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Marburg, Sonnabend, 3 Januar 1885.

XX. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal« Abonnements-Preis bei der grvedition 2*/t Mk, bei btn Postämter 2 Mk. 50 «fg. (excl. Bestellgeld). Jnserti»>tsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

«Anzeigen nimmt entgegen: bie Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankfurt a. M., Kassel, u Magdeburg und Wien;

Rudolf Mofse in Frankfurt a M.,Berlin,Münchenund Köln: G. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Lonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

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MM- D-n noch erfolgenden Neubestellungen auf unser Blatt wird, soweit der Vorrat reicht dir

Rr. 1 de» Illustrierten LonutagSblalte» und der

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Produklwu uuv Kousumltou.

Die .Poft" steht die Ursache der wirtschafllichen Miß­stände in erster Linie in der Ueberproduttton um legt den WährungSverhältnisten nur eine sekundäre Bedeutung bei. Sie meint, ,e» würde nicht eher bester, bis Produktion und Konsumtion wieder in« Gleichgewicht gelangt seien/ Da­wirs aber so lange ein frommer Wunsch bleiben, bis die WährungSverhältniste geändert stnd, denn da- verteuerte Gels zwingt den Industriellen, den Landwirten niedrige Preise und den Arbeitern niedrige Löhne auf, r- vermindert also die Einnahme der großen Maste de- Volke- und wo Die Einnahmen sich vermindern, da müsten sich not­wendig auch die Ausgaben vermindern, da können die Leute weniger tuen uns konsumieren. Wenn der Bauer viel Gelv cinnimmt, uns der A'.beiter viel Geld verdient, dann können sie auch mehr Gelv auSgcben e« steigt also auch die Konsumtion. Dir Geldnot ist da« größte wirtschaftliche Hebel; wenn da- Volk kein Geld hat, dann muß eS die Konsumtion aus« unbedingt Notwendigste beschränken. Will man die Procuklion heben und flott machen, dann hebe man die KonsumtionSsähigkeit de» Volke-, und wenn man diese heben will, dann muß man Geld unter die Leute bringen. Will man aber die«, dann muß man sorgen, daß da- Geld billig ist und daß also jeder für seine Leistung ein tüchtiges Stück Geld verdienen kann. Die Goldwährung verteuert aber da« Geld, macht dadurch da- Volk geldarm. m. . Hegt der Haken. Die Redensart: ProdukÜon und Konsumtion müßte in« Gleichgewicht gesetzt werden, ist völlig wertio«. Wie will man da- machen, wie denkt man sich diese Prozedur? Im wirtschaftlichen Leben läßt sich nichts künstlich machen; man muß den Acker düngen, pflügen und besäen, dann bringt er auch Früchte. Man sorge für billige- Geld, indem man der liberalen Thorheit, der Gold­währung den Abschied giebt und va» Silber wieder in sein Recht einsetzt, dann wird der gesteigerten Produktion auch wieder eine gesteigerte Konsumtion zur Seite treten, der Einklang macht stch dann von selbst.

Uebrrprovuküon heißt, mehr produzieren al- verbraucht oder konsumiert wird. Wenn die Waren der Industrie nicht gekauft werden und nicht gekauft werden können, weil dem Vock da« Geld fehlt, dann bleiben ste eben übrig und es ist Überproduktion da. Hat da- Volk Geld und kann sie k.u-rn, dann Höck die Ueberproiuklion auf. Sie hängt also ganz von der Konsumtion-krast ab. Ein kaufkräftiges

ter verwunschene Prinz.

Novelle von Theodor Scheffel.

(Fortsetzung.)

Aber Niemand sprach den ernstlichen Wunsch au«, in der Weise, wie e» die Sage vorschrieb, den verwunschenen Prinzen zu teilen, einige kecke Geister meinten höchsten« daß der Prinz zum Dank für seine Errettung vielleicht seinen Rettern die Hälse brechen werde.

