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Marburg, Sonntag, 11. Januar 1885.

XX. Jahrgang.

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Olicheßschr 3 citmig

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Wöchriitliche Bctlageu: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. Illustriertes Souutagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

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Eine Unterredung mit dem Fürsten Bismarck über Kolonialpolitik.

(Aus der Kolonial-Korrespondenz.)

Daß Fürst Bismarck sich schon seit Jahren mit dem Gedanken, deutsche Kolonieen zu gründen, getragen hat, geht aus einer Unterredung hervor, welche derselbe im Jahre 1876 mit zwei Herren hatte, welche ihm ein aus­führliches Expofö über die Anlage einer deutschen Kolonie in Südafrika unterbreiteten. Die mißliche Lage, tn wel« cher stch die deutsche Industrie nach der großen wirtschaft­lichen KrtstS befand, veranlaßte zwei Herren, sich dem Studium der Kolonisationsfrage mit großem Eifer zu widmen. Sie kamen zu der Ueberzeugung, daß eS not­wendig fei, deutfche Kolonieen anzulegen, um die über- fchüjstge Kraft Deutschlands dorthin zu lenken, damit sie nicht nach Nordamerika gehe, wo sie unserer Nationalität mehr oder minder verloren werde und die Konkurrenz für unsere Industrie nur verstärke. AlS rin besonderes geeig­nete« Gebiet für diesen Zweck erblickten sie da« südliche Afrika, namentlich die Republiken der Boeren, die sich ge­rade damals nach einer deutschen Schutzherrschast sehnten, um ihre Unabhängigkeit England gegenüber aufrecht er­halten zu können. Die vorzüglichen klimatischen Verhält« niste dieser Länder, die Fruchtbarkeit deS Boden», dir ver­wandte Nationalität der Einwohner, alles bestärkte sie darin, daß dieses wette Gebiet stch ganz besonder» zur deutschen Kolonie eigne. Sie sammelten daher alle« nötige Material, entwickelten einen ausführlichen KolontsationSplan und er­strebten zur Verwirklichung ihres Projektes die Protektion des Reichskanzlers. Da einer der Herren zu einem hohen Beamten deS Auswärtigen Amtes, der jetzt eine wichtige Botfchasterstelle bekleidet, Beziehungen hatte, so gelang e» demselben, eine Audienz bei dem Rct^Skmzler zu erwirken. Dieser war bereits schon vorher genau über die Absichten der Herren unterrichtet; er empfing sie mit großer Liebens­würdigkeit und eröffnete die Unterhaltung damit, daß er ihnen sofort zugestanb, daß er schon seit längerer Zeit die KolonilalionSsrage eifrig studiere und zu der Ueberzeugung gekommen sei, raß eine so große Natron wie die deutfche auf ote Länge der Kolonieen nicht entbehr.« könne; aber so sehr er im Pri ztp für die Erwcrvung von Kolouteen sei, so sei doch die Frage eine so überaus schwierige, daß er sich fcheue, ohne entsprechende Vorarbeit und ohne einen Impuls au» der Nation selbst, die Sache in die Hano zu nehmen. ES sei ihm daher im hohen Grade interessant,

von ihnen zu hörcn, wie stch die Herren die Verwirklichung der Sache dächten. Auf diese Einleitung bin gingen die­selben nun sofort in medias res. Sie erklärten, e» sei eine Kalamität, daß die deutsche Auswanderung Jahr für Jahr nach Nordamerika ginge und daß Millionen unserer Landsleute für uns für immer verloren gingen, wogegen eine Auswanderung nach Südafrika die Nationalität der­selben erhalten und un» allmählich ein großes Absatzgebiet für unsere Industrie von steigender Bedeutung schaffen werde. Um diese Auswanderung ins Werk zu setzen, müste man stch an die Republik Transvaal anlehnen, eine Ge­sellschaft müste die Delagoa- oder Santa Lucia-Bai er­werben und eine Eisenbahn von dort nach Pretoria bauen, um die deutsche Auswanderung leichter transportieren zu können. Es müßte ferner eine regelmäßige, möglichst billige Dampfschiffahrt von Hamburg oder Bremen dorthin ein­gerichtet werden, und es würde dann ohne Zweifel schon In 10 Jahren eine respektable deutsche Kolonie dort ent­standen sein.

