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Marburg, Mittwoch, 7 Januar l8-S.
XX. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. - Quarte' Äbonnements-Preis bei d Expedition LV. Mk., b den Postämter 2 «k. 5 «fg. sexcl. Bestellgell Jnserticnsgebühr für I gespaltene Zeile 10 Pf_ Reklamen für die Zeile
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Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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SSU- Den noch erfolgenden Neubestellungen auf unser Blatt wird, soweit drr Vorrat reicht die
Nr. 1 M Illustrierte« So»«tag»bl«tte-
und der
Waa-k«leatzer für 1885
nachgeliefert.
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Wirtschaft-politische«.
Die üblichen Jahreorückoitcke bieten drr manchrsterlichen Presse willkommene Gelegenheit u. a. auch der Wirtschaft«- Politik de- Reiche» ein» anzuhängrv uud zu behaupten, daß xie Schutzzölle der Industrie wenig nützen, da 1884 in so manchen GejchLftrzwelgen nicht Erhöhung, sondern sogar Herabsetzung der Arbeitslöhne stattgefundrn habe. Wir geben zu, daß dir« rin ungünstige» Anzeichen für den Stand der Dinge ist; an dem hohen Gewinn der Unternehmer ist un» weniger gelegen al» daran, daß die Arbeiter ein auskömmliche» Dasein haben. Den Zusammenhang der Erscheinung mit der Schutzzollpolitik leugnen wir aber bestimmt. Wa» da» Sinken drr Preise und damit auch da« de« Arbeitslöhne» verschuldet, ist die Ueberproduktion auf dem Weltmärkte, keineswegs in Deutschland allein, die freilich auch vorhanden sein mag. Ueberall übersteigt da» Aagebot die Nachfrage und die flch von Jahr zu Jahr vervollständigenden Verkehrsmittel aller Art machen eine Anhäufung jede» beliebigen Produkt- in jeder beliebigen Höhe an jedem beliebigen Punkte so leicht, daß die Wirkung dieser Thatsache bi- in die letzten Winkel hinein empfunden wird und stch überall in derselben unliebsamen Weise geltend macht. Immerhin aber würde diese Wirkung noch viel empfindlicher sein, wenn gar kein Schutz vor- Hansen wäre; wir haben da» bi» 1880 zu grün lich kennen gelernt, al» saß e» jetzt schon vergefien sein könnte. Mit diesen früheren Zuständen verglichen, ist die Lage der deutschen Industrie, trotz der genannten Uebelstäude, noch immer eine sehr günstige; sie ist e» aber auch im Vergleich zu drr der Nachbar« und Konkurrenzländrr, wie Frankreich und England. Sillschwctgeud erkennt da- selbst die manchefterliche Presse an, da sie nicht etwa mit dem Vorschläge kommt, zu dem Status quo ante 1879 zurückzu- kehien, sondern sich nur in einer Kritik der gegenwärtigen Lage ergeht, ohne ihrerfrtt- irgend etwa» Positive» betzu« bringen. Erwähnenswert ist etwa nur die Behauptung, daß die Ueverproduktion in Deutschlano durch die Schutzzölle begünstigt sei. Das mag ein Körnlein Wahrheit enthalten, entscheidend aber ist r- in keinem Falle, da dieselbe Ueberproonklion stch auch tu den Ländern des Freihandel» vorfinset, wenn die sonstigen Bedingungen günstig sind, d. h. wenn man den Konkurrenzkampf bestehen zu können hcfft. Daran ist eben nicht» zu änoern. Wo die Meuschen Gewinn zu sehen glauben, da werden sie ihre Netze an»- werfen, gleichviel, welche» zollpolitischr System am Ruder
ist. Helfen könnte nur internationale Organisation der Arbeit, wenn auch nicht in dem Sinne drr Sozialdemokraten, die au» dem Weltarbeit-markt einen Weltsklavenmarkt machen würden, sondern etwa so, wie sie in unseren Beruf»genosienschaften vorgebildet scheint, wenn e« flch hier auch erst um schwache Anfänge handelt. Wie wir un» die Sache In einem späteren Stadium ihrer Entwickelung denken, würden die Genoflenschasten stch keineswegs auf die Regelung der Unfallversicherung zu beschränken haben, sondern die Gesamtinteressen de» Gewerbe» zu vertreten berufen sein, und vor allem auch dafür zu sorgen haben, daß innerhalb de» bestimmten Geschäftszweige» keine Ueberproduktion ein- tritt. Daß die» sehr wohl ausführbar ist, zeigen die schon heute vielfach vorkommrnden Kartelle, die aber meist nicht von langer Dauer sind, weil der Zusammenhalt unter den BerufSgenoflen zn schwach ist, um die au» Konkurrenz- rückflchten erwachsende gegenseitige Abneigung derselben zu überwinden. Nur bet fester KorporattonSgliederung ist das denkbar; von durchgreifender Wirksamkeit aber kann diese Organisation wirrer nur dann werden, wenn sie international gestaltet wird. Daß e» stch hier um fernere Zukunft-Möglichkeiten handelt, steht ein jeder. Immerhin aber spricht schon heute manche» dafür, daß stch die Entwickelung der Jndustrieverhäitnlsse in dieser Richtung bewegen wird.
