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Marburg, Sonntag, 18. Januar 1885.
XX. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Anitlicher Anzeiger s. D. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
Deutsche- Reich.
Berlin, 16. Jan. Der Bunde-rat hielt am gestrigen Tage eine Plenarsitzung unter dem Borsitz des Königlich bayerischen Gesandten, Grafen von Lerchenfeld - Kökering. Die Versammlung nahm von Eingaben wegen Erhöhung des Zolls für Getreide und andere landwirtschaftliche Er- zeugnlsie Kenntnis, beschloß, die Vorlage, betreffend die Impfung, den Entwurf eines Gesetzes wegen Abänderung des Zolltarifgesetz«- vom 15. Juli 1879, und den Antrag Bayerns, betreffend die Zulaffung der auf bayerischen Lyceen ausgebildeten Kandidaten der Medizin zur ärztlichen Prüfung, den zuständigen AuSschüffen zu überweisen und den Entwurf eines Gesetzes wegen Feststellung eines Nachtrag« zum ReichShaurhalt« Etat für das Etatsjahr 1884/85 auf eine der nächsten Tagesordnungen zu setzen. Eine an der DiSziplinarkammer für elsaß-lothringische Beamte und Lehrer in Colmar erledigte Mitgliedstelle gelangte zur Wieder- besetzung. Der Entwurf, eine- Gesetze« wegen Ergänzung deS ÄerichtSverfaffungSgesetz S wurde in erster und zweiter Lesung angenommen. Da« Rekursgesuch eines Beamten gegen seine unfreiwillige Versitzung in den Ruhestand wurde zurückvewiesen. Endlich wurde über die geschäftliche Behandlung mehrerer Eingaben Beschluß gefaßt. — Die „Nordd. ölig. Zig." schreibt: In der Preffe, sowohl hüben wie drüben, wirb mit vielem Eifer die Gesetzmäßigkeit und Opportunität einer Zirkularverfügung der Regierung in Köln besprochen, die eine Sperrung der geistlichen Funktionen solcher Geistlicher in der Diözese Köln angeordnet haben soll, welche nach erlangtem DtSpenü von dtr wiffenschaftlichen Vorbildung sich in verwaisten Gemeinden niesergclaffen haben. Elliche ultramontane Blätter wußten eS sogar genau, daß diese Verfügung auf direkte Anweisung deS Kultusministers ergangen sei, und knüpften daran die üblichen Bemerkungen von dem Wtebererwachrn des sogenannten Kulturkampfes und dem Wachsen der Verbitterung der katholischen Bevölkerung. Wir sind in der Lage, diese Erörterung dahin berichtigen zu können, daß eine derartige allgemeine Verfügung überhaupt nicht ergangen ist, daß die Regierung in Köln vielmehr nur in einem Spezialfalle auf eigene Verantwortung eine Verfügung getroffen hat, die sich auf den Gegenstand bezieht, bei der aber zugleich die Frage, ob der betieffende Geistliche nicht die Stellung eine- PfarrverweserS im Sinne der Nr, 2 de« Art. 1 der letzten kircherpolitischen Novelle vom 11. Juli 1883 eingenommen habe, zur Erörterung stau». Die Nachricht der ultramontanrn Blätter ist aeso eine falsche und nur ein Vorwans, Kapital für ihre Politik deS Unfriedens zu schlagen. Wir möchten empfehlen, ruhig die thatsächliche Entwickelung der Dinge abzuwarten und sich nicht durch tendnziöse Alarmnachrichten deuniuhigen zu lasten. — Dem Herrenhause ist der Gesetzentwurf über die Abstellung von Berechtigungen zum Hauen oder Stechen von Plaggen, Haide u. s. w. für die Provinz Hannover zugegangen. — Dem Abgeordnetenhause find die
Der verwunschene Prinz.
Novelle von Theodor Scheffel.
(Fortsetzung.)
„Jetzt darf ich wohl bitten, daß wir diese« Zimmer verlassen/ fuhr der Doktor fort. „Der Diener kann ja allein zurückbleiben und am Bette deS Kranken wachen. Wenn irgend etwas Bedenkliches passiert, so rufen Sie mich, Joseph/ schloß der Arzt, sich an den Diener wendend.
