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JUaröurg, Sonnabend, 17. Januar 1885.

XX. Jahrgmg.

Erscheint täglich außer an «Uerktaaen nach Sonn- und Feiertagen. - Quartal- Lbonncments-Preis bei der Expedition 2‘A Mk., bei den Postämter 2 «k. 50 «kg. (epi. Bestellgeld). -»nsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf,. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

OlierMchc Jeitimg.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoneen-Burcaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M-, Kassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln: G. L- Daube und Co. m Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Wöchciitliche Beilage«: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - ZIlnstriertes Sonntagsblatt.

Expedition-. Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Berlin, 15. Januar.

Der preußische Laudtog

ist heute mittag 12 Uhr im Weißen Saale de« Königlichen Schlosse« erfolgt. Der Feierlichkeit ging für die evan­gelischen Mitglieder ein Gottesdienst in der Hof- und Domkirche, für die katholischen Mitglieder eine heilige Meffe in der St. HedwigSktrche voraus.

Erschienen waren von beiden Häusern de« Landtage« gegen 180 Mitglieder, fast sämtlich in Zivil. Die Hof- Loge blieb leer, in der Diplomaten Loge bemerkte man zwei Mitglieder der russischen Botschaft. Um 12 Uhr traten die Staatsminister in kleiner Uniform, geführt von dem Vizepräsidenten de« StaatSministerium« v. Pnttkamer in den Saal und nahmen znr Linken de« verhüllten Thron- fessel« Aufstellung. Vor demselben hatten die Mitglieder beider Häuser de« Landtags tat Halbkreise sich aufgestellt. Vizepräsident von Pnttkamer nahm sodann au« den Hänoen des Unterstaatssekretär« Homeyer die die Thron­rede enthaltende Mappe entgegen.

Die im AuSzuge bereit« gestern mitgeteilte Thronrede hat folgenden Wortlaut:

Erlauchte, edle und geehrte Herren von beiden Häusern de« Landtage«!

Seine Majestät der Kaiser und König haben mich mit der Eröffnung de« Landtag« der Monarchie zu beauf­tragen geruht.

Die Finanzlage de« Staate- ist an sich eine befrie­digende. Da« letzte abgeschlossene Rechnungsjahr hat bei fast allen wichtigeren Einnahmezweigen, namentlich auch wiederum bet der Verwaltung der Staat-etsenbahnen, gün­stige Resultate und insgesamt einen Ueberschuß von mehr als 20 Millionen Mark ergeben, welcher gemäß den ge- se-lichen Bestimmungen über die Verwendung der JahreS- überschüsse der Eisenbahnverwaltung bis auf einen geringen verfügbar gebliebenen Betrag zur Tllgung der StaatS- eisenbahn - Kapitalschuld zu verwenden gewesen ist. Auch dar lausende Jahr läßt nach den bisherigen Wahrnehmungen einen günstigen Abschluß hoffen und einen zu gleicher Ver­wendung kommenden Verwaltungsüberschuß erwarten. Dem­entsprechend sind die Einnahmen für da» nächste Jahr er­freulicher Weise wiederum in dem Maße zu veranschlagen, daß sie zur vollen Deckung de« in der bisherigen Weise streng geprüften, aber nirgend« unwirtschaftlich beschränkten AusgadebedarsS hinreichen würden, wenn dem letzteren nicht eine Erhöhung des MatrikuiarbeitrageS für da« Reich um mehr ale 24 Millionen Mark hinzuträte.

Schon seit längerer Zeit weist eine Reihe großer und anders al« mit neuen Einnahmen vom Reich nicht zu be« friecigenoer Bedürfnisse, namentlich die dringend wünschens­werte Erleichierung be« Druckes dec Kommunal- und Schullasten, wie die Verbesserung der Beamtenbesoldungen, auf ote Notwendigkeit der Eröffnung neuer Einnahme­quellen des Reiche« hin. Der inzwischen hervorg'tretene eigene Mehrbedarf be« Reiches giebt eine neue Mahnung

hinzu, welche, fc hofft die Staatsregierung, bald allseitig beachtet werden und in naher Zeit wieder zu einer Er­mäßigung unsere« Matrtkularbeitrage« auf die für da« laufende Jahr festgestellte Summe führen wird. Inzwischen muß von der höheren Bedarfssumme auSgegangen werden und, wenn auch ein Teil derselben noch in den ordentlichen Einnahmen des Staate« Deckung finden kann, in der Hauptsache zur Deckung derselben eine außerordenlltche Ein­nahme in Aussicht genommen werden.

Die demgemäß aufgestellten Entwürfe de« StaatShau«- haltSetatS für da« nächste Jahr und eine« Gesetze« wegen Aufnahme einer Anleihe zur entsprechenden Ergänzung der nächstjährigen Einnahmen de« Staate« werden Ihnen als­bald zugehen.