Fürst Bismarck erklärte diesen Vorschlag für diskutabel; aber woher wollen Sie die bedeutenden Mittel nehmen, welche Sie zu der Verwirklichung dieses Projektes brauchen werden? Wenn Sie etwa auf mich rechnen, so muß ich Ihnen sofort erklären, daß ich Ihnen nicht dienen kann. Wenn ich auch persönlich einem solchen Projekt vielleicht zustimmen könnte, der gegenwärtige Reichstag wird die Mittel dazu nicht bewilligen. Zu einem so bedeutenden Projekt gehört eine tiefgehende Bewegung der Nation und davon ist bisher noch keine Spur vorhanden." Die Herren erklärten auf diese Einrede de» Fürsten Bismarck, daß ste nicht an eine Staatssubvention gedacht hätten, sondern etwa an eine Zinsengarantie für die Dampfergesellschaft und die Eisenbahn. .Wieviel fordern Sie denn ungefähr, man muß doch eine positive Unterlage haben", erwiderte der Fürst. Die Herren erklärten, daß sie die Grsamtkosten für zehn Jahre auf 100 Millionen Mark anschlagen, und, da sie nur eine Zinsengarantie verlangten, 5 Millionen Mark jährlicher StaatSzuschnß genügen werde. Wenn stch mit einer solchen Summe, erwiderte Fürst Bismarck, die Aus­wanderung nach Amerika verhindern ließe und eine deutsche Kolonie gegründet werden könnte, so sei diese Summe ge­wiß nicht zu hoch, aber ein Versprechen, auch nur eine Hoffnung könne er ihnen nicht geben. Die politische Lage sei noch zu ungünstig. Er wolle nicht auf die äußeren Verhältnisse, auf Frankreich« Eifersucht und auf die Em« pstnvlichkett Englanos, die zu schonen er alle Ursache habe, ergehen; .aber meine Herren, dir innere L-ge, oer Kultur­kamp ist ein zu große» Hindernis und ich werde schwerlich jetzt Ihnen behilflich fdn können."

Die Herren hoben dann hervor, daß daS Deutsche Reich die Sache offiziell gar nicht anzufasten brauche, eS könne ja eine Dampfersubvention bewilligen, um den deutschen Handel zu beleben. Die Gesellschaft müste einen Hafen al»

Landungsplatz im Südostm Afrika» erwerben. England brauche man nicht zu fürchten. Die Antipathie der Boeren würde ohnedies bald zu einem Konflikt mit England führens der über kurz ober lang die Engländer ganz au» Südafrika hinan« treiben werde, ohne daß Deutschland stch dabei engagiere. Zu dieser Darlegung lächelte Fürst BiSmarck, und meinte, die Herren entwickelten ja ein ganz hervor­ragendes diplomatisches Talent, von dem er nur profitieren könne und zu besten Kombination er ihnen sein Kompli­ment mache.

Sie müßten ihm nun schon erlauben, ihre Ausarbei­tungen, Karten rc. zum weiteren Studium zurückzubehaltm, nicht als .schätzenswertes Material", wie einer der Herren meinte, um im Aktenschrank zu verschwinden, sondern um wirklich diese Frage mit Elfer zu studieren. Der gegen­wärtige Zeitpunkt sei der denkbar ungünstigste, erst müßte ein fruchtbarer Boden in der Nation zu solchen Unter­nehmungen geschaffen werden, bann müsse sich die äußere Situation verändern. Er rechne mit Gewißheit darauf, daß die» geschehen werde und dann sei der Zeitpunkt zum Handeln gekommen. Sie möchten stch einstwellen in Geduld fasten, 8 bis 9 Jahre könnten immer noch vergehen, bi» diese Frage für ihn reif sei.

