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Nr. 13

Marburg, Freitag, 16 Januar 1885.

XX. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 3*/t Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (erd. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 35 Pfg.

OlierlikMk Zitmig.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Messe in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln: G. L. Daube und Co. .in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

velreidezölle.

Dir neueste Nummer der »Landwirtschaftlichen Prrfse" bringt hierüber folgenden Leitartikel:

Die Frage der Getrridezölle, von der man lange an« nahm, daß sie der Initiative deS Reichstags überlasten bleiben solle, wird nun nach den Mitteilungen, welche der Fürst Reichskanzler in der Sitzung vom 8. d. M. gemacht hat, von der ReichSregierung dtrckt in die Hand genommen werden» Wir können dies nur mit Freuden begrüßen und sehen in diesem Vorgänge einen neuen Beweis nicht nur der treuen Fürsorge der Regierung für die Landeswohlfahrt, sondern auch der hervorragenden Sachkenntnis landwirt­schaftlicher VerhSltniste, durch welche sich der Reichskanzler ouszetchnet. Ueber die Notlage der Landwirtschaft ist stch jetzt schließlich alle Welt einig, nnr über die Heilmittel streiten noch die Doktoren der verschiedenen Schulen, und wenn man auf deren Einigung warten wollte, so würde der Patient inzwischen längst an Entkräftung gestorben sein. Die Gründe, welche für die Getreidezollerhöhung sprechen, find in kurzem folgende:

Nach Lage unserer wirtschaftlichen, klimatischen und Bodenvrrhältniste wird der Getreidebau für unabsehbare Zeit die Basis unserer Landwirtschaft bleiben müssen. Die guten Ratschläge, stch anderen Kulturen zuzuwenden, sind teils unausführbar, teils sehr bedenklich. Hätte z. B. der Getreidebau bester rentiert, so würden stch nicht so viele in überstürzender Hast dem Rübenbau zuzewandt haben, und damit wäre unS der Zuckerkrach erspart geblieben. Eine Ausdehnung des FutterbaueS und der Weidewirtschaft, ganz abgesehen davon, daß sie vielfach des Klimas und deS Bodens wegen unmöglich ist, setzt in gleichem Maße die Produktion menschlicher Subsistenzmittel pro Morgen herab und entzieht zahlreichen Arbeitern die Beschäftigung. Auch politisch ist eine weitgehende Beschränkung deS G treidebaucS und die damit verbundene Abhängigkeit vom Auslande nicht leichtfertig zu unterschätzen. Die feineren Kulturen wie Obst-, Gemüse- und HandelSgewächSbau werden nie so große Ausdehnung erlangen können, daß sie, so nützlich ste am rechten Orte auch find, die deutsche Landwirtschaft alS solche retten können. Wenn wir aber einmal Getreide im großen bauen müsten, so muß dieser Anbau auch rentabel erhalten werden, falls man anders nicht einen BermögenSverfall in der Landwirtschaft herbetführen will, bei dem selbst die enragtertesten Freihändler, die stch jetzt noch allen An­forderungen der Landwirtschaft grflistenkltch entzegenstellen, doch Angst bekommen würden; die totale Entwertung aller auf landwirtschaftliche Grundstücke auSgelikhenen Hypotheken ist schließlich doch eine Sache, die den Städter mindesten» ebenso angeht wie den Landwirt. Aber die Landwirte sollen doch zum allergrößten Teil an hohen Getretdepreiscn kein Jnteresie haben, da ste kein Getreide verkaufen, im Gegen­teil noch zukaufen; das habe ja die badische Enquete be­wiesen, der Get-etdezoll sei nur das Interesse einiger weniger

