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Illarburg, Sonntag, 25 Januar 1885.
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__Die Exp. d. Oberh. Zeitung.
" Wer hat deu Nutze» vo« Setretdezölleud
Für Freistnnler und Freihändler, sowie für diejenigen Städter, welche noch für manchesterliche Schlagworte empfänglich sind, ist eS eine au-gemachte Sache, daß nur etwa 28000 Großgrundbesitzer von der Erhöhung der Getreide- Zölle Lotteil haben würden und daß die sämtlichen übrigen Bewohner de- Reichs diesen Vorteil ihnen ou» ihrer eigenen Tasche bezahlen müflen. W e völlig verkehrt und falsch diese Ansicht ist, mögen folgmde Erwägungen zeigen.
Nach der im Novemberheft der Statistik de- Reich» enthaltenen Erntestatistik beträgt der Durchschnitt-ertrag für den Hettar bet Winterroggen bet 20 Zentner, bei Sommerroggen etwa 15 Zentner, bei Kartoffeln 170 Ztr. Angenommen , daß oer Besitzer eine- Grundstücks von einem Hektar ein Drittel davon mit Winlerroggen, ein Drittel mit Sommerkorn, da- letzte Drittel wenigsten» zum größer« Teil mit Ka toffrla bebaut, so erntet er 6V, Ztr. Winter- rvggen, 5 Ztr. Sommerrogen und etwa 60 Ztr. Kartoffeln. Man kann den Kartvffelverbrauch für einen stacken, an feinere Genüffe nicht gewöhnten Mage« auf den Kopf pro Taz auf zwei Pfund veranschlagen, das gleit für das Jahr 730 Pfo., für eine Familie von 5 Köpfen 36V» Zentner. Auf den Kopf rechnet man an Getretdeverbrauch 3Vi Ztr. für das Jahr; doch ist e- unter Voraussetzung sta ken Kartoffelverbrauchs, zumal wenn noch Kohl, HülsenfrÜchte und Fletsch hinzukommen, kaum möglich, ein so große» Quautum zu verzehren, vielmehr wahrscheinlich, daß eher der Kartoff-lveibrauch gesteigert wird, um von den geernteten ll*/3 Ztr. Getreide, welche» im Preise etwa dreimal so hoch steht al» Kartoffeln, noch ein paar Zentner verkaufen zu können. Dmgemäß können Ackerwirtschaftea von 1 Hektar schon zu den Kornverkaufenden gehören, haben mithin wes nttichr« Jnterrffe an der Höhe der Getretdepreise. Nun giedt c» nach der landwirtschaftliche Betriebsstatistik Betriebe unter ein Hektar im ganzen 2302652, über ein Hektar 2975692, — zusammen 5276344. WaS jene 2302652 unter ein Hcktar umsaffense Betriebe bedeuten, eigievt sich schon daraus, daß die Zahl oer selbständigen Landwirte, welche nicht nebenher Tagelöhneret treiben und ausfa licßitch dem Beruf zugehörea, nach der BeiufSstatistik nur 2252531 beträgt.
Diese selbständigen Landwirte werden also wohl ausschließlich den über 1 Hektar umfassenden Betrieben, deren Zahl 2973692 beträgt, angehöien, während die unt-t
1 Hcktar umfassenden Betriebe zu einem Teil mit von Tagelöhnern (die Zahl derartiger Landwi'.tr beträgt 866493 nach der BerufSstatistik), zum anderen und zwar zum größeren Teil von industrieller Nebenarbeit leben, wie auch etwa noch 720000 Betriebe über 1 Hektar zu diesen letzteren Kate- gorieen gehören dürften. Zugegeben, daß die unter 1 Hektar umfassenden Betriebe Kom zukaufen müffen, also keinen direkten Vorteil von Getreidezöllen haben, so fällt doch in» Gewicht, daß sie Nebenverdienste au» der Landwirtschaft (durch Tagelöhneret) oder (und zum bei weitem größere« Teile) aus irgend welchem anderen Gewerbe haben. Man wird also jedenfall» die Bedüifniffe de» eigentlich grund- besitzenden und bauenden Stande- nicht nach diesen in Nebenberufen beschäftigten Betrieben bemeffen können. Insofern die betreffenden .Landwirte" auch landwirtschaftliche Tagelöhner sind, richtet sich im übrigen ihr Jntereffe sehr wesentlich nach den Interessen der arbettgebenden Besitzer der größeren Betriebe, vo» deren Prosperität die Höhe ihre» Lohne- abhängt.