Der durch die Gesetzgebung deS Reiche» herbetgeführte Aulschwung der Gewerbthätigkett macht sich in einer all- mälig fortschreitenden Entwickelung de» Volkswohlstände« bemerkbar. Nur die landwirtschaftliche Bevölkerung entbehrt bisher des ihr gebührenden Anteil« an den Wohlthaten dieser Entwickelung.

Trotz der im Ganzen gesegneten Ernte laste ein Druck auf der Landwirtschaft. Gegenüber den gestiegenen Produk­tionskosten und den erhöhten öffentlichen Lasten, welche auf diesem wichtigen ErwerbSzweige ruhen, ist eine denselben entsprechende Steigerung der Preise der hauptsächlichsten Erzeugnisse nicht eingetreten, dieselben stehen vielmehr niedri­ger wie seit vielen Jahren. Der Absatz im Bereiche der landwirtschaftlichen technischen Nrbengewerbe stockt und eS stnd die Preise für Zucker und Spiritus auf ein Niveau herabgesunken, welche den Betrieb nicht nur nicht mehr lohnend, sondern verlustbringend macht. ES wird rin Gegen­stand unausgesetzter Fürsorge der Regierung Seiner Majestät sein, so diel an ihr ist, die Ursachen dieser schweren Krisis aufzuklären und durch ihre Maßnahmen nach Möglichkeit Adhülfe zu erstreben.

Die in der letzten Session nicht erledigten Gesetzentwürfe zur Umgestaltung der direkten persönlichen Steuern und Einführung einer Kapitalrentensteuer sind unter sorgfältiger Prüfung der bei ihrer Vorberatung im Landtage hervorge­tretenen Bedenken und Abänderungsvorschläge zum Teil anderweit redigiert worden und werden Ihnen von Neuem vorgelegt werden mit dem Wunsche und der Hoffnung, daß die damit vor Allem beabsichtigten baldigen weiteren Be­freiungen der wenig begüterten Bevölkerung-klassen von dem Drucke der direkten Steuer nicht minoer wie die son­stigen steuerpolitischen Ziele derselben nunmehr erreicht werden mögen.

Behuf« erhöhter Nutzbarkeit de« mit gedeihlichem Er­folge durchgeführten StaalSeisenbahn-System- hat die Re­gierung auf den Erwerb einiger weiterer Privateisenbahnen für den Staat Bedacht genommen, al» da- zweckmäßigste Mittel zur Lösung der Schwierigkeiten, welche die besonderen Verhältnisse der betreffenden Gesellschaften zum Staate der wünschenswerten Vereinfachung der Verwaltung entgegen­

stellen. Die übereinbarten Verträge werden Ihnen vorge­legt und wegen Verwendung der durch den Abschluß der­selben berettstehenden Mittel für die Ausführung von Meliorationsbahnen Vorschläge gemacht werden.

Die Verbesserung der vaterländischen Wasserstraßen schreitet erfolgreich fort und wird in planmäßiger Weise ihrem Abschlüsse entgegeugefühü.

Nachdem in der vorigen Session de« Landtage- unter Ihrer Mitwirkung für die Provinz Hannover eine Kreis- und eine Provinzialorduung auf der Grundlage der neuen Berwaltungsgesetzgebung zu Stande gekommen und damit der erste Schritt zur Uebertragung der letzteren auf die Provinzen, in denen sie noch fehlen, geschehen ist, erscheint die wettere Durchführung der Reform der inneren Verwal­tung al« eine wichtige gesetzgeberische Aufgabe. Von den­jenigen Provinzen, welche hier in Frage kommen, ist die Provinz Hessen-Nassau wegen der Verschiedenheit ihrer kommunalen und VerwoltungS-Einrichtungen sowohl in der Provinz selbst, wie auch gegenüber den übrigen Tellen der Monarchie einer Reorganisation am dringendsten bedürftig. E« werden Ihnen daher, um dieselbe herbeizuführen, Ent­würfe einer neuen Krei«- und Provinzialorduung für diese Provinz vorgelegt werden.

ES werden Ihnen ferner Gesetzentwürfe zugehen, durch welche die bewährten Grundsätze der altpreußtschen Gesetz­gebung über die wirtschaftliche Zusammenlegung der in ver­mengter Lage befindlichen Grundstücke auf da« Geltungs­gebiet des rheinischen Recht« und auf die hohenzollernschen Lande unter Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse dieser Landesteile ausgedehnt werden sollm.

Meine Herren l Indem ich Sie im Namen Sr. Maje­stät begrüße, lade ich Sie ein, Ihre Arbeiten wieder auf­zunehmen, und gebe mich namen« der StaatSregierung der Hoffnung hiu, daß e« gelingen wird, die gewichtigen Auf­gaben dieser neuen Session unter Ihrer patriotischen Mit« Wirkung einer gedeihlichen Erledigung entgegenzuführen.

