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Marburg, Sonntag, 28. Dezember 1884.
XIX. Jlchrgtmg.
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Mit der Nr. 1 des nächsten Jahres wird daS
Illustrierte Eormtag-blatt Nr. 1
und
et« Wtmdkaleu-er für 1885
ausgegeben.
Eintracht halt Macht!
DaS Jahr geht raschen Schritte- seinem Ende entgegen und wenn man auf die letzten Monate zurückblickt, so haben sie eine politische Aufregung gezeigt — größer und tiefergehend, al» wir es feit langer Zeit erlebt. Die Wahlen bringen naturgemäß eine tiefgehende Bewegung—die Reich« tagswahlen dieses Jahre» waren besonder» reich an aufregenden Momenten. In vielen Teilen unsere» V -terlandeS, namentlich aber in unserem H-sienlande, hat sich in erfreulicher Weise die vorherrschende konservative Ueberzeuguig unsere» Volkes Bahn gebrochen und e- ist di-S ein wichtiger und bedeutungsvoller Abschnitt in der Entwickelung unseres öffentlichen Lebens, denn der hessische Volk-stamm hat mehr al» seine Nachbarn seit 50 Jahren die Früchte de» politischen Kampfe- zu kosten gehabt, und sein Vorgehen ist kein zufällige», sondern ein bewußtes.
Wir erinnern an die mit begeistertem Beifalle auf» genommeneu Worte eint» Redner- auf dem konservativen Wahlbankett, der ungefähr folgende» sagte: .Die hessischen Wahlen sind ein politisches Ereignis l — sie find ein Protest gegen den herrschenden Materialismus, ein Beweis, daß unser Voll sein politische- Leben auf dem gesunden Boden einer christlichen Weltanschauung ausbauen will, sie sind ein Protest gegen da- liberale Manchestertum, ein Bcwei-, daß wir die Bahnen einer falschen Wirtschaftspolitik verlaffen und der Fahne folgen wollen, welche die kaiserliche Botschast vom 17. November 1881 aufgepflanzt hat. Die Wahlen sind ein Protest gegen Demokratie und Sozialdemok.atie, ein Beweis der vollen Legalität, mit welcher da» hessische Volk sich den neuen staatsrechtlichen Gestaltungen angeschloffen. Wie wir seit Jahrhunderte lang unserem angestammtem Fürsteuhause feste Treue in allen Stürmen der Zett bewahrt haben, so wollen wir sie dem Hohenzvllernkönige entgegenbringen und bewahren, und wir danken cS Gotte» Fügung, der un- einen Kaiser Wilhelm und seinen großen Kanzler gegeben, der un» in die neuen Verhältniffe übergeführt hat!' DaS ist die große Bedeutung unserer Wahlen.
Wir danken diese guten Resultate der festen Eintracht, welche unter den Konservativen geherrscht, nicht als ob dieselben in allen und jeden politischen Fragen in absoluter Uebereinstimmung unter einander sich befinden. Auch unter den Konservativen gtebt eS Meinungsverschiedenheiten, die einen betonen mehr die agrarischen Bestrebungen, die andern
legen dem Prinzipe der staatlichen Ordnung eine erste Bedeutung bei, eine dritte Richtung betont mehr den ch r i st l i ch e n Charakter unsere- Volksleben- — sie alle aber sind einig und eng verbunden in der Gemeinsamkeit ihrer Grundanschauungen, wie sie ihr Redner oben ausgesprochen hat und durchdrungen von dem ernsten Pflichtgefühle fest zusammen zu halten gegen die mächtigen Feinde, welche sich von allen Seiten gegen sie erheben, sie wiffen und fühlen Alle: Eintracht halt Macht! — Und doch fehlt eS nicht an einzelnen Erscheinungen, welche