Fasten wir inS Auge, welche landwirtschaftliche Fläche die einen und die andere» inne haben, so ergiebt sich, daß die unter 1ha umfastenden Betriebe, deren Zahl 2302652 betrug, im ganzen nur 771455 ha Acker, Gartenland, Wiese, Weide, Obstgärten und Weinberge innehaden, während die 2 973 692 Betriebe, denen also au» den landwirtschaftlichen Zöllen Nutzen entsteht, 31097 517 ha landwirtschaftlich bebauter Fläche umfasten, von einer landwirtschaftlich bebauten Gesamtfläche von 31868972 ha Von dem Ertrage dieser hängt also nicht nur das Wohl und Wehe der 2252531 selbständigen Landwirte ab, sondern auch dasjenige der zugleich in Taglöhncret beschäftigten 866 493 Landwirte, ferner da- der eigentlichen, nicht grund- besitzenden 1373 744 Tagelöhner, ferner da» Schicksal der 1872834 Knechte und Mägde, der 47465 landwirtschaftlichen Aufseher, sowie da» der Dienstboten und Angehörigen, in Summa also da» ganze au-schlicßlich oder hauptsächlich in der Landwirtschaft thätige Personal von 18704038 Personen. Demgegenüber kann die Zahl derjenigen, welche Betriebe unter 1 ha haben und dabet in anderen Gewerben thätig sind, für die Beuckeilung der rein landwirtschaftliche« Bedürfnisse nicht in betracht kommen, weil sie eben ihre Subsistenzmittel nicht allein dem landwirtschaftlichen Betriebe verdanken. Welchen Vorteil andere ErwerbSzweigr durch die Blüte der Landwirtschaft haben, soll hier nicht weiter au-gesührt werden. Worauf e» un» ankam, war zu be- weifen, wie lächerlich das Märchen von den 28 000 Großgrundbesitzern ist, die nach .freisinniger" Meinung allein von Geirrt ezöllen Nutzen haben sollen.
Deutsches Reich.
Berlin, 23. Jan. Der .Reich-Anzeiger" veröffentlicht heute kein Bulletin über da» Befinden de» Kaisers. Sc. Majestät ist um 11 Uhr aufgestaneen. — Dasselbe
Blatt veröffentlicht ebenfalls die zwischen Preußen und Rußland am 13. Januar ausgetauschten Noten, betreffend die Auslieferung von Verbrechern. — Der Magistrat hat eine Subkommisston von 9 Mitgliedern eingesetzt, um über die Feier des 70. Geburtstage» des Fürsten Bismarck Vorschläge zu machen. — Der Bundesrat hielt gestern unter dem Vorsitz des Königlich bayerischen Gesandten, Grafen von Lerchenfeld-Koefrring eine Plenarsitzung ab. Die Versammlung nahm von der Zusammenstellung der Geschäfte des Bundesamt» für da» Heimatwesen im Geschäftsjahr 1883/84, von Eingaben wegen Erhöhung de» Zolls für Getreide und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse, sowie von den vorgelegten Aktenstücken über deutsche Laudrekla- mationen auf Fidji Kenntnis und überwies die Vorlagen betreffend die Bildung von BerufSgenostmfchaften auf Grund des Unfall-VerstcherungSgesetzeS, und die Ergänzung des Entwurfs de» ReichShau-haltS - Etats für 1885/86, den zuständigen Ausschüssen. Die Gesetzentwürfe wegen Feststellung eine» Nachtrag» zum ReichShauShaltSEtat für das Etatej ihr 1884/85 und wegen des Beitrags de» Reich» zu den Kosten des AnfchlusteS Bremens an daS deutsche Zollgebiet wurden genehmigt. Sodann wurde auf mehrere