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Marburg, Sonntag, 30. November 1884.

HL4 Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: hie Sxpedrttou b. Blattes, (Owie d.Annoncen-Bureaux vonHaasensteii, undVogler jn Frankfurt a M. Ham­burg, Ptagdeburgu. Wien; Mdolf Moffe in Frankfurt a $L, Berlin, München und Mn; ®- L Daube und go. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M-; Hermann» scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendanl in N erlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle. W. ThieneS in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen- (Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirte» SonntagSblatk" durch die Expedition (Koch fche Buchdruckerei) bezogen 2'/. Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf, (excl. Bestellgebühr.) JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Reklamen die Zeile 25 Pfg. Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Bflt* Auch für den Monat Dezember nehmen auf die

Oberhessische Zeitung

nebst deren Beiblätter

Amtlicher Anzeiger

für die Kreise Marburg und Kirchhain und

Illustrierter Eouutagrblatt

aste Postanstalten Bestellungen entgegen, auf dem Lande auch die Postboten.

In Marburg sind Bestellungen bei der Expedition zu machen._______________________________________________

Deutscher Reich.

Berlin, 28. Nov. Der König von Sachsen ist mit­tags hier eingetroffen und wurde vom Kaiser und Kron­prinzen am Bahnhofe empfangen. Außerdem waren am Bahnhofe anwesend der sächsische Gesandte, der Gouverneur und der Kommandant, sowie der Polizeipräsident von Berlin und mehrere sächsische Offiziere. Nach erfolgter Begrüßung ge­leitete der Kaiser den erlauchten Gast vom Bahnhofe in daS Schloß, in welche» der Kronprinz nachfolgte. Um 41/2 Uhr findet bet dem Könige von Sachfen ein kleine» Diner statt, an welchem der Kaiser und der Kronprinz tetlnehmen. KammergerichtSpräsident Meyer ist heute an einem Herzschlage gestorben. Da» .Militär-Wochen- blatt" meldet die Kommandierung de» Major» v. Bernewitz vom braunschweigischen Infanterie Regiment Nr. 92 zur Dienstleistung bet dem Leibgrenadier > Regiment Nr. 28, sowie die Kommandierung mehrerer Offiziere von preu­ßischen Regimentern zur Dienstleistung bet dem braun­schweigischen Infanterie-RegimentIn der heutigen Kom- mifstonssttzung der Congo-Konferenz faßte die Kommission Beschluß über den Teil der ihr gestern zur Beratung über­wiesenen Detailfragen, betreffend den Congo; der andere Teil der Detatlfragen konnte nicht erledigt werden, weil einzelne Vertreter noch Instruktionen erwarten. Lambermont legte seinen Bericht über die von der Kommission zu dem Projekte der Deklaration vorgeschlagenen Abänderungen vor; dieselben wurden sämtlich durchberaten und sestgestellt. Morgen hält die Kommission eine Sitzung. Am Montag findet wahrscheinlich eine Sitzung der Konferenz selbst st tt. Die Fachkommissionen de« Reichstage« haben sich in folgender Weife konstituiert: I Die GeschLttSordmmgS- kommtfston: v. Bernnth, Vorsitzender; Ackermann, Stell­vertreter de» Vor sitzenden; Ey'olvt, Schriftführer; Erbaraf zu Neipperg, Stellvertreter de» Schriftführer»; vr.v.Lenz, Frhr. v. Unruhe - Bomst, Dr. Hänel, Dr. Frhr. Schenk v. Stauffenberg. v. Kehler, Frhr. v. Landeberg-Sleinfurt, Dr. Windthorst, Dr. Grimm, v. Helldorff, Hasenclever. II. Die Kommission für Petitionen: Hoffmann, Vorsitzender;

