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Marburg, Donnerstag, 27. November 1884.

XIX. Jahrgang.

jflp- Auch für den Monat Dezember nehmen

Overhessische Zeitung

liebst deren Beiblätter

Amtlicher An?eigrr

für die Kreise Marburg und Kirchhain und

Illustrierte- TouutagSblatt

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In Marburg find Bestellungen bet der Expedition zu wachen.

Dir anarchistische «rbetterversammlung i« Paris.

Die am Sonntag in Parts abgehaltene, von ziemlich nnsten Ruhestörungen und Konflikten mit der Polizei be­gleitete Arbeiterversammlung trug ein so wlld revolutionäre» Gepräge, daß wir einige Einzelheiten au» derselben, die wir einem Bericht der »Köln. Ztg." entnehmen, mttteilen möchten. Au« diesem Bericht wird auch rrstchtlich, daß e» nur der Umsicht und Energie des mit der Aufsicht be­tauten Polizeiinspektor«, der im entscheidenden Augenblick Kavallerie requirierte und anreiten ließ, zu danken ist, wenn es nicht schon bei diesem Anlaß zu einer offenen Emeute, wenn auch vielleicht nur in kleinem Maßstab, kam. Auch so aber spürt man bei dieser Versammlung und dm auf ihr gehaltenen Reden etwas wie den drohenden Flügel- schlag der .Sturmvögel der Revolution'.

Die betreffende Versammlung unbeschäftigter Arbeiter war von 15 Arbeitersyndikatskammern und «rbeitergruppen und zwar nach dem Saal Levis (Batignolles) einberufen worden. Der Aufruf schloß: .Wir wollen nicht verhungern, während die Speicher mit Getreide überfüllt sind. Wir wollen nicht in Lumpen frieren, wenn die Läden mit Klei­dungsstücken angefüllt sind. Arbeiter! Gehen wir alle zur Versammlung der unbeschäftigten Arbeiter, um ein wirk­sames Mittel für unsere schreckliche Lage zu suchen." — Die Polizei hatte umfangreiche Vorsichtsmaßregeln getroffen. 800 Polizisten besetzten am Morgen die verschieoenen Polizei­wachen im 8., 9. und 17. Arrondiffement. Ferner wuroen die Truppen der Kaserne Pepiniöre für den ganzen Tag konsigniert, und ein Bataillon und eine Schwadron repu­blikanischer Garde (Pariser Stadtsoldaten) erhielten Befehl, sich bereit zu halten, um sofort auszurücken. In dem Etfen- bahnhofe S -int - Lazare hielten sich 400 Polizeidiener für fcen Fall bereit, daß die Arveiter nach dem Elys«- ziehen würden. Die Versammlung war auf IV2 Uhr angeiagt. Um 12 Uhr hatte sich die Polizei ungefähr 400 Mann stark und unter dem Oberbefehl des DrvisionS - Inspektors Honorat und dem Osfizter de Paix Florentin eingesunden. Um i»/4 Uhr war der Saal bereit« überfüllt; ungefähr

