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MlarBurg, Sonntag, 4 Januar 1885.
XX. Jahrgang.
Erscheint tüglich außer an Mrklagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 21/. Mk» bei den Postämter 2 Mk. 50 Pf«, (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg. Reklamen für die Zeile
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankfurt a. 9Jt., Kassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Mofse in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln: G. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
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Der Uedermut Deutschlundt.
Unter dieser UeberschUst bringt der „Standard" nach» stehende Depesche: „Nach mehrjährigen Unterhandlungen haben sich die Regierungen Großbritannien-, Deutschland« und Spanien- neuerdings über die Bedingungen eine- Protokolls geeinigt, welche- am 19. d. M. in Madrid unterzeichnet werden sollte. Aber der deutsche Geschäftsträger trat in der von deutschen Diplomaten in letzter Zett angenommenen anmaßenden Weise mit neuen Ansprüchen seiner Regierung hervor, und zwar an demselben Tage, an dem der spanische Minister der auswärtigen Angelegenheiten die Vertreter England- und Deutschland- eingeladen hatte, ein Protokoll zu unterzeichnen, welche- auf feiten dieser beiden Mächte die volle Anerkennung der spanischen Souveränität über den SuluArchipelagu- stipultert und auf feiten Spanien« eine vollständige Verzichtleistung aus dessen sämtliche Ansprüche über Nord-Bomeo und volle Handel-- und Schifffahrt- - Freiheit in jenem Archiprlagn», wie ste durch die Art. I, II und III de- früheren Protokolls von 1877 definiert worden, und auch durch die neue Konvention aufrecht erhalten werden, verkörpert.... Ich bedauere sagen zu müssen, daß die deutsche Regierung den unprovoziertesten Antagonismus gegenüber englischen Interessen entfaltet hat. Deutschland wurde nur durch die äußerst freundliche -und loyale Haltung der Herren CanovaS und Elduayen gegenüber England im Schach gehalten, indem ste zu verstehe» gaben, daß Spanien in der Sulu-Frage Deutschland nachzugeben nicht geneigt sei. Die deutsche Diplomatie hat ihre Haltung zu Spanten gänzlich geändert, seitdem Fürst Bismarck und Frankreich übereingekommeu zu sein scheinen, in Kolonial und insbesondere in afrikanischen Fragen im Einvernehmen zu handeln. So wird z. B. die jüngste Niederlage de- Fürsten Bismarck im Reichstage von Deutschland als Vorwand (!) benutzt, um die Kreierung einer Botschaft in Madrid aus unbestimmte Zeit hinauSzuschieben, — da ein solcher Schritt bekanntermaßen von der französtschen Regierung nicht gern gesehen werden würde. (!) Dann wiederum hat Deutschland, ehe daS Resultat der Berliner Konferenz bekannt ist oder deren endgültige Beschlüfie gefaßt worcen find, an der Küste von Afrika gegenüber den spanischen Inf ln Fernando Po und Eorrtsco Annvbky Territorien besetzt, welche die Eingeborenen - Ches- bereits in 1834 und 1857 an spanische Krieg-fahrzruge, die Im Namen der Regierung der Kö igin Isabella handelten, ab
Der verwunschene Prinz.
Novelle von Theodor Scheffel.
(Fortsetzung.)
„Ach, darüber mache ich mir.keine Sorgen," sagte lächelnd der Gemahl. „Gertrud kann zu Hause ebenso von Unglück betroffen werden, al- draußen. Von bösen Menschen ist wohl auch gar nicht« zu fürchten, ich habe die Umgegend von Gesindel gründlich sinbern lasten. Was sollte aub ein Vagabund unser Gertrud anhaben können? Sie ist kräftig u>d wenn e- sein muß, auch kühn und würde nickt fäumen, einen frechen Angriff mit einem wuchtigen Schlage ihrer Reitgerte zurückzuweisen. Auch stnd ja fast auf allen Fluren immer Arbeiter und Dienstleute von un- befchäfligt und Gertrud wird grwtstermaßen von dtefen Leuten bewacht. Darum sei außer Sorge, liebe Frau, Gertrud wiro auch heute wie jeden andern Tag froh und munter heimkehren. Und dort kommt ste ja auch," fuhr Herr von Ravenstein fort, indem er mit der Hand zum Fenster hinau-wie«. „Wie übermütig ste heute ist, das Pferd läuft ja fast im vollen Galopp den Berg herauf, da- muß ich ihr doch verbieten. Nun will ich aber hinunter, um den Wildfang vom Pferde zu heben und dann will ich Dir ihn gleich hcraufbrtngen.