Reich, Stellvertreter; Dr. Tröndkln, v. Goldfu», Götz von Olenhusen und Dr. Scheffer, Schriftführer; Dr. Haarmann, Dr. Groß, Struckmann, Brömrl, Hinze, Lipke, Halben, Halberstadt, Robbe, Beckmann, Graf, Hesse, Dr. Orterer, Dr. Perger, Utz, Dr. KoScielSki, Baron v. Gustedt, Berg­mann, v. Keffel, Hellwig, Kayfer, Viereck. III. Die Budget- kommifston: Frhr. v. Maltzahn - Gültz. Vorsitzender; Frhr. v. Hnene, Stellvertreter; Kalle, Dr. Witte, Roß und Dr. Frege, Schriftführer; v. Benda, Dr. Hammachcr, Dr. vürklin, Rickert, Haerle, Herme«, Loewe, Pflüger, Dr. v. Bunsen, Bormann, Baron v. Arnöwaldt« Harden­bostel, Graf v. Schoenborn-Wiesentheid, Frhr. v. Gagern, v. Strombeck, v. Grand-Ry, Dr. MoSler, Frhr. von und zu der Franckenstein, v. Wedell - Malchow, v. d. Osten, v. Oertzen, Gamp. IV. Die Kommission für Rechnungen: v. WriSberg, Vorsitzender; Horn, Stellvertreter; Haupt, Schriftführer; Dr. Papelter, Stellvertreter de» Schrift­führer«; Dr. Meyer (Halle), Letocha, Dr. v. Kulmiz.

Au» dem Novemberheft der .Deutschen Revue" sind einige Aussprüche deS Fürsten Bismarck erwähnens­wert. Der Abg. Bamberger war wohl gelitten, so lange er unter der Aegide der Herren Delbrück und Michaelis arbeitete; später wurde bekanntlich sein Name in dem FreundschaftSregtster durchstrichen. Ueber ihn soll der Reichskanzler gelegentlich sich geäußert haben:Bei mir geht eS wie im Evangelium; ich habe Gefäße zu Ehren und zu Unehren und habe mich noch niemals beim Ge­brauch vergriffen, fo ähnlich auch unter Umständen eine Maibowle einer Suppenterrine und ähnlichen Gefäßen sehen mag. Wa» schadet eS, daß die Flasche zerbricht, wenn der Wein anSgetrunken ist." Ueber Engen Richter: Ich verlaffe die Sitzung, sobald Herr Richter daS Wort ergreift, nicht, weil ich mir nicht zutraue, feine Rede zu beantworten, sondern weil der oppositionelle Duft, welcher die ganze Person umgibt, meine Nerven affiziert, und weil er Satisfaktion für eine Grobheit nur durch gesteigerte« Schimpfen zu geben pflegt. Wa« er sagt, ist mir übrigen« Wurst im Superlativ, bekehren werde ich ihn nicht und be­siegen wird er mich nicht, und fo ist e« am besten, wenn wir nn« gegenseitig von weitem bewundern." Virchow wurde fo'gendes Kompliment gewidmet: .Wenn der Mann sich auf Staatsmänner nicht bester versteht, als auf den Staat, dann ist es sehr bedenklich, sich bet ihm in die Kur zu geben." Den Führern und Mitaltedern der Rechten ist es nur schwer verziehen worden, daß sie die Klügern sein wollten. .Entweder", sprach et,erkennen mich die Herren als ihren Führer an, und dann müssen sie mir auch folgen, ober sie fechten auf eigene Hrnd, nnv bann müssen sie mit auch überlassen, wie weit ich mit ihnen gemeinschaftliche Sache mache, und wie weit ich ivre Kreise stören will. Der Bauer, wie wichtig er auch in dem politischen Schach­spiel ist, darf doch nie den Anspruch erheben, al» Thurm ober Läufer zu figurieren."In der Zentrums - Fraktion

