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Marburg, Sonnabend, 20 Dezember 1884.
XIX. Jahrgang.
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Marburg, im Dezember 1884.
Exped. -er Oberh. Ztg.
Deutsche- Reich.
Berlin, 18. Dez. Der Bundesrat überwies den Gesetzentwurf wegen de« Beitrags deS Reichs zu den Kosten des Zollanschlufies von Bremen an den Ausschuß und nahm in zweiter Beratung das Postsparkaflengesetz an. — Die »Nordd. Allgem. Ztg/ schreibt: Ein Verein mehrerer Deutschen in Part« hat dem Reichskanzler die zur Kceterung einer zweiten Direktorstelle im Auswärtigen Amte erforderliche Summe zunächst für ein Semester zur Verfügung gestellt. In den betreff nden Telegrammen sprechen die Geber den Wunsch auS, daß ein für Deutschland würdevolleres neues Abstimmungsresultat vor Anfang auch des zweiten bereiten Semester« statlfinden möge. — Gestern abend hielt die Budg et ko m Mission de« RichttagS noch eine Sitzung. Da« Kapitel 20: »Gouverneure, Kommandanten, Platzm -jore 610425 Mk." war der Kommission überwiesen worden, da ein Antrag de« Abg. Richter vorliegt, die Kommandanten In Frankfurt a. M, in Altona, Breslau, Hannover, Karlsruhe, Stettin, Darmstat, Sonder- burg-Düppel, Stralsund und Metz als künftig fort-allend zu bezeichnen. Der Kriegsminister bezeichnete diesen Antrag al« unannehmbar, soweit e« sich um die drei letztgenannten Städte handele, welche Festungen seien; ebenso könne eine
Gi« Herz.
Eine Weihnachtsgeschichte von Max Scho en au.
(Schluß.)
Bunte Bilder stiegen in Hedwigs Seele auf, wechselnd und mannigfaltig, aber immer fröhlich und heiter. Eine glückliche Jugend lag hinter ihr und ste hatte daS Leben immer nur von der freundlichsten Seite kennen gelernt. Der Vater war ein ernster aber liebevoller Mann, der tn seiner zärtlichen Fürsorge dem geliebten Kinde die fehlende, früh verstorbene Mutter soviel als möglich zu ersetzen suchte. Hedwig hatte sich seiner Güte und Liebe stets erfreut, aber ste nahm ste eigentlch als etwas Selbstverständliche«, ihr Gebührenve« hin, Sie hatte den Wert dieser Liebe nie voll und ganz schätzen gelernt, weil ste ste nie vermißt hatte. Und als ste herangewachsen war, und sich plötzlich da» in ihr schlummernde große Talent unwiderstehlich zu regen begann, da hatte der Vater ihrem Drängen und Bitten nicht zu widerstehen vermocht und er ließ da« Kind, dem er nicht folgen durfte, hinauSztehen in die Welt mit ihren Sorgen und Kämpfen.
Von diesen hatte Hedwig nun freilich in den letzten drei Jahren noch fast nicht« kennen gelernt. Der Vater war, Gott sei Dank, in der glücklichen Lage, sie vor materiellen Sorgen schützen zu können, und von sonstigen Kämpfen wußte Hedwig auch nicht viel zu erzählen, denn dem schönen genialen Mädchen war bisher alle« mit größter Lieben«- würvigkeit entgegengrkommen, so daß ste noch am ehesten durch allzugroße Schmeichelei hätte verdorben und geschädigt werden können. Dem hätte HedwigS innerlich kernge« suader Sinn allerdings mit Erfolg wiederstanden; ste lachte stber die zierliche« Redensarten und Fadaisrn, di« ihr von
einfache Beseitigung im Budget nicht stattfinden für die Kommandanten in Darmstadt und in Karlsruhe, da hier Verträge und Abmachungen mit Heffen und Baden vor- liegen. Für die übrigen Städte liegen derartige Hindernisse nicht vor, zur Zeit sei aber die Beibehaltung der Kommandanten erwünscht; immerhin jedoch werde die Militärverwaltung in Erwägung ziehen, ob und wo um der Ersparnis willen Kommandantenstellen aufgegeben werden können, und dem Reichstage entsprechende Vorschläge machen. Der Antrag Richter wird hierauf abgelehnt und eine vom Abg. v. Köller eingebrachte, den Erklärungen deö KriegS- mintsterS entsprechende Resolution angenommen. Bei dem Kapitel: »Offiziere in besonderen Stellungen" wird der Antrag des Abg. Richter, die Zahl dieser Offiziere von 94 auf 70 zu ermäßigen und demgemäß 100000 Mark zu streichen, auf Wunsch deS Krieg«ministerS abgelehnt. Bei dem Kapitel: „Kadetten-Anstalten" wird der Antrag deS Abg. Richter, im Etat die Zahl der zu den verschiedenen PenfionSsätzen einzustellenden Kadetten anzuführen, mit großer Majorität abgelehnt. Die bei Kapitel 14 von Richter beantragte Herabminderung der Rationsbezüge der höheren Offiziere wird ebenfalls abgelehnt, dagegen be- schloffen, dem Plenum die Annahme