JHarfiurg, Donnerstag, 22. Jannar 1885.
ftr. 18
OdchkMk Jritniio
einzige, um den im Äolonialamt zu London vorherrschenden „diktatorischen* Tendenzen ein Paroli zu bieten. Wenn man dort erst die Urberzeugunz gewonnen hat, daß die Welt jeden Augenblick erfahren kann, wie liebenswürdig und entgegenkommend man ist, so wird man sich darnach einzurichten suchen. Mehr verlangen wir aber nicht.
Telegramm der Oberhesfischeu Zeitung.
Berlin, 21.Jan. Der Kaiser hatte eine gute Nacht. Der Zustand des Kaisers ist bestem Vernehmen nach unbedenklich.
Der Doktor verließ da« Zimmer und kehrte nach zehn Minuten mit beruhigende« GestchtSaaSdrucke zurück.
„Der Patient schläft ruhig weiter und habe ich keinerlei bedenkliche Symptome an ihm bemerkt,* sagte der Arzt, „Ruhe thut ihm jedenfalls noch am meisten not und der Wein, den wir ihm gaben, wird außerdem seine Lebens« geister gestärkt haben. Ich darf daher meinen Heimweg nach der Stadt wohl antreten, denn schwerlich wird bei btm Kranken eine Verschlimmerung eintreten.*
„Am liebsten behielte ich Sie allerdings noch einen ganzen Tag hier, lieber Doktor,' erwiderte der Herr von Ravenstein, „ober Eie haben mir schon ein großes Opfer gebracht, indem Sie von gestern bi» auf heute geblieben sind und ich sehe nunmehr rin, daß Sie nicht länger bleiben können und sich ihren übrigen Patienten widmen müssen. Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen; vorläufig meinen besten Dank! Was Sie an dem armen Fremdlinge thaten, dessen Leben Sir rrtteten, dafür komme ich auf, dir» «ollen Sie auf meine Rechnung schreiben, die» bitte ich mir ganz besonder» au». Auch ersuche ich Sie, auf meine Kosten sich morgen noch einmal hierher zu bemühen und nach dem Zustande de« Kranken zu sehen. Ich laste Eie auch mit meinem Wagen zurück nach der Stadt bringen.'
„Der Eile wegen, die ich in meinem Berufe nötig habe, nehme ich Ihr Anerbieten dankend an, Herr von Ravenstein,* erwiderte der Doktor, „und für unfern kranken Fremdling ordne ich noch an, daß er nach seinem Erwachen zunächst ein halbe« Gla« Wein und dann eine leichte Fleischsuppe erhält und davon eine kleine Portion ißt.
(Fortsetzung folgt.)
beigrlegt. — Der dem Reichstage morgen zugrheude Oechrl- häusersche Börsensteuerantrag wurde von den Nationalliberalen dahin abgeändert, daß die Besteuerung nicht 1000, sondern von 6000 Mk. ab beginnt und die Steuer auch bet Geschäften über 100000 Mk. steigt, und zwar für je 100000 Mk. um 2 Mk.