pflegte dergroße Staatsmann" zu sagen, .gibt es nicht zwei Seelen, sondern fieben Geister, durch alle Farben de« politischen RegenbogenS von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken, und ich bewundere die Kunst deS Zent« rumSkutscher« (Windthorst), diese widerstrebenden Geister so elegant Im Zügel zu führen." Ueber daS Verhältnis zu Rom lautet ein sehr bezeichnende« Diktum:Wenn ich auch früher etwa« lange geschlafen habe, fo bin ich immer noch früh genug aufgestanden, um mich nicht darüber täuschen zu lasten, daß man in Rom die kirchlichen Dinge A deux mains behandelt. Man behandelt die Frage nach der welt­lichen Herrschaft de« Papste« und nach den Propaganda- Gütern mindestens mit detfelben Wichtigkeit und dem­selben Nachdruck wie die, welche von der Seelsorge und den Sakramenten und von dem Seelenheil der Kitchenange- hörigen handeln, und verlangt dann in naiver Weise von den Regierungen, die obwaltenden Konflikte, die sich wesent­lich auf die weltliche Stellung der römischen Kirche beziehen, gewtstermaßen al« die Grundrechte de« Reiche« Gotte« be­handelt zu sehen, und zwar verlangt man die« nicht blo« von den katholischen, sondern merkwürdiger Weise fast noch sehr viel mehr von den evangelischen Regierungen." Wie der Leiter unserer Diplomatie e« ansteht, wenn seine Unter­gebenen seine Kreise zu stören versuchen, ergibt sich au« einer Aeußerung, welche au« einer Zeit des Konflikts mit dem Botschafter v. Arnim stammt.Ich würde meinen Bruder und meinen Sohn wegjagen, wenn diese flch er­dreisteten, auf eigene Hand Politik zu machen. Was haben wir in Frankreich mit den Bourbons oder OrlsanS zu schaffen, oder wa« geht eS uns an, wie da« Prätendenten- tum des Prinzen Luln verläuft? Sind wir immer noch so einfältig, nach der Weise deS König« Ren« den fran­zösischen Troubadour zu spielen? Die französische Natto» hat die Bourbons, die Orleans und die Bonapartes ver­trieben, und für uns ist eS Wurst, ob Mac Mahon ober Gambetta einstweilen da» große Wort führt. Nach meinem Rezept aber auch nur nach diesem werden wir hoffentlich dahin gelangen, Frankreich für eine absehbare Zeit, wenn auch nicht zu unsen m Liebhaber, fo doch zu unserem verständigen Freunde zu machen."

Darmstadt, 28. Nov. Die zweite Kammer hat sich vertagt; voraussichtlich tritt dieselbe um Mitte Januar wieder zusammen.

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Pest, 28. Nov. Da« Abgeordnetenhaus genehmigte da» gerichtliche Vorgehen gegen den Abg. Verhovay in der Angelegenheit deS UnterschleifeS deS CzangogeldeS.

Pari«, 28. Nov. Tie Kammer nahm mit 379 gegen 35 Trimmen den ersten Teil bet Carnotschen TageSorbnung an, welcher besagt, ble Kammer beharre bei ihrem Be^ schluffe, ble Bestimmungen des Vertrag« von Tientsin zur Ausführung bringen zu lasten. Die Kammer hat auch den zweiten Teil der Carnotschen TageSorbnung, welche be-

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28 DerWegznmHerze«.

Novelle von Beruh. Frei.

Sie hatte ihm dann Im Walde erzählt, daß er, ben sie so sehr geliebt, ihr bamal» gegenübergestanben und sie an­gesehen hätte! Nun, da« wiederholte sich heute! Da, nicht weit vom Klavier, stand der gefährlich schöne Mann, den Blick unverwandt auf sie gerichtet, und er, ihr Gatte, mußte daS mit ansehen, und stumm und thatenlo» dabeistehen, durfte nicht jenen ersten bei Seite schieben und ihm sagen:Ich verbiete Dir, sie cnzusehen, Du hast kein Recht dazu!"--

Der loSbrechende Beifallssturm, al» da« stück zu Ende war, schreckte Albrecht auf; et ging hastig quer durch den Saal un- bot feinet Frau den Arm, ehe noch der General e« vermochte. , _ _

Wieder zitterte sie nicht und war nicht blaffet, al» Jault, nur ihre Augen waren eigentümlich groß und glänzend. Als er sich zu ihr nteberbeugte und sie flüsternd fragte, ob ihr wohl fei, f-h sie ihm ruhig In« Gesicht und sagte freundlich:

.Ich danke Dir, sehr wohl!'--_ .

Wie alles in der Welt, fo nahm auch dieses Fest sein Ende, Albrecht tanzte schon seit Jahren nicht mehr, er konnte eS aber seiner jungen Frau, die von Herren um­ringt war, nicht verbieten. Er verlor sie nicht aus den Augen und den Grafen, der nur selten tanzte, ebensowenig. Die beiden tarnen nicht mit einander in Berührung, bas stellte er fest. Er konnte e8 aber unmöglich hören, wie Herrlingen während einer Quadrilletour plötzlich dicht an ihrem Ohr flüsterte:Sind Hie glücklich, Elsa?" und wie jte mit einem stolz-verwunverten Blick ebenso leis« zurückgab:

.Welch' ein Recht haben Sie zu dieser Frage? Und wa« geht mein Gluck Sie an?"

