Rr. 301
Marburg, Dienstag, 23 Dezember 1884.
XIX. Jahrgang
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WchtMe I citmirt
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Marburg, im Dezember 1884.
Exped. der Oberh. Ztg.
Die Folgen des 15. Dezember.
Dir Ablehnung der neuen zweiten Direktorstelle im Auswärtigen Amte durch die freistnnig - foztaldemvkratisch- ultramontane Majorität trotz der wiederholten überzeugendsten Begründung des Reichskanzlers und des Geheimen Rats v. Knsterow hat, wie nicht anders zu erwarten war, überall im Reiche Entrüstung und Beschämung Hervorgei ufen. Die .Germania" steht in dem allem freilich nur „Schwindel mit dem N-tionalgesühl". DaS ultramontane Blatt ruft aus:
,AS Schwindler aber bcz ichnen wir diejenigen, welche stch ven Anschein geben, als fiele mit der Ablehnung jener 20000 Mk. nun der Himmel ein oder mindestens da« Deutsche Reich. Schwtn ler sind diejenigen, welche ohne jedes nähere Eingehen auf die Sache (auf die Bedeutung der abgelehnten Stelle, auf die Summen, welche dem Auswärtigen Amte doch auch jetzt wieder neu gewährt sind rc.) selbst Geschrei erheben wider brffireS Wisien und auch urteilslose naive anvere zum Miteinstimmen tu dieses Geschrei zu verführen such n, Schwindler stno diejenigen, welche nicht ote durchaus o fiktive Haltung der ablehnenden Mehrheit anerkennen, einer Mehrheit, die mit Ausnahme des Vertreter« der dem Reichskanzler ja „nahestehenden" Sozialdemokraten, trotz aller Provokationen durch den Kanzler
Die eiserne Kassette.
Erzählung von Moritz Lilie.
(Fortsetzung.) II.
Etwa eine Viertelstunde abseits vom Dorfe stand eine kleine halbverfallene Hütte, deren morfche« Strohdach an verschiedenen Stellen dem Sonnenschein und Regen freien Zutritt gestattet-. Ein kleiner Bach schlängelte sich in zahlreichen Windungen an dem Häuschen vorüber und alt« verwitterte Weiden schauten träumerisch in da« krystallklare Wafler, in welche stch flinke Forellen spielend herumtummelten. Die dichtbelaubten Bäume verdeckten dir Hütte fast gänzlich, so daß man ihr Vorhandensein erst gewahrte, wenn man bereit« dicht vor ihr stand.
Drinnen, in dem engen, niedrigen Stübchen lag auf einem alten, zerrissenen Sopha ein Mann mit wettrrge- bräui.tcn Zügen auSgestreckc und hielt Siesta. Angefaugene, halb- und ganz vollendete Korbmacherarbriten lagen in der Stube umher, ein Bündel Weidenruten lehnte in der Ecke und verschiedenes Korbmacherwerkzeug deutete außerdem darauf hin, daß der Bewohner de« Häuschen« diese« Handwerk ausübte. Eir.e halboffene Thür gestattete den Blick in ein kleine« Nebeugemach, in welchem ein sauber überzogenes Bett und an den Wänden mehrere Flinten, Hirschfänger und anderes Jagdgerät sichtbar waren, da« zu den friedlichen Handwerkstnstguten in der Wohnstube nicht recht stimmen wollt«.
Der Mann auf dem Sopha schien in Nachdenken versunken zu sein; mit halbgeschloffenen Augen lag er da uno bemerkte nicht, daß ein junge» Mädchen irr» Zimmer trat, dessen frische, angenehme Züge in dieser ärmlichen Umgehung
kein verletzendes oder auch nur scharfes Wort sprach, und nur sachliche Gründe vorführte.... Der tiefere Hintergrund diese« schwindelhaften Treiben« von Offiziösen, Pseudokonservativen und Nationalliberalen ist klar: dir Herren waren krank vor Sehnsucht nach einer mittelparteilichen Mehrheit, mit einer ausschlaggebenden Stellung der Nationalliberalen, und daß ste diese per fas et nefas erstrebte Mehrheit nicht erhalten haben und auf Grund guter Leistungen für das Volk auch für die Zukunft nicht erhoffen können, so suchen ste den nationalen Schwindel zum Vorspann zu nehmen."