— Die DampfersubventionSKommission de« Reichstag» setzte gestern abend ihre Beratungen fort. Die „Nat.-Ztg.* berichtet über die Beratung folgende«: Etaat«sekretär von Bötticher hat sein Ausbleiben wegen Krankheit entschuldigt. Abg. Meter berichtet über die Arbeiten der Eubkommtsston; dieselbe werde erst in ihrer nächsten Sitzung, zu welcher ein Regierung«vertreter zugezogen werden solle, zu einem Resultat kommen. — Auf der Tagesordnung steht heute die Linie nach Afrika. Geheimer Rat Rösing macht Mitteilungen über den Handel mit Afrika. E« wurden exportiert im Jabre 1883: 491930 Doppelzentner im Werte von 31718000 Mk. Davon richtdeutsche Waren 31000 Doppelzentner im Werte von 415000 Mk. Hierbei ist die indirekte Ausfuhr über London nicht eingerechnet. Die Hauptartikrl seien: Spirituosen für 12 Millionen Mark, Nahrungsmittel 1800 000, Schießpulver 4600000, Baumwollgewebe 2086000, feine Eisenwaren und Gewehre 2721000, grobe Eisenwaren 1087000, Bier 836000, Tabak 723 000 Mk. Außerdem Lichte, Seifen, Parfürmeriern, Zündwaren, Wollenzeuge und bergt Die Einfuhr betrug 1883 470106 Doppelzentner im Werte von 27 501000 Mk. Die Hauptartikel waren Palmkerne für 8979000 Mk., Palmöl 3350000 Mk., Kautschuk 1098000 Mk., Ele- phantenzähne 506000 Mk. Abg. Meier wendet sich gegen den Abg. Menzrr, welcher für die Zweiglinie von Rotterdam plädMt halte. Die Herren im Binnenland hätten keinen rechten Begriff von der Last dieser Art von Verbindungen. Der Unterschied dieser Mehrkosten zwischen Frankfurt und Bremen oder Antwerpen und Hamburg- Rotterdam sei per Eisenbahn 1,50 Mk. Dagegen betragen die Kosten per Schiff 3000 Mk. und wenigstens 3 Tage Aufenthalt in Rotterdam. Die Gesellschaft würde besser Land- und Seefracht zusammrnwerfrn und ebenso billig über Hamburg und Bremen fahren vom Süden aus, oder über Rotterdam und Antwerpen. Für die Rückfracht müsse man dagegen die Freiheit geben, in Rotterdam anzulaufen. Er spreche jetzt offener über die Sache al« bisher, da ihm die Eventualität, das Unternehmen selbst zu führen, jetzt ferner gerückt sei, als er früher angenommen habe. — Die afrikanische Linie scheine ihm nicht viel postalisches Interesse zu haben. E» beständen bereit« zwei Linien nach Kapstadt, die aber so schlechte Geschäfte machen, daß sie sich verbündet haben. Die Kaplinie sei übertrieben worden zur Zeit de« DtamantgrabenS, auch die Wollprodnktion sei zu- rückgcgangen. Wenn nicht so viele Dinge im Werke wären, so würde er raten, diese Linie aufzugeben. Aber unter den jetzigen Umständen müsse er doch für sie rintretru,
„WaS soll nun wohl aus dem armenMenschen werden?" fragte Gertrud teilnehmend.
„Wir können doch nur ein zeitweilige« Samariterwerk an ihm thun, wohin soll aber später der Geisteskranke sich begeben ?"
„Wir werden seine Angehörigen zu erfahren suchen und diese ersuchen, sich deS Kranken anzunehmen,* meinte Gertrud« Vater. „Finden wir seine Angehörigen nicht, oder hat er keine oder doch keine solchen, die sich seiner annehmen, dann ist e« freilich schlimm »fit den Anmsten, dann müssen wir ihn der öffentlichen Mtldthätigkeit übergeben und er wird vielleicht Aufnahme in irgend einer LandeS- anstalt für unheilbare Geisteskranke finden.*
„Aber sagtest Du nicht, daß er rin Graf oder gar rin Prinz sei,* fiel Frau von Ravenstein rin. „Wird t« da Seine mitleidigen StammeSgenoffen geben, die sich in irgend riner Weise de« Unglücklichen annehmev, damit ihn nicht gerade da« traurigste aller Lose betrifft.*
„Wa« geschehen kann, soll in dieser Beziehung versucht «erden und will ich mich selbst seiner Zeit darum persönlich bei meinen Freunden und Bekannten bemühen, sobald wir die Gewißheit haben, daß der Fremdling wirklich ein Prinz oder Graf ist,* erwiderte der Gutsherr.
„Vielleicht wird auch alle« ander«, al« wir hier jetzt denken und fürchten," bemerkte der Doktor. „Wenn der Kranke nur heute noch vernehmungsfähig würde; aber ich glaube nur, er wird vor dem morgenden Tage nicht die genügenden Kräfte zurückerhalten, denn er ist curch den Blutverlust und die Entbehrungen zu sehr erschöpft. Gestatten Sie, daß ich noch einmal nach dem Patienten sehe. Er schläft jetzt beinahe zwei Stunden, r« könnte eine Aen- derung in fernem Befinden eingetrrten sein."
Da» neueste „Weißbuch".