Deutsches Reich.
Berlin, 5. Jan. Der „ReichSanzetger" publiziert die Königliche Verordnung, wodurch beide Häuser de» Landtag» auf den 15. Januar einberufen werden. — Eine Bekanntmachung de» Reichskanzler» vom 4. Januar hebt die der Cholera wegen gegenüber den französischen Häfen am Mittelmeere und die gegenüber den italienischen Häfen getroffenen Bestimmungen auf. — Profeffor Treitschke ist zum Geheimen RegterungSrat ernannt worden. — Mit der Feier de» Krönung»- und Ordensfeste» am 18. d. M. beginnen die Rethen der Hof- und anderen Fasching» - Festlichkeiten der „Gesellschaft", die am 17. Februar schließen. Das OrdenSfest, da» sonst am Sonntag nach dem 18. Januar gefeiert wird, fällt diesmal auf einen Sonntag und den eigentlichen „Krönungetag" (18. Januar 1701). Tags vorher wird der Kaiser al» Oberhaupt de» Orden» vom Schwarzen Adler ein K pitcl im Restoevzschloffe, nach der unter König Friedrich Wilhelm IV. wiederbeleblen Weise, abhalten. Eine solche Feier samt der damit verbundenen Et kietvung der Ordensritter war seit 1713 in Wegfall gekommen und erst von dem vorigen Könige wieverauf- genommen worden, der auch wieder einen Kanzler des genannten HauSorden» in der Person de« Feldmarschalls Grafen Dohna einsetzte. Diesem folgte der Feldmarschall Gra' Wränget, diesem der O-erstkämmerer Graf Wilhelm v. Rebern und diesem der Fel. Marschall Graf Moltke, welcher diese Würde jetzt inne hat.—Ueber die im Vorder
grund de» Interesses stehende Angelegenheit der St. Lucia Bai ist folgende» bekannt geworden: Die englische Regierung teilte der deutschen mit, daß gegen die Erwerbung der St. Lucia Bai durch Lüderitz nicht» einzuwenden sei, daß ste keinesfalls aber die Unterstellung dieser Erwerbung unter deutsches Protektorat zugeben könne. Diese stehe unter dem Schutze Englands, welches seit 41 Jahren einen unbestrittenen Befltztitel und unbestrittene Hoheitsrechte in den dortigen Distrikten ausübe, weshalb die Bushissung der deutschen Flagge dort unmöglich. Dieser englischen Auf« faffung steht direkt gegenüber die von Herrn Lüderitz gestern dem Korrespondenten des „Standard" gegenüber in längerer Unterredung entwickelte, über die es heißt: Lüderitz und Schiel haben gestern im Auswärtigen Amte in Berlin die Originale, sowie die Kopien der mit dem Zulukönig ab« geschloffenen Kaufverträge betreffend die Lucia Bat übergeben, durch welche Lüderitz die fraglichen Territorien einschließlich aller Hoheitsrechte cedieit werden, so daß da« Gebiet al« außerhalb de» Zululande» liegend betrachtet wird und somit dem deutschen Protektorat unterstellt «erden kann. Die oben erwähnten Einwendungen Englands wies Lüderitz kurzer Hand unter Berufung auf da» englische Blaubuch vom August zurück, wonach Natals Grenze der Tugelafluß bildet und die des „Territo?y Reserved" der Umblatuzifluß, jenseits besten das freie Zululand beginnt. Auf dieses habe England keinen Anspruch, also