Eingaben, betreffend den Erlaß bezw. die Zurückerstattung von Zoll, Beschluß gefaßt. Ein Gesuch, betreffend die Befreiung einzelner Thon- und Syderolithfabriken von der BersicherungSpfltcht auf Grund des Unfallversicherungs- Gesetzes, wurde al» gesetzlich unstatthaft zurückgewicsen. Den Anträgen der betreffenden Ausschüsse gemäß wurde beschloffen, auf Grund des § 77 Absatz 2 des llnfallver- sicherungSgefetze« festzusetzen, daß daS Rechnungsjahr für die BerufLgenoffenschasten mit dem 1. Jan. beginne und dem 81. Dez. schließe, sowie auf Grund de» § 1 Absatz 8 a. a.O. die UnfallversicherungSpfltcht der Bauarbeiter auf Tüncher, Verputzer und verwandte Gewerbe auSzuvrhnen. Dem Anträge Preußen« wegen Aufnahme der Anstalten zur Verarbeitung von Theer uno Theerwaffer unter die genehmigungspflichtigen Gewerbeanlagen erteilte der Bundesrat feine Zustimmung. Endlich wurde über die geschäftliche Behandlung von Eingaben Beschluß gefaßt. — Dem Abgeordnetenhause ist eine Denkschrift zugegsngen, in welcher die Ueberweisung des gewerblichen Unterricht-Wesen» und der Pflege de» KunstgrwerbeS von dem Kultusministerium an das Handelsministerium damit motiviert wird, daß die Voraussetzung, unter welcher im Jahre 1879 bei der Errichtung des besonderen Handelsministcrium» die Verwaltung des technischen und gewerblichen UnterrichtSwesenS dem Kultusministerium übertragen wurde, sich al» nicht zutreffend erwiesen habe, d. h. der Versuch, .die preußische HanvelS- und Grwcrbeverwaltung mit der Verwaltung der gleichen Angelegenheiten de» Reiche» in eine engere Verbindung zu bringen", gescheitert sei; man habe damals nicht genug b - achtet, daß „die Zuständigkeit de» Reichs in Handel»- und Gewcrbeangelegenheiten sich auf die Gesetzgebung und Ober
Der verwunschene Prinz.
Novelle von Theodor Scheffel.
(Fortsetzung.)
Der Doktor warf dem Edelmaune einen bedeutsamen Blick zu und beide beobachteten noch einige Zeit, ohne irgend ein Wort zu sagen den Fremdling, der schwermütig sein Haupt aus die Brust gesenkt hatte. Bald hob der fremde Manu aber wieder den Kopf und sagt:: „Entschulvigen Sie, edele Herren, daß ich so unbescheiden war und Ihnen bi» jetzt nicht über meinen Namen und Stand Mitteilung machte. Ich heiße: Prinz Amadeus von Girgcnti und besitze außerdem noch den Titel eine» Grafen von der Eichen. Der letztere ist der eizenttiche Name meiner Famllie, deu viele, viele Geschlechter mit Ehren im deutschen Vaterlaude trugen. Dann wurde unser Name ia der alten Heimat verdunkelt; doch derjenige, der ihn verdunkelte gewann neuen Glanz im Au«laude, mehr Ehren, al« wir je vorher be- seffen, bis . . . (hier stockte der Fremde und brachte die folgenden Worte halb unterdrückt und gurgelnd hervor) bis stin — verfluchter Sohn alle», alle» verdarb und die getürftete Familie schändlichem Untergange weihte. Und dieser verfluchte — Sohn, der bin ich!" schloß der Fremdling mit markerschüitern er Stimme. Dann lachte er wie wahnsinnig, stampfte mit den Füßen, raufte sich die Haare und sank keuchend in deu Seffrl zurück.