Au« den vom Auswärtigen Amt neuerdings veröffentlichten Aktenstücken über die deutschen Landansprüche auf Fidschi (in der Sürser) geht unwiderleglich hervor, daß wir auch in diesem entlegenen Teile der Welt, ja dort vielleicht mehr noch als sonst irgendwo, mit der entschiedensten Abneigung der Engländer zu kämpfen haben, unseren Reichsangehörigen zu ihrem Rechte zu verhelfen. Volle zehn Jahre hat e« gedauert, bi« sich die Londoner Regierung entschlossen hat, eine gemischte Kommission zur Prüfung der deutschen Landansprüche auf Fidschi einzusetzen, bez. ihre Zustimmung zur Bildung derselben zu geben. Die genannte Inselgruppe im Stillen Ozean wurde von England 1874 annektiert und erst im Sept. 1884 entschloß sich Loro Granville, dem Drängen der deutschen Reichsregierung nachzugeben. Wenn wir nun in betracht ziehen, wie große Schwierigkeiten un« von englischer Seite auch in Afrika in den Weg gelegt worden stad, wie wir überall englische Einflüsse zu unserem Nachteil thätig finden — so müssen wir sagen, daß da« Verdienst um die Fortdauer der guten Beziehungen zu England, welche Fürst Bismarck in der Reichstagssitzung vom 10 d. M. betonte — lediglich ihm selbst gebührt und nicht den britischen Staatsmännern, die In ihrer kurzsichtigen Unterschätzung dessen, was der deutsche Reichskanzler auch auf dem Gebiete der außereuro- pät'chen Politik zu leisten vermag, durch Jahre hindurch eine Taktik eer Verschleppung verfolgt haben, die als eine starke Geduldsprobe gekennzeichnet werden muß. Daß diese Geduld gleichwohl da« richtige war, hat der Erfolg gezeigt. England hat schließlich auch aus diesem Gebiete nachgegeben, wie e« unser Recht in Afrika hat anerkennen müssen; allerdings aber ist da« erst geschehen, nach em die Behandlung der Angra- Pequeua«Frage gezeigt hatte, daß Fürst vi-marck in der Kolonialpolitik so gut Bescheid weiß, al« sonst irgendwo. Ein anderer an seiner Stelle, ein Politiker von weniger Thatkraft und G-schicklich! it, würde nicht« erreicht haben, unsere kolonialen Bestrebungen ständen nach wie vor In der Luft und würden über akademische Erörterungen nicht hinauskommen. Dieses Eindrücke« vermag man sich nicht zu erwehren, wenn man da« neu ste deutsche „Weißbuch" liest. In England wird die Veröffentlichung diese» il'ttn« stücke» sicherlich Verstimmung erregen, weil die Gerechtigkeit«« liebe uns da» BilligkeitSge-ühl, deren sich die Englän rr zu rühmen pflegen, da urch in ein äußerst ungünstige« Licht gestellt werden. Der Reichskanzler hielt birst« von ihm sonst nicht gebrauchte Mittel aber wahrscheinlich für daS
ter verwunschene Prinz.
Novelle von Tbeodor Scheffel.
(Fortsetzung.)
„Die« ist wenigsten« gerade kein unmöglicher Fall," sagte der Herr von Ravenstein, al« der Doktor geendet hatte, „und wir sind Ihnen für Ihre freundlichen Mitteilungen zu Danke verbunden. Hoffentlich wird unser Fremdling bald gesund und dann werden wir wohl von seinem und seiner Familie Schicksale etwa« au« seinem eigenen Munde erfahren können."
„Ob darauf groß zu hoffen ist, muß ich bezweifeln,* erwiderte der Doktor mit bedenklicher Miene.
„Fürchten Sie noch immer für da« Lebe« de« Mannet?" fragte ter Edelmann besorgt.