auch nicht auf die innerhalb desselben liegende Lucia Bai. Die Auf- histung der englischen Flagge durch den Gouverneur von Natal erklärt Lüderitz für eine ohne Wissen Englands erfolgte Ueberetlung, hervorgerufen durch die Geschwätzigkeit EinwaldS. Einen Ausgleich dieser Ansicht mit der englischm zu finden, erklärt Lüderitz für die Aufgabe beider Regierungen. Er hoffe da« deutsche Protektorat über seine Besitzung Lucia Bat um so eher zu erhalten, als die Auf- histung der englischen Flagge erst nach Abschluß seiner Kaufverträge erfolgt sei. Von anderer Seite verlautet, daß die deutsche Regierung bemüht sei, eine gütliche Einigung mit dem britischen Kabinett zu erzielen. — Der heute zu Ehren LaSkers veranstalteten Gedächtnisfeier wohnten zahlreiche Freunde der Partei bei; Rabbiner Frankl hielt die Gedächtnisrede, an welche sich kurze Ansprachen der Abgeordneten Rickert und Baumbach anschlossen. — Dem Vernehmen nach ist heute der Student Holzapfel von hier bei einem Pistolenduell im Grünewald erschossen worden. — Der bekanntlich vor einigen Tagen aus dem Geviete der preußischen Monarchie auSgewiesene hiesige Korrespondent de« „Diritto" Dr. Bmevetto Cirmrni versichert in - einer den meisten Berliner Blättern zug gangrnen Zuschrift, daß die deutschfeindlichen Artikel de« „vtrilto" nicht au« seiner Feder stammten. Er, ein Freund und Verehrer der deutschen Nation, sei lediglich der Verfasser gewisser harmloser Briefe, welche unter der Unterschrift „Menenio" in dem gedachten italienischen Blatte erschienen seien. Wir glauben in der
ter verwunschene Prinz.
Novelle vonTheodorEcheffel.
(Fortsetzung.)
Nun ging r» hinein in die Burgruine ohne Furcht und Zagen, wenn auch von dem Gevanken beherrscht, daß e« viellucht jetzt gelte, einem seltsamen oder gefahrvollen Geheimnis auf die Spur zu kommen. Zuerst unters chte man den etwa» abfett« stehenden Turm. Der Diener Joseph zündete ein Licht an, wa» er auf Geheiß seine« Herrn mitgenommen hatte und leuchtete tu den an seinem Fuße finsteren Turm, doch nicht« lag da unten al« verfallen-« Gemäuer uno einige zerbrochene Balken. Darauf gingen die drei Männer lauschend und horchend nach dem Rittersaal« der Ruine, doch in und unter demselben sah uno Hörle man weiter nicht«, obwohl man einige Minuten lang Beobachtungen aniuttie. Dann schritten dtr drei Männer nach dem anstoßenden Eckzimmer, wo wiederum von einem menschlichen oder überirdischen Wesen nicht« zu sehen ooer zu hören war. Nun blieb nur noch dir Kap lle zum Durchsuchen übrig. Dteielbe erreichte man, wenn man von dem Rittersaale au« einen kleinen Gang durchschritt. Der Diener Joseph schritt mit dem Lichte voran und trat zuerst in die Kapelle. Er halte aber kaum seinen Fuß hin- eingesetzt, so ftand er auch wieder mit eischrockenrm Sut- lltze or außen und sagte mit bebender Stimme:
Da drinnen ist Jemand, der sehr verdächtig ausfieht, gnädiger Herr."
