragen verbinden zu wollen. — In dem Prozesse gegen die Teilnehmer an der Anarchisten«Versammlung im Saale Levis, wobei e» zu Ausschreitungen gegen die Polizei kam, wurde ein An­geklagter vom Schwurgerichte wegen Mordversuch» gegen den Polizei-Agenten zu 5 Jahren Zuchthaus, fünf andere Angeklagte wegen Aufreizung zum Morde und zur Plün­derung zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Zwei An­geklagte wurden freigefprocheu.

London, 24. Jan. Um 2 Uhr 9 Min. nachmittag» fand eine starke Explosion beim ParlamentSgebäude statt, die Explosion wurde deutlich in Downingstrett gehört. — Eine Explosion im ParlamentSgebäude richtete be eutcnden Schaden in den Räumen des Hauses der Gemeinen und den Vorzimmern nächst dem Stuhle de« Sprechers an. Die Zentralhalle, wo die Couloirs der betreu Kammern au»- laufen, ist stark beschädigt. Ein Besucher der Westminster- Halle ist schwer verletzt worden. — Die Explosion im Tower fand um 2 Uhr In einem Teile deS weißen Thurme» statt, wo die Gewehrvorräte ausbewahrt werden. E» waren gerade viele Besucher anwesend. Alle Fenster sind zerbrochen; e« brach Feuer au«; dasselbe wurde bald gelöscht. Da« Gebäude ist äußerlich unbeschädigt. Wie die Untersuchung herauSgestellt hat, muß da« Dynawitpaket in der zweiten Etage de» weißen Thurme», im sogen. Banketsaal, hinter einem d r vielen Gewehrgestille niedergelegt worden sein. Mehrere hundert Gewehre sind beschädigt, auch ist sonst viel­facher Schaden angerichtet. Samstag- ist der Eintritt in den Tower frei; derselbe war infolgedessen viel mehr besucht, als an anderen Tagen. Zur Zeit der Explosion befanden sich etwa 70 Menschen im weißen Turm, wovon nur vier verletzt touren. Auch im ParlamentSgebäude wird da» Publikum nur Sonnabend» eingelassen; vermutlich haben die Uebel- thäter sich unter da» Publikum gemischt und sind nach Nikderlegung de» Dynamit» eiligst emkommen. — Betreff» der Explosion in der Westminsterhalle wird angenommen, daß die beiden Polizisten da» auf der Treppe der Kapelle liegende Packet soeben aufgehoben hatten, als dasselbe explodierte. Der Zustand beider Polizisten ist fast Hoffnung»« Io». Auch mehrere andere in der Nähe befindliche Per­sonen wurden verletzt. Infolge dieser Explosion eilten viele Leute, welche in den Räumen de« Hause« der Gemeinen sich befanden, nach Westminstrrhall, um die Ursache der Detonation kennen zu lernen, sonst hätte die gleich daraus folgende Explosion im Hanse der Gemeinen zweifellos da« Leben gekostet. Die beiden verhafteten Personen sind wieder freigelasien worden, und ist bi« jetzt eine weitere Verhütung nicht erfolgt.

Antwerpen, 24. Jan. Die Schiffahrt auf der Schelde ist für Segersch ff- de« Eise« wegen gänzlich geschloffen.

widerte der Prinz mit schmerzlichem Lächeln. „Unverschuldet nehmen wir nicht diese« Ende, drei oder vier Mitglieder unserer Familie haben sich schwer an der Wohlfahrt unsere« Geschlecht« vergangen und zuletzt verdarb Einer noch Alle« und dieser Eine bin ich."

Man merkte e» dem Gestcht-au-drucke de« Fremdling« an, daß die Bedrängnis seiner Seele und die Schwere seine» Unglück« ihn dem Wahnsinne überliefert hatten, denn ganz apathisch sank er nach der zusammenhängenden Rede häufig auf den Lehnstuhl zurück und flüsterte dann ver­worrene Worte. Der Wahnsinn schien also, wie der Doktor konstatierte, schon fast der normale Geisteszustand bei dem Prinzen von Girgenti geworden zu fein, und nur gewisse Tage oder Stunden brachten ihm den Gebrauch seiner Ver­nunft zurück.

„Wenn e« dem Prinzen nicht« schadet," sagte von Ravenstein leise zu dem Arzte, „so wollen den Versuch machen, noch Einige« von ihm v»/*'®* .' denn wir müssen doch möglichst genau wissen, ® , n e« zu lhun haben und wie wir un« -chaUen «nie. Bester wird e« mit dem Geisteszustand- armen Prinzen wahrscheinlich auch gar nicht to«de>- .

Der D ktor nickte zustimm^ und sagte bann zu dem Gutsherrn ebenfalls leise: ... » .

,Wenn ich es für p-v finde, will ich noch einige Fragen, an den Prinzen risb^u 1

Dann trat b* Doktor an den Fremdling heran, prüfte desien PnlSschÄg und Atemzug und richtete dann folgende Worte an ihn: „Sind Sie im stände, Durchlaucht, noch Einige» mit un» zu reden? Haben Sie die Kräfte dazu?

(Fortsetzung folgt.)