„Wenn wir bei dem Kranke» nicht mehr nötig sind, verlasse ich mit Ihnen gern dieses Zimmer/ sagte mit zu- stiedenem Lächeln der Edelmann zu dem Doktor, „denn e« wird Zeit zum Frühstück. Es war rin tüchtiger Marsch hinüber nach der Ruine und wieder zurück, drei Stunden stnd wir nun auf den Beinen, mein Magen knurrt und, der Ihrige wird das Gleiche thun. Kommen Sie, Doktor 1*
Der Gut-Herr und der Arzt verließen da- Zimmer wo der verwundete rätsilhafte Manu gebettet war und traten in ein geräumiges, komfortabel eingerichtete« Eckzimmer, wo der Gutsherr ein splendide« Frühstück auftragen ließ.
ES war noch sehr früh am Tage, denn schon bei Sonnenaufgang war man hinübergegangen nach der Burgruine und von jener Zeit bis jetzt waren nicht weniger als Ungefähr drei und eine halbe Stunde verstrichen. Der ungewöhnliche Vorgang, von welchem nunmehr alle Bewohner des Schlvste« Kenntnis erhalten, hatte auch die Damen des Hanfes zeitiger al« gewöhnlich die Zeit der Ruhe unter» Sechen lasten und wenige Minuten nach demEintriite de- «utsherm und ve« Arztes erschienen auch Frau von Ravenstein und Gertrud in vollendeter Morgentoilette.
Gertrud hatte nach dem Zeugnt« der Mutter ein«
Gesetzentwürfe, betreffend den weiteren Erwerb von Privateisenbahnen für den Staat und betreffend den Erwerb deS Halle-SoraU"Gubener Eisenbahnunternehmens für den Staat, nebst Begründung und den zugehörigen Denkschriften zu- gegangen. — Die Buvgetkommisston des Reichstag« beschloß zu dem Reichseisenbahn - Etat eine Resolution, in welcher die Regierung zu Erhebungen aufgefordert wird, ob und inwieweit eine Verminderung der Stellen im ReichS- eisenbahnamte zu ermöglichen sei.
— (Der Etat für 1885/86.] Ter dem Abgeordnetenhause gestern bei seinem Zusammentritt sofort vorgelegte Etat schließt die Einnahmen und Ausgaben ab mit 1257 725 000 Mk. Die Ausgaben im Ordinarium betragen 1221725788 Mark, die im Extraordinarium 36549212 Mark. Die ordentlichen Einnahmen betragen 1234711125 Mk., die außerordentlichen 922875 Mk., also zusammen 1235634000 Mk. Hieran« ergiebt sich der Fehlbetrag von 22091000 Mk., welcher durch da« Steigen des preußischen Matrikularbeitrag« an da« Reich gegen das Vorjahr um 24584641 Mk. herbeigeführt ist. Wäre der Matrikularbeitrag derselbe geblieben wie im Vorjahre, so würde demnach daS Budget 1885/86 vielmehr mit einem Ueberschuß von 2Va Millionen Mark abschließen. Der Fehlbetrag wird durch Aufnahme einer Anleihe gedeckt werden, worüber ein besonderer Gesetzentwurf vorgelegt wird. — Der Einnahme Ansatz (S. o.) zeigt gegen die für daS laufende Etatsjahr veranschlagte Einnahme ein Mehr von 102017622 Mk., der Ausgaben Ansatz (S. o.) gegen das laufende Jahr ein Mehr von 124108 622 Mk. WaS zunächst die ordentlichen Einnahmen betrifft, so zeigen sie einen Mehransatz (gegen daS laufende Jahr) von 114865 538 Mk. Bei fast allen Betriebsverwaltungen haben Ueberschüste veranschlagt werden können. In erster Reihe bei der Eisenbahnverwaltung, wo der Mehrüberschuß 26903939 Mk. beträgt. Demselben steht indeß bei der Staatsschul dcnver waltung teils infolge der Verstaatlichung von Privatbahnen, teils infolge der Aufnahme von Anleihen zu Eisenbahvzwecken eine Mehrausgabe an Zinsen von 23 308 523 Mk. gegenüber, so daß nur ein wirklicher Mehrüberschuß von 3595416 Mk. verbleibt. Bei der Verwaltung der indirekten Steuern ist ein Mehrüberschuß von 4772830 Mk. veranschlagt. Besonders in betracht kommen 684460 Mk. 6d den Vergütungen für die für Rechnung des Reichs zu erhebenden Zölle und Steuern um 1 Million Mk. bet der Stempelsteuer. Von Minder« auSgabm kommt in betracht eine solche von 3010200 Mk. anläßlich der Zurückverweisung der Erhebung der Gerichtskosten und der gerichtlichen Strafgelder an die Justizverwaltung. Dieser Minderausgabe, sowie den Ersparnisten, welche infolge Wiederherstellung besonderer Gerichtskasten auch bei den Etats des Finanzministeriums und der direkten Steuern eintreten, stehen indesten die durch diese Organt- sationsveränderung bedingten Mchikosten von 4 502519 M.