sich der ernsten Gefahren einer Entzweiung nicht bewußt firn und darauf hinauStreiben, einer einzelnen einseitigen Richtung nach einer oder der anderen Seite selbständige Geltung zu verschaffen, sich auS dem Ganzen als eine kleine Parteigruppe loszulösen, ohne sich bewußt zu sein, wie schnell eine Partei der Z-rbröckelung a beimfällt, wenn sie erst einmal zu sezessto« nieren be innt, dagegen helfen keine noch so gut gemeinten Zt le und Bestrebungen und nicht einmal al- Schild der Name unseres großen Staatsmannes, de» Leiters unserer Politik. Ein .BiSmarckoerein", wenn er der Deckmantel sezesstonistischer Sonderbestrebunaen fein soll, wird kein Mittel werden, der konservativen Sache zu nützen. Sollte nicht da- Beispiel der liberalen Gegner eine Warnung sein, ein Fingerzeig, wohin Spaltungen und Trennungen führen. Wohin sind die Liberalen binnen wenigen Jahren gekommen, seit der Ehrgeiz und die Sucht, die eigene Person glänzen zu laffen, sie von einer Spaltung zur andern geführt. Die konservative Partei, mehr wie jede andere berufen, eine Partei des deutschen Volke- zu sein und seine Jntereffen im weitesten Umfange zu vertreten, bedarf auch mehr wie jede andere der frischen Anregung, welche eine verständige Differenz der Meinungen hervorru't, in ihrem eigenen Schoße und sie ist durch diese lebendige Bewegung groß geworden — groß ist die Verantwortung derer, welche persönliche Eitelkeit dazu treibt, diese Kreise zu stören, nur — Ein- tracht halt Macht!____________________________
Deutsche- Reich.
Berlin, 24. Dez. Der Reichskanzler ist nach der gestrigen Konferenz bei dem Kaiser auch von der Kaiserin empfangen worden. — Der Generalstabsarzt der Armee und Leibarzt be» Kaiser» Dr. Grimm, Exc., ist gestorben. — Dem BundeSrat ist ein Antrag Preußens, betreffend einen Zusütz zum § 12 de» Gesetzes wegen Erhebung der Tabaksteuer vom 16. Juli 1879 zugegangen. Die Zusatz-Bestimmung lautet: Die obersten Lan eS Finanzbehörden sind ermächtigt, au-nah mSweise zu gestatten, daß die Gewicht»« ermittelung erst nach dem 31. März, jedoch spätesten» bi» zum 31. Mai des auf da» Erntcjrhr folgenden Jahres, geschehe. — Mit dem 1. Januar 1885 tritt nach einem Beschlüsse de- BundeSratS vom 4. d. MiS. da» revidierte amtliche Warenverzeichnis für dir Statistik de« Güterverkehrs In Kraft. Da« neue Verzeichnis, welche» 913 Nummern
oufweist und damit sehr an Umfang gewonnen hat, ist in diesen Tagen bereit» veröffentlicht. — Die Annahme be« Gesetzentwurfs, betreffend die Unfallrerstcherung der in land« und forstwirtschaftlichen Betrieben beschäftigten Personen feiten« be» Bunbe-rate» ist, wie bie .Nat.-Ztg." erfährt, ntdjt ohne voraufgegangene lebhafte unb umfangreiche Erörterungen nach ben Ausschußanträgen erfolgt. Unter anberem verlangte Braunschweig Ausschluß ber lande«, herrlichen Forstgrundstücke von ber Unfallversicherung; Baiern hatte eine ganze Reihe von Ausstellungen, welche guai Teil auch von Württemberg und Baden geteilt wmben. Die Bestimmungen de« angenommenen Entwurfes schließen stch so viel wie möglich dem allgemeinen Unfallversicherung-« und Krankengesetze an. Von dem ersten Teile, .Allgemeine Bestimmungen", bezeichnet da- folgende die Grundlage und Richtung de» Gesetze«: § 1. Alle in land, oder forstwirtschaftlichen Betrieben beschäftigten Arbeiter und Betriebs« beamten, letztere sofern ihr JahreS«Arbett»verdienst an Lohn oder Gehalt zweitausend Mark nicht übersteigt, werden gegen die Folgen der bet dem Betriebe stch ereignenden Unfälle nach Maßgabe ter Bestimmungen dieses Ges-tze- versichert. Dasselbe gilt von Arbeitern und BetriebSbeamten in land» oder forstwirtschaftlichen Nebenbetrieben, sofern sie nicht bereit« nach Maßgabe de« $ 1 de« Unfall. VerfichetungS- gesetzes vom 6. Juli 1884 versichert sind. Wer im Sinne dieses Gesetzes als BetriebSbeamter anzusehen ist, wird durch statutarische Bestimmung der BerufSgenoffenschast für toten Bezirk festgestellt. Als landwirtschaftlicher Betrieb im Sinne diese« Gesetze« gilt auch der Betrieb der Kunst- und Handelsgärtnerei. Auf die ausschließlich in Han«- und Ziergärten beschäftigten Arbeiter findet diese« Gesetz keine Anwendung. Ob ein Betrieb im Sinne diese« Gesetze« al» ein land- oder forstwirtschaftlicher anzusehen ist, entscheidet im Zweifelfalle das Reichs - VerstcherungSamt. s 3- Als JahreSardeitSverdienst der Betriebsbeamten, soweit stch derselbe nicht au» mindestens wochenweise fixierten Beträgen zusammensetzt, gilt daS dreihundertfache de« durch« fchnittlichen täglichen Verdienstes an Gehalt oder Lohn. Als Gehalt oder Lohn gelten dabei auch feste Naturalbezüge. Der Wert der letzteren ist nach Durchschnittspreisen in Ansatz zu bringen. Dieselben weroen von der unteren Verwaltungsbehörde festgesetzt. Nach 4 findet diese« Gesetz aus Reichs-, Staats« und Kommunalbeamte keine Anwendung.
— Von verschiedenen Seiten ist angeregt worden, die Gelder, welche zur Besoldung der abgelehnten Dtrektorstelle aufgebracht woroen, zu einer Bismarckstiftung zu verwenden, die dem Fürsten zu seinem 70. Geburt«tag und 50jährigen Dtenstjubiläum am nächsten 1. April als Nationalgeschenk zur Verfügung gestellt werden soll. Am glücklichsten au«, gesprochen finden wir diesen Gedanken in einem Aufruf, der von Witten au« versandt wird. In demselben heißt eS: Der von der Reich-tagSmehrheit vom 15. Dezember er. dem Einiger Deutschlands bewiesene Undank hat, wie Ihnen
Die eiserne Kassette.
Erzählung von Moritz LUie.
(Fortsetzung.)
.Leider kein befriedigende«," gab der Oberförster zur Antwort. Man fand einige Gewehre, Hirschfänger und andere- Jagdgerät bei ihm, sonst aber nicht« Verdächtige«, auf den Besitz von derartigen Utensilien hin kann aber gegen Niemand Untersuchung wegen Wilddieberei etngelettet werden."
.Dennoch ist Born ein Hauptspitzbube."
.Da« ist zweifellos, und der Fuchs geht un« bei aller Vorsicht doch noch in die Falle", meinte der Oberförster. .Aber jetzt wollen wir aufbrechen, ehe e« zu spät wird; ich werde Ihnen unterwegs mitteilen, aus welche Weise wir heute da« Wild zu fangen suchen wollen."
Unter leisen Gesprächen schritten die vier Männer in den Wald hinein.
Die Nacht war inzwischen gänzlich hereingebrochen; dicke Schnecwoiken hingen am Himmel unb sendeten ihren weißen Flaum herab auf die schlummernde Erde, die sich behaglich in die wärm-nde Decke einzuhüllen schien. Tiefe Stille herrschte im Walde die nut bann unb wann durch ben heiseren Schrei einer Eule unterbrochen würbe.