Wir glauben e« schon, daß stch die „Germania" in ihrer jetzigen Situation nicht sonderlich behaglich fühlt. Selbst die fortschrittliche P esse wagt e« nicht, für jenen Beschluß einzutreten, und erwartet, daß die freisinnige Partei bei der dritten Lesung für die Bewilligung stimmen werde. Nur die „Germania" tritt für die Sache ein, obgleich die Mitglieder de« Zentrum« in der Debatte am 15. d. M. vorzogen, zu schweigen und den Freisinnigen und Sozialdemokraten die Vertretung der Ablehnung überließen. Wenn das Blatt aber meint, seine übele Situation dadurch zu verbessern, daß es alle anderen Leute, die nicht zu der freisinnig-sozialdemokratisch-ultramontanen Majorität gehören und deren Beschluß nicht billigen, als „Schwindler" beschimpft, so ist eS sehr irre. Schon die Thatsache jener Majorität ist für alle ernsthaft national gesinnte Deutschen eine ebenso bedenkliche, wie widerwärtige Erscheinung. Man nimmt diese Erscheinung nicht leicht, sondern sehr ernst. Wir haben die „Germania" und ihre GesinnungSgenoffen oft ge: ug vor dem demokratisch sozialdemokratischen Bündnis gewarnt, die „Germania" hat unsere Warnung in den Wind geschlagen und verachtet. DaS ist nun ihre Sache, aber unsere Sache ist eS, die Thatsache einer auS Sozialdemokraten, Ultramontanen, Welfen, Elsässern und Freisinnigen bestehende ReichStagSmehrheit, welche stch auf eine ausgesprochene Obstruktion«-, oder wie man im Zentrum sagt, Abstinenzpolitik verlegt, sehr ernst zu nehmen. Da« im Aufschwünge begriffene Deutsche Reich kann eine solche Politik nicht gebrauchen und da« deutsche Volk will eine solche Politik nicht, welche der Entwickelung de« Reiches Knüppel zwischen die Räder wirst. Daß die Entrüstung deS Volkes gerade bet diesem Punkte zum Ausdruck kommt, liegt darin, daß hier den Erklärungen de« Kanzler« und den in der afrikant chen Konferenz offenliegenden Thatsache» von der wachsenden Ausdehnung der ReichSgeschäfte da« Gebühren der OpposttionSmajorität in besonders greller Weise hervortrat. Es hätte ebenso gut schon bet anderen Punkten, z. B. b.'t der Debatte über die Dampfer Vorlage hcrvortreten können, denn waS am 15. d. Ms. geschah, ist ja nur ein Glied In der K tte der Obstruktionspolitik, welche die oppositionelle Mehrbeit betreibt. Der deutschen Nation treten die guten Früchte der auswärtigen Politik des Reichskanzlers tn der Kongvkonferenz, in den veröffent-
doppelt auffielen. Es schien, als scheue sie stch, de» Da« liegenden tu feinen Träumen zu stören; lautlos schritt sie zum Fenster uno nahm eine Arbeit zur Hand.
Plötzlich richtete stch der Mann auf, seine Blicke schweiften im Zimmer umher und blieben endlich auf der Mädchen- gestalt haften.
„Da bist Du j , Hannchen," sagte er mit dem Ausdruck der Uederraschnng, aber in sanftem, wohlwollendem Ton.
„Ich habe etwa» grüne« Futter für unsere Ziegen besorgt, Vabr," «widerte die Tochter, indem ste ihr Gesicht abwandte, um die aufsteigende Röte zu verbergen.
„Und hast vermutlich Fritz getroffen und mit ihm geplaudert?"
Hannchen nickte verlegen.
„Nun, ich habe ja gegen den Burschen nicht-, Kind, aber Eure Liebschaft ist nun ganz auSsichi-lo«. Der alte Ballmann ist seit dem Brande seine« Gute« ruiniert; will er wieder aufbauen, so muß er sich bi« über die Ohren in Schulden stecken, und da« Besitztum wird früher oder später unter den Hammer kommen. WaS aber die Ballmanns bann anfangen wollen, das ist eine schwer zu beantwortende Frage; so viel steht fest, zu Handarbeitern oder Knechten stno ste verdorben, hochmütig waren sie immer."
AuS der Brust des Mädchen« rang sich ein schwerer Seufz«.
„Da lobe ich mir den Andreas", fuhr der Mann fort, „der wird« zu Etwa» bringen. Hat sich ein hübsche« Sümmchen erspart, rührt sich und scheut sich Mner Arbeit."