ruhige Nacht gehabt. Das Freifräulein war offenbar des Trübsinnes, ver sich am vorigen Tage wegen des seltsamen EreignisteS auf der Burgruine sich ihres Geiste« bemächtigt hatte, Dank ihrer guten Gesundheit und ihrem Willensstärken Charakter, vollständig Herr geworden und als sie ihren Vater und den Doktor begrüßte, glich sie einem voll nbcttn Bilde jugendlicher Schönheit und strotzender Gesundheit. Gertrud lachte sogar mit Heller, wohlklingender Stimme über die gestrige Affaire mit -dem verwunschenen Prinzen, ein Lachen, in welche» alle Anwesenden herzlich einftimmten.
Zn ganz besonder« aufgeheiterter Stimmung war Herr von Ravenstein, der all die bedenklichen Folgen der gestrigen Affaire sür sich und seine Tochter verdrängt sah. Zärtlich nahm er seine Gemahlin und Gertrud bei der Hand und führte die Damen zum Frühstückstische, indem er gleichzeitig auch den Doktor freundlich einlud, Platz zu nehmen und sich nach den gehabten Anstrengungen durch einen tüchtigm Imbiß zu stärken.
Al« man einige Bisten gegesten und da« erste Gla« Medok getrunken hatte, sagte Herr von Ravenstein halb scherzend:
„Ich weiß e«, die Damen find sehr begierig darauf, zu wissen, wer denn eigentlich die rätselhafte Person ist, die drüben auf der Ruine ihr Wesen trieb und die sich nun unter unserem Dache in Pflege befindet. Genau wisten wir e« selbst noch nicht, aber wir haben einige Anzeichen, wonach der seltsame Mann doch eine Art verwunschener Prinz zu sein scheint."
„Du sprichst in Rätseln, lieber Mann/ sagte Frau
bei der Justizverwaltung gegenüber. Die Mehrkosten der künftigen, gegenüber den Kosten der bisherigen Einrichtung sind im ganzen auf 1264 670 Mk. anzunehmen. Bei den direkten Steuern ist ein Mehrüberschuß von 2380567 Mk. angesetzt, worin eine Mehreinnahme von 1718 000 Mk. bei der klassifizierten Einkommensteuer, von 555000 Mk. bei der Gebäudesteuer, von 335500 Mk. bei der Kl-sten- steuer, von 347000 Mk. bei der Gewerbesteuer entfallen ist. Bei der Forstverwaltung stnd 603000 Mk., bei bet Bergwerk«verwaltung 284367 Mk., bei der Domänenverwaltung 216 800 Mk., bei der Lotterte 15 900 Mk. Mehr» Überschuß veranschlagt. Im ganzen beträgt der Mehr- Überschuß aller Betriebsverwaltungen 35173 533 Maik. Bei der allgemeinen Finanzverwaltung ist vornehmlich infolge der gesteigerten Einnahmen aus den Zöllen und der Tabaktsteuer eine Mehretnnahme von 867302 Mk. veranschlagt. Die Einnahmen der eigentlichen Staatsverwaltungen find angesetzt mit 900482 Mk. Die außerordentlichen Einnahmen b. tragen nur 922875 Mk., da der Ueberschuß von 1883—84 nur gering ist, während im laufenden Etat ein solcher Ueberschuß von 13 Mill. Mark eingesetzt teerten konnte. Bei den Ausgaben fällt vor allen Dingen ins Gewicht der gesteigerte Matrikular- Beitrag. Derselbe ist mit 64436798 Mk. in Ansatz gebracht, also 241/2 Mill, mehr gegen das laufende Jahr. Außerdem erheischen Mehrausgaben der Fond« zur