Damit war jene Unterredung beendet. Die Herren Überließen dem Reichskanzler da» gesamte ihnen zu Gebote stehende Material, und daß er seitdem diese Frage im Auge behalten hat und jetzt an die Lösung derselben gegangen ist, das beweisen die neuesten Ereigniffe, daS Weißbuch mit seinen Enthüllungen, die Dampfersubventionsvorlage und die Erklärung des deutschen Schutzes für die Kolonie Angra Pcqnena. Vielleicht bestätigt stch auch bald die Nachricht, daß die Bat von Santa Lucia oder Delagoa vom deutschen Reich erworben und die Verbindung mit den Boeren 6er« gestellt ist._________________________________"________________

Deutsche- Reich.

Berlin, 9. Jan. Gegenüber den kurstrrendm Ge­rüchten über ein Unwohlsein des Kaisers ist zu bemerken, daß der Kaiser heute vormittag wie gewöhnlich den Re- glerungsgeschäften obgelegen hat. In dem Antwortschreiben an die Stactoerordneten auf deren NeujahrS-Glückwunsch- adreste weist der Kaiser auf die wichtigen Fortschritte, die während de« letzten Jahre« auf verschiedenen Gebieten de« Staatsleben- gemacht worden, sowie auf die gedeihliche Entwickelung der wirtschaftlichen Berhältntste de« Lande- Hin : Die unter den Schutz des Reich» gestellten Anstedelnngen in fernen Weltteilen verheißen dem deutschen Geiste und der deutschen Kraft einen erhöhten Antrieb zu regsamer Thätlgkeit und werden dadurch auf Handel und Industrie zuverstchtlich eine wohlthätig fördernde Wirkung au-üben. Unter dem gesegneten Einfluste der friedlichen Verhältniste, welche da- neue Jahr eröffnen und welche, wie Ich ver­traue, andaurru werden, steht eine erfreuliche Entwickelung

Ser verwunschene Prinz.

Novelle von Theodor Scheffel.

(Fortsetzung.)

.Noch einen Rat hätte ich zu geben," sagte der Arzt, .da» guäoige F.ämetn und oie gnädige Frau mögen eine Zett taug ou«|clbe Schlafzimmer teilen, das gnädige Fräu­lein könnte in oer Einsamkeit der Nacht wieder dem Ge­danken an den rätselhaften Vorfall nachhängen. Um allen Eventuatitäten vorzudeugen, rate ich Ihnen auch, daß Sie vtellettpt tn »en nächsten Tagen mit oem gnädigen Fräu­lein eine längere Reise, am liebsten in eine grössere Stadt, antreten, wo eine Menge neuer Eindrücke den gewöhnlichen Gedaukengang jede» Menschen angenehm untervrechen."

Der Herr von Ravenstein und seine Gemahlin nickten dem Arzte freundlich ihre Zusttmmnng zu und die Herren veradschieveten sich alsbald von Den Damen.

Troy Der vorgerückten Nachtzeit blieben der Edelmann und der Doktor noch eine Zeit lang zu einer Beratung beisammen.

.Wie denken Sie offen über die Folgen dieser sonder­baren aff alte für Den Gemät-zuftano meiner Tochter?" frag Der Herr von Ravenstein den Arzt.

.Wie ich den Charakter ihrer Tochter kenne," ant­wortete dieser, .so würoe ste bald den Eindruck überwinden, den oer Vorfall auf ihr Gemüt gemacht hat. Da- gnä­dige Fräulein ist zwar keine nüchterne BerstanveSperson, sie ist aber auch kerne phantastische, in« Blaue schwärmende Seele und bet wiederholten, entsprechenden Zureden wird sie stch den verwunschenen Prinzen au« dem Sinne schlagen."

