Marburg, Sonnabend, 10 Januar 1885.
-kr. 8
ir:
XX. Jahrgang
Wöchentliche Bcilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonutaqsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
1 Last 1885.
lle.
(125
;b aus nebst Z
1. ''PI »ermicth tze 13.
ltg slav rljahr» ils eia l Aus- el, daß ig ist. mngen löthigt, n, daß Ich ist etnge- ttdnem »rigenS elle tu i Carl [3884 Klau.
bis Abänderung bt8 Gesetze- über bie Krankenversicherung bet Arbeiter. Die Eingaben wegen Erhöhung bet EingangS- göfle für landwirtschaftliche Erzeugnisse wurden zur Kenntnis genommen. — Am gleichen Tage hielt auch die afrikanische Konferenz ihre erste Plenarsttzung im neuen Jahre ab. In derselben genehmigte die Konferenz da« sogenannte Deklaration-Projekt, soweit eS stch um da- Verbot der Sklaverei im Congogebiet handelt. Die Beratung über einen weiteren Punkt de- Deklaration-Projekte«, nämlich bezüglich der Formalitäten, vermöge derer neue Erwerbungen an der Küste Afrika- al- effektive anzusehen sind, wurde schließlich vertagt. Dergleichen bleibt die Beschlußfaffung über den amerikanischen Antrag auf N utralisterung de- Congo-Becken- einer anderweitigen Sitzung Vorbehalten.
Ja Köln hat am Mittwoch die von hervorragenden Persönlichkeiten der Rheinlande und Westfalen- angeregte Stanley Feier stattgesunden, bie in bie Festversammlung im Saale der Lesegesellschast und in ba- am Nachmittag veranstaltete Bankett zerfiel. Der berühmte Afrikareisenbe bankte in ersterer für den freundlichen Empfang, den er in Köln gefunden, und sagte, al- Forscher stehe er im Dienste ber zivilisterten Welt und beabsichtige, dieser neue Absatzgebiete zu erschließen. Der Redner wie« auf der Karte nach, daß noch ungeheuer viele unzivilisterte Gebiete in Afrika seien. AlSdann nahm die Versammlung eine Resolution an, worin Stanley der Dank für seine kraftvolle Arbeit am Congo ausgedrückt wurde. Mit lebhafter Anerkennung begrüßt die Resolution die Berliner Congo - Konferenz al- einen Fortschritt moderner Kulturentwickelung und spricht die volle Zustimmung zur Kolonialpolitik BiSmarckS aus, die verbürge, daß die kolonialpolittschen Schritte der ReichS- regierung eine Aera friedlicher und kultureller Eroberungen herbeiführen würde.
Die kolonialpolittschen Angelegenheiten haben die ReichS- regierung auch im neuen Jahre bereits wieder stark in Anspruch genommen und sie zu neuerlichen Verhandlungen mit der englischen Regierung veranlaßt. Während letztere die deutschen Gebietserwcrbungen in der Südsee als eine vollzogene Thrtsache betrachtet und die hierüber aufgeregte Meinung in England und dessen australischen Kolonicen zu beruhigen sucht, schwebt ^die Angelegenheit der Santa- Lucia Bat noch zwischen den beiderseitigen Regierungen, England scheint gegen die Erwerbung derselben durch den Privatmann Lüderitz k ine Einwände erheben zu wollen, wohl aber beansprucht eS gegenüber Deutschland die staatliche Oberhoheit über daS befristende Territorium; allem Anschein nach wird diese F- age noch nicht so bald zur Entscheidung gelangen. In der Frage, ob Triest ober Genua aiS Ausgangspunkt für die zu subventionierende deutsche Dampferltnie nach Alexandrien zu wählen sei, hat stch die Retchsregierung für erstere Stadt entschieden, und zwar aus Zweckmäßigkeitsgründen, die man allmählich auch in Italien zu würdigen beginnt.
Bezüglich Oesterreich-Ungarn- liegen aus der ersten 3°hre- keine besonders zu registrierenden politischen Vorgänge vor. Bezeichnend für die Korruption in den Handel«- und Industrie-Kreisen Oesterreichs waren die mehr oder minder starken Kaffendefraudationen, welche bei verschiedenen finanziellen Instituten entdeckt wurden, waS eine Reihe von Selbstmorden unter den betreffenden Beamten zur Folge hatte. Der Wiener Gemetnderat rebü» tierte im neuen Jahr mit einer durch den bekanrken Dr, Mandl hervorgerufenen argen Skandalszene, welche seilender österreichischen Preffe die entschiedenste Verurteilung fand. Der Tod de- Fürsten Adolf von Auersperg, Präsidenten des obersten Rechnungshofes, hat namentlich in liberalen Kreisen schmerzlich berührt, da der Fürst stets ein Überzeugter Anhänger der verfaflungStreuen Prinzipien war.