Verstärkung de« Zivil-Penstons-Fond« (um 700 000 Mk.) und des Fonds für Witwen« und Waisengelder (um 515 700 Mk.), ferner daS Gesetz über die allgemeine Landesverwaltung von 1883 und die hannöversche Provinzial- und Kreisordnung von 1884: 1163000 Mk., wogegen künftig an Ausgaben in der hannöverschen Verwaltung rund 1 Mill. Mark gespart werden. Beim Ministerium deS Innern ergiebt sich überhaupt eine Mehreinnahme von 177 591 Mk, dagegen infolge namentlich der Erhöhung der Ausgaben für Polizeizwecke eine Mehrausgabe von 197492 Mk. Bei der Verwaltung von Handel und Gewerbe steigern sich die Ausgaben um 123391 Mk. Das Kultusministerium verlangt für Mehraufwendungen 292641 Mk. für Untversttäten, 280798 Mk. für das Elementarunterrichts« wesen, 115812 Mk. für daS technische UnterrichtSwesen, so daß im ganzen eine Mehrausgabe von 847000 Mk. entsteht gegen eine Mehreinnahme von 127554 Mk. Die Erhöhung von AuSgabeposttionen auf verschiedenen Gebieten der Landwirtschaft beträgt 285 473 Mk. Im ganzen ist bei den Dotationen und der allgemeinen Finanzverwaltung eine Mehrausgabe von 47664557 M., bei den übrigen Staatsverwaltungen eine solche von 8 782 688 Mk. veranschlagt. Von den einmaligen außerordentlichen Ausgaben, deren Gesamtbetrag um 10248424 Mk. zurückbleibt gegen den Betrag veS lausenden Jahres, entfallen 13 279 000 Mark auf die Betriebs - Verwaltungen und 23270212 Mk. auf die anderen Staatsverwaltungen.
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von Ravenstein. „Wie kann Jemand eine Art verwunschener Prinz sein, wa« meinst Du mit dieser merkwürdigen Anspielung?"
»Nun, daß der rätselha'te Mann nicht verwunschen ist auf Grund eines bösen Zauber«, wie ihn die Sagen und Märchen schildern, sondern daß er verwunschen ist durch ein große« Unglück, eine verhängnisvolle Leidenschaft, eine Wahnvorstellung oder sonst eiwaS Menschliches, Begreifliche«, wa« wir allerdings feiner Art nach noch nicht kennen, da der Mann bis jetzt nur wenige Worte, die sich nicht auf feine Personalien bezogen, gesprochen hat. Aber daS Merkwürdigste bei der ganzen Affaire ist/ betonte der Gutsherr, „daß der rätselhafte Unbekannte thatsächlich eine hochgeborene Person, ein Graf ober gar ein Prinz zu sein scheint."
„Ist« möglich? — Unglaublich!" riefen Frau von Ravenstein und Gertrud fast gleichzeitig.
„Es dünke mir die Wahrheit, wenn auch eine traurige jtt sein/ eroberte der Doktor. „Aussehen, Kleiber, Manieren deS Mannes deuten unbevingt auf eine vornehme Abkunft hin und dann trägt er ein Amulet, welche», wenn sich besten Inschrift auf die Person de« Trägers bezieht, einen sehr d milchen Beweis seine« hohen Stande« enthält."
„Wie heißt denn die Inschrift?" fragte mit begreiflicher Neugierde die Dame de« Hauses.
„Sehr vornehm, sehr vornehm," betonte der Edelmann, „Principi Amadeo Girgenti, Prinz Girgenti und Graf von der Eichen, steht aus dem Amulet.
(Fortsetzung folgt.)