Im Auftrage Sr. Majestät de« Kaiser« und König« erkläre ich den Landtag der Monarchie für eröffnet-

Unmittelbar nach Verlesung dieser Eröffnungsrede, welche die Versammlung am Schluß de« Passus, der die Fürsorge der Regierung für die Landwirtschaft betrifft, mit Beifall begleitete, brachte der Präsident des Herrenhauses, Herzog von Ratibor, da« Hoch auf Se. Majestät au« mit den Worten: Se. Majestät der Kaiser, unser Allergnädigster König und Herr lebe hoch l — welche« die Versammlung voller Begeisterung dreimal wiederholte.

Auf den für das größere Publikum bestimmten Tribünen wohnten der Zeremonie, die nur kurze Zeit in Anspruch nahm, auch heute wiederum zahlreiche Zuschauer bei.

Koloutalpoltttt tm Reichstage.

Der glänzende Erfolg, welchen der Reichskanzler am Sonnabend tm Reichstage erzielt hat, die durchschlagende Rede im großen Stil verfehlm in ganz Deutschland nicht einen lebhaften Widerhall zu finden. Nur das Häuflest»

Du« vrimm,Denkmal.*)

Ruf ergeht vom Komitee: Deffnet euer Portemonnaie; Auch ein Wechsel oder Check Segnet sich |ür unsren Zweck; Rubel, Dollar, Pfund und Franks, Alles nehmen wir mit Dank: Denn wir brauchen, leider schlimm, Viel noch für dee Brüder Grimm.

Deutsche sind ja überall, Reich an ebelem Metall, Haben meisten« Fleiß und Kraft, Sinn für Kunst und Wissenschaft. Hätte jeder Millionär Rur ein Herz unb schickte her, Was für Summen kämen da Rur aus Nordamerika!

Mancher lebt in SauS und Brau«, Giebt mit vollen Händen aus, Kauft, waS teuer ist und fein, Kehrt im ersten Rang nur ein, Giebt Diner, liebt Sport und Spiel, Weiß von Sorg' und Not nicht viel. Würden wir von ihm bedacht, Hält' er sich verdient gemacht.

*) Bei der am 4.d.M. in Hanau abgehaltenen Feier deS dundertjävrigenGeburtstagesJakobGrimmS, von dessen glän- Kndem Verlause wir schon früher berichtet haben, machte den «qluß deS langen Reigens der Trinksprüche ein von Herrn Ober- leerer Or. Sucht er daselbst verfaßtes launiges Gedicht, das auch '" unserer Stadt einer freundlichen Ausnahme und Beherzigung Sswiß (ein darf. Wir haben dasselbe daher im Feuilleton dieser «ummer zum Abdruck gebracht.

Denkt doch nur, daß jedes Kind Weiß, wie schön die Märchen sind. Manntje Manntje timpe te, Buttje Bnttje in be See. Ziege, bist du denn auch satt? Ich bin satt, ich mag kein Blatt. Spieglein, Spieglein an der Wand, Wer ist die schönste im ganzen Land?

O Schneewittchen weiß wie Schnee, Brüderchen, das ward zum Reh, Zuckerhäuschen, Hans im Glück, Aschenbrödel, DaumenSdick, Röschen in dem Dornenwald' Wer vergißt das wohl sobald? Hätte nur die Kinderwelt Zu verfügen über Geld!

Schüler haben etwas mehr, Tragen freilich auch nicht schwer. Denn das Studium tostet viel, Bis man angelangt am Ziel. Aber ISinigteit macht start, Nickel sammelt sich zur Marl, Und die große Schülerzahl Bringt zu stand ein Kapital.

Legt man doch mit Recht Gewicht Auf den deutschen Unterricht. Daß die Regel da nicht schwankt. Wird den Brüdern Grimm »erbanlt; Was in Prima wird gelehrt, Ist durch sie erst aufgeklärt, Lautgesetz, Entwicklungsgang, Ulfila« und Heldensang.

Universitäten nun Können viel noch weiter thun. Wo so mancher Studio Lebt in dulci jubilo. Wollt er sich nur am Getränk Abziehn, könnt' er ein Geschenk Sparen für das Komitee, Und eS thät' ihm wenig weh.

Professoren, da- ist klar, Sind begeistert für da- Paar; Denn wer selber ist gelehrt, Würdigt ihren vollen Wert, Weiß, wie oft sie Grund gelegt, Alles Deutsche treu gepflegt, Sprache, Mythus, Recht, Kultur Aufgedeckt auf sichrer Spur.

Große deutsche Nation, Schuldig bist du noch den Lohn Diesem edlen Brüderpaar, Das dir so ergeben war, Liebevoll in Einigkeit, Friedlich in Bescheidenheit, Rastlos thätig, stark und mild, Deutschen Wesen- wahres Bild-

Laß im stillen HeimatSort, Wo sich einen Süd und Nord, Wo der Main rinnt schlicht und klar, Wie ihr Thun und Denken war, Laß sie stehn im Monument Wie im Leben ungetrennt, Daß eS jedem sage: Nimm Borbild an den Brüdern Grimm!