„Er führt auch eine vortreffliche Büchse und hat schon manchem feisten Rehbock eine Kugel zwischen da« Gehörn geschickt, daß er zusammenbrach wie ein Kartenhaus vor
Achten Blaubüchern und in den täglich einlaufenden Nach richten von ter Ausdehnung de« deutschen Einflusses in der Kolonialwelt in einer Weise vor Augen, welche jede« deutsche Herz erfreut. — Und in demselben Augenblick, wo der Reichskanzler mit Hinweis auf die durch diese Ausdehnung des Reiche« vermehrten Geschäfte 20000 Mk. verlangt für einen Gehilfen - tritt eine Mehrheit des deutschen Reichstag« hin und verweigert ihm das Gehalt für diesen Gehilfen und zwar ist e« dieselbe Majorität, welche eben erst den Antrag auf Diäten für die ReichS- tagSabgeordneten gestellt hatte, der dem Reiche mindestens eine Million Kosten verursachen würde, während der Reichskanzler nur 20000 Mk. verlangt — und wenn sie diesen ablehnenden Beschluß mit der durch die schlechte Finanzlage gebotenen Sparsamkeit begründet, so hat man wohl da« Recht, der „Germania" den Vorwurf deS Schwindels doppelt und dreifach zurückzugeben. — Da« ist keine ernsthafte Politik mehr, an einem Tage eine Million für Diäten vom Reiche verlangen und am andern 20 000 M. für das erwiesene größte Bedürfnis zu verweigern! Und wenn der Drätenantrag gerade deshalb gestellt wurde, um dem Reichskanzler wegen feiner Beschränkung der Eisen- bahn-Freikarten die Macht der Reichstagsmehrheit fühlbar zu machen, so ist man berechtigt, diese Tendenz auch in dem sonstigen oppositionellen Gebahren dieser Majorität zu erkennen — und in dem Beschluß vom 15. d. Mt«. liegt diese Tendenz vor aller Augen. Gerade deshalb ist denn auch an diesem Punkte die Entrüstung deS Volkes über diese Hinderung-Politik zum AuSernck gekommen. Da« dentsche Volk will keine Politik der Ranküne und des Aergern«^ seinem Kaiser und Kanzler gegenüber. Solche Politik ist überhaupt verwerflich, aber doppelt und zehnfach verwerflich ist sie gerade diesen Männern gegenüber, denen wir In erster Linie die Errichtung deS Reiche- verdanken und noch dazu in einem Augenblick, wo das Reich im Begriffe steht, dem deutschen Handel und der deutschen Industrie im Auslande neue Wege zu bahnen. Wenn das deutsche Volk einer Reichstagsmehrheit gegenüber in einem folgen Moment über eine solche Behinderung«« und Aerger« polltik seinen Unwillen zu erkennen giebt, so ist das nicht Schwindel, sondern der Ausdruck vollberechtigter, sittlicher und nationaler Entrüstung. Von Mtttelparteitendenzen sollte die „Germania" gerade jetzt schweigen; denn einer solchen Majorität gegenüber stehen alle ernsthaften Deutschen, die ihr Vaterland lieben und nicht durch Parteipolitik verblendet sind, fest zusammen.
E« kann auch anbeterfelt« schon jetzt als ein entschie- derier Gewinn des ReichSlag-votumS vom 15. Dezember bezeichnet werden, daß da« Vertrauen auch bisher gut „freisinniger" Kreise zu ihren bisherigen Vertretern und Führern unzweifelhaft erschüttert ist, daß die letzteren von dem größeren Teile ihrer Preffe mit aller Bestimmtheit verleugnet und im Stich gelaffen und daß ste stch demnach
dem Win«. Wußte immer die Grünröcke irre zu sühren, daß ste ihm nicht« anhaben konnten, wenn er mal einen nächtlichen Pürfchgang vor hatte. Ich begreife Dich nicht Mädchen," fügte er lebhafter werdend hinzu, „daß Du dem Andrea«, der stch so viele Mühe giebt, Dir zu gefallen, so schroff entgegentrittst; er geht jetzt, wo e« bei Ballmann« nichts mehr für ihn zu thun giebt, mit dem Gedanken um, ein Gütchen zu kaufen, und e« hängt nur von Dir ab, seine Hausfrau zu werden und Dich zur Gebieterin von ein paar Dutzend lebend« Wesen, Menschen und Vieh zu machen."
Hannchen sah ihrem Vat« mit einem vorwurfsvollen ” « »Du kannst da« unmöglich im Ernst
»otten, SSater", rief sie erregt, „diesen finsteren, unheim- llchen Menschen fürchte ich, denn sein verschlossene« Wesen deutet auf keinen guten Charakter. Fritz hat mich geliebt, ol« er noch wohlhabend war, und ich müßte mich selbst verachten, wenn ich jetzt, nachdem da« Unglück, üb« ihn her« eingebrochen ist, ihn treulo« verlassen wollte.
Der Vater de» Mädchen« war aufgestanden und einige aRole im Zimm« auf« und abgegangen. Dann strich « feiner Tochter mit dn Hand über da« volle und welche Haar und sagte:
„Du weißt, Hannchen, daß Ich Dir in solchen Dingen freie Hand laste, aber freuen würde ich mich, wenn Du zur Einsicht kämest und bann ba« bessere Teil «wähltest. Da« ist aber ohne alle Frage AnbreaSI"
In diesem Augenblicke klopfte e« leise an bie Thüre; Sirich darauf trat ein Mann in unsauberer Bauerntracht hierein und reichte dem jungen Mädchen unb ihrem Vater bie Hand. (Fortsetzung folgt.)