Rr. 80»
Marburg, Mittwoch, 24. Dezember 1884.
XIX. Jahrgang.
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ObkWsche 3citung
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Oberhesfische Zeitung erscheint auch im neuen Jahr wie bisher mit ihren wöchrnt» ltchrn GratiSbellagen
Amtlichrr Anzeiger
für die Kreise Marburg und Kirchhain
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Marburg, im Dezember 1884.
Ex-etz. der Oberh. Ztg.
Der Anarchifteuprozesz.
Durch die Verhandlungen deS Reichsgericht» über den Hochverratsprozeß gegen RrinSdorf, Rupfch, Küchler und fünf Andere ist e» zur Gewißheit geworden, was lange Zett nur al« Gerücht und unverbürgte Vermutung betrachtet wurde, und wa« man fich zu glauben und für wahr zu halten weigerte, weil man eine solche Schändlichkeit und Niederträchtigkeit für undenkbar hielt: der Tag, al« da« stolze Denkmal auf dem Niederwald zu Ehren der siegreich erfochtenen deutschen Unabhängigkeit und Einheit durch den Kaiser in Anwesenheit zahlreicher deutscher Fürsten enthüllt wurde, war von einigen Mordgrsellen zu einem der flugwürdtgsten Verbrechen ausrrsehen. Reinsdorf Hütte da« Attentat geplant, Rnpsch und Küchler führten e« au«: nur der göttlichen Vorsehung ist r« zu danken, daß das sorgfältig und ungestört vorbereitete Verbrechen durch einen Zmall — die Zündschnur, welche eine Dy^amiiladung entzünden sollte, brannte auf dem feuchten Boom nicht recht — vereitelt wurde.
Trotzdem ist da« Verbrechen wirklich begangen worden, begangen von Menschen, welche den gewaltsamen Um -urz der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung erstreben. Die anarchistische Lehre, welche auf dem Boden der Sozial
demokratie erwachsen ist, diese aber «egen ihrer zu großen Mäßigung verwirft, hat also auch in Deutschland Anhänger und Werkzeuge der Thai gefunden. In den Verhandlungen hat sich ergeben, daß der Hauptangeklagte Reinsdorf mit dem berüchtigten Most in Ämtrita, sowie mit Kammerer und Stellmacher, welche zu gleicher Zett die bekannten Verbrechen in Straßburg, Stuttgart und Wien verübten und dieselben mtt dem Tode gebüßt haben, engste Fühlung gehabt hat. Vom Auslande haben sie Geld erhalten, durch die Lektüre der „Freiheit" sind sie zu ihrem Vorhaben angestachelt worden. Steht man sich die Angeklagten näher an, so ist sofort da« Eine klar: es sind Verbrechernaturen, welche sich eine politische MaSke vorgebunden haben, Leute, deren ganze« Denken und Handeln jede» idealeren Anstrich« entbehrt, und welche sittlich, geistig und körperlich verkommen sind, ja auf der niedrigsten Stufe der Menschheit stehen. Wenn sich diese« Gesindel vor Gericht damit rühmt, die Menschheit „retten" und die arbeitende Klaffe von dem Elend befreien zu wollen, so wird man darin nur einen Vorwand erblicken dürfen: da« Verbrechen ist ihr eigentliches Ziel, aber nicht ein Verbrechen, welche« in Leidenschaft und Not begangen wird, sondern ein Verbrechen, welche- fich mit teuflischer Bosheit gegen Sitte und Ordnung, gegen den G-ist de« Volke«, gegen die höchsten nationalen Ideale wendet.
DftseS Verbrechertum hat sich in allen Staaten offenbart. Daß e- auch in Deutschland eine Stätte gefunden, kann nicht überraschen, wenn man sich der Saat erinnert, die durch die soztaldemokratischrn Lehren au-gestrrut wurden. Freilich ist ja ihre Verbreitung jetzt in etwa« gehindert und beeinträchtigt; aber e« giebt fürste noch genug Kanäle, um weiter vorzudringen. Eie wirken in verschiedenen Naturen verschieden und führen da zum Verbrechen, wo der Hang und die Lust zum Verbrechen durch keinerlei stttliche Regung behindert wird.
Ein Mittel, Frevelthaten vorzubeugen und da« Verbrechertum zu beseitigen, giebt eS freilich nicht. Wohl aber ist e« Pflicht und Gebot, den verderblichen Lehren entgegrn- zutreten und die Quellen und Kanäle zu verstopfen, durch welche der Fan-ti-mu« gespeist und zu Thaten angespornt werden kann. Aus dem Umstand, daß trotz de« Sozialistrn- Gesetze« da« Verbrechen vom Niederwald geplant und fast zur Ausführung gebracht werden konnte, wird niemand auf die Wertlosigkeit des Gesetze« schließen können — im Gegenteil, jenes Verbrechen mahnt dazu, nicht voreilig die Schranken niederzureißen. O:er glaubt man, daß die freie Diskussion über die Lehren der Sozialdemokratie und de« Anarchismus die Reinsdorf, Rupfch und Küchler von ihrem Vorhaben abgehalten und bei Z iten bekehrt haben würde?