In Frankreich beherrscht die Ersetzung de« seitherigen Kriegsminister- Campenon durch den General Lewa! noch immer da- politische TageSintereffe. Da- Programm de« neuen Krieg-Minister- kann man al- in folgenden Andeutungen enthalten betrachten, die Lewa! einem Berichterstatter de« „Figaro" gegenüber gemacht hat. Dem zufolge ist der Minister mit dem Konseilspräfidenten über die Notwendigkeit einer entscheidenden Aktion in Ostasien einig geworden. Da auch Lewa! von der Notwendigkeit dieser Aktion überzeugt sei, so habe er da- Portefeuille ohne Enthusiasmus, aber auch ohne Besorgnis übernommen. Nach feiner Meinung fei es leicht, die zur Ehre bet fron- Mchen Fahne begonnene Kampagne in Asien zu beenben, und habe er von der Regierung unumschränkte Vollmachten, die Operationen zu leiten. Er sei kein Politiker, sondern mit Soldat und die Armee gut zu führen, seine einzige Sorge. Er beabstchtige zwar Reformprojekte, aber keinen Umsturz in ber Armee. Schließlich versicherte General Lewal, er werbe von ber Kammer die Votierung ber Mili- tirgesetze, besonder- bie Unifikation ber Besoldung ver- lanßen. Der Uebetgang de- französisch n Krieg-Ministerium« an Lewal wird demnach vor allem eine energischere Kriegs« führung Frankreichs in Ostasien zur Folge haben, welchem Entfchluffe der angekündigte Abgang neuer Verstärkungen nach Tonking nur entspricht und die jüngsten Erfolge be« General- Negrier bei Chu bilden eine günstige Einleitung dc« neuen Abschnittes in den französtschm Operationen. W-S Formosa anbelangt, so wollen Pariser Blätter wissen, daß die militärische Aktion auf Formosa Ende Februar ihren Abschluß finden werde und solle dann die französische Flotte an der chinesischen Küste operieren.
Die öffentliche Meinung England- beschäftigt stch fortgesetzt in erregter Weise mit den deutschen Erwerbungen in Südostafrika und in ber Südsee. Dem gegenüber ist ei nur erfreulich, zu sehen, wie die Vertreter ber englischen Regierung sich bemühen, Oel auf bie erregten Wogen 1« gießen, wie bie« z. B. jüngst ber HandelSminister Chamberlain in Birmingham gethan hat; vorerst bleibt
Politische Wochenschau.
Mit ber ablaufenbeu Woche hat de Ruhepause, welche die Weihnachtszeit in unsere innere Politik gebracht, namentlich was die parlamentarischen Arbeiten anbelangt, ihr Ende erreicht, da ber Reichrtag am Donnerstag zur Fortsetzung seiner Session wieder zusammengetteten ist. Gleich die ersten Tage nach den Weihnacht-fetten werden eine interessante Debatte bringen, indem bet Nachtragsetat bezüglich des Gouverneur- von Kamerun mit auf die Tagesordnung kommt. Diese, Position gehört in dieselbe Reihe wie die Forderungen für de Konsuln in Capstadt, Korea und auf den Süvsee-Juseln, wie die Postdampfet-Votlage und bie Position für die neue Dicektotstelle im Au-wärtigen Amte. ES ist bekannt, welchen Sturm ber Entrüstung bie von bet ReichStag-mehrhtit bei der zweiten Etatslesung votgenommenen Streichungen und Kürzungen dieser Positionen, besonder« aber die Ablehnung bet von Fürst Bismarck süt sich ge- sorderten neuen Hilfskraft, in ber Nation hervorgerufen Hai. J-de neue Streichung auf diesem Gebiete würbe einen neuen Sturm de- Unwillen« entfachen und e« steht batum zu hoffen, daß de Opposition unter diesem Eindruck sich wenigstens bei den dritten Lesungen eine« Besseren besinnen werde. Im Übrigen wird wohl bie Thätigkeit be« Reichstages im neuen Sesston-abschnitte wieber unter ber Konkurrenz be« in nächster Woche znsammentretenben preußischen Landtage- zu leiden Haden, wa» stch aber nun einmal nicht gut ändern läßt. Der Versionen übet da- weitere Arbeit-Programm de- Reichstage- gilbt e- ver- schiecene; bie neueste lautet dahin, daß innerhalb der nächsten vierzehn Tage, und zwar bi« zum 22.d.M, unausgesetzt Plenarsitzungen ftaUfinden sollen, weiche ber Etatsberatung, sowie der ersten Lesung ber Gesche übet bie Postsparkasse r uno über de Ausdehnung ber Unfallversicherung, bem Handelsvertrag mit Griechenland und eventuell auch ber zweiten Lesung der Dampfeisuboention-. Vorlage gewidmet sein würven. Hierauf soll stch da- Han« zu gurstrn der Verschievenen Kommisstonen vertagen und wird al-oann auch der preußische Lau tag Zeit zur fortlaufenden Plmarberatung bc8 Sracitshaushalt- gewinnen.