.Na, ich denke da- auch," sagte der E e mann beruhigt, .meine Tcchter ist ja sonst ein sehr vernünftige- Mädchen und daß ste wachend und am hellen Tag; drüben auf Der alten Ruine geträumt haben soll, kann man nunmehr auch nicht behaupten, denn ihre Erzählung stimmt ja doch ziem­lich mit dem Erlebnis überein, was mir selbst vor wenigen Stunden drüben auf der alten Burg passtrt ist. ES ist schr wahrscheinlich, daß meine Tochter dieselbe rätselhafte Person gesehen hat, die wir in der Kapelle deS verfallenen Schlöffe» ent eckten, nur kommt e» mir unbegreiflich vor, weshalb der .Rätselhafte" meiner Tochter gegenüber den verwunschenen Prinzen gespielt hat und un» gegenüber nur den Einsiedler, den armen Verfolgten. Diese- Individuum kann allerding- schon seit längerer Zett ans der Ruine Hausen und seine Rolle je nach den Umständen einrichten. .Nun, hoffentlich wird stch morgen da» Geheimni- lüften, ich glaube, daß wir den .Rätselhaften" sicher fangen werden, wenn er nicht vorgezogen hat noch in dieser Nacht da« Weite zu suchen. WaS halten Sie denn von der ganzen Geschichte, Herr Doktor?"

.Wir Serzte sind ganz kühle Vernunftmenschen," meinte dieser, .und wenn wir un» auch manche Vorfälle nicht enträtseln können, so glauben wir deshalb noch lange nicht an überirdische Begebenheiten. Der sonderbare Geist drüben auf der Ruine mag in seinen Eigenschaften aller­ding« ganz rätselhaft sein, aber wmn wir den Schlüffel de- Rätsel finden können, werden wir sicher bemerken, daß alle» ganz natürlich zuging.'

.Sie sprechen mir au» der Seele, gerade so denke ich auch, Herr Doktor," erwiderte zustimmend Herr von Raven­stein.Vielleicht treffen sich unsere Gedanken ta dieser

«ffatre auch noch weiter. Wenn Sie die Persönlichkeit de» .Rätselhaften" qualifizieren sollten, für wa» würden Sie ihn dann am wahrscheinlichsten halten? Für einen Verbre­cher einen Schwindler, einen phantastischen Sonderling ober für einen Verrückten?"

Der Arzt, ein burchau» kluger unb erfahrener Mann, zog seine Stirn nachdenklich zusammen, antwortete aber schon nach wenigen Sekunden:

.Für einen Verbrecher kann ich da» rätselhafte Indi­viduum nicht halten, wmigsten« nicht für einen Verbrecher im gewöhnlichen Sinne de» Worte», ein Räuber, Mörder ober Dieb ist er sicher nicht. Schwindler, Geheimkünstler könnte et schon fein, zumal wenn wir im vorigen Jahr« hundert lebten, wo die Adepten nicht selten eine große Rolle spielten, aber in unserer aufgeklärten Zeit würde der Schwindel in dieser Form wenig Nutzen für solche Schwind­ler einbringen, ich glaube daher auch nicht, daß die rätsel­hafte Person ein Adept, ein Schwarzkünstler ist. Die Gründe für einen Phantasten, einen ganz außergewöhn­lichen Sonderling sind schon eher vorhanden, für einen solchen könnte man die rätselhafte Persönlichkeiten nehmen; ich halte e» aber für höchst wahrscheinlich, daß e» eine wahnsinnige Person ist, die durch irgend welche Verkettung seltsamer UrnstänDe anf die Burgruine geraten ist und wie viele Wahnsinnige, die ja häufige, lichte Augenblicke haben, stch den Verhältniffen entsprechend geberdet."

.Da» ist ein gescheldter Gedanke von Ihnen, Doktor," rief Herr von Ravenstein, .und ich muß Sie nun auch bitten, Diese Nacht hier zu bleiben und morgen den Fall mir untersuchen zu Helsen. (Fortsetzung folgt.)