Herr von Ravenstein eilte hinab auf den Burghof und der Mutter Gertrud hüpfte da- Herz vor Freude, ihren Liebling, um den ste soeben Sorge gehabt hatte, wieder fröhlich in ihrem Zimmer bei sich zu sehe«.
Die Freude der Mutier machte aber einem furchtbaren Schreckm Platz, al- wenige Minuten nachher Herr von Ravenstein Gertrud totenbleich in- Zimmer trug.
„Ach, ängstige Dich nicht,' tief der Herr von Raven«
getreten hatten." Da- ist allerdings stark, daß Deutschland da- Kamerun-Gebiet zu erobern sich unterfängt, ohne in Madrid anzufragen, ob man e- dort nicht in Besitz zu nehmen gedenke! Der Korrespondent fährt fort: „Schließlich ist Spanien zu verstehen gegeben, daß Deutschland die buch unser Protokoll England gemachten Zugeständnifle, sowie den Vereinigten Staaten in Cuba gemachten nicht mit Befriedigung betrachtet, und sowohl Deutschland wie Frankreich bestehen daraus, daß ihre Einfuhren in spanisch Westindien auf denselben Fuß gestellt werden, wie er künftig amerikanischen Waren zu gute kommt. Deutschland dürfte zu seinem Schaden herausfinden, daß castilianischer Stolz diese leichtfertige Behandlung nicht dulden wird, und bereit- erklären sämtliche Journale — mit Ausnahme der ministeriellen Organe,—daß politische und kommerzielle engere Beziehungen mit Großbritannien und Italien unter den europäischen Nationen, sowie mit den Vereinigten Staaten der beste Weg sein würden, um Spanien aus der Stellung eine- Satelliten abwechselnd der deutschen und französtschen Diplomatie zu befreien und desien Handel, sowie besten afrikanische Bestrebungen zu fördern. Mehrere Journale dringen heute darauf, daß England und Spanien das Sulu- Protokoll unterzeichnen sollten, ohne auf die neuen Präten- stonen Deutschlands Rücksicht zu nehmen; sie glauben, daß letztere Macht einfach auf irgend ein koloniale- Unternehmen gegen britische Rechte in Nord-Borneo und gegen spanische Rechte im Sulu- und Philippinen - Archipelagu» hinzielt." Diese Madrider Depesche giebt dem „Globe" neuer Ober- waster, um gegen Fürst Bismarck zu Felde zu ziehen. Die „Pall Mall Gazette" schreibt über denselben Gegenstand: „Warum sollten englische Journalisten sich in übelgelaunter Kritik ergehen, al» wenn eine Koppel Dachshunde hinter einer Bull ogge her ist, wenn sie über Fürst Bismarck schreiben? ES ist sehr unwürdig und äußerst abgeschmackt. Wenn Fürst BiSmarck uns feindlich gesinnt ist, wird ein ewige- Knurren weder unsere Köpfe kühler, noch seine Laune bester machen. Ein Grund, warum der deutsche Kanzler ist, wa- er ist — Schiedsrichter auf dem Festlande und Diktator Frankreichs, besteht eben darin, daß er einen kühlen Kopf behielt, wußte, wa- er wollte, und keine Energie, die zur Einigung Deutschlands erforderlich war, in mürrischem Schnappen noch seinen Nachbarn vergeudete. Wenn, wa- wir zu glauben nn- weigern, daS Fatum unS zum Wi erstände gegen Fürst BiSmarck zwingt, dann wird e- alle unsere Zeit in Anspruch nehmen, einen so kühlen, so vorsichtigen und an Hilfsquellen so reichen Gegner zu überlisten und je weniger wir unS dem Unsinn hingeben, je bester für unser eigenes Jntereste. Solche Ueberschriften, wie „Der Uebermut Deutschlands" z. B., wie sie der „Standard" heute einer Schilderung der deutschen Diplomatie in Madrid giebt, bietet eine Illustration deS genauen Stils der Gemüt-ftimmnng und Beurteilung, den zu vermciven unsere erste Pflicht ist."
