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Marburg, Donnerstag, 18 Dezember 1884.
XIX. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux vontzaasenstein undVogler in Frankfurt a M. Hamburg, Magdeburg u. Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a.M., Berlin, München und Köln; @. L Daube und So. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Pari-.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d- Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M.; Hermann- scheBuchhandluna daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; ♦ Jnvalidendank in Berlin, Dre-den und Leipzig;
I. Barck u. So. in Halle. W. ThieneS in Elberfeld.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für da- Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Zllustrtrte- Sonntagsblatt" durch die Expedition (R o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2‘/» Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
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Deutsche- Reich.
Berlin, 16. Dez. Der Kronprinz ist, einer Einladung des Grafen Otto Stollberg zur Jagd folgend, heute mittag nach Wernigerode abgereist. — In parlamentarischen Kreisen wird Majorität für die Dampfersubvention mit ungefähr 70—80 Stimmen angenommen. — Die landwirtschaftliche Kommission der „freienwirtschaftlichen Vereinigung" des Reichstags hat gestern die strengste Geheimhaltung ihrer Beratungen und Anträge beschlossen. — Wie das „Berl. Tagebl." berichtet, wollen die Liberalen der schutzzbllnerischen freien Vereinigung eine Vereinigung der Manchesterleute und Freihändler, bestehend au« den liberalen Parteien entgegenstellcn. — In der Budgetkommission des Reichstags wurde heute die Beratung deS außerordentlichen Etats der Militärverwaltung fortgesetzt. Zum Neubau einer Kaserne für da- Garde-Trainbataillon bei Berlin wurde die letzte Rate in Höhe von 404320 Mk. bewilligt, dagegen wurden die geforderten 300 000 Mk. zum Neubau eines KasernementS für zwei Feldbatterieen in Berlin und 300000 Mk. zum Neubau eines Kasern'mentS für eine Abteilung deS 2. Gard-Frld- ArtillertrregimentS — in beiden Fällen erste Rite — abgelehnt. 1640000 Mk. zum Neubau einer Kaserne für ein Regiment Kavallerie in Allenstetn wurden bewilligt, dagegen noch folgende Positionen abgelehnt: 250000 Mk. für eine Kaserne in Danzig, 300000 Mk. für eine Kaserne in Rathenow, 300000 Mk für eine Kaserne in Naumburg a. S., 42000 Mk. zum Terrainerwerb für eine Kaserne in Ratibor, 300000 Mk. für eine Kaserne in Schleswig, sowie 350000 Mk. für eine Kaserne in Kastel. Die angeführten Summen sind sämtlich als erste Bauraten bezeichnet. Die zum Neubau einer Kaserne in Kulm geforderte erste Rate von 30000 Mk. wurde durch den KriegSmi ilfter zurückgezogen. — Gewistermaßen als Fortsetzung der diplomatischen Aktenstücke ist dem Reichstage ein Bericht des deutschen Konsuls in Canton zugegangen, betreffend die Dampferlinte des „Oesterrci- chischen Lloyd" nach Ostasten. ES heißt darin: „die Lloyd- linie hat ihre Existenz- und Konkurrenzfähigkeit neben den großen französtjchen und englischen Dampferliuien praktisch dargethan und wenn auch die finanziellen Resultate dem großen Publikum gegenüber äußerst bescheiden dargestellt werden, für die Eingeweihten ist eS kein Geheimnis, daß das GefchäftSergebniS bis jetzt ein sehr zufriedenstellendes gewesen ist. Die österreichische Ein- und Ausfuhr in Ost- Asien ist in starker Zunahme, österreichische Waren und Fabrikate treten in erfolgreiche Konkurrenz mit den deutschen, sei eS, daß bekannte Artikel durch die dir kte Linie zu billigeren Preisen auf den chinesischen Markt kommen, oder ganz neue Marken sich Eingang verschaffen. Im Export hat Triest bereits in einzelnen Artikeln Hamburg überflügelt, wie e? ebenso keinem Zweifel unterliegt, daß ein Teil der früher über Hamburg verschifften Waren für
[Nachdruck verboten.)
Ei« Herz.
Eine WcihnachtSgeschicht« von Max Scho enau.