Dann vergingen wieder Monate um Monate auf dem Ehrenstein, e» wurde Herbst, Winter und da- Frühjahr kam wieder und mau dachte nicht mehr an den verrenn» scheuen Prinzen und auch nicht an seine Residenz Euien- stein, wir dir Burgruine hieß. Man sollte aber doch ein­mal den verwunschenen Prinzen kennen lernen und da» ging folgendermaßen zu.

Der Herr von Ravenstein hatte drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter. Die Söhne waren in Dresden auf drr Kadettrnschule, um stch für den Osfizier»dienst au«» zubilden unv die Tochter befand stch in einer höher en Töchterschule rbensall« in Dresden. Im Jahre 1875 tra­ten Arno und Max von Ravenstein, wie die beiden Söhne de« pensionierten Major« von Ravenstein hießen, al« Fähn­riche in dir Armee ein und kamen nunmehr sehr selten in da« elterliche Hau«, so daß Herr und Frau von Ravenstein sich oft auf ihrem Landsitze vereinsamt fühlten und deshalb beschlossen, den Aufenthalt ihrer einzigen Tochter Gertrud auf der höheren Töchterschule in Dresden abzukürzen und die nun"beinahe siebzehnjährige Tochter Gertrud in» elter­liche Hau« zurückzunehmen. , _ _

So geschah e» auch u»d zu Ostrra 1876 kehrte ®<r»

Inland ist aber für die Industrie da- wichtigste, deshalb muß e- ihr durch verständige Schutzzölle erhalten werden. Welche kolosialen Summen macht e- au-, wenn von den 45 Millionen Deutschen jeder jährlich nur für einige Mark mehr Waren kaufen und verbrauchen kann, al- wenn er au« Mangel an Geld sich auf da- Allernotwrndigste be­schränken muß. Da« Geld ist daS Blui im wirtschaftlichen Körper. Geldarmut bedeutet also Blutarmut, Bleichsucht, normal ou«reichende Geldverteilung dagegen bedeutet wirt­schaftliche Gesundheit. Die Goldwährung aber bedeutet Geld­verteuerung und Geldarmut iür die produktive Arbeit, also für die große Masse de« Volke- und vom Gelbe gilt da-Wort: »Wo du nicht bist, Herr Organist, da schweigen alle Flöten I"

Deutsche- Reich.

Berlin, 31. Dez. Der Kaiser empfing die heute anläßlich der Neujahrsgratulation hier eingetroffenen Generale Graf v. Brandeaburg und v. TreSkow samt anderen höheren Offizieren und konferierte nachmittag» mit dem Reichs­kanzler. DerNat.«Ztg." zufolge soll in einer dem Landtage zugedachten Kanalbau - Vorlage die Erweiterung der Linie In der Richtung nach dem Rheine über Dort­mund hinaus bis zur EmSmündung, sowie die Ausführung einiger Nebenanlagen und gleichfalls die Berbeflerung der Wasserstraße nach Schlesien in« Auge gefaßt fein; der Kostenaufwand soll gegen 75 Millionen Mark betragen. Die ,Nordd. Allgem. Zig." schreibt an leitender Stelle: »Wie wir hören, macht sich in Baiern unter den Arbeitern mehr uns mehr da-Bedürfnis danach geltend, rin kleinere- Geldstück al- den Pfennig zu besitzen. Unserer heutigen Geldwährung fehll an einer Geldsorte, durch welche die Werte derjenigen Unterabteilungen der Maße, nach denen die notwendigsten Leben-mittel von den ärmeren Klassen gekauft zu werden pflegen, zu einem genauen Au-druck ge­bracht werden könnten, und die Folge davon ist, daß diese Unterabteilungen, wie z. B. da- Quart oder der fünfte Teil eine- Pfunde-, von dem Konsumenten über ihren Wert bezahlt werden müfien. Da- Liter Bier kostet 22 Pfg., da« Quart müßte hiernach 5V2 Pfg. kosten; da diese Summe nicht darstellbar ist, so rundet der Bierhändler sie nach oben zu ab auf 6 Pfg., und der Konsument eines Quart- muß also V2 Pfg zu viel bezahlen. Da- Pfund Niudfleisch gilt 56 Pfg.; für 1/5 P d. muß der Konsument aber 12 Pfg. bezahlen, also Pfg. zu viel. Dasselbe wiederholt sich bei allen übrigen KonsumtionSartikckn. Die Teile stnd zusammen genommen teurer al- da- Ganze, well e- au einer entsprechenden Scheidemünze fehlt, wie Baiern ste früher in dem Heller besaß. ES wird deS weiteren an der Hand angeblicher statistischer Aufstellungen berechnet, daß der Verlust, den die ärmeren Klassm auf diese Weise beim Einkauf b<r einzelnen LebenSmitt I zn-

