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IHarßurg, Donnerstag, 11. Dezember 1884.
XIX. Jahrgang.
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DmI^chkH Kelch.
Berlin, 9. Dez. In der Wohnung des Fürsten Bismarck sand gestern nachmittag eine Sitzung de» Staats« Ministeriums statt. — In den BundeSratSauSschüfsen begegnet die Ausdehnung deS Krankenkassen« und Unfall« verstcherungSgesetzeS auf landwirtschaftliche und Forstbetriebe noch größeren Schwierigkeiten, als die auf TranSportge« werbe. ES wird daran erinnert, daß auch der preußische Staatsrat sich gegen diese Ausdehnung erklärt habe. Der Staatsrat soll in nächster Zeit wieder zusammentreten, eine Berufung de» Plenum« jedoch nicht stattfinden. Man dürfte sich darauf beschränken, einzelne Abteilungen zu berufen, denen dann auch die Steuerentwürfe des Finanz« Minister» zur Prüfung zugehen werden. — Die „Hamb. Nacht." lasten sich von hier berichten: Graf Herbert Bismarck begiebt sich dieser Tage auf seinen Posten nach dem Haag und kehrt Weihnachten zurück, um dann hier da« UnterstaatSsekretariat de« Auswärtigen Amtes zu übernehmen. Unterstaatssekretär Busch geht weder nach Kopenhagen noch nach dem Haag. — Die Ernennung deS KreiS- dtrektorS v. Saliern zum Landesdirektor der Fürstentümer Waldeck und Pyrmont ist jetzt erfolgt. — In einem im Jahre 1880 ergangenen gemeinschaftlichen Ertaste der Minister deS Innern und der Finanzen ist bezüglich der bei der Vorabschätzung von Manöver-Flurschäden thätig gewesenen OrtSetngesestenen ausgesprochen worden, daß die Mitwirkung der OrtSvorstände, einschließlich der Bürgermeister der nicht kreiSeximterten Städte, bei den erwähnten Vorabschätzungen zu den Dienstobliegenheiten dieser Ge« metndebeamten gehöre und daß denselben deshalb eine besondere Vergütung für ihre deSfallflgen Bemühungen nicht zustehe. Im Anschlüsse hieran haben die genannten Minister neuerdings verfügt, daß die Bürgermeister der kreiSeximterten Stäate sich vorkommenden Falls den deßfallstgen Geschäften gleichfalls unentgeltlich zu unterziehen haben. — Den Eisenbahnbirektionen hat der vorgesetzte Minister bemerkt, er vermöge daS in einzelnen Bezirken b-ztehentlich Werkstätten erlassene Verbot der Annahme von Arbeitern, nur weil diese eine bestimmte Altersgrenze (35 bis 40 Jahre) überschritten haben, nicht für gerechtfertigt zu erachten und müste die Abstellung vorschreiben. — Ucbet die Einberufung de« preußischen Landtags ist noch kein fester Beschluß gefaßt, und eS ist leicht anzunehmrn, daß dieselbe erst zu der jpit.fi gegebenen Frist, welche auf den 16. Januar, aber jeoenfallS vor 12 Uhr mittag« fällt, erfolgen durfte, zumal ja bald Weihnachtrserien eintrcten, welche frühesten« am 7. Januar endigen. Danach bliebe nur die Zeit vom 7. bi« 16. Januar k. I». — Bon mannigfachem Interesse ist ein Hauplbertcht, welchen der Regierung« - Meoizinalrat der Regierungsabteilung hiesigen Polizeipräsidium«, Dr. Plstor, jüngst über da« Medizinal- und Gesundheitswesen Berlin« für da« Jahr 1882 erstattet hat. Bet Besprechung der Apothekrnverhättnisie wird auch die vor einigen Jahren