„Du hast schon wieder den Hut vergeffrn, den ich im zweiten Akt brauche, Christine," ries ärgerlich da« junge Mädchen, daS da mitten in der Stube vor einem großen Korbe kniete und eilig Kleider und Fächer, Blumen und Federn durchrinsnderwarf. Von draußen schien die ziemlich trübselige Sonne eines OktobernachmittagS herein und beleuchtete die zierliche weibliche Gestalt mit dem kleinen, sein- geschnittenen Köpfchen, dem das kurzgehaltene, leichtgelockte Haar ein fast knabenhaftes Aussehen verlieh. „Hier, Fräulein Hedwig, ist der Hut; wenn daS Ungetüm nur noch Platz in dem Korbe findet," sagte jetzt Christine, die alte Magd der jungen Schauspielerin. Hedwig war aufgesprungen, lief vor den Spiegel und drückte stch den mächtigen, federngeschmückten Rembrandthut auf« Haupt. Sie lachte vergnügt ihrem Ebenbilde im Spiegel zu.
„Seh ich hübsch aus. Christine?" rief sie mit kecker Lustigkeit.
„Hübsch, mein Goldherzchen? Der reine Engel find Sie, so reckt zum Verlieben."
„Ach was, verlieben! Sprich da» dumme Wort nicht aus. Ich mich verlieben! Genießen will ich mein Leben und meiner Kunst mich freuen mit ganzer Seele, weiter nichts!" Sie riß den Hut vom Kopf, legte ihn zu den übrigen Sachen im Korbe und warf dm Deckel zu. „So, nun geh nach dem Theater, Christine, in einer halben Stunre komme ich nach." Christine verschwand mit dem Korbe, «ad Hedwig blieb allein zurück mit ihrem Papagei,
Ostasien, speziell alle österreichischen Fabrikate, nunmehr In Triest zur Verladung kommen." Es folgen dann umfaffende Tabellen über die durch den „Oesterreichifchen Lloyd" vermittelte Ein- und Ausfuhr Oesterreichs von und nach Indien und Ostasten, sowie über die aus- und eingeführten Waren nach Beschaffenheit, Gewicht und Geldwert. Dann fährt der Bericht weiter fort, daß die Angaben den Beweis liefern oder doch mindesten« die Annahme rechtfertigens daß eS einer fubventionierten deutschen Linie, sofern sie nur sachgemäß administriert und durch tüchtige Agenten im Auslande unterstützt wird, sicher gelingen werde, nicht nur stch selbst ein lohnendes Feld der Thätigkeit, sondern vor allem auch den deutschen Waren und Jndustrieerzeugniffen einen größeren Absatz und den unmittelbaren Handelsbeziehungen Deutschlands mit Ostasien eine stets zunehmende Ausdehnung zu sichern. Es wird dann weiter ausgeführt, daß die Kreierung der neuen Linie nicht zu spät komme, und noch besonders auf die Entwicklungsfähigkeit Chinas durch Eifenbahnbauten hingewiesen, deren Ausführung »tit näher gerückt sei. — Ueber einen drohenden Konflikt seitens einer Anzahl Studierender mit der akademischen Behörde wird von zuständiger Seite folgende- mitgeteilt: Auf Grund der Vorschriften der UniversttätSgesetze wurde einer Anzahl Studierender, welche durch gedruckte, vor der Universität verteilte Zettel zur Bildung eines liberalen akademischen Verein« ausforderten, die Mitteilung gemacht, daß sie ihre Statuten behufs Zu- laffung des Vereins einzureichen hätten. Da sie aber erklärten, dieser Verfügung nicht Folge leisten zu können, wurde den studentischen Mitgliedern des Vorstandes auf- gegeben, aus dem Vereine als einem gesitzwldrtgen auszutreten. Dieselben leisteten der Anordnung auch Folge. G-steru und heute wurden aber trotzdem