„Die« gerade nicht, ich hoffe sogar den Kranken leidlich gesund zu machen, aber die« kann ich nur körperlich verspirchkn," sagte der Doktor ernst. „Wie e« mit dem offenbar zerrütteten geistigen Zustande de» Fremdling» nach besten Ger esung von dem Sturze und der Schußwunde aussehen wird, wage ich auch nicht annähernd anzugeben. Alle Umstände weisen darauf hin, daß Wahnsinn oder eine an Wahnsinn grenzende Schwermut den Geist des Fremdling» in Banden hält, sonst würde er nicht auf die verrückt zu nennende Idee gekommen sein, die verfallene Burgruine oU Wohnsitz al« Hetmstädte aufzusuchen und ich fürchte daher, daß, wenn der Fremdling körperlich hergestellt ist, wir noch einen Geist «kranken, einen Wahnsinnigen vor un» haben werden."
„Traurig, traurig i* sagte der Herr von Ravenstein «nb die Dornt« stimmten ihm bei.
Deutsche» Reich.
Berit«, 20. Jan. Wegen eine« leichten Unwohlsein« de« Kaiser« wurde der Opernball auf den 30. Januar verschoben. Der Kaiser ist heute vormittag länger im Bette geblieben; er verläßt jetzt mittag« da« Bett. — Der „Reichtanzeiger' meldet: Der Kaiser ist durch einen Erkältungszustand genötigt, seit gestern da« Bett zu hüten. — Ueber da« Befinden Er. Majestät det Kaiser« und König» wird der „Nordd. Allg. Ztg.' gemeldet, daß Allerhvchstderfelbe sich den eingetretenen Erkältung«,ustand bereit« gelegentlich der Trauerfeier für weiland den Prinzen August von Württemberg in der Garnisonkirche zugezogen habe, we-halb Se. Majestät auch am Sonntag bei der Feier de« Krönung»« und Ordensfestes veranlaßt war, sich einige Schonung aufzulegen und nach der stattgehabten Defilierkur der neuen Ordensritter vom Schloß au« nach dem königl. Palais zurückzukehren und für den ferneren Verlauf der Festlichkeiten mit feiner Vertretung Se. kaiserl. und königl. Hoheit den Kronprinzen zu beauftragen. — Die vergangene Nacht war für Se. Majestät bester al« die vorhergehende, doch ist Allerhöchstderselbe auch heute noch genötigt, das Bett zu hüten. — Dem Abgeordnetenhause ist die übliche Nachweisung über die Anzahl der für das EtatSjahr 1884/85 zur Klaffen- und klassifizierten Einkommensteuer veranlagten Personen zugegangen. Bei einer Seelenzahl von 27 224179 unterliegen der klassifizierten Einkommensteuer 694355. Befreit von der Klastensteuer sind 5 259 048. 2,55 Prozent unterliegen der klassifizierten Einkommensteuer, 19,32 Proz. der Klastensteuer. Die Klastensteuer ergtebt einen Betrag von insgesamt 20110106. Der Ertrag der Einkommensteuer beläuft sich auf 38641428 Mk. 14015 Personen, welche im Vorjahre zur Klastensteuer veranlagt waren, find jetzt zur Einkommensteuer herangezogen. — Von den Mitgliedern de« Zentrum«, welche der vudgetkommisston angehören, ist der Antrag für die Plenarberatung im Reichstage wie er eingebracht, entgegen dem Beschlüsse der Kommission die „Beihilfe zur Förderung der auf Erschließung Zentral-Afrika« und anderer Länder ebiete gerichteten Wissenschaft tchen Bestrebungen' statt 150000 M. nur 100000 M. zu bewilligen. — Vvn der dmtschkonservativrn Fraktion ist ein auch von Mitgliedern de« Z nlium« unterstützter Antrag auf Abänderung der Gewerbeordnung im Reichstage Angebracht worden. Verlangt wird in demselben in erster Linie ein Befähigungsnachweis seitens der Gewerbetreibenden; außerdem werden den Innungen durch Erweiterung der Bestimmungen de« § 100 e noch weitere wesentliche Rechte
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. äug. Koch.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn» und Feierlagen. — Quartal» rbonneinentS-PreiS bei der Expedition 18‘/4 Mk, bei den Postämter S Mk. 50 «fg (t ja Bestellgeld), chilsertionsgebahr für die gespaltene Zeile 10 Pf«. Reklamen für die Zeile 25 Pf«.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncey-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M., Kaffel, Magdeburg und Wien: Rudolf Mosse in Frankfurt ♦ a M., Berlin,München und Köln: G. L. Daube und Eo. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.