habgieriger Großgrundbesitzer. ES ist kaum glaublich, was man alles dem Publikum Vorbringen kann, ohne stch sofort lächerlich und unmöglich zu machen. So geht rS auch mit dieser Behauptung, welche das Hauptargument gegen dir Zollerhöhung ist. Ganz abgesehen davon, daß eine Enquete über den badischen Kleinbeirieb für ganz Deutschland nicht» beweist, so sollte doch schon einiges Nachdenken lehren, daß jener obige Satz unmöglich richtig sein kann. Denn wovon leben denn die Landwirte, als von dem Verkauf ihrer Pro­dukte, und welche Produkte haben ste denn in Deutschland hauptsächlich zu verkaufen? DaS ist und bleibt doch immer das Getreide. Man kann daher schon ganz & priori dedu­zieren' daß die deutschen Landwirte an hohen Getreidepreisen der Mehrzahl nach direkt interessiert sein müsien, daß nur die kleine Minderzahl, die gerade soviel Getreide baut, alS ste selbst konsumiert, der Frage gleichgültiger gegenüberstehen kann, daß aber die dann folgende große Schicht der unselb­ständigen Landwirte, die von ihrer Wirtschaft allein nicht leben können, sondern auf Arbeitsverdienst angewiesen sind, das gleiche Jnteresie wie der größere Besitzer an hohen Getreidepreisen haben, denn die größeren Besitzer sind ihre Arbeitgeber, und wenn ste lohnende Arbeit haben, so profi­tieren ste daran mehr, al» sie bei dem Zukauf deS für sie nötigen Getreide» an dem höheren Getreidipreise verlieren. DaS billigste Brot ist zu teuer, wenn man mangels loh­nender Arbeit kein Geld hat, solche» zu kaufen. Dazu kommt noch die große Schar der in natura gelohnten landwirtschaft­lichen Arbeiter, welche an dem Werte ihre» Drescherlohnes sehr interessiert sind. Es ist also nicht die Minderzahl, sondern die weit überwiegende Mehrzahl der Landwirte, nicht nur der Fläche, sondern auch der Kopfzahl nach an den höheren Getreidepreisen interessiert. Mögen doch die Verteidiger der entgegengesetzten Ansicht einmal nachweisen, woher denn all die Landwirte, die nach ihrer Meinung Getreide zu­kaufen müsien, die Mittel nehmen, um diese» zu be­zahlen. Wenn ste dem nachforschen, so werden ste immer finden, daß allermeist diese Mittel wieder direkt oder in­direkt au» höheren Getreidepreisen resultieren, daher auch die Preise der meisten landwirtschaftlichen Nebenprodukte mit den Getreidepreisen in fester Relation stehen. Woher kommen aber die jetzigen niedrigen Getretdepreise? Unleug­bar find ste herbeigeführt durch die Konkurrenz de« Ane- lande», eine Konkurrenz, die un» so fühlbar wird, nicht sowohl weil daS Ausland billiger produziert, sondern weil e» weit mehr produziert, al» e» selbst konsumiert, und well e» diesen Ueberschuß seiner Produktion un» vermit­telst der hoch ausgebildeten TranSportverhältnifle und Han­delsbeziehungen in jedem Augerbl-ck zu jedem beliebigen Preise auf den Markt werfen kanun. Da» ist eben der große Unterschied zwischen landwirtschaftlicher und indu­strieller Konkurrenz. Letztere rechnet mit vergleichsweise festen Produktionskosten und einer in der Willkür des Menschen liegenden und daher noch den Absatzverhältnisien

sich regelnden Produkttonsmenge. Die landwirtschaftliche Produktion ist in ihrem Ertrage von unberechenbaren Fak­toren abhängig, derselbe Arbeit»- und Kapitalsaufwand bringt Erträge hervor, die um die Häfte und mehr fchwanken können. Wenn Amerika und Indien beispielsweise eine recht gute Ernte machen, so sind sofort so und so viel Millionen Zentner Getreide und Export disponibel, die zu jedem Preise von den Produzenten abgegeben werden können, da eine inländische Verwendung nicht vorhanden ist, Pro­duktionskosten nicht darauf lasten, insofern dieselben ja durch die DurchschnittSernte schon gedeckt sein mußten, und jeder Landwirt lieber den Ueberschuß seiner Ernte auch zu den minimalsten Preisen abgeben wird, ehe er ihn verfaulen läßt. Aus diesem Grunde trägt auch daS Ausland den Zoll, so lange er nur niedrig ist, und haben daher die bisherigen Zölle keine der Landwirtschaft genügende Wir­kung gehabt.