Studierende durch gedruckte vor der Univ:rsttät verteilte Zettel zur Beteiligung an einer auf heute abend angefetzten Versammlung des akademischen liberalen Vereins aufgefordert. Die Zettel kündigten an, daß dir RcichStagSabgeordneten Meibauer und Möller Vorträge halten wollten und GestnnungS« genoffen auö akademischen Kreisen als Gäste willkommen seien. Infolge deffen veröffentlicht der Rektor der Universität heute am schwarzen Brette einen Anschlag, in welchem er die gesetzliche Lage der Sache nochmals klarstellt und die Hoffnung ausspricht, der gesunde Sinn der Studierenden werde erwarten lassen, daß sie stch zu keinem gesetzwidrigen Verhalten würden verleiten lassen. — Wie die Münchener „Allgemeine Zeitung" meldet, hat der König von Bayern dem preußischen Kriegsminister Bronsart v. Schellendvrff und dem Generalstabsarzt Dr. v. Lauer das Großkreuz, dem Generalmajor v. @elbu, Kommandanten von Koblenz, daS Großkomthurkreuz desselben Orden« verliehen und nrch eine Anzahl anderer preußischer Offiziere durch Ordensverleihungen ausgezeichnet. — Gestern mittag mußten unerwartet sämtliche Mannschaften der Berliner Garnison auf den Höfen ihrer Kasernen zum Appell antreten. Sie
der ruhig in einer Ecke eingenickt war, und mit ihrem kleinen Hündchen, das ihr wedelnd immer zwischen den Füßen herumlief. Eben wollte sie stch in den bequemen Lehnstuhl am Fenster f tzen, um noch ein paar Stiche an einem eleganten Promenade! kleide zu nähen, da klingelte es draußen. Hedwig warf da« Kleid wieder bei S ite und blieb lauschend stehen. „DaS wird gewiß der Doktor fein, der alte Pedant", murmelte sie ärgerlich. „Und hier sieht eS so unordentlich aus, da hat er wieder etwa« zu schelten und zu bekritteln. Ah bah, wa« thut«. Wenn et mich nicht will wie ich bin, mag er zu Hause bleiben!' Sie ging hinaus zu öffnen. Richtig, der Doktor warS. Er begrüßte sie freundschaftlich und folgte ihr in da« Zimmer. Pedantisch s h nun der Mann gerade nicht auS; ernst wohl, aber aus feinen großen, dunklen Augen blinkte ein Strahl so warmer HerzmSgüte, daß man den schwermütigen Zug fast vergeffen konnte, der um die festgeschloffenen, von braunem Vollbarte umrahmten Lippen gebreitet lag. Neben der fast noch kindlichen Gestalt Herwig« und ihrem hin- und herfahrenden Wesen nahm sich der große Mann der die Mitte der Dreißig wohl schon erreicht haben mochte, allerdings alt und würdig genug aus. Er war Schriftsteller und hatte Hedwig kennen gelernt, al« vor nun fast einem Jahre ein Schauspiel von ihm aufgefühtt wurde, in welchem sie eine der Hauptrollen zu spielen hatte. DaS liebliche Kind, das wie ein flimmernder Sonnenstrahl Überall, wohin eS kam, Leben und Freude verbreitete, hatte den ernsten Mann entzückt, und er war innerlich nicht wieder von ihr losgekommen. Aeußerltch freilich standcn sie stch fast wie Feinde gegenüber, denn Hedwig, welche die Männer nur leiden mochte, wenn sie ihr zu Füßen lagen oder ihr al«
wurden dann von den Offizieren in kleinen Abteilungen in ihre Stuben geführt und dort fand eine sehr genaue Untersuchung ihrer Schränke, Kästen und Untformstücke nach sozialdemokratischen Schriften statt. Die Revision dauerte in jeder Kaserne etwa 3 Stunden. Ueber ihr Resultat ist nicht« bekannt.