der von dem Abg. v. Huene vorgeschlsgenen Resolution zu empfehlen, nämlich den BundeSrat zu ersuchen, eine Revision der Rationsbezüge bezw. die Verminderung derselben zu veranlaffen und dabei in Erwägung zu ziehen, ob nicht an Stelle der Bezugsrationen als Ersatz Pferdehaltungsgelder bezw. Fuhr- kosten-Entschädigungen für die Offiziere und Beamten treten könnten. — Die »Nordd. Allgem. Ztg." schreibt: Bezüglich WcstafrikaS gehen dem Auswärtigen Amte au« allen Gegenden Deutschlands zahlreiche Gesuche der mannigfachsten Art betreffend Belehrung und Auskunft über die dortigen Verhältnisse zu, sowie Gesuche um Beförderung nach den unter deutsche Oberhoheit gestellten Gebieten, namentlich um Anstellung und Verwendung daselbst. Dasselbe Blatt teilt demgegenüber mit, daS Auswärtige Amt sei unter den gegenwärtigen Berhältniflen außer Stande, derartige Gesuche zu berücksichtigen und zu beantworten. Die hierauf bezüglichen Anträge und Wünsche könnten einstweilen nur von den Handelshäusern beantwortet werden, welche Niederlassungen in den unter den deutschen Schutz gestellten Gebieten Westafrika« besitzen. — Die Schiffahrt«- Akte für den Conao und Niger ist heute fertig gestellt worden. Morgen findet eine KommisstonSsttzung über einige untergeordnete Punkte statt. — Dem Reichstag ging soeben eine Petition der Berliner Kaufm mnschaft betreffend die Ablehnung des von W e d e l l - M a l ch o w schm Börsensteuer - Entwurfs zu. Gleichzeitig ging von der Leipziger Haneelskammer eine Petition ein, in welcher dieselbe bittet, zu der Kommission« - Beratung deS Börsen- steuer-EntwurfeS Sachverständige zuzuziehen. — In der heutigen Stadtverordneten-Sitzung gelangte ein
jüngeren und älteren Männern in reicher Fülle gemacht wurden, ste spielte mit allen, nicht au« Koketterie, sondern au» echter innerlicher Unbefangenheit und von demselben Spielstnn verleitet, der ste mit unwiderstehlicher Kraft auf rie Bühne getrieben. Sie hörte die Reden dieser Leute mit an, wie sie eine alte oder neue Roll« durchla«, bald gelangweilt, bald etwa« wärmer angeregt, ohne sich doch mit den Empfindungen, die ste da hörte, voll und ganz identifizieren zu können.
Wie Hedwig so saß und sann, fuhr ihr auf einmal der Gedanke an den Doktor durch den Kopf. Sie sah ihn wieder vor sich stehen mit der schlanken Gestalt mit dem ernsten Gesicht, au« dem die großen fcunMn Augen so warm und herzlich hervorschautrn. Sie hatte oft mit ihm gegrollt, weil er ihr so ganz ander« gegenübertrat, al« die anderen alle, well er ihr offen uns unverblümt schon manche h rbe Wahrheit gesagt hatte. Und doch mußte sie ihm Recht geben in dieser Stunoe, da ste zum erstenmal Einkehr hielt In sich selbst, und sie mußte sich gestehen, daß er e« gut mit ihr gemeint habe, liebet Hedwig« Wangen flog eia roter Schein, der nicht von dem Feuer des Kamin« herrühren konnte, denn dies war längst verkohlt, und in ihren Augen stieg es brennend auf. Nein, sie war zu- sammengefchreckt, weil sie den ersten scheuen Blick In ihr Herz gethan, weil ste zum erstenmal mit süßem Schauer empfunden hatte, daß auch da drinnen in ihrer Brust so ein eigenwillige«, seltsames Ding zuckte und pochte. Au« ihrem Auge rann langsam eine heiße Thoäne; sie weinte, weil ste allein war, weil ste sich sehnte nach einem anderen Mmschenherzen, dem sie ihr Leid klagen, das st« verstehen und ste trösten konnte. _______
Schreiben des Stadtverordneten Ewald zur Vorlesung, worin derselbe wegen seiner am 13. Dezember auf Grund de« Sozialistengesetzes erfolgten Ausweisung um Urlaub auf unbe- stlmmte Zeit bittet. Am Schluffe der Sitzung wurde eine Anfrage Virchows zur Kenntnis genommen, ob der Magistrat rechtlich der Ansicht fei, daß die Gültigkeit des Mandate« Ewald« auch bei jahrelanger Dauer feiner Ausweisung, sowie daß die Fortdauer der ihm in der Versammlung angewiesenen Stellungen durch die Ausweisung in irgend einer Weise zweifelhaft werde. Die Vertreter des Magistrat« waren bei Verlesung der Anfrage nicht mehr anwesend. Ein An- trag auf Einsetzung eines Ausschusses zur Ergänzung der Geschäftsordnung hinsichtlich disziplinarischer Ahndung deö Zuwiderhandelns gegen die Ordnung, insbesondere gegen Wahrung der Amtsverschwiegenheit, sowie wegen Feststellung der Gegenstände, welche in geheimer Sitzung zu verhandeln sind, wurde angenommen.