trus dauernd zu ihren Eitern zurück. Da« abeliue Fräu­lein that die« mit große Freude und innigem Behaam, denn ste besaß ein fröhliche- Gemüt und ein lebhafte« Temperament, welche- stch im Zwange deS SchullebenS oft recht beengt gefühlt hatte. Nun war ober da- Fräulein von diesem Zwange befreit, bei den Eltern konnte ste sich auStummeln, konnte Hüpfen und springen wie ein Kind, auf Berge klettern und über blumige Wiesen laufen, auch durfte ste hoch zu Roß den Vater begleiten, wenn er mit feinem .WUdfang", wie er Gertrud zuweilen scherzhaft nannte, einen Spazierritt in die Umgebung unternahm.

Man kann stch leicht denken, daß da- Fräulein von Ravenstein unter diesen Verhältnissen bald jede steife Eti­kette und jeve- leere uns beengende Formenwesen ablegte, wa« indessen nur in dem Maße geschah, daß eS ihrer Würde al« Jungfrau und ihrer hohen gesellschaftlichen Stellung durchaus nicht den geringsten Abbruch that.

So kam e- auch vor, daß Gertrud zuweilen ganz allein zu Fuß oder zu Roß die Wälder und Fluren ihre« Vater« durchstreifte und wenn bann ein schwärmerischer Tourist da« schöne Burgfräulein sah, so glaubte er eine Eise erblickt zu haben, einen so wunderbaren Eindruck machte Gertrud. Sie war auch in der That ein sehr schöne» Mädchen von herrlichem schlanken Wüchse, mit edel gebildetem und von Jugendfrische strahlendem Antlitze, gro­ßen, lebhaften, blauen Augensternen und üppig auf Nacken und Schultern hiaabwallendem blonden Lockenhaar.

Lange duldete e« Gertrud übrigen- niemals, daß ein Fremdling ste auf ihren Streifzügen schaute. Schleunigst schlug st: in solchen Fällen einen andern Weg ein, um den neugierigen Männerbltcken zu entfliehen und bei ihrer voll-