4000 Personen, Anarchisten und Kollektivisten, waren an­wesend. Zuerst wurden 30 Centimes Eintrittsgeld erhoben; später ließ man jeden ein, der wollte. Der Vorstand wurde nun gewählt: vier Anarchisten und ein Kollektivist. Bei der Wahl kam es zu Schlägereien. Der Vorsitzende, Schreiner Raudet, eröffnete die Sitzung mit den Worten: „Heute dürfen keine platonischen Beschlüße mehr gefaßt werden, sondern kräftige Beschlüße, um zu beweisen, daß die Arbeiter stark an Kraft und Zahl find." Der Sekretär liest dann Adreßen aus verschiedenen Städten Frankreichs, aus Genf, Spanien u. s. w. vor, sowie Adreßen von Sol­daten der Garnisonen von Vincennes und Paris. Die letztem, welche mit ungeheurem Beifall ausgenommen wurden, lauten: „Kameraden! Wir sind mit euch! Eure Lage ist schrecklich. Nur thatkräfttge Beschlüße können Euch den Wohlstand geben. Wir sind mit euch, denn wir verhungern. Wir bekümmern uns nicht mehr um das Vaterland; wie ihr, wollen wir Brot; wir sind bereit, euch zu helfen, und der Tag ist nahe, wo wir mit euch auf der Straße sein werden. Die Freiheit oder den Tod. Wir fordern auf andere Weise, als durch da« Wort. Unsere Mütter und Schwestern starben den Hungertod. Die rote Hose hat ge­sehen, wozu da« Bajonett dient. Wir sind mit euch, um die Kugeln, welche unsere Herren un« gegeben, in ihr Herz zu schießen. Tod allen Epauletten." Hierauf sprachen 17 Redner, und zwar fast alle da« nämliche. Alle ver­langten, daß man die Kapitalisten, die Bourgeois, die Rothschilds und ihre „BanquisteS" Ferry, Clsmenceau rc. dem Tode weihe. Die soziale Revolution könne allein Ab­hilfe bringen und den gerechten Forderungen der Arbeiter dienen. Alle Redner wollen, daß man nichts mehr von dem Parlament verlange, da« au« Spitzbuben, Schurken und Schund zusammengesetzt sei. Von dem Parlament sei nichts zu erhoffen. Ein junger Bursche von 16 Jahren bestieg nun die Tribüne, um die Versammlung auszufordern, daß sie nicht ohne die Waffe in der Hand den Saal verlaße. Ein anderer Arbeiter will Versöhnung predigen, wird aber unter furchtbarem Geheul vor die Thür gesetzt. Der nächste Redner verlangt, daß man auf die Straße hinabsteige, denn die Re­gierung sei eine Bande von Elenden, die nichts thun werde. „Das Volk muß sich erheben mit den Waffen in der Hand. So werden wir siegen oder sterben." Andere Redner ver­langen nun, daß man die Läden plündere und sich mit allem Notwendigen versehe. Ein anti-anarchistischer Arbeiter spricht gegen diese tollen Pläne, wirb aber aus dem Saal entfernt. Furchtbarer Tumult. Man hört die Rufe: „Nieder mit Ferry l An die Laterne mit Clemevceau" u. s. w. Der Lärm wirb fo furchtbar, daß der Vorfttzende Miene macht, die Versammlung aufzuheben. Aber ein Arbeiter, ein Schuster springt auf die Tribüne und verlangt, daß man einen kräftigen Beschluß säße. Eine Stimme rüst dazwischen: „Wir haben Petroleum nötig!" Der Lärm legt sich nun etwas und die Versammlung nimmt dann

