Kr. 20
Nlarkurg, Sonnabend, 24 Januar 1885.
XX. JahrgMlg.
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Wöchkiitliche Bcilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Oberhesfische Zeitung
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Soweit der Borrat noch reicht, wird der Wandkalender für 1885 beigegeben.
___Die Exp. b. Oberh. Zeitung.
Deutscher Reich.
Berlin, 23. Jan. Der Kaiser war gestern fast neun Stunden außer Bett und empfing einige Besuche. Der Schlaf war Nachts mit einigen Unterbrechungen befriedigend.
Berlin, 22. Jan. O'fizirll robb bestätigt, daß der Kaiser heule lrüher, al» gestern, bereits am Vormittage, aufgestanden und sich besser befindet. — Al» der Kaiser heute mittag während de» Vorbeimärsche» der Wache am historischen Eckfenster erschien, wurde ihm von dem nach Taus noen vor dem Palat« stehenden Publikum eine enthusiastische Ovation dargebracht. Widerlegte doch da» Aussehen de» hohen Herrn all die dunklen, beunruhigenden Gerüchte, die heute früh die Stadt durchschwtrrt hatten. Schon während de» ganzen Vormittag» war da» Palai« von einer Menge umlagert, die mit ängstlicher Spannung sich nach dem Bi finden de» Kaiser» erkundigte. Die da» Palat» verlassenden Schloßgardisten und die Hofdienerschast konnten dir später auch von höhere« Beamten bestätigte Versicherung geben, daß da« Befinden de» Kaiser» sich bereit» derartig gebessert habe, daß er bereit« in der umnten Stunde da» Bett hatte verlassen können. Zn der Mittagsstunde, al» die Zeit der Ablösung der Wache heraunahte, wuchs die vor vem Palat» harrende Menge immer mehr an, so daß berittene Schutzleute den Weg für die Wache frei machen mußten. Kurz vor"/»lUhr verkündete Trommelschlag da» Herannahen der Wache, die heute vom 2. Garberegiment z. F. gestellt wurde. Al» sie dem Palai» sich ge. ähert hatte, intonierte dir Mustk den Preußenmarsch. Unmittelbar darauf trat der Kaiser an da» Eckfenster, von dem juveinuen Beifall der Harrenden begrüßt. Während die Wache da» Fenster passterte, ertönten die Klänge der Nationalhymne, in die sich die immer von neuem losbrechenden Hochrufe ver Menge mischten. Der Karser dankte wtederhclt durch freundliche» Nicken und trat erst nach längerem Verweilen in da» Zimmer zurück. — Dem BuaveSrat ist j-tzt auch die Ergänzung de» Emwurfe« zum RetchShauShatlS. Etat für da» Etat» jahr 1885/86 vorgrlegt woroen. Danach treten dem Etat hinzu an sorloauernoen Ausgaben unter „Auswärtige» Amt' bei den Gesanctichaften und Konlulaten 96000 Mk., an einmaligen Ausgaben unter „MSwäitigeS Amt' 152000 Mk., unter „Verwaltung de» RetchSheere»', Preußen, 10000 Mk. Diesen Mehrausgaben von zusammen 258000 Mk. steht
al» Einnahme eine entsprechende Erhöhung der Matrikular- beitrüge gegenüber. Die erstgenannten 96000 Mk. verteilen sich folgendermaßen auf die Besoldungen rc. der Beamten in den überseeischen Schutzgebieten: Kamerun 48000 Mk. (Gouverneur und Generalkonsul 30000 Mk., Kanzler 12000 Mk., Sekretär 6000 Mk.), Togo 18000 Mk. (Kommissar 12000 Mk., Sekretär 6000 Mk.), Angra- Pquena 18000 Mk. (Kommissar 12000 Mk., Sekretär 6000 Mk). Sämtliche Beamte haben freie Wohnung. Zu Remunerationen und Tagegeldern an Unterbedtente bei den Behörden in den überseeischen Schutzgebieten 12000 Mk. Die sächlichen und vermischten Ausgaben bet den überseeischen Schutzgebieten werden au» Ttt'l 96 bi« 100 de« Etat» bestritten. Die einmaligen Ausgaben von 152 000 Mk. find zur Errichtung von Dienstgebäuden nebst Woharäumen für die Beamten in Kamerun, Togo und Angra-Pkquena, sowie zur inneren Einrichtung dieser Gebäude bestimmt. Die 10 000 Mk. endlich im Militär - Etat find zur Verlegung de» Culmer Kadettenhause- nach Stolp in Pommern und zum Neubau eine» Kadettenhauses daselbst (zur Projekt- bearbettung) bestimmt. — Der BundeSrat überwies dir Vorlagen, betreffend die Bildung von BerufSgenossenschaften auf Grund de« UnfallverstcherungS-GesetzeS, und betreffend die Ergänzung de» Entwürfe» zum ReichShaurhalt» - Etat für 1885/86, den zuständigen Ausschüssen und genehmigte sodann den Gesetzentwurf wegen de« Beitrag« de» Reich« zu den Kosten de» Zollanschlussc« von Bremen.