Auch der LunveStat hat In ber zu Ende gegangenen Woche seine Thätigkeit wieder ausgenommen. In seiner am Mittwoch adgchaltenen Sitzung beschloß er, dem Gesetzentwürfe , betreffend die Abänderung be» Artikel- 32 der Reichsverfassung (Diäten) seine Zustimmung nicht zu er teilen, dagegen genehmigte er den Gesetzentwurf, betreffend
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Ouartal- Sdonneinents-Preis bei der Expedition SV. Mk., bei den Postämter S «k. 50 «fg. (exel. Bestellgeld), ^nlertirnsgebühr für die ^palt-ne Zeile 10 Psg. Iieklamen für die Zeile 25 Pfg.
MM» Dm noch erfolgenden Neubestellungen auf unser glatt wird, soweit Per Vorrat reicht die
Nr. 1 des Illustrierten SonntagSblatteS
und der
Wandkalender für 1885 vachgeliefert.
Alle Postämter nehmen noch Bestellungen entgegen.
Mitte le a. T. schwarz le, dahi ; Flasch
L Ha« 6 Bast toebui ijelu, i ervirui wuchst Pf.
usser ig6mitti zur Vr u. sofvi chS a. Dung u ■ng lo u. 70!
H.ve
M
Herr kai Näher
Anzeigen, nimmt entgegen: die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a. SJt., Kassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt ♦ a M., Berlin,München und Köln: G. L. Daube und Co m Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Pari-
von S
Der verwuuscheue Prinz.
Novelle von Theodor Scheffel.
.(Fortsetzung.)
Gertrud schlug bie Augen nieder, al« sie da« sonderbare Erlebnis ihren Eltern und dem Arzte erzählte, denn weyr und mehr sühlte da- hochgebildete unt mit ausgezeichneten Charaktereigenschaften au-gestattete Eoelfräulein berm-, ba« sie sich selbst getäuscht habe ober doch da« Ppi« einer Täuschung auf der alten Burgruine gewesen fein konnte.
iburg, 40.
I
103
591,
316
292
95
1 1
i i
•et*. 101, 101 102i 103.
