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Marburg, Donnerstag, 1. Januar 1885. di . x)

OllklWsche Zkliiiiig.

!X.Nahrgllllg.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a. M., Kaffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln: G. L. Daube und Co. ui Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Wöchentliche Beilage«: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Zllustricrtes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

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Rr. 1 der Illustrierte« LouutggSblalte- uud der

Waudkoleutzer für 1885 nachgeliefert.

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Zum Johre-wechsel.

Das scheidende Jahr 1884 ist reich au Errignisien ge­wesen, welche für die politische Entwickelung Deutschland» von größerer Bedeutung waren. Dieselben in einem über­sichtlichen Bllde zusammenzufasten und so ihre Bedeutung für die weitere Zukunft kennen zu lernen, bietet die Jahres­wende erwünschte Gelegenheit.

Die Triumphe, welche die deutsche au-wäitige Politik in tiefem Jahre gefeiert hat, nehmen nicht nur wegen ihrer Wichtigkeit au sich, sondern auch wegen ihrer Rückwirkung aus die innere Politik in unseren Betrachtung n naturge» mäß die erste Stelle ein. Was seit längerer Zeit die deutsche Diplomatie erstrebt und emsig vorbereitet hatte, trat in dem glänzenden Ereignis der Drei-Kalserzusammen- kunft am 15. September in Skierniewice in die Erschei­nung: die Friedenspolitik, welche seit 5 Jahren in dem Frrundschaftsbuade zwischen Deutschland und Oesterreich- Ungaru eine sichere Grundlage hatte, erhielt eine wettere kräftige Stütze durch die Erneuerung und Besiegelung de« Freunoscha tsverhältnistcS der beiden Monarchen mit dem Kaiser von Rußland. Die wie die Thronrede vom 20. November sagte .darin beruhende starke Bürg- schäft des Friesen»* ist noch erhöht worden durch die freundschaftliche Gesinnung und durch da» Vertrauen, von welchem gegenwärtig alle Staaten des Auslandes dem deut­schen Reiche gegenüber erfüllt stad, und wovon die That- sache Zeugnis ablrgt, daß am Schluß de» Jahre» in Berlin eine zur Regelung der westasrtkanischen Handelsbeziehungen einberufene Konferenz tagte, zu welcher die deutsche Re­gierung im Einverständnis mit der französtschen die Ein- lavungen hatte ergeh« lasten. Der bisherige Verlauf dieser Verhandlungen bürgt dafür, daß die Aufgaben der Konferenz bei Beginn deS neuen Jahres werden glücklich gelöst uns zum Abschluß gebracht werden. Von wie großer Bedeutung aber auch da» Ergebnis der V rhauvlungeu für alle Kulturvölker und für den schwarzen Erdteil tnbeson- bere sein wird, sür daS deutsche Volk steht die Thttfache, daß Deutfchmnd hieran al» kolonialpollltsche Macht teil nimmt, im Vordergrund. Von dem Jahre 1884 datieren der B.gtnn der demschen Kolonialpollttk uno zugleich die ersten außerordentlichen Erwlge derselben, welche um so größeren Eindruck auf die Nation gemacht haben, als dabet mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden waren und mit

^Nachdruck Oerboten.]

Der verwunschene Prinz.

Novelle von Theodor Scheffel.

Da» ln bliche Thüringer Land ist nicht nur berühmt wegen seiner anmutigen Berge und Hügelketten, seiner duf- tenven Nadelwilser und feinet sonstigen «um und Tväler. sondern auch wegen seiner zahlreichen statt tchen Schlösser uno Burgen oder Burgruinen. B sonders häufig sind diese Burgen ooer Burgeulu« an den lleru oerSv.aL und Ilm und da, wo die klaren Fluten dieser Flüste einander ziemlich nahe gebettet flnr, spielt auch unsere Geschichte vom verwunschenen Prmzen, die durchaus kein Märletn ist oder sein soll, sondern eine den wirklich« Begebenheiten ent­sprechende Erzählung.