— Nachstehende Adresse an Fürst Bismarck ist am 12. d. M. von dem Minden - RavenSbergischen Bauern« Verein abgesandt wo>den: „Der heute hier versammelte Vorstand und Ausschuß de« Minden * RavrnSbergischrn Bauernverein« glaubt t« im Hinblick auf dir höchst bedauerlichen Kundgebungen im Reichstage bet der zweiten Lesung de» Etat« Ew. Durchlaucht schuldig zu sein, feine volle Uebereinstimmung mit Ew. Durchlaucht großartigen Bestrebungen für die Entfaltung und Sicherung de» deutschen Handel« in fremden Erdteilen und für Erhaltung de« W-ltfrie.en« durch internationale Regelung der alle handelstreibenren Völker so lebhaft intrressterenden Ver- hittnisse deS Congo Gi biete« auszusprechen. Wir sind der Ueberzeugung, daß Ew. Durchlaucht dadurch zwei der notwendigsten Voibe ingungen für die Wiederherstellui g de» öffentlichen Wohlstandes erzielen, und leben der festen Zuversicht, daß Sie, beseelt von dem ernsten Bestreben, dir wohlwollenden, auf da« Gedeihen aller Stände gerichteten, Absichten unseres Allergnädigsten Kaiser« und König« nach jeder Richtung zur Ausführung zu bringen, darüber die schweren Bedrängnisse, die auf dem Bauernstände lasten, nicht au» dem Auge verlieren werden. Insbesondere fühlen wir un» in dieser Beziehung gedrungen, unsere lebhafte Zustimmung zu dem auszusprechen, wa« Ew. Durchlaucht in der Reichstag« sitzung vom 8. d. Mts. über die Gründe der Auswanderung, über den übermäßigen Druck der öffmt«
lichen Lasten, namentlich solcher, die der Staat von sich auf die Gemeinden abwälzt, und über die notwendige Erhöhung der Kornzölle gesagt haben. Diese Worte find un« au« der Seele gesprochen. Wir danken Ew. Durchlaucht herzlich dafür! Wir vertrauen fest und bitten inständigst, daß Ew. Durchlaucht den so klar erkannten schweren Nebel« ständen mit aller Kraft abhelfen möchten, ehe e» zu spät ist. Bad Oeynhausen, 12. Januar 1885. Der Vorstand und Ausschuß der Minden-Ravenibergischrn Bauernverein». Darauf ist von Seiten de» Kanzler» an dm Vorstand jene« Verein», Frriherm v. L Reck, folgende Antwort ergangen : „Berlin, den 21. Dezember 1884. Au« Anlaß de« Retch«tag»tag«votum» vom 15. d. Mt». sind mir au« allen Teilen de« Reiche« so zahlreiche Kundgebungen zugegangen, daß ich außer Stande bin, eine jede derselben besonder« zu beantworten. Dem Mißtrauensvotum, welche« die Mehrheit de« Reichstage« durch Ablehnung dienstlich unentbehrlicher Mittel mir erteilt hat, stehen zahlreiche Be- weise de« Vertrauens gegenüber, mit welchem da« deutsche Volk die von mir vertretene auswärtige Politik Seiner Majestät de» Kaiser« zu unterstützen bereit ist. In den Kundgebungen der im Volke lebendigen nationalen Gesinnung finde ich die Ermutigung, auch bet abnehmenden Kräften auSharren im Kampfe gegen die Parteien, deren Unverträglichkeit unter einander und deren Einmütigkeit im Widerstande gegen jede staatliche Leitung die Entwickelung de« Reiche« hemmen und unsere mit schweren Opfern von der Nation erkämpfte Einheit gefährden. Alle dt«jenigen, welche mir in der gegenwürtigm Phase diese« Kampfe« ihr Einverständnis kundgegeben und ihren Beistand zugesagt haben, bitte ich meinen verbindlichsten Dank auf diesem Wege entgegennehmen zu wollen. v. Bismarck."