Wir müsien daher Zölle haben, welche die Getreide­preise in der That wiever steigern, sonst kann der Land­wirtschaft nicht geholfen werden. Daß aber eine Steigerung der Getreidepreise noch lange nicht den Ruin der Konsu­menten und der Industrie bedeutet, geht ja einfach aus der Thatsache hervor, daß dieselben sich bet den höheren Ge­treidepreisen der früheren Jahre ganz wohl befunden haben, ihr Gedeihen also keineswegs an das Fortbestehen der jetzigen excesfiv niedrigen Preise gebunden ist. Die Konsumenten und die Industrie werden daher durch eine künstliche Er­höhung der Getreidepreise durch entsprechende Zölle nicht in ihrer Existenz bedroht, sondern sie verlieren höchstens einen Extragewinn, auf den ste keinen Anspruch haben und auf den sie im Gefühl der Solidarität, der Wohlfahrt aller Berufszweige gern verzichten werden, wenn ste dar­über nachdenken, wie sehr sie selbst auf die Dauer leiden müsien, wenn mehr als die HÄste der Nation dem Ruin entgegen geht.

Wir hoffen daher, daß die Zollvorlagr, welche die Re­gierung nach den Aeußerungen ve« Fürsten Bismarck ein- brtngen wird, eine Erhöhung verursachen werde, welche sich wirksamer erweist, als der bisherige Zoll, der fast nur als Finanzzoll gewirkt hat. Wie wir schon vielfach erörterten, empfiehlt eS stch nicht, die gelegentlich aufgetauchte Idee zu verfolgen, nur den Weizevzoll zu erhöhen, da» würde den Roggen produzierenden Landwirten der leichteren Bvoen- arten, die wir ja in der Mehrzahl besten, nicht helfen, wohl aber würde t« angezeigt sein, den Weizenzoll höher zu stellen al» den Roggenzoll und die bisherige Gleichheit aufzugeben. Eine Verdoppelung des Roggenzolls und da­mit auch des Zolle» für Hafer und Hülsenfrüchte ist gewiß da» wenigste, wa» man verlangen kann, der Weizenzoll müßte dann mindesten» verdreifacht werden. Auch ist nicht rinzufehen, warum bisher die Gerste anders behandelt worden ist, wie Weizen und Roggen. Der Gerstezoll müßte jetzt erst recht dem erhöhten Roggenzoll gleichgestellt und

Der verwunschene Prinz.

Novelle vonTheodorEcheffel.

(Fortsetzung.)

Auf einen Wink de» Edelmanne« holte der Diener Joseph eine Flasche alten Bordeaux-Wein herbei und hier­von füllte man dem verwundeten Mann einige Löffel in den Mund, die der kranke instinktiv verschluckte.

Wir müssen ihm unbedingt nun einige Zeit vollstän­dige Ruhe lasten," sagte der Arzt,und bringen den Mann deshalb am besten in ein Bett. Vorher muß ich allerdings erst noch einmal nach der Wunde sehen und an Stelle deS Notverbande« einen ordentlichen Verband legen, damit die Wunde ungestört Hellen kann. Ein neuer Blutverlust ist nicht zu fürchten, dir Wunde blutete schon nicht mehr, als wir den Mann fanden, auch ist e» ja nur rin Streifschuß in« Fleisch uns an der Wunde kann un« der Mann nicht sterben, eher an dem Sturze und der seelischen Aufregung, in welcher er stch offenbar seit längerer Zeit befindet. Be- rubigm Sie stch also über Ihren Schuß, Herr von Raven­stein, da unser Pflegebefohlener ja überdies wahrscheinlich am Leben bleiben wird.*

Der Doktor legte einen ordentlichen Verband um die Wunre des Unbekannten und Herr von Ravenstein, auf desien Antlitz wieder die Hoffnung strahlte, von der Furcht, einen Menschen getötet zu haben, befreit zu werden, ließ rin bequeme» Bett in dem Zimmer ausstellen, worin die kranke Person der Ruh« pflegen und ihre wettere Genesung abwarten sollte.