Tief aufatmenb, wie ein Mensch, der eine schwere Ar­beit hinter sich hat, ging Albrecht Meinhardt die Teppich­belegten Treppenstufen herab und wartete im Vestibül auf seine Frau. Sie tarn, in einen Pelzmantel gehüllt, da» feine Gesichtchen ans einem weißen, flockigen Gewebe auf- tauchknd, anmutig und li,blich, wie immer, nur mit dem­selben rätselhaften Ausdruck in den Augen, den er sich nicht zu deuten verstand, es war kein Schmerz, kein Triumph, kein befriedigter Stolz, aber noch niemals bi» heute hatte er tiefen Blick bei ihr gesehen!

Sie legten die lange Fahrt stumm zurück. Er wußte freilich, daß er sie etwas fragen mußte, mußte, obgleich er ihrer Antwort gewiß zu fein glaubte. Sie würde ihm zürnen, .gewiß aber au« ihrem eigenen Munbe mußte er hören, ob---

Er faßte währen) des Fahrens ihre Hand und hielt sie fest in feinen beben, sie gehörte ja ihm, ihm allein, hatte stch ihm hingegeben für da« ganze Leben! Die kleine Rechte lag still in der feinen, und der unstät vorüberzuckende Laternenschein zeigte ihm zuweilen flüchtig die» Gesicht mit den seltsamen Augen.

Sie waren zu Hause; Elsa» Mädchen hatte auf sie gewartet, sie trug die brennende Lampe in daS Wohnzimmer und wollte stch daran machen, ihrer Dame die Blumen abzustecken, eine Bewegung Albrecht« hinderte sie daran.

.Sie können schlafen gehen", sagte er,die gnädige grau betarf Ihrer Hilfe nicht weiter. Nehmen Sie die Mäntel mit. Gute Nacht!"

Elsa wandte stch, al« da« Mädchen gegangen war,

etwa« verwundert nach ihrem Gatten um, aber sie lhat keine Frage. Er betrachtete sie stumm, wie sie in ihrer schönen, kostbaren Toilette mitten im Zimmer stand, wie reizend sie war!Ich würde mich, wenn sie frei wäre, toll In sie verlieben 1" Er glaubte, die Worte plötzlich zu hören.

Warum hast Du das Notturno gespielt, Elsa?" fragte er envlich in so total verändertem Ton, al« er sonst ge­wöhnt war, mit ihr zu sprechen, daß er selbst davor erschrak.

.Du weißt, daß ich Dir redlich alle meine Gedanken sage", antwortete sie gelassen, .und ich würde e« auch heute thun, wenn ich e« könnte. Aber Ich kann in mir selbst nicht zur Klarheit kommen, weshalb ich gerade dies Stück spielen mußte! Etwa« in mir, da« stärker war, al» meine Vernunft, zwang mich dazu. Es war eine Art Trotz, ein wilder Triumph, wie ein Schiffer, der in den sichern Hafen eingelaufen ist, einmal noch die Elemente, die zuvor Ball mit ihm gespielt haben, entfeffelt sehen möchte! Mich hatte eine dämonische Laune erfaßt, die Du Deinerklugen Else", wie Du, ewiger Spötter, mich oft nennst, gewiß nicht zu- getraut hättest l Gesteh' e« nur,--e» kam Dir gesucht

und romanhaft vor uu- ganz unerklärlich!"

Sie hatte sich leicht an ihn gelehnt und sah fragenb zu ihm auf.

.Gesucht und romanhaft nicht--aber eS hat mir

zu benLn gegeben! Eifa eine erste Leidenschaft hat oft eine unwiderstehliche Gewalt, selbst über ein starke« Herz und einen klaren Verstand! Liebst Du den Mann noch?"

Seine Gattin trat einen Schritt zurück, und er sah jetzt, daß fie blaß wurde. (Fortsetzung folgt.)