Elberfeld, 17. Dez. Nachstehender Aufruf fist, mit vielen Unterschriften versehen, eben hier bekannt gegeben worden. »Trotz der wiederholten dringenden Bitte deS Reichskanzlers hat der Reichstag am 15. Dezember die Forderung von 20000 Mk. für die Stelle eines zweiten Direktors im Auswärtigen Amt abgelehnt. Dieses Votum fort in den Herzen aller patriotisch gesinnter Männer die tiefste Entrüstung und Beschämung hervorgerufen. In dem« selben Augenblick, wo die auswärtige Polittk des Fürsten Bismarck vor den Augen der Abgesandten aller Knltur- staaten neue glänzende Triumphe feiert, verweigert die Majorität des deutschen Reichstages ihm die Mittel, die der Kanzler selbst für notwendig ertönt hat, um diese Politik fortzuführen. Diese« Verhalten erscheint nicht nur al« ein Akt kleinlicher Gehässigkeit gegen unfern großen Staatsmann, fonbetn auch al« schnöder Undank gegenüber der unermüdlichen Arbeit für das Wohl des Vaterlandes, in welcher er und seine Mitarbeiter Kraft und Gesundheit geopfert haben. Schon triumphieren Pariser Blätter über die .Niederlage" deS »Reichskanzler»". Soll da» Ausland von uns sagen dürfen, daß wir die Politik de» Fürsten Bismarck nicht wert sind? Nein! Die große Mehrheit de» deutschen Volkes weiß, daß e» ihm mehr verdankt, als es je vergelten kann. Zeigen wir dem Fürsten Bismarck, daß wir für seine auswärtige Politik noch 20000 Mk. übrig haben I Wa» die Parteizerriffenheit deS Reichstags verdorben hat, vermögen wir nicht wieder gut zu machen, wohl aber können wir zeigen, daß wir keinen Teil haben an der Gesinnung, au« welcher jener Beschluß hervor- gegangen ist. Wir fordern alle Patrioten ohne Partei- Unterschied auf, beizusteuern zu einer Sammlung, welche zur Dirposttion de« Auswärtigen Amtes gestellt werden soll. Beharrt bann die Reichstagsmehrheit dabet, dem Kanzler eine Erleichterung seiner Arbeitslast zu versagen: wir wollen durch unsere Gabe den Beweis liefern, daß die Dankbarkeit des deutschen Volkes gegen den Begründer
Wie schämte sich Hedwig jetzt, daß st« den Doktor vor Wochen tn so kindischem Trotz entlasten und ihn damit vielleicht für immer von sich gescheucht hatte. An der seltsamen Angst, die ste bei diesem Gedanken befiel, fühlte fie, daß ste bei ihm jene« zweite Herz hätte finden können, nach dem ste in ihrer Einsamkeit sich bangte und sehnte.
Ein helleS Läuten, daß auf dem Vorplatz erschallte, schreckte Hedwig au« Ihren Träumen. Sie sprang auf und fuhr stch mit der Hand über« Gesicht, als wollte sie die Gedanken verscheuchen, die sie noch eben bestürmt. Sie ging und öffnete. Ein Dienstmann mit einem großen Packet in der einen und einen richtigen, vollständig mit Ketten un« glitzernden Kugeln geschmückten Weihnacht»- biumchen in der anderen Hand stand vor der Thür.
»Da« soll ich bei dem gnädigen Fräulein abgeben," meldete der rotbemützte Träger und schob sich, die linke Schulter voran, auf den Korridor. Hedwig war zu überrascht, um Einspruch erheben zu können. Der Dienstmann ging in« Zimmer, setzte da« Bäumchen auf den Tisch, daS Packet daneben auf einen Stuhl, zog eine Schachtel Streichhölzer au« der Tasche und entzündete die Wachslichter, welche alle Zweige de« Weihnachtsbaume» füllten: Und ehe Hedwig noch fragen konnte, wer ihn denn eigentlich gesendet, war er schon wieder draußen und sie hörte ihn mit schweren Tritten die Treppe hinabsteigen.
In dem freundlichen Lichterschein hatte ba« Zimmer auf einmal wieber ganz behagliche« AuSfeheu gewonnen und der jungen Schauspielerin wurde wieder so tröstlich zu Mute, wie e« einem sein muß, wenn da« Christkindchen in höchst eigener Person seinen Besuch abstattet. Hatte stch Hedwig auch da» Chrißkindchen immer etwa» ander»