Herr von Ravenstein und der Doktor waren tief ergriffen von dem entsttzltchev Unglücke, welche» In der Person de» Fremdliag» verkörpert war. Wahnsinn und Zerknir- schunz spiegelten sich in gleich hohem Maße in dem Ant
litze de» fremden Manne» und die beiden Herren erbebten von den Empfindungen, die sich wegen des Gehörten in ihrem Innern regten. Nach etuigcr Zett brach der Doktor da» Schweigen:
„Mein Prinz sagte er in fast väterlichem Tone zu dem Fremdlinge, „es existiert wohl kein Unglück in der Welt, für welche» e» nicht auch ein Trost gäbe, zumal wenn der vom Unglück Betroffene eine edrle Gesinnung sich zu bewahre« versteht. Verzagen Sie darum nicht gänzlich, durchlauchtigster Prinz, Ihr Schicksal ist vielleicht nicht so trostlos, wenn Ihnen Freunde raten und helfen."
„Guter Herr," erwiderte der Prinz mit trübseliger, verzweifelter Miene, „mir kann kein Freund, auch der edelste uns beste auf dieser W-lt nicht mehr helfen. Sie kennen alle die furchtbare G-schichte de» Don Juan, da» verhängnisvolle Lo» de» Ritter» Tannhäuser; da» Leben und Schicksal dieser Hrleeu de» frevelhaften und unverbesser- lichen Leichtsinne» ist auch da« meinige. Sie wiffen nun alle»,* fügte der Prinz mit einer geisterhaften Stimme und al» wenn er sich fürchte, von Menschen gesehen und gehört zu werden, hinzu. „Wenige Worte sollen Ihnen aber noch die nötigen Ausklärungen geben. Für mich, den Wüstling ohne gleichen, gab r» noch rin gute» treue» Weib, die mir der Himmel al» Engel gesandt hatte. Doch der Teufel siegle!" setzte er stöhnend ächzend hinzu. „Der Wüstling war für die Tugenden eine« braven Weibe» blind geworden und während mir die Tänzerinnen und Eourtisanrn wehr galten al» meine edle Gemahlin, legte mir der böse Dämon eine Schlinge, in welcher ich vollständig zu Grunde ging. Hahaha!" lachte der Prinz mit schrecklicher Gebrrde, „ich,
der Betrüger, hielt auch meine Gemahlin für ebenso falsch, al« ich selbst war! O schrecklicher Fluch de» Bösen! In diesem finsteren dämonischen Grolle, der ebenso ungerecht al« grundlos war, habe ich . , . mein . . . Weib . . . und . . ."
Der Prinz vollendete nicht, seine Stimme erstickte, Seelcnangst von unbeschreiblicher Natur hatte ihm die Sprache geraubt und er gestikulierte nur noch mit den Armen und atmete in Fieberhaft mit feiirr keuchenden Brust.
Der Eoelmann und der Arzt konnten in dieser peinlichen Situation zunächst weiter nichts thun, als abwarten, bi« sich der Prinz ein wenig beruhigt hatte, um dann vielleicht noch einige Fragen an ihn zu richten oder noch etwas von seinem trübseligen Schicksale zu erfahren. Der Prinz sprach aber längere Zeit kein Wort, weshalb Herr von Ravenstein Veranlaffung nahm, einige Worte an denselben zu richte«.
«Nah Ihren betrübenden Aussagen Durchlaucht," sagte der Edelmann, „steht e« allerdings nicht in unserer Macht, Ihnen zu raten und zu helfen bei dem schweren Lose, da» Ihnen da» Schicksal auferle. te. Wir wollen auch uns weiter nicht in Ihre Geheimniffe drängen, e» würde uns die« übel anstehen, aber eine andere Angelegenheit müßte ich wohl doch mit Ihnen in Ordnung bringen. Mein Nume ist von Ravenstein und ich bin der Besitzer diese» Schlosse», sowie der umliegenden Güter. Auf meinem Besitztume, drüben auf einer alten turgsuine wurden Sie unter den seltsamsten Umständen aufgefunden und wie tot in mein Hau« gebracht, wo Sie hauptsächlich durch die Kunst diese» Herrn, meine» Freunde» Doktor Berns wieder in» Leben zurückgerufrn wurden. (Fortsetzung folgt.)