folgenden Beschluß an: „In Erwägung, daß das Kapital in wucherischen Hänen ist, welche den Genuß der Erzeug- niße der Arbeiter haben; In Erwägung, daß das persön­liche Eigentum ein Hindernis für die Forderungen der Arbeiter ist, erklären die im Saal Levi« am 23. Novbr. versammelten revolutionär-sozialistischen Arbeiter, daß man nichts von der Regierung selbst verlangen darf und die Arbeiterpartei sich in einem gegebenen Augenblick mit den Waffen in der Hand ihr Recht verschaffen muß." Hiermit wurde die Sitzung ausgehoben. Während der Versammlung hatte die Polizei weitere Vorsichtsmaßregeln ergriffen. Alle Läden und Wirtshäuser in der Umgebung de« Saal Levi« mußten geschloßen werden. Die Zahl der Polizeidiener wurde vermehrt und eine Schwadron republikanischer Garden in der Nähe de« Saale« aufgestellt. Zugleich befahl Hano- rat, daß man den Ausgang, welcher durch da« Kaffeehaus de« Saale« führt, schließe, so daß alle durch die Haupt- chür den Saal verlaßen mußten. Diese Maßnahmen gaben schon zu einigen Widersetzlichkeiten Anlaß und 5 Personen wurden festgenommen. Es war 4Vi Uhr, al« die Arbeiter den Saal zu räumen begannen. Sie sangen die Mar­seillaise und die Carmagnvle. In dieser Zeit rückten ge­rade 300 weitere Polizeidiener an. E« kam zu Beschim- pfungeu derselben. Sechs neue Verhaftungen wurden vor- genommen. Der Lärm wurde immer schlimmer. Man schrie und schimpfte gegen die Polizeidiener, deren mehrere mißhandelt wurden. Dafür wurden einige Verhaftungen vorgenommen. Gegen 5 Uhr verließ der Vorstand der Versammlung und die Redner den Saal. Der Haupt­redner, ein gewißer Tierror, Setzer in einer Buchdruckerei und bekannter Anarchist, der seine Frau am Arm hatte, rief, al« er die Verhaftungen bemerkte, einigen Arbeitern zu, indem er aus die Polizisten deutete: „Haut diese Schurken doch nieder". Die Polizeidiener fielen sofort über ihn her und nahmen ihn fest. Die Menge heulte, worauf 5 neue Verhaftungen vorgenommen wurden. Die äußerst erregte Menge wollte nun eine Versammlung auf offener Straße abhalten. Ein junger Mann bestieg einen Wagen, um zu reden. Honorat, der einsah, daß er mit der Polizei allein nicht« mehr auSrichten könne, ließ nun seine Schwadron Retterei vorrücken. Bei ihrem Anblick stob die Menge aus­einander und flüchtete nach dem Boulevard de Courcelle«, der Jiue de Rome und den übrigen nicht abgesperrten Straßen. Die Reiterei durchschritt die Straßen und trieb alles fort, wa« sich noch in denselben aushielt. Die Straßen deS Viertel« boten einen düsteren Anblick. Da« GaS war noch nicht angezündet, alle Läden waren ge­schloßen und man hätte glauben können, e« sei in Paris ein blutiger Aufstau» ausgebrochen. Gegen 6 Uhr war alles ruhig. Die Reiter zogen ab; nur die Umgebung de» Saales war noch polizeilich besetzt. Die Zahl der Verhafteten be­trägt im ganzen 40. Dieselben sind beschuldigt, die Polizei be­schimpft und ihr Widerstand geleistet zu haben.

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Prolog

zum Weber - Concert in Marburg am 24. November 1884.

Das ist ein Segen unsrer großen Zeit Trotz allem Lärm politischer Parteien, Die oft genug in würdelosem Streit Sich ohne Nutzen für das Reich entzweien, Daß dre bedeutende Persönlichkeit, Daß daS Genie, wenn auch die Thoren schreien, Verständnis, Beifall und Begeistrung findet. Ein Denkmal selost, auf Lieb' und Treu' gegründet.

Sind unsre Helden, deren Geist und Schwert Uns gtos gemacht, nicht unsre stolze Freude? »lieb je em großer Forscher ungeehrt, Ein großer Dichter ohne Ruhmgeschmeide? Und icne Meister, die die Well gelehrt. Daß deutsche Tonkunst nicht Rivalen leibe, Wir lieben sie in unsrer Zeit vor allen Und lassen ihre Werke laut erschallen.

Von Richard Wagner bis hinauf zu Bach, Welch eine Füistenschar im Reich der Töne! Bald wehmutsvoll de» Lebens Ungemach Beklagend und den Schmerz der Erden^öhne, Bald hell aussubelnd, wie der Lerche Schlag, Die Freude presiend und das ewig Schöne, Ist ihrer s,telt sang allüberall Der Menschheit Seele reinster Widerhall.