erörterte Frage einer möglichen Neugestaltung de« Apotheken- wesenS oder doch, wie man sicher annehmen konnte, mindestens eine Regelung desselben Im deutschen Reiche berührt. „Selber ist diese Hoffnung getäuscht, die Verhältniffe selbst aber werden dadurch von Jahr zu Jahr weniger erfreulich, und über kurz oder lang werden die maßgebenden Faktoren durch die unerquicklichen Mißstände gezwungen werden, auS national«ökonomischen Gründen Stellung zu der viel beredeten und beschriebenen, aber wenig behandelten Frage zu nehmen." Der amtliche Bericht, der sich Über diese schwebende Angelegenheit mit solcher Entschiedenheit auSsprtcht, beklagt e« auch, daß einige Apotheker „in eklem Wettstreit mit gewissen Kletndroguisten, die am besten als Winkelapotheker zu bezeichnen sind, sich dem Geheimmittel - Handel ergeben haben und dadurch beweisen, daß auch die bestmöglichen GeschältSverhältntffe nicht dafür bürgen, daß jeder Apo- thekenbesttzer feinen eigenen Stand hochzuhalten bestrebt ist." Auch über die Droguenhandlungen wird strenges Gericht gehalten und dazu bemerkt: „Es hieße Eulen nach Athen tragen, wolle man hier noch einmal die Schattenseiten dieser „wilden Apotheken" und die dem vertrauensseligen Publikum von hier au« drohenden Gefahren erörtern. Getilgt kann biejer Schaden nur durch eine zeitgemäße Reform de« In feiner jetzigen Verfassung veralteten Apothekenwesens durch nachdrücklich dauernde Vermehrung bet Apoth ken aller Orte in schneller Folge aber erheblich gemindert werden." — Der zum Oberberghauptmann und Ministerialdirektor ernannte Abgeordnete Huyssen hat sein Mandat zum Hause der Abgeordneten (für den ManSselder Kreis) niedergelegt. — Jüngst publizierte die „Nordd. Allg. Zig." bekanntlich einen an den Reichskanzler gerichteten Roxheimer Bauernbrief, welcher gröbliche Anklagen gegen Weinhändler und sonstige Geschäftsleute der Stadt Kreuznach und Umgegend enthielt. Jetzt stellt sich heraus, daß dieser Brief eine grobe Fälschung barstellt. Der Bries trägt die Unterschrift: „Valentin Rollar in Roxheim"; Träger dieses NamenS tsi der 17jäbrige Sohn des in guten Verhältniffen lebenden Roxheimer Bauern und Müllei S Philipp Rollar. Dem „Kreuznacher Tageblatt" liegt im Original eine schriftliche Erklärung de« Valentin Rcllar vor, in welcher derselbe konstatiert, daß er niemals an den Reichkkarzler geschrieben hat. — Die Budget Kommission deS Reichstages hat heute zunächsiHdie beiden Titel des Etats bet Reichskanzlei, bie eine Gehaltserhöhung für bie Subalternbeamten der Reichskanzlei fordern, unb bei ber kürzlichen Beratung diese« Etats im Plenum an bie Kommission gewiesen wurden, nach Ablehnung eine« Antrages v. Hüne auf Bewilligung ber Hälfte ber verlangten Erhöhung angenommen. In ber Diskussion traten besonders die Abgg. Rickert und Bunsen für die unverkürzte Bewilligung der GchaltSau besseaung ein; desgleichen wurde die kürzlich von der Beschlußfassung ausgesetzte Forderung von 80000 Mk. für Anstellung neuer Hilfskräfte im statistischen Amt, und
nach Ablehnung deS in der vorigen Sitzung vom Abg. von Köller gestellten Anträge« auf Absetzung von 5 Millionen, da« Kap. 25 de« Militäretats, da« die Brot- und Fourage- verpflegung betrifft, ohne Abstrich bewilligt.
Pose«, 9. Dez. Der „Posener Zeitung" zufolge ist der Wahl be« zweiten Bürgermeister- Herse zum ersten Bürgermeister« bie Bestätigung versagt.
Malchin, 9. Dez. Zum Bau einet Eisenbahn von Rostock nach Ribnitz unb Stralsund bewilligte der Landtag für die 32 Kilometer Länge der mecklenburgischen Strecke einen Landesbeitrag von 10000 Mk. pro Kilometer.
Bremerhasm, 9. Dez. Da« Urteil be« See-Amte« in Sachen beS Zusammenstoßes beS Dampfer« „Hohenstaufen" mit bet Korvette „Sophie" lautet im Wesentlichen : Der Dampfer „Hohenstaufen" hat sich bem Geschwader unnötiger Weise genähert unb trägt indirekt Schuld an dem Zusammenstoß, während die Handlungsweise der Korvette „Sophie" direkten Einfluß auf die Kollision gehabt hat. Denn hätte die Korvette ihren KourS gehalten und wäre, nachdem der Zusammenstoß unvermeidlich, Backbord uSgewichen, so wäre alle- klar gegangen. Der Anträge auf Patententziehnng be« Kapitäns be« „Hohenstaufen" wurde nicht stattgegeben.