1014 1031 1034 102i
681 791
100
Der Inhalt von Gertmd« Schilderung de« seltsamen «leignisses war folgender:
»Ich ritt, wie gewöhnlich, den Fahrweg nach der Ruine hinaus, wo ich so gern weile und mich ber romantischen Umgebung und ber Erinnerung an vergangenen Zeiten er« neue. Mein lammfromme- Pferd band ich leicht an ein «aumchen, welche« vor bem einen großen Thore ber Ruine und betrat ta« verfallene Schloß, um in dessen Räu- , ®tn rmige Minuten zu verwellen. Nach dem Rittersaale ,uu i y.8 ich immer am liebsten und dachte mich dort in bie 100,1 »dien zurück, wo Ritter und Edeldamen ihre fröhlichen 59i Seite fetert-n. So thak ich e« auch heute nachmittag, schritt 821 » " ln cae anstoßende Eckzimmer, au« dessen Fenstern '3 ta b*e f46nfte Aussicht auf die Umgegend hat und trat ®nn ta den Rittersaal zurück, um die Ruine wieder zu t ®‘anen. Da hörte ich Schritte in der anstoßenden Kapelle, n8iame, sanfte, feierliche Schritte, über die ich unwillkürlich 64 • a*Stat- Ich blieb stehen und horchte — besser wäre e« K^icht gewesen, ich wäre rasch au« der Ruine entflohen, urrnige Augenblicke spät« näherten stch mir die Schritt«
und eine geisterhaft aussehende Person, ein großer Mann mit wallendem Haupthaare, bleichem Antlitz und bunteler Bikleidung stand Der mir. Die Augen der rätselhaften Person r töteten stch auf mich, st- schienen in auflodernder Freude zu erglänzen, strahlten aber alsbald ein unbeschreib. ktche« Weh, ich weiß nicht, war cS Furcht, Angst oder sonst eine Seelevq'ral zurück und während ich noch sprachlos und bewegungslos vor unheimlichem Grauen dastand, stürzte stch der Rätselhafte vor mir nieder und rief mit schrecklich klagender Stimme! Rette mich, mein Engel | Rette bett unglücklichen Prinzen l — Wie aufgescheuchtes Reh stürzte ich nunmehr au« der Ruine und hörte nur hinter mir ein furchtbare- Lachen, da« bet Rätselhafte auSgestoßen zu haben scheint. So rasch al- möglich bestieg ich mein Pferd und von einer mir bisher unbekannten Angst ergriffen, jagte ich nach Hause, während vor meinen Augen immer noch da« Bild de« unglücklichen Prinzen schwebte und mir auch bis jetzt noch nicht au« bem Sinne gekommen ist."
Da« Edelfräulein schwieg nach diesen Worten und Herr von Ravenstein und der Arzt sahen einander einige Augenblicke fragend an.
„Rätselhaft ist ber Vorgang offenbar, sehr rätselhaft, gnädige« Fräulein,- sagte dann ber Arzt, „indessen ist e« im Interesse Ihrer blühmden Gesundheit sehr ratsam, daß Sie stch so wenig wie möglich mit Gedanken an diese« rätselhafte Ereignis beschäftigen. Vor allen Dingen grübeln Sie nicht über den Vorgang nach, die- Hunte nur Ihr so sonniges und freundliche« GrmÜt«leben stören. Unterlassen Sie die Aufklärung diese« rätselhaften Vorfälle« uns, Ihrem Herrn Vater und mir, wir werden Ihnen wahrscheinlich sehr bald sichere Nachrichten geben können. Daß
e« ein überirdische« Ereignis gewesen sei, glaube ich unbedingt nicht, auch Ihr Herr Vater teilt diese meine Ansicht vollkommen und wir haben auch bereit- einige B. weise für diese unsere Annahme. Denken sie auch vor allen Dingen daran, gnädige- Fräulein, daß Sie nicht die Bestimmung haben, eine unbekannte, fragwürdige Person von einem Selbe, da« Sie nicht einmal kennen, zu befreien. Wenn drüben in ber alten Burgruine ein Unglücklicher, ein Hülf«- bebflrftigir eine Zuflucht gesucht hat, so wird Ihr Herr Vater demselben zu helfen suchen und ich werde ihm gern beistehen, aber Sie gnädige- Fräulein, haben diesen Beruf nicht, Sie gehören Ihrer Familie, Ihrem Stande. Denken sie an die Aufgaben und Pflichten, bie Sie ba zu lösen hüben, aber lassen Sie um Gotte-willen den unglückseligen Gedanken an bie rätselhafte Person in bet Burgruine fallen."
«Der Herr Doktor hat ganz Recht," fügte ber Herr von Ravenstein mit freundlicher Betonung hinzu, „er hat mir ganz au« ber Seele gesprochen. Du barfft diesem seltsamen Vorfälle, ber schließlich eine ganz alberne Ursache haben kann, durchaus nicht nachhangm, es wäre die« mindesten« eine thörichte Handlungsweise von Dir und außerdem hast Du ganz andere Aufgaben und Pflichten. Ich toer:e dem Unglücklichen, wenn dort drüben in bet Raine wirklich ein solcher ist, nach Kräften beistehen, bar« über beruhige Dich gänzlich." Die Mutter Gertrud« sprach in ähnlicher Weise wie ihr Gemahl zu ihrer Tochter und Gertrud« Antlitz zeigte auch, daß die guten Ratschläge, bie st- soeben empfangen hatte, nicht fruchtlos für ihre Gemüt«, stimmnng gewesen waten. (Fortsetzung folgt)