D-r arme, verwunschene Prinz lebte jetzt allerdings nicht mehr, aber diejenigen Leute leben noch, die einst den ver­wunschenen Prinzen entorcktev, sich vor ihm fürchteten und alS sie sein Wesen erkannt hatten, ihn retten wollten und dabet zu großem Schmerze und Schadm kamen; deshalb wollen wir m unterer Gesch chte keine wirklichen Namen nennen, um Ni.Minden zu nahe zu tret«.

Im Jahre 1872 kaust- sich ein stchstscher Major a. D., Herr von Ravenstein, in Thüringen an, dort in der Gegend, die wir oben beschrieben haben. Herr von Ravenstein hatte einen guten Kauf gemacht, für nur 52000 Thaler hatte er sich ein stattliche« Rittergut nebst einigen Waldun­gen ei worben. Zu dem Ritlergute gehörten ferner auch zwei Burgen. Die eine derselben, der Ehrenstein, war gut erhalten und durch mehrere Anbaue erweitert worden, diese Burg diente daher auch dem Herrn von Ravenstein al« Wohnsitz. Die zweite Burg mochte einst viel größer und schöner gewesen sein, aber seit Jahrhundert« lag schon dt«

einem Geschick überwunden wurden, welche» da» hohe An­sehen Deutschland» und seiner auswärtigen Politik bei allen Völkern noch weiter gesteigert hat. Mit Stolz empfindet jeder Deutsche, daß die deutsche Flagge am Meer­busen von Guinea, in Südwestafrika uno seit kurzem auch in Neu Guinea und auf einigen anderen Inseln in der Südsee weht.

Die deutsche Kolonialpolitik ist dem Bedürfnis der in g neren Politik entsprungen: ste ist eine Fortsetzung und Er-' gänzung unserer Wirtschaftspolitik und soll zur Förderung des Handels und der Ausfuhr unserer Erzeugnisie bei­tragen, damitunsere Industrie zu lohnender Beschäftigung ihrer Arbeiter befähigt bleibt* Sie ist also ein Glied in der Kette der auf das wirtschaftliche Wohl abzielenden Re- formpolitik, uns deshalb auch Gegenstand der Anfeindungen seitens derjenigen Parteien geworden, welche die Reiorm- politik bekämpfen und in derselben nichts weiter al» ein Hindernis für die Verwirklichung ihrer Partetbestrebungen und für die Wahrnehmung ihrer Parteiinterefien erblicken. Dieser Gegensatz zwischen positiver Reformpolitik uno den Zielen de» politischen und wirtschaftlichen Radikalismus hat auch, wie schon in den vorgehenden Jahren, den wesentlichen Inhalt der inneren politischen Kämpfe deS Jahre» 1884 gebil­det. Wir haben gesehen, wie sich bei Beginn de» Jahre» alle Elemente jene« Radikalismus aufzuraffen suchten und sich zu einer sog.freisinnigen* Partei vereinigten, um wie. ste hofften mit größerem Erfolge der Reformpolitll wie der Regierung selbst entgegenzutreten; wir sind Zeuge der großen Anstrengungen gewesen, welche diese Partei machte, um die durch da» Sozialistengesetz gezogmen Schranken ntederzurrißen und da» weitere Fortfchreit« der Sozialreform aufzuhalten; wir haben ihre Agitation bei den ReichrtagSwahlrn gesehen, al» sie kein Mittel unver­sucht ließ, um dir Massen durch Verdächtigungen uub Ver- läumdungen der RegterungSpolittk auf ihre Seite zu bringen. Aber diese Anstrengungen sind nicht von Erfolg gekrönt worden: ein Teil derFreistnntgen* wagte eS sogar nicht, fich bei der Frage der Verlängerung der Gültigkeitsdauer des Sozialistengesetzes mit dem VolkSgewiffen in Wider­spruch zu setzen, da» Gesetz wurde angenommen; ebenso wenig half ihnen ihr Widerspruch gegen da» Unfallverstche- rungSgesetz, welche» al» zweite Etappe auf dem Wege der Soztalresorm errichtet wurde, und au» den Wahlen gingen ste um etwa 40 Mandate geschwächt hervor. Dagegen hat sich, veranlaßt durch da» Vorgehen de» Radikali»mn», der gemäßigte Teil de» Liberalismus zu neuem Leben empor­gerafft: die von Heidelberg und N ustast ausgehende Be­wegung zeugte von dem im Volke lebenden Bedürfnis, dem Radikalismus den Weg zu verlegen und mit den konserva­tiven Parteien Hand in Hand der Regie- ungspolttik eine kräftigere Unterstützung angedeihen zu lasten. Von neuem