stein seiner Gemahlin zu, „eS ist weiter nicht- als eine Folge des heiligen Ritte- bei der großen Hitze. Ein wenig Ruhe und etwas Master auf die Stirn macht Alles wieder gut."
Nach einigen Minuten schlug auch Gertrud die Augen auf, aber nicht freudig bl ck.e ste umher, sondern wehmütig Und ernst.
„Mein Kind, wa- ist Dir?" tief ihre Mutter und ergriff zärtlich die Hand Gertrud«.
„Hast Du einen Schaden genommen? Ist Dir ein Unglück passt ri ?' fragte der Vater.
Gertrud schüttelte traurig da« Hrupt und schwieg.
„Aber Du bist doch ganz so verändert, so wie heute sch ich Dich noch niemals. Sprich, wa- ist mit Dir geschehen?" forschte der Aller weiter.
„Ach, ich habe ihn gesehen!" erwiderte Gertrud schluchzend.
„Wen hast Du gesehen?" srugen bestürzt Vater und Mutter zugleich.
„Den armen — Prinzen, der drüben auf der Ruine verwunschen ist," fuhr Gertrud mit Thränen in den Augen fort.
„Was ist da« für eine Rede? Bist Du bei Sinnen Gertrud?" erwiderte der Herr von Ravenstein erregt. „Siehst Du am hellen Tage Gespenster und Geister, schäme Dich al« erwachsene« Mädchen."
Gertrud schluchzte weiter und sagte kein Wort mehr.
„Oder sollte es Jemand wagen, mit meiner Tochter Schabernack zu treiben," sagte der Herr von Ravenstein mit Donnerstimme. „Wo hast Du ihn gesehen? Wen hast Du gesehen? Erzäyle mir Alle-, Gertrud, ich will den erbärmlichen Wicht noch heute züchtigen."
Auf dem Antlitze de- Herrn von Ravenstein zeigte sich
Die schändliche Anmaßung Deutschland», neben England eine Rolle in der Welt spielen zu wollen, erregt nun jenseits des Kanals immer tieferen und ärgerlicheren Unmut, wird hoffentlich aber nicht« helfen.
Deutsche- Reich.