Braunschweig, 9. Dez. Die „Brauuschw. Anzeigen" sind zu der Erklärung ermächtigt, daß die Zeitungsnachricht von angeblichen Zetwürfniffen unter den Mitgliedern bei Regentschaftsrats beziehentlich be« Ministeriums, sowie die bamit in Verbinbung gebrachte Vermutung, wonach ein A. W. gezeichneter, von ber „LandeSzeitung" verbreiteter, gegen einen Artikel bet „Notdd. Allg. Ztg." übet die braunschweigische Thronfolgefrage gerichteter Artikel von eine« Mitgliede be« braunschweigischen Ministerium« herühre, in jeber Beziehung völlig nnbegrünbet fei.
Straßburg, 8. Dez. Die (Berliner) „Kreuzzeitung" bemerkt zu dem mehrfach erwähmen Artikel des „Pf. K.": „An dem Artikel ist nut da« eine richtig, baß über da« Verbleiben be« General-Felvmarschall« Freiherrn von Manteuffel in feiner Stellung als kommandierender General deS 15. Armeekorps eine Entscheidung noch nicht erfolgt ist; alle übrigen darin enthaltenen Angaben sind lediglich erfunden. Freiherr von Manteuffel hat überhaupt nicht um seinen Abschied als Statthalter gebeten; er hat auch niemals erklärt, daß er feine Absicht für verfehlt halte unb es für notwenbig erachte, zu einer mehr bureankratischen zurückzukehren ; kurz alle«, was hierüber oben gesagt wirb, ist nicht wahr. Auch ist eS trotz aller Behauptungen des Gegenteils eine Thatsache, baß das Deutschtum in Elsaß- Lothringen immer mehr Boden findet unb Fortschritte macht.
Auriaud.
Loudou, 9. Dez. Eine Depesche von „Reuters Bureau" aus Kairo von heute meldet: Da« heute von bem Gerichtshof erster Instanz in dem Peozesse bet Staat«»
Zwei Marburger Straßennamen, a) Der Pilgrlmstein.
Mit Pilgrimstein bezeichnet man zu Marburg die bei der Hertenmühle beginnende unb bei den Kliniken endende Straße samt den daran gelegenen Häusern. Ein Gelehrter de« 17. Jahrhundert« ist in einer von ihm herausgegebenen unb zu Magdeburg im Jahre 1640 gedruckten Schrift (betitelt: Encopium Marburgi conscriptum a Hieronuno Sieverto) bet Meinung, bet Pilgrlmstein bade seinen Namen erhallen von ben zum Grabe ber heil. Elisabeth wallfahrenden Pilgern, allein bem ist nicht so, er ist viel jüngeren Urspmng« und entstauben zu einer Zeit, da bie Pilgerfahrten zum Grabe jener Helligen längst ihr Enbr erreicht hatten. , , „ , ,
Die alten Bezeichnungen für Pilgtimstelu in städtischen Urkunden und Rechnungen find Bullensten(-stein), Bul- chensteln, Bolchensteln und Bilchensteln, letztere umfaßt den Zeitraum von 1450 bl« 1587. Billlchen- ftein kommt In einerDeutschorden«-Urkundevom3ahtel496 und vylgensteln in der Rede de« Reinhard Lorich von 1536 vor. (cfr. Dr. A. Vilmar, Idiotikon von «urheffen S. 60.).
' In' der Stadttechnung vom Jahre 1587 , gestellt und geschrieben vom ®tabtftreibet Pef n« Deinhardt, kommt neben Bllchensteln zum erstenmal Bilgerlnstetn vor, und von da steht in den solgmden Rechnungen Bilger tu- stein, vllgerlmsteln, öllgeramsteln und seit 1764 Pilgrlmstein. Der Stadtschreibet hatte in be« Landgrafen Ludwig Testator« Sekretär einen Vorgänger gehabt, der in einer im Stadtarchiv vorhandenen Urkunde vom
1. Januar 1583 an Stelle von Bllchenstein Pilger inst ein schreibt. Der Name Bilger in erscheint zuerst in dem Marburger Bütgeifgister vom Jahr 1579; in dem- selben erlauft sich dn Glaser au« Mornzhausen namen« Caspar Bilgerin die Bürgerschaft in Marburg und wohnt am Steinweg.