— Zufolge der in Nr. 18. d. Bl. erwähnten, dem «b- geordnetenhause zugegangrnen „Nachweisung* unterliegm der klassifizierten Einkommensteuer von 27 224179 Einwohnern 694355, befreit von der Klassensteuer find wegen Jahreseinkommen unter 420 Mk. 7341000, wegen Alter« unter 16 Jahren, soweit fle zur ersten Stufe gehören, 3473, Militärpersonen rc. 311400, wegen beeinträrtigter Leistungsfähigkeit bet einem Einkommen von 420—660 Mk. 690180, zu den Stufen 1 und 2 gehörige Personen 12924567, zusammen also 21270000. E« bleiben also klassenfteuer- pflichtig 5 259 000. ES unterliegen der klassifizierten Einkommensteuer 2,55 Prozent der Beröckerung, der Klassen- fteuer 19,32 Proz. Zusammen zahlen in den Stufen 2 bi« 12 1329 000 Personen 30110000 Mk. Stemrn. Zu den Stufen 1 und 2 sind veranlagt mit dem Satze von 3 Mk. 2731000 und zu 6 Mk. 1060900 Personen. Nach 8 1 de« Geßtz?« vom 26. Mäiz 1883 bleiben 3 Monatsraten der Sutten 3 bis 12 außer Hebung. Es kommen daher von den 30110000 Mk. in Abzug 7527000 Ma'.k und verbleiben 22 582 000 Mk.—Zur klassifizierten Einkommensteuer find veranlagt 194654 Personen, darunter
Der verwunschene Prinz.
Novelle vonTheodorScheffel.
(Fortsetzung.)
„Der Fremdling muß da jedenfalls die Schicksale seine» Vater» und Großvater» kennen," fuhr der Doktor fort, „und da ich diese so ziemlich weiß und auch gestern abenv im Kreise einiger Freunde noch manche» au» den Lebens- Verhältnissen der Grafen von der Eichen erfahren hab«, so soll er UN» grasig mit keinen faulen Fischen bedienen, ich würde ihm dann rundweg erklären, daß er ein Schwindler, ein Betrü er sei."
„Wa» haben Sie denn von den Grafen von der Eichen noch erfahren können, lieber Doktor?" frag Frau von Ravensbin. „Seit gestern ist mir und meiner Tochter da» herbe Schicksal vteser gräflichen Familie nicht aus dem Sinne gekommen. Wir haben den alten Grafen und seine Tochter tief bedauert. Weiß denn Niemand in der Stadt, wa« nach ihrem Wegzuge au« dieser Gegend au« ihnen geworden ist?"
„Hierüber habe ich allerdings nicht«, rein gar nicht« erfahren können," sagte der Doktor, „denn die Grafen von der Eichen stad seit länger al« dreißig Jahre« buchstäblich in dieser Gegend verschollen und Ntemand hörte jemals etwas von ihnen. Ich habe aber von einem hochbetagten Kret«richler, der damals Einige« mit der Ordnung der An- gelegenhetreu ver Grasen von der Eiche« zu thun gehabt hat, erfahren, daß der ältere Graf von der Eichen Oberst in Prag war und daß sein Sohn, Graf Botho von der Eichen, bei einem Husarrnregtment in Wien gestanden hat. Da bte» gleichzeitig di« letzten Garnisonen gewesm sind, wo
Baler und Sohn in österreictischen Diensten standen, so wird dies auch wohl ein Nachkomme derselben wissen, denn die militärischen Traditionen find jedenfalls in der gräflichen Familie noch gepflegt worden."