Vom Dorfe her schritt eine dunkle Gestalt dem Forste zu; sie vermied sorgfältig die Stelle de« Wege«, welche von dem au« den Häusern strahlenden Lichte erhellt waren und suchte unverkennbar absichtlich die einsamsten und dunkelsten Nebenpfade auf. Ueber der Schulter be« Manne« hing eine Flinte und an ber Sette trug er eine große, au« Hanf gestickte Jagdtasche, auf dem Kopfe aber eine Pelz- mütze au« Dachsfell, deren Ohrenklappen herau-geschlagen
waren, so daß von dem Gesicht wenig mehr als die Nasenspitze und die Aug n sichtbar waren. Geräuschlos, wie ein Gespenst der Nacht, wanderte der Mann auf dem weißen Schnee dahin und betrat den Wald. Er mußte gut Bescheid wiffen, denn sicheren Schritte« drang er vorwärts, augenscheinlich einem bestimmten Ziele entgegen. Der glänzende Schnee milderte die Finsternis etwa» und gestattete, wenigstens die nächsten Gegenstände zu erkennen, aber schon in der Entfernung von wenigen Schritten verschwamm alle» in graue, unbestimmte Formen.
Eine halbe Stunde mochte der Mann im Walde fortgeschritten fein, als er endlich einen kurzen Halt machte. Er befand sich an einer umfangreichen Lichtung, die in der warmen Jahreszeit wahrscheinlich mit Gra» bewachsen, jetzt aber mit Schnee bedeckt war. Hinter einem mächtigen Buchenstamm faßte der Mann Posto, nahm die Büchse von der Schulter um machte sie schußiertig.
Mit bewunderung-werter Geduld stand er so eine lange Zeit, da« Jagdglück schien ihm heute nicht günstig zu sein, Aber es schien nur so, denn plötzlich entdeckte da« scharfe Auge de« Jäger« auf bet Schneefläche dunkle Thierge- flalten, die sich beim Näherkommen al« ein Rudel Rehe erwiesen. Ahnungslos kamen die Tiere einher und immer näher — da erhellte ein Blitz das Dunkel, ein Knall folgte und ein stattlicher Rehbock sprang hoch in bie Luft, um gleich darauf leblos zu Boden zu sinken. Eine Weile lauschte der glückliche Schütze, ob stch nichts Verdächtiges im Walde rege; aber alle» war still, und geräuschlo» schritt er hinan« auf die Lichtung, um feine Beute auszuweiden und in Sicherheit zu bringen. Plötzlich hielt er in feiner Beschäftigung inne und feine Hände umfaßten krampfhaft
das Gewehr. Sein geübtes Ohr hatte Tritte bemerkt; e« war jedoch noch ungewiß, ob sie von feinen gtümöckigen Feinden henührten, die möglicher Weise ber Schuß auf die richtige Fährte gelockt haben konnte, ober ob e« harmlose Walbarbeiter waren, die vielleicht ihr Lager aufsuchen wollten. Aber e« war keine Täuschung; deutlich konnte er jetzt erkennen, baß zwei Männer gerade auf bie Stelle zuschrttteu, wo er im Begriff staub, da« erlegte Wilb waibgerecht zu präparieren.
Sie mußten ihn bereit« bemerkt haben, zur Flucht war e« daher zu spät; da indeß die Gegner nur zwei Mann stark waren, hoffte er mit ihnen fertig zu werden.
,Jm Namen be« Gesetzes fordere ich Euch auf, mir das Gewehr abzuliefem unb mir als Gefangener zu folgen! rief einer ber beiden Männer.
«Habt Ihr sonst noch einen Wunsch, so macht« kurz!" höhnte ber Wildschütz.
»Wenn Ihr nicht augenblicklich meiner Aufforberung naLkommt, brauche ich Gewalt!" schrie ber Erste wieder, in welchem ber Knbete den Oberförster erkannte, ber jetzt mit seinem Begleiter einige Schritte vorwärts machte, um seine Drohung auszuführen.
.Zurück!" donnerte bet SBilberet, .wer noch einen Fuß breit näher kommt, ist eine Leiche!" Drohend wiegte er da» Gewehr in den Händen.
Unentschlossen standen die beiden Männer still, während der Andere einige Schritte vorwärts that, um den Wald zu gewinnen, in welchem eine wettete Verfolgung im Dunkel der Nacht schwierig gewesen wäre. Die« schienen die Forst- beamten zu wiffen, denn plötzlich machte der Jüngere von ihnen einige Sprünge, um den Wilddieb zu packen.