Und den wir heute feiern, welchen Glanz Verströmen unvergänglich seine Weisen; Wir winden ihm ausis neu' den Lorbeerkranz, Ihm, der sich selber glücklich durste preisen! Der «Ürners Kraftgesang ,um Schwertertanz Noch immer weckt m deutschen Sängerkreisen Und der im Freischütz, in der Euryanthe In eine neue Bahn die Oper wandte-

Er stünde nimmer an der Elbe Strand, Wo ihm erblüht das reichste Künstlerleben, Ein Bild von Erz, dem Rietschels iReisterhand Den liebevollsten Ausdruck mitgegeben; Wir würden nimmer ihm im Heimatland Ein zweites Denkmal zu errichten streben, Hätt' er nicht selbst ein Denkmal sich errichtet, Das in uns lebend keine Zeit vernichtet '

R. Lucae.

25 Der Weg r«m Herze«.

Novelle von Beruh. Frei.

„Ich merke schon," fuhr Elsa fort, ,e« gilt In Berlin, mindesten« In den Journakistenkreisen, nicht für guten Ton, ein Herz zu haben, und wer ein« hat, ist klug und vor- stchtig genug, t« nicht zu zeigen, denn auslachen mag sich Niemand gern laßen! Bei den Herren, Deinen Kollegen, habe ich, wie Du wißen wirst, die gleiche Erfahrung ge­macht: überall der Geist, der stet« verneint!"

Albrecht wiegte etwas mißbilligend daS Haupt.

„Ich meine, Du urteilst etwas vorschnell, — Du bist im Ganzen ein' guter Beobachter, allein in acht Wochen läßt sich das, sollte ich denken, doch nicht durchsetzen! ES find sehr gute, gemütvolle Menschen unter den Journalisten und Ihren Frauen."

„Ich bestreite daS garnicht, — aber daß sie e« nicht zeigen wollen, ist Thatfache 1 ES ist augenblicklich herrschende Mode in Berlin, sein Gefühlsleben beiseit zu schieben und einen spöttischen, überlegenen, kritischen Ton anzufchlagen, der wohl erheitert, amüsiert, meinethalben auch den Verstand, schärst und fördert, aber nimmermehr da» Gemüt erwärmt Vi lletcht geht auch 6a« vorüber, ebenso die Hüte ä la Kate Greenoway und die farbigen Handschuhe, mau muß

eS abwarten, und ich werde mich hüten, heute schon mein letzte« Wort darüber zu sprechen, — vorschnelle Urteile find mir selbst zuwider!"

„Mir soll es schon recht sein", erklärte Albrecht mit seinem ironischen Lächeln, „wenn Du mit Deinem ganzen Vorrat en HerzenSwärme und Gemütsinnigkett auf mich und den Jungen angewiesen bleibst, e« ist durchaus nicht nötig, daß andere Leute so viel davon profitieren l"

„Vorrat an HirzenSwärmrl Wa« Du für Ausdrücke zur Verfügung hast, Albrecht"--

„Tie Sache will'« l" erwiderte er pathetisch. „Und so ein kleiner Zorn steht Dir allerliebst!"

Die zuckenden Flammen im Kamine jagten abwechselnd Licht und Schatten über da« feine, kluge Gesichtchen der jungen Frau, ihre kleine Hand hing nachlässig über den Rand des Schaukelstnhls herab, er nahm sie in die seine und drehte spielend den breiten Trauring daran hin und her.

„Du kannst Dich übrigen« aus dm Journalistenkreisen retten", begann er nach einer Pause „und in total andere flüchten, — der hohe Adel thut sich Dir auf, — Dir — und mit!" Er seufzte ein wenig. „Suche Deine schönste Toilette und alle«, was Du an Geist und Grazie aufbieten kannst — und eS ist nicht wenig, wie ich anS eigener glück­licher Erfahrung weiß! — hervor, denn hmte in acht Tagen giebt die Baronin Zerntet ein Bankett, zu welchem auch wir Leute aus kleinbürgerlichen Sphären der Ehre teilhaftig werden sollen: Du entsinnst Dich, der Baron ist ein entfernter Vetter meiner verstorbenen Frau, und ich machte in den ersten Wochen unsere« Hiersein« mit Dir dort einen Besuch!"

„Jawohl, metagteuubl Uebrigen« «arm e« angenehme