sammen erleiden, stch auf mindesten« 20 Mark im Jahr per Kopf beläuft. Schätzt man nun den Bestand dieser Klaffen in ganz Deutschland auf 30 Millionen, so ergiebt stch ein Verlust von 600 Millionen jährlich. Diese 600 Millionen fließen heute in die Tasche des Zwischenhänd­ler-. Bedenkt man, daß der Gewinn deS Letzteren chon ein sehr hoher ist, wenn man denselben nach den im Zwischenhandel für die ganzen Maße üblichen Preisen be­rechnet, so scheint die Frage der Wiedereinführung de» Hellers, durch welche jene 600 Millionen für den armen Mann erspart werden würden, einer gründlichen Erwägung wohl wert zu sein." Gegenüber verschiedenen Mitteilungen, die über die nächsten Absichten der Freien wirtschaftlichen Vereinigung Im Reichstage durch die Blätter gegangen find, «eist -.die «Konservative Korrespondenz" darauf hin, daß die von der Vereiniguüg niedergesetzten Kommissionen ihre Arbeiten so streng geheimhalten, daß selbst der Fraktion nicht- davon bekannt ist. Die- ist richtig; zu bestimmten Beschlüsien können die Kommissionen, die stch vor den Ferien kaum konstituiert hatten, auch noch" nicht gekommen sein; trotzdem geht man keinenfallS fehl, wenn man an« nimmt, daß die Erhöhung der Getreidezölle und zwar die Verdreifachung der erste Antrag der Vereinigung fein wirb, bett Zolleinführungen auf anbere landwirtschaftliche Produkte bald folgen werden. DerReichsbote" stellt heute die auch schon anderwärts ausgesprochene Behauptung auf, daß die Beziehungen zwischen Rom und Berlin nicht ganz un- getröbt seien und daß In der That nicht unbedeutende Differenzen existieren, welche namentlich auf die Haltung Italien» England gegenüber zurückzuführen stnd. Die gegenwärtige Reise de» Herzogs von Genna nach London involviert eine weitere bedenkliche Schwenkung deS italie­nischen Kabinett», da der erstere nicht bloS, wie vielfach behauptet wird, den in England erbauten KriegSbampser «Giovanni Bausan" übernehmen soll, sondern auch mit einer diplomatischen Mission für da» Kabinett von St. Jame» betraut ist. Dieserhalb wurde auch die bereits vor Wochen festgesetzte Abreise be« Prinzen wieberholt ver­schoben. Auch die Stellung bes hiesigen Botschafter-, Grafen Lanuay, gilt als sehr erschüttert. Doch kommen bafflr nicht bloS transalpinische Gründe in betracht, sondern auch anderwärts zu suchende Vorgänge. Wie man dem­selben Blatte aus Pari- schreibt, zirkuliert In dortigen diplomatischen Kreisen da» Gerücht, Herr Waddington, der französische Botschafter in London, dessen Rückkehr ursprüng­lich für Milte Januar bestimmt war, beabsichtige von seinem dortigen Posten zurückzutreten. DeS weiteren wird uns mitgeteilt, die französische Regierung habe an der belgischen Grenze sämtliche nach Frankreich bestimmten Exemplare eines in Brüssel erschienenen satirischen Blattes mit Beschlag belegt, weil da« letztere den Fürsten Bismarck und Herrn Jule» Ferry in einer geradezu unqualifizierbaren Position

ständigen Ortskenntnis gelang ihr die« mit einer Schnellig­keit und Sicherheit, daß sie deshalb nur noch mehr in den Ruf einer Waldelfe kam.

Ein romantischer Zug in dem Geiste Gertruds hatte ste bald in der ganzen Umgebung mehrere Li-blingspiätzchen mit bezauberndem Aufenthalt herausfinden lasten, am lieb­sten verweilte Gertrud aber, wenn ste der Romantik ihres Geistesleben» so recht Genüge leisten wollte, in oder auf der Ruine Eulenstein, in der Residenz de» verwunschenen Prinzen. Wer ste da in einer einsamen Vormittags- oder Mittagsstunde, die großen schwärmerischen Augen auf ihn gerichtet, erblickt hätte, der würde gewiß stch erschrocken an die Ltirn geschlagen haben, um zu erfahren, ob er noch auf dieser Erde reelle ober in eine Märchenwelt versetzt fei.

An einem sehr heißen Augustnachmittage de« J-hre« 1876 saßen Herr und Frau von Ravenstein in einem Erker­zimmer ihre« Rittersttze« und Frau von Ravenstein tadelte ernstlich, daß Gertrud bei dieser Hitze einen Ausflug zu Pferde unternommen habe.

Ach, Du mußt schon Nachsicht mit ihr üben," er­widerte der Herr von Ravenstein,denn hier in unserer Einsamkeit können wir den kleinen Wilbfang nicht an die Scholle fesseln. Wenn sie leben soll wie die anderen jun­gen Damen, unter dem Banne der Etikette, dann müfien wir ste wieder nach bet Stabt bringen. Hier kann sie sich einige Freiheiten erlauben, e« entspricht ihrem Charakter und ganzen Wesen »ad schadet ihr nichts."

,O, e» könnte Gertrud doch einmal ein Unglück zu- stoßen," meinte Frau von Raver-stein ernst,das Unglück schreitet in allerlei Gestalten einher."

(Fortsetzung folgt.)