Berit«, 16. Dez. Der gestrige Beschluß deS Reich«- tages (Verweigerung von 20000 Mk. für einen Direktor im Auswärtigen Amt) findet auch bei der Mehrzahl der freisinnigen Blätter keine Billigung. Die „Nationalztg.". sagt: Der Beschluß werde höchstens im Lande befremd« und die weitestgehende Mißbilligung erfahren. Der „Börsen- Courier" findet, die Freisinnigen hätten ihrer Partei durch ihre Haltung einen schlechten Dienst erwiesen. DaS „Berl. Tageblatt" äußert feine lebhaften Bedenken und findet ben Beschluß mindesten- kleinlich. Nur die „Vossische Zeitung" tritt für denselben ein. Die „Köln. Ztg." schreibt hierüber: Der Reichskanzler Fürst Bismarck, dem da« deutsche Reich den Hauptanteil an seiner Größe verdankt, dem e« neuer« dingS verdankt, daß die Jntereffen seiner Angehörigen auch in den fernsten Weltteilen geschützt werden, hat unter genauem Nachweis, daß er mit dem jetzigen Hilfspersonal die Geschäfte deS deutschen Reiches nicht bewältigen könne, vom deutschen Volke jährlich 20 000 TM. verlangt, damit er sich einen neuen Direktor halten könne. Und da« deutsche Volk — doch nein, die ultramontan-demokratische Mehrheit de« deutschen Reichstag« hat ihm diese Forderung abgeschlagen. Der Eindruck, den wir und den die Mehrzahl des deutschen Volke« von diesem Reichstagsbeschluß und noch mehr von den ihm voraufgegangenen RelchStagSverhand- lungen empfangen haben, ist ein trauriger. ES ist empörend und beschämend zugleich, daß der Mann, der in der gongen Welt als der erste seiner Zeit gilt, dem niemand bestreiten kann, daß er da« deutsche Reich geschaffen und zwölf gefährliche Jahre lang mit unglaublicher Meisterschaft zwischen Neid und Gefahren glücklich hindurchgebracht hat in eine nach menschlichem Ermeffen verbürgte Friedenszeit, der dem Reich soeben eine Stellung auch als Seegroßmacht errungen hat, al« stebzigjähriger Greis vor den deutschen Reichstag tritt mit der Erklärung, er wolle die Geschicke des Reicheweiter leiten, wenn man ihm nur die notwendigsten Arbeiten, die er nicht zu leisten im stände sei, eine zuverlässige Arbeitskraft besolden wolle — und daß im deutschen Reichstag stch eine Mehrheit zusammenthut, die ihm diese Forderung abschlägt, unter nichtigen Vorwänden, lediglich um ihn zu ärgern. DaS hat Fürst BiSmarck selbst empfunden, und e» ist offenbar: wenn dieselben Lmte, die jüngst be» schloffen haben, Diäten für die RcichStagSmitglieder einzuführen , 20000 Mk. für einen Direktor im Auswärtigen Amt verweigern, so ist die Sparsamkeit zum Wohle de« Reiches nicht der Grund, sondern nur der Vorwand. Er hat eS den Herren Ultramontanen, Deutschfretstnnigen und Sozialdemokraten vor den Kopf gesagt: „Die Grundlage
getreue Sklaven die Schleppe trugen, lehnte stch trotzig auf gegen die ruhige Überlegenheit Doktor Werners, der sehr malitiös sein konnte, wenn er ste auf einer Unart überraschte. Am meisten aber konnte ste sich ärgern, wenn er über die Auffaffung dieser oder jener Rolle mit ihr stritt, namentlich deshalb, weil sie ihm bann fast immer Recht geben mußte.
Jetzt saß er ihr gegenüber am Fenster und sah auf ihre schlanken Finger, ble hastig die Nadel führten. „Störe Ich Sie auch nicht, Fräulein Hedwig?"
„O nein," antwortete der kleine Trotzkopf, ohne aufzu« blicken, „ein Biertelstündchen habe ich für Sie Zeit, bann muß ich zur Vorstellung. Sie wiffen, ich habe heute eine große Rolle zu spielen."
„Gerade über diese Rolle wollte ich mit Ihnen sprechen, liebe« Kind." Sie zuckte zusammen; ste konnte e« absolut nicht auSstehen, wenn et sie „liebe« Kind" nannte. Er sah, daß sie unwillig errötete und lächelte leicht vor stch hin. „Ich möchte sie bitten, mein Fräulein," — et betonte da« „Fräulein" so ironisch, daß Hedwig schon wieder unruhig zu werden begann — ich möchte Sie bitten, diese Rolle überhaupt nicht zu spielen, ste paßt ganz und gar nicht für Sie."
Ueber Hedwig« Gesicht flog dunkle Röte, und ste richtete stch energisch in ihrem Sessel auf. „So, und warum paßt ste denn nicht für mich, Herr Kritiker? Bin ich mit meinen zwanzig Jahren vielleicht noch nicht alt genug für die Rolle. Ich denke, da« wäre eher ein Vorteil?"
„Zürnen Sie doch nicht gleich wieder, Fräulein Hedwig. Ich sage Ihnen meine Meinung doch nur, well ich e« von Herzen gut mit Ihnen meine." (Fortsetzung folgt.)