Der Arzt war mit dem Verbände an der Wunde fertig, al« er hei der Ordnung der Kleider aus der Brust de« ver­

wundeten Manne« plötzlich einen seltsamen Gegenstand in der Hand hielt.

Aber wa« ist denn da»?' rief er und zeigte dem Edelmanne da» seltene Ding, da», wie man beim näheren Hinsehen bemerkte, an einer silbernen Kette um Hal« und Brust de» Unbekannten hing.

Ein Amnlet oder gar ein Talisman !' sagte der Herr von Ravenstein, nachdem er den Gegenstand näher in« Auge gefaßt hatte und fortfahrend bemerkte er: ,E« ist ein Edelstein von ungewöhnlicher Größe und in starkem Goldrande gefaßt. Darauf steht: Santo Antonio, also der Name eine» Schutzheiligen. Der Mann scheint ein sehr schwärmerischer Geist zu sein, doch kann da« Amnlet auch ein Erbstück sein und er trägt e« zum Andenken an einen lieben Verwandten."

»Haben Sie auch schon die Rückseite de« AmuletS be­sehen!' fragte der Doktor.Vielleicht befindet stch dort der Name unsere- rätselhaften Pflegeling«."

Hastig wandte der Herr von Rav-nstein da« Amnlet um, heftete seine Augen auf die Rückseite desselben und sagte langsam buchstabierend:

Herr Doktor, e« steht hier mit sehr feiner, kleiner Schrift eingegraben: Principi Amadeo Girgenti, und in deutschen Buchstaben steht dahinter: Graf von der Eichen."

Großer Gott! ist die« wahr? Haben Sie richttg ge- lesen?" rief der Arzt erstaunt au».Sie hätten ja da einen ebenso seltenm und berühmten Gast, Herr von Ravensteinl"

,31, Prinz und Graf nennt er stch, Prinz von Girgenti und Graf von der Eichen, aber ich habe diesen erlauchten Namen wohl kaum einmal in den Ohren summen hören, die Famllie und ihre Thaten kenne ich wahrhaftig nicht," erwiderte der Edelmann.

Der Doktor gab nicht gleich Antwort, denn er hatte eben mit Hülfe de» Dieners Joseph den ebenso hohen als rätselhaften Patienten in da» Bett gelegt und ihm die be­quemste Lage bereitet.

Wie?" rief aber jetzt der Doktor,Sie haben noch nicht» von dem Prinzen GirgenÜ und Grafen von der Eichen gehört? Da» war ja einer der früheren Besitzer der Güter und Schlösier, die Sie jetzt ihr Eigentum nennen, Herr von Ravenstein!"

Da» wäre aber wirklich wunderbar," erwiderte der Edelmann,einer der früheren hochgeborenen Besitzer dieser Burgen zeigt stch nach langen Jahren wieder als eine Art leibhaftiger Spukgestalt! Unbegreiflich, Herr Doktor! Ich habe keine Ahnung, wie die ganze Affaire zusammenhängen kann. Daß diese Güter vor mir auch einmal oder mehrere male adelige Besitzer gehabt haben mögen, will ich nicht bestreiten, aber der Besitzer de» Ehrensteins und der um­liegenden Güter direkt vor mir war ein pensionierter Haupt­mann mit schlichtem bürgerlichen Namen und dessen Vor- besttzer hatte auch einen bürgerlichen Namen und um den Stammbaum der übrigen Vorbesttzer habe ich mich natür­lich wenig gekümmert, ich erinnere mich allerdings jetzt, daß die Grasen von der Eichen mir von irgend Jemanden einmal als frühere Besitzer meiner Güter genannt worden sind. Aber muß die rätselhafte Person dort deshalb ein Nachkomme dieser Grafen von der Eichen sein?"

»Ich bin Ihnen in diesem Falle allerdings einige Mit­teilungen und Aufklärungen schuldig, die ich Ihnen noch vor meinem Fortgehen geben werde, Herr von Ravenstein," entgegnet« btt Doktor. (Fortsetzung folgt.)