Hälfte dieser Burg in Schutt und Trümmern, wurde «mher nicht mehr bewohnt, sondern nur al« inte-effante Raine grschätz: und dann und wann von Touristen oder sonstigen W'fleuSdurstigen besucht

H rr von Ravenstein hatte diese Burgruine bei dem A ckmfe de« Ritt rgute« al» eine Art Zug be empfangen, cenn bei v.r Abschätzung alle« besten, was zu dem Rstter- -uieaedötte, war von einer Wert nqabe der Burgruine keine Rede gewesen. Der neu-: Besitz r macht: sich daher u v gar nicht« aus dieser Burgruine, er kam nur zufällig bei seinen Querzügen durch Wälder und Fluren einmal nach der Ruine, oder er führte zu Pfinasten einmal seine Gäste, die von der schönen Landschaft etwas genießen wollen, dahin.

Die Burgruine verdiente diese Nichtachtung aber keines­wegs, denn obwohl ste etwa» abseits vom Wege gelegen w-r, so bot sie doch genug romantische Schönheiten bar, um für eine halbe Stande zu entschädigen, die man zu ihrem Besuch von der Fährst-aße au« braucht'. Halb ver- st ckk, zwischen Felsen und bewaldeten Bergwänden, lag die Burgruine. Ein noch erhaltener runder Turm ragte aber wohl fünfzig Fuß hoch über Felsen und Berge hinweg und' selbst ein Teil de« Dache« und der Windmauern luqte noch au« dem Versteck hervor. Im Jnvern der Burgruine war noch der Rittersaal, die Kapelle und ein Eckzimmer vorhanden, da« heißt, der Wind pfiff nicht allzusehr durch diese Räume, wenn auch hie Mauern R tzen und Sprünge hatten, die Thüren klafften und die mittelalterlichen Feaster nur halb oder in einigen Bruchstücken vorhanden waren. Die anderen teile dieser verfallenen Burg waren Ruinen im vollst« Sinne b<0 Worte«, nur eine im weiten Bog« um die Burg gebaute Mauer war noch ziemlich gut «Hal- ten und zwei große Thore ohne Flügel befand« fich ta

belebt wurde diese Bewegung durch die ungünstige Behand­lung der Dampfervorlage im Sommer, welche die ersten Anzeichen einer neuen überseeischen Politik bildete. Bei den Wahlen hat denn auch die konservative und gemäßigt libe­rale Richtung ein« nicht unbedeutenden Zuwach» erhalten (ste zählt im Reichstag 158 gegen früher 120 Anhänger).

Und dennoch hat der Schluß be» Jahre» die nationalen Parteien im Reichstage wiederum in der Minderheit ge­sehen, weil da» Zentrum, wie schon bei den Wahlen, sich mit den Radikalen verbündet hat. Durch diese Wendung, welche auf die kirchenpolttischen Angelegenheiten zurückzuführen ist, hat der Radikalismus wieder einigen Vorschub erhalten. Er hat neuen Mut zur Bekämpfung der Wirtschaftspolitik durch da» sogenannteDefizit* in dem ReichShanShaUSetat erhalten, welche» thatfächltch nur eine Folge seiner eigenen Obstruktionspolitik ist, und welche» von der Opposition jetzt weiter im Sinne einer Obstruktionspolitik ausgedtutet wird. Aber wir haben auch am Ende de» Jahre» die er» frmliche Gewißheit erhalt«, daß die unnatürliche demokra­tisch - ultramontane Majorität nicht länger ungestrast ihr Wesen treiben wird. Ein Sturm der Entrüstung ist in diesen Tagen wegen der Ablehnung der zur Föroerung der Geschäfte der auswärtig«, bezw. Kolonialpollttk geforderten Summen durch das Volk gegangen, welche» diesen Beschluß mit Recht al« einen Beweis «für ansteht, daß die natio­nalen Interessen von der Opposition den Parteiinteressen geopfert werden, und diese» gegen den Kanzler gerichtete Mißtrauensvotum al» eine der Nation selbst angethane Beleidigung empfindet.