Berlin, 2. Jan. Die Ansprache de- Kaiser» bei dem gestrigen Botschafter-Empfang enthielt politisch Bemerkenswerte- nicht. Der Kaiser sah sehr wohl an«. — Der »Kreuz-Ztg." zufolge ist der Staat-rat zum 12. Januar einberufen. Derselbe wird die für den Landtag bestimmten Vorlagen zur Begutachtung vorgelegt erhalten. — Nach 8 1, Absatz 2 deS Unfallversicherung« - Gesetze» stnd diejenigen Bauarbeiter und bei Bauten beschäftigten Betriebsbeamten der Unfallveistcherung unterworfen, welche von einem Gewerbetreibenden, besten Gewerbebetrieb sich auf die Ausführung von Maurer-, Zimmerer«, Dachdecker-, Steinhauer- und Brunnenarbeiten erstreckt, in diesem Betriebe beschäftigt werden. Nach 8 1, Absatz 8 kann jedoch durch Beschluß de» BundeSratS die Versicherungspflicht auf Arbeiter und Beamte in anderen, nicht unter Absatz 2 fallenden, auf die Ausführung von Bauarbeiten sich erstreckenden Betrieben ausgedehnt werden. Zu denjenigen Bauarbeitern, welche im wesentlichen der gleichen Unfallgefahr, wie die im 8 1, Absatz 2 aufgeführten ausgesetzt sind, gehören die Tüncher, Verputzer (Weißbinder), Gipser und Stuckateure. Diese Gewerbetreibenden verrichten ihre Arbeiten von stehenden oder hängenden Gerüsten auS oder auf Leitern, in beiden Fällen oft in bedeutender Höhe und es kommen dabei zahlreiche und nicht selten schwere Un- glücköfälle vor. Dazu kommt, daß die Arbeiten der Tüncher und Verputzer und die Arbeiten der Maurer, namentlich auf dem platten Lande, von denselben Personen verrichtet zu werden pflegen und daß auch da, wo beide Gewerbe getrennt stnd, die Tüncher rc. oft auf denselben Gerüsten arbeiten, aus welchen die gegen Unfall versicherten Maurer thätig find. Tüncher, Verputzer, Gipser und Stuckateure sind gegenwärtig der Unfallversicherung unterworfen, wenn sie in einem Betriebe beschäftigt werden, in dem mindesten« zehn Arbeiter regelmäßig thätig stnd. Unter diesen Umständen ist eS erklärlich, daß unter diesen Arbeitern der Wunsch nach einer allgemeinen Ausdehnung der Ver- stchernngspflicht auf ste rege geworden ist. AuS Kastel und Oldenburg sind bezügliche Anträge an daS Reichs- Vcrstcherungsamt ergangen und bet den Anmeldungen der unter da« G-s tz fallenden Betriebe sind auch vielfach Betriebe von Tünchern, Verputzern, Gipsern und anderen Gewerbetreibenden angeweldct worcen, wa« darauf schließen läßt, daß auch in weiteren Kreisen der Beteiligten deren Gleichstellung mit den Maurern, Zimmerern u. s. w. al« ein Bedürfnis empfunden, ja als felbstverständlich vorausgesetzt wird. Aehnlich liegen die Verhältnisse der bei Bau-
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bei den besorgten Worten seiner Tochter um den verwunschenen Prinzen ein bittere- Lächeln, waö sehr bald einem sehr ernsten und traurigen G-stchtSau-drucke wich. Der Vater Gertrud« schien infolge der seltsamen Aenßernngen seiner Tochter für ten Verstand derselben zu flüchten und berührte deshalb den Gegenstand der bisherigen Rede nicht mehr.
„Liebe» Kind, Du hast Dir durch den tollen Ritt offenbar Schaden an Deiner Gesundheit gethan," sagte er teilnehmend zu Gertrud, „laß Dich von der Mutter nach Deinem Zimmer bringen und in Pflege nehmen, ich will auch sofort nach einem Arzte senden, der Deinen Zustand untersuchen soll."
Gertrud wollte antwortm, denn ste schien mit diesen Anordnungen ihre- Vater« durchaus nicht einverstanden zu sein, aber der Ernst in den Zügen de» Vater« und die Thränen, welche sich inzwischen in dm Augen der besorgten Mutter zeigten, zwangen da- junge Mädchen zum Gehorsam. Sie erhob sich seufzend und schritt < m Arme der Mutter langsam au« dem Zimmer.
Der Herr von Ravenstein hatte nunmehr nicht« Eiligere« zu thun, al» einen berittenen Boten nach der nächsten rtadt zu schicken und den Arzt, den er für sich und feine Familie für gewöhnlich konsultierte, herbeiholen zu lasten, denn die rätselhaften Aussagen Gertruds ängstigten den Herrn von Ravenstein sehr und er fürchtete thatsächlich für deren Geisteszustand; denn daß ein erwachsene» und vernünftiges Mädchen im Ernste von der Erscheinung eine« verwunschenen Prinzen sprechen könnte, erschien ihm mit Fug und Recht al- ein Ding der Unmöglichkeit.
(Fortsetzung folgt.)