Der Herr von Ravenstein teilte al« ehemaliger Offizier, der in den Kriegsjahren 1866 und 1870 ganz andere Gefahren al» die Durchsuchung einer alten Ruine nach ver
dächtigen Gestalten bestanden hatte, die Angst seine« Diener» und de» ebenfalls ängstlich werdenden Gärtner« nicht, sondern er verlangte in befehlendem Tone von seinen beiden Begleitern Mut und Gehorsam, machte sein Gewehr schutzfertig und befahl dem Diener Joseph mit dem Lichte voran« zu gehen und zuerst in die Kapelle hinabzusteigen, während der Edelm nn und der Gärtner unmittelbar folgten.
Joseph trat zög-rnd in die Kapelle und schritt, angr- ' spornt von feinem hinter ihm schreitenden Herrn, langsam mit bim Lichte weiter. Herr von Ravenstein ließ seine Augen überall herumschwetfen, am Boden und an den Wänden und in den Nischen der Kapelle, aber er entdeckte keine verdächtige Gestalt und raunte bereit« ärgerlich seinem Diener in» O r:
„Dummer Kerl, wo hast Du denn Deine alten Augen gehabt? Ich sehe wecer einen Menfcden noch ein Gespenst in dir Kapelle, sichst Du etwa«, so zeige e« mir."
„Dort ist t«l" rief Joseph mit Entsetzen und ließ da« Licht fallen.
Da« zu Boden gefallene Licht war erloschen und fast vollständige Du kccheit herrschte in der Kap lle, ein Um- stano, drr wohl dazu «eeigntt war, viele Menschen in dem düsteren Halbdunkel surchtsam zu machen und die büren Begleiter de« Herrn von Ravenstein waren auch schon dabei, blindling« au« cet Kapelle zu laufen.
„Hier bleiben 1" befahl ihnen aber der Edelmann mit Donnerstimme und fügte gleich hinzu: „Ihr brecht Arme und Beine, wenn ihr in der Dunkelheit über die Stufen stürzt. Ich habe ein Feuerzeug bei mir und werde gleich da» Licht wieder anzünden, und bann «erdet Ihr sehen, daß Ihr Euch umsonst gefürchtet habt.".
Joseph und der Gärtner gehorchten instinktiv dem Befehle ihre» Herrn und dieser hatte nach Verlauf von einer Minute da« Licht wieder vom Boden aufgehoben und aus« neue angezündet. Er übergab e« dem Diener wieder mit den Worten:
„Schäme Dich aller Joseph, über Deine Furcht. Jetzt hältst Du da« Licht ganz fest, sonst könnte ich sehr zornig werden. Wir wollen jetzt jeden Winkel der Kapelle recht sorgfältig untersuchen. Wo sahst Du doch zuletzt eine verdächtige Gestalt?"
„Dort bei dem Altäre I" erwiderte der ängstlich auf« atmende Joseph.
„Nun, so »erben wir auch bort sorgfältig fachen," sagte mtschlossen der Herr von Ravenstein. „Leuchte ordentlich, Joseph und laß e« Dir noantal» gesagt fein, c« mag geschehen, wa« da will, Du darfst da» Licht nicht wieder fallen lassen und dann darf auch vor allen Dingen keiner von Euch auSreißeu. Wer die« trotzdem chut, den entlasse ich morgen, Feiglinge mag ich nicht tn meinen Diensten haben. Also mutig vorwärts und durchspäht alle Winkel."
Die drei Männer bewegten flch, langsam über manches Hindernis steigend, dem verfallenen Altäre zu, wo der Diener Joseph Jemanden gesehen haben wollte. Der Herr von Ravenstein hatte das Gewehr schutzfertig im Arne und hätte jeden Angreifer sofort niederschossen. Dieser Umstand und der große Mut de« EvelmanneS machte auch seine Begleiter weniger furchtsam und ste durchsuchten eifrig jeoen Winkel vor und an den Seiten de« SllareS und hörten und sahen nicht« Verdächtige«. Al« ste aber hinter den Altar kamen und eben nach der anderen Seite um» biegen wollten, stand plötzlich eine große Männergeftall vor