Jene irrtümliche Erklärung von Pilgrlmstein hat Glauben und Verbreitung bi« in die neueste Zell gefunden.
Da« niederdeutsche Wort Bulge, Bülge ist gleichbedeutend mit Welle; Bulgenstein, Bülqenstein wäre demnach ber Stein, an ben die Wellen anschlagen. Man hat angenommen, die Wellen der Lahn hätten ehemal« an den steilen östlichen Bergesabhang, auf bem Marburg liegt, angeschlagen unb er heiße barum Bulgenstein ober Bnlgensteln. Da aber diese beiden Schreibweisen in Marburger Urkunden gar nicht Vorkommen, und Bylgen- stein, da« außerdem für Bilgenstein siehen würde, erst bem 16 Jahrhundert angehört, so ist e« doch fraglich, ob die sprachliche Deutung von Bulgenstein auf Bulken- stein und Bilchenstein paßt.
Wir mftfien auSgehen von den ältesten urkundlich beglaubigten Formen „Bulken-Bulchen Bilchenstein". Dieses bedeutet ein Ort mit oder an einem Felsen, bet einem Bulko (Bulcho, vilcho) gehörte. Der Personenname Bulko finbet sich z. 8. in bem Namen be« bei A'Sfelv ausgegangenen DorieS „Bulkenbors" *). (Hessische» Urkundenbuch I. Teil
*) ES giebt einen deutschen Personennamen Bilicho, Pilicho, wofür Bulcho oder in der niederdeutschen Form Bulle stehen kann. Damit hängen wohl die heute noch vorkommenden Familiennamen Pulch, Pulg (Kehrein, Naflauisches Stammbuch S. 86) und Pullig zusammen. In Schlesien liegt ein Bolkenhain; bie« heißt nach
Nr. 355 unb 361.) Eine Marburger Familie, bie ben Namen „Bulchenstein" führt, kommt in einer int hiesigen Stadtarchiv aufbewahrten Urkunde vom Iahte 1338 vor. In derselben wird nämlich über einen Ankauf von Gütern selten« eine« hiesigen Scheffen namens Johann Brüning von Heinrich Zweydll in Gunzllndorf (Ginseldorf) berichtet, welche zwischen Ramithausen unb Bernsdorf lagen. Als Zeugen sind in dieser Urkunde aufgeführt 4 Scheffen, ber Stadtschreiber und 4 Bürger, wahrscheinlich Rattmannen, barunter ein Wenzele von Bulchenstein. Diese Familie trägt ihren Namen bähet, well sie sich hier am „Bulkcnstein" nlederließ; denn nach der städtischen Urkunde vom Jahre 1311 (abgedruckt in der Zeitschrift be« Verein« für hessische Geschichte und LanbeSkunbe Nr. F 6. Band S. 107) erscheint „vulkensteln" neben der Neustadt unb Weidenhausen al« ein Teil der Stadt.
b) Der Grün.
Zu den letzten außerhalb der Stadtmauer entstandenen Tellen der Stadt Marburg gehört der unterhalb be« ehemaligen Lahnthor« rechts abgehenbe, am rechten Ufer ber Lahn sich hinziehende unb au« einer doppelten Häuserreihe
O-sterley 1296 Polkenhayn, 1427 Bulkenhayn, 1432 Pulkenhayn, 1492 Polkenhan Hierbei ist an den slavischen Namen Bollo (verdeutscht Polke, Bolle» zu denken, einer Koseform von Boleslaw. ES ist nicht unmöglich, daß in der Zeit, wo der Osten gttmani- siert wurde, auch einzelne Slaven oder im Osten geborene Deutsche, die von einem slavischen Paten einen slavischen Taufnamen erhalten hatten, in hiesige Gegend verschlagen wurden. Am sichersten hält man sich an den deutschen Namen Bilicho (Biliko).
Vorstehende Auseinandersetzung verdanke ich einer gütigen Mitteilung des Herrn Professor« Dr. W. Crecelius in Elberfeld.