„Ein guter Gedanke von Ihnen," bemerkte der Gutsherr, „darüber muß un« der Fremdling Rede und Antwort stehen, wenn er ein Graf von der Eichen sein will. Doch halt, wie können wir uns so sehr in diesen Gedanken vertiefen, wo doch die Möglichkeit offen bleibt, daß e» mehrere Geschlechter der Grafen von der Eichen giebt und der, den wir beherbergen, schließlich mit denjenigen, die einst diese« Schloß ihr Eigentum nannten, gar nicht» weiter gemeinsam zu haben braucht, al» den Namen."
«Ich will dieser Möglichkeit nicht entgegentreten, ste ist ja vorhanden," sagte der Doktor, „aber wenn ich Ihnen meine Meinung frei heraussagen soll, so halte ich diese Möglichk-tt für durchaus nicht wahrscheinlich, denn wmn wir annehmen, daß der fremde Mann ein Graf von der Eichen ist, fo wage ich auch mit Gewißheit zu behaupten, daß er ein Nachkomme, ein Enkel de» früheren Besitzer» diese» Scklosse« ist, denn au» reinem Zufall hat sich jener feltsame M mn, den ich übrigen» nicht für einen Schwindler halte, nicht in riese Gegend verirrt und die Burgruine al- einsame« Asyl aufgesucht; da steckt ein geheimer Trieb dahinter, eine gewisse Ursache, die wir ja hoffentlich recht bald erfahren wereen."
Der Doktor hatte kaum gemdet, al« der Diener Joseph in da« Zimmer trat und meldete, daß der „fremde Herr" dringend gebeten habe, den Herrn von Ravenstein, seinen Wvhlthätrr, sprechen zu dürfe«.
«Ist der Fremde ganz wohl? Klagt er nicht «ehr
über seine Wunde oder seinen Kopf?' fragte der Herr von Ravenstein.
„Er scheint ziemlich gesund zu sein, wenn auch die Wunde noch nicht geheilt ist," antwortete der Diener.
„Nun, so wollen wir un- hinüber zu dem Patienten begeben, Herr Doktor," sagte der Gutsherr. „Da- Rätsel wird sich wohl nun lösen, wenn der Mann sprechen kann und ziemlich gesund erscheint."
Während Frau von Ravenstein und ihre Tochter in dem Zimmer zurückblieben, gingen die beiden Männer hinüber in die Stube, wo sich der kranke Fremdling befand.
Al» der Gutsherr und der Doktor eintraten, saß der Fremdling in einem Lehnstuhle am Fenster und hatte sein bleiche«, schwermütige« Haupt hinan« auf die goldige Abendlandsckaft gewandt. Wie er aber die Eintretendm bemerkte, erhob sich der fremde Mann rasch, trat de« beiden Herren einige Schritte entgegen, verneigte sich tief und sagte mit wohlklingender, zum Herzen dringender Stimme und während er seine großen dunkeln Auge« zu den Männem au-druck-voll erhob: „Sie sind offenbar die edelea Herren, denen ich meine Rettung und die gute Aufnahme verdanke. Gestatte« Sie mir, einem Unglücklichen, einem Elevde«, Ihnen dafür meinen tiefgefühltesten Dank zu sagen! Ste thaten an mir ein große« edle« Werk, wa« ich Ihnen niemals lohnen, noch entgelten kann. Mag Gott Sie dafür segnen!"
„Lassen Sir diese Lobpreisungm, lieber Mann," erwiderte sanft der Gut-Herr, „wir chaten an Ihnen nut ein Werk christlicher Nächst nÜebt, wie e« jeder brave Manu an unserer Stelle getha« haben würde. E- freut un», daß Ste so »iemiich wieder hergestellt sind und nun wohl bald ganz gesund sein werden.'