So hat denn die ruhmvolle auswärtige, beziehungsweise die Kolonialpolitik dem Volke gewiffermaßen über da» Wesen der unfruchtbaren Opposition die Augen geöffnet und die­selbe zu einer Niederlage geführt, von der ste sich voraus- sichtlich nicht wieder erholen dürste. In gleicher Weise ist damit aber auch der Stab über die Versuche der Demo­kraten, die Macht de» Parlament» zu erweitern, gebrochen worden. Auf der einen Seite Haden die Fehler de» Radi­kalismus, auf der ander« die hohen Verdienste, welche sich die Regierung um die Förderung der sozialen Reform und um den Fried« und das Ansehen Deutschlands erworben, in dem Bewußtsein der Nation die Macht der Krone zu neuer Geltung gebracht, die zu schützen und hochzuhalten die jüngst an» Licht gezogenen verbrecherischen AttentaSt- versuche von neuem gemahnt haben. Trotz der mannigfachen üblen Erfahrungen de« scheidenden JaheeS dürfen wir auf Gi und gerade der letzten Erlebniffe, welche von dem ge­sunden Sinn und dem warm« Herz der Nation zeugen, in da« neue Jahr mit der Hoffnung eintreten, daß eS ge­lingen wird, de dem Wohle ie« Reichs nachteiligen Strö­mungen uns Bestrebungen immer mehr etnzuengen und nieverzuhalten. DaS walte Gottl

passierbarem Zustande in der Mauer. Epheu und wiloe1 Wein rankt« sich an ter Mauer fast allenthalben empor- oben auf dem Gemäuer standen einige verkrüppelte Fichtcn- biumch« und einz Ine zwerghafte Kirschsträuche, deren Samenkörner wunderliche Fügung« der Natur auf die M >uer gebracht Haven mochten. Dicht unter der Mauer in dem ehemaligen W-llgraben wuchert« Dornenheckest und hatten ihr Gebiet auch noch ein gute« Stück d.n Bergab« bang, worauf die Ruine sich befand, hinab erstreckt, t

Diese romantische Burgruine hatte, wie fast jede i re» gleichen, im Laufe der Iah Hunderte den Stoff zu allerlei Sagen geliefert und in der Zell, wo Herr von Ravenstein chr Besitzer wurde, erzählte man sich auch noch eine lieb­liche Sage von der Burgruine, die märchenhafte Geschichte von einem Prinz«, der wegen vieler gottlosen Stretche ver­wunschen worom war uno in oer Burgruine al» Nacht« tule Haus« muffe bi« zu seiner Erlöfung. Nur an einem einzig« Tage im I ihre durfte der verwunschene Prinz, so erzählte die Sage weiter, sich in seiner wirklich« Gestalt zeig«, und wenn e« sich nun an diesem einzigen Tage fügte, daß eine ehrbare Jungfrau ihren Fuß in die ver­lassene Burgruine setzte, bea verwunschenen Prinzen sah und sein Schicksal bedauerte, so sollte der Prinz erlöst sein, aber nicht etwa zum fröhlichen Leben, sondern zur Ruhe der Toten in ter Gruft seiner Väter.

So oft der Herr von Ravenstein im Kreise seiner Familie oder seiner Bekannten diese Sage von dem ver­wunschenen Prinzen erzählte, hörte man gespannt zu und hatte in der Regel am Schluffe der Erzählung einige Worte be» Mitleid» für den verunglückten Fürstensohn.

(Fortsetzung folgt.)