Aber außer den bestehenden Mitteln der Bekämpfung der Umsturztdeen giebt e« noch eins, da« bisher noch nicht genügend versucht worden, deffen heilsame Wirksamkeit aber nicht zu bezweifeln ist. Der politische Kampf muß e« vor
allem vermeiden, die Autorität zu erschüttern, den Klaffenhaß anzuschüren, die Unzufriedenheit zu vermehren, die niedrige Begehrlichkeit zu fördern und die zügellosen Leidenschaften anzustacheln: denn da« ist der Boden, auf welchen da« politische Verbrechertum am besten gedeiht. Die Unthat auf dem Niederwald, die durch Gotte« Gnade verhütet wurde, mag un« in diesem Sinne eine Warnung und Mahnung sein!
Deutsche» Reich.
»tritt, 22. Dez. Die „Nordd. «llg. Ztg." schreibt: Im Auswärtigen Amte und bet der Admiralität eingegangene amtliche Meldungen bestätigen, daß kaiserliche Kriegsschiffe an verschiedenen Punkten von Neuguinea und de« Neu- britannischen Archipels die deutsche Flagge gehißt haben, um auf den im letzten Sommer von den beteiligten ReichS- angehörigen ausgesprochenen Wunsch die dortigen deutsche« Niederlaffungen und HandelSstationen unter den Schutz de« Reich« zu stellen. — Anläßlich der au« den verschiedensten Teilen de« Reiches angeregten Sammlung eine« Dispositionsfonds, wodurch dem Vertrauen in die nationale Politik de« Fürsten Bismarck Ausdruck gegeben werden soll, blldete sich dem „Deutschen Tageblatt" zufolge hier eiu provisorische« Zentralkomitee, um eine einheitliche Gestaltung der Verwirklichung dieses Gedanken» herbetzuführm. — Der vatikanische Korrespondent de» „RetchSb." schreibt au» Rom: Die Mitteilungen, welche bezüglich der kirchenpolitischrn Situation durch die Preffe gehen, sind mit großer Vorficht aufzunehmen. Die Verhandlungen zwischen der Kurte und der Preußischen Regierung sind schon fdt längerer Zeit gänzlich sistiert. Die letztere wird dem Landtage, wahrscheinlich im Februar n. I., mehrere Gesetzesvorlagen machen, die eine endliche Regelung de» kircheupolittschen Streite» zur Folge haben sollen. So viel ist sicher, daß die Revision der Matgesetzgebung eine wettere Ausdehnung als durch die in Vorbereitung brsindlichrn Vorlagen nicht erfahren wird.— Dieser Tage erschien auf dem hiesigen AuSwLrtigen Amt ein Herr und wollte sofort 100000 Mk. dem Herrn Reichskanzler Fürsten Bismarck al» fünfjährige» Gehalt für die abgelrhnte Dinktorstelle zur Verfügung stellen. Wir bemerken, daß r» sich hier nicht etwa um eine tendenziöse bezw. unv-rbürgte Notiz, sondern um rin unzweifelhafte« Faktum handelt. — Von gut informierter Sette wird uns mitgeteilt: Die Meleung der englischen Preffe von einer Abtretung der Delagoa-Bat (an der Südostküste Afrikas) an Deutschland ist positiv falsch. Eine derartige Absicht hat überhaupt nicht existiert. Hingegen sind die Mitteilungen, daß auf allen größeren Inselgruppen de» westlichen Stillen Ozean- und der Nordküsie Neu - Guineas die deutsche Flagge aufgezogen sei, im vollen Umfange richtig. Die diesbezüglichen Maßnahmen der deutschen Regierung werden sogar dort noch eine weitere AuS sehnung erfahren. — Am Schluß eine« Erlaffe« de« Minister« de» Innern, vom
Die eiserne Kits fette.
Erzählung eon Moritz Lilie.
(Fortsetzung)
„Guten Tag, Hannchen, guten Tag Born!" rief der Eingetretene in vertraulichem Ton, der erkmnen ließ, daß er hier schon oft verkehrt haben mußte.
„Ihr seid heute fleißig gewesen, wie diese Arbeiten zeigen; wird Euch wohl sauer genug angekommen sein, Born; Arbeiten war nie Eure starke Sette."
„Wenn Ihr diese Arbeit meint, Helmert" entgegnete der Korbmacher, „so möcht Ihr Recht haben. Ich war von jeher lieber draußen im Wald und spürte dem Wlld nach, al« daß ich in dumpfiger Stube Weiden flocht. Aber «a« hilft«, die Zetten find sehr schlecht, und leben wtll der Mensch."
„Ja, ja," warf Helmert rin, »e« ist gegen früher manche« ander- geworden; seit der neue Förster Tag und Nacht im Freien liegt und sein AuistchtSpersonal auch noch verdoppelt hat, ist für einen Jäger ohne die Jagdkarte nicht mehr viel zu holen."
Hannchen stand auf und verließ da« Zimmer. Da» Gespräch hatte eine Wendung genommen, die sie ziemlich peinlich berührte.
Der Angekommene rückte bann näher an Born heran.
„Wir stad jetzt allein, ich habe mit Euch zu^reden", flüstert« er. „Ich weiß ein kleine« Geschäft für Euch, da« ein paar hundert Thälerchen abwirft."
vorn horchte aus. „Wa» habe ich dafür zu thun? fragte rr.
„O, nicht» weiter al» einen Gang nach der Stadt und dort in ein gewiffe», Euch recht gut hrkanntr» Gebäude.
Ihr könnt den Weg gleichzeitig mit Andrea- machen, der um dieselbe Zeit in der Stadt fein will."
„Ihr macht mich neugierig, Helmert, laßt hören, um wa» r» sich handelt", drängte Born.
„ES kann uns doch niemand belauschen, auch Eure Tochter nicht?" zischelte Helmert, sich besorgt umsehend. „Die Frauenzimmer horchen gern, oberes giebt so manche«, wa« nicht für ihre Ohren taugt."
„Hannchen wird nach den Ziegen sehen; sonst ist niemand im Hause."
Der Bauer rückte so dicht an Bom heran, daß er mit seinem Munde fast deffen Ohr berührte. Für dritte Personen unhörbar, ward die Unterhaltung geführt, lange und eingehend sprachen die beiden Männer mit einander. Endlich erhob sich Helmert.
„Also e« ist abg. macht", sagte er noch immer mit gedämpfter Stimme, „sobald da« Geld an mich au-gezahlt wird, b- kommt Ihr zweihundert Thaler. Mit Andreas werde ich in anderer Weise fertig, sobald mir da« Ball- mannsche Gut zugeschrteben ist."
„Ihr wellt da« Besitztum kaufen?" fragte vorn.
„E« muß in meine Hände kommen. Da« Gut ist ganz vortrefflich bewirtschaftet, hat auch ausgezeichneten Boden und verzinst sich sehr vorteilhaft."
„Ballmann kann die schuldigen zweitausend Thaler jetzt, nach dem Brande, auf keinen Fall schaffen, ich werde Sub- hastation beantragen und im Termin andere Bieter fern zu halten suchen. Aus diese Weise denk« ich billig dazu zu komm.«, um so mehr al» mir meine Forderung mit angerechnet werden muß."
„Und was soll mit dem kleinen Gütchen werden, ba* Ihr jetzt besitzt?"
„Da« wird Andrea« übernehmen und ich werde dabei auch nicht so genau rechnen. Eine Hand wäscht dir andere, Born, ist« nicht so?"
Ein rohe« Lachen folgte diesen Worten, bann reichte Helmert dem Korbmacher die Hand und entfernte sich.
Bom trat ans Fenster und schaute dem Davongehendm nach, „Zweihundert Thaler ist ein schönes Stück Geld," sagte er zu sich selbst, „da- Handwerk bringt uns jämmerlichen Lohn, und die Jagd ist jetzt zu gefährlich. Aber wenn die Sache hecauskäme?" — Bah, da« ist nicht möglich, der einzige Beweis, die Quittung, ist verbrannt, und Helmert und Andreas werden sich wohl hüten, die Wahrheit zu sagen. Eine Gelegenheit, ohne Mühe so viel Geld zu verdienen, findet sich nicht wieder!"
Er brannte seine Pfeife au und streckte fich wieder auf« Svpha.
Helmert hatte offenbar Recht. Bom Arbeitm war Bom allem Anscheine nach kein großer Freund.
in.
Bei einem befreundeten Gutsbesitzer sand Ballmann mit seiner Familie nach dem Brande vorläufige» Unterkommen. Der ihn betroffene schwere Verlust hatte den gesunder Sinn de» rüstigen Manne- nicht zu beugen vermocht, und mit Zuversicht sah er der Zukunft entgegen. Dm Wiederaufbau feine« Gehöfte- konnte er freilich nur mtt fremder Httfe, die ihn mit Kapitalien unterstützen mußte, bewirken, da er selbst seine baaren Gelder in großen, mitverbranntm Vorräten angelegt hatte; aber er hoffte, mit Energie und