Einzelbild herunterladen
 

XIX. Jahrgang

JTTarfiurg, Mittwoch, 26. November 1884.

ftt. »78

OberhrMk 3ritim§

34

Der Weg zum Herze«. Novelle von Beruh. Frei.

welchem die Minister, die Bevollmächtigten der fremden Staaten und hervorragende Mitglieder der Kaufmannfchaft Einladungen erhalten sollen. — Der neue Präsident de» ReichStag», Herr von Wedell-PieSdorf, ist Reg.« Präsident in Magdeburg. Er ist am 20. Mai 1837 ge­boren und fett 1879 Mitglied des Abgeordnetenhauses. Dem Reichstage hat er noch nie angehört. — Steuer« Projekte werden der Regierung in dieser Session aus dem Reichstage heraus entgegentreten. ES wird dies be­züglich der Erhöhung verschiedener Zölle, namentlich des Getreidezolles der Fall sein. Außerdem steht es fest, daß die konservative Fraktion alSbalv einen Börsensteuergesetz­entwurf auf Grundlage der im letzten Reichstage von der Kommission zu der betreffenden GeschäftSsteuervorlage des Bundesrats gefaßten Beschlüffe (die bekanntlich im Plenum nicht mehr zur Debatte kamen) tm Reichstage einzubringen gedenkt. Bezüglich einer Veränderung der jetzigen Börsen­steuer werden wahrscheinlich auch von anderen Seiten Vor­schläge und Anträge an den Reichstag herantreten. — Die Freikonservativen, im Reichstag „Deutsche Reichspartei" genannt, haben den Beschluß gefaßt, diesen ihren bisherigen Namen abzuändern und sich einfach „Reichspattti" in Zu­kunft zu nennen. — Durch die gestern im Seniorenkonvent erfolgte Verteilung der Kommisstonöplätze unter die Reichs­tagsfraktionen ist jetzt auch der Weg zur Einsetzung der Kommissionen geebnet. Die Sozialdemokraten werden nach dem Verhältnis ihrer Zahl an allen Kommissionen betei­ligt, scheinen qber vorerst nur auf die Mitwirkung in der Petition«- und WahlprüfungS-Kommisston Wert zu legen. Nach dem Gebrauch des HauseS steht es ihnen frei, ihren Anteil an andere Fraktionen zu übertragen. In einer Kommission von 7 Mitgliedern fällt ihre Vertretung aus, während sie in den Kommissionen von 14 und 21 Mit­gliedern regelmäßig mit einem, in den Kommissionen von 28 Mitgliedern mit 2 Mitgliedern beteiligt sind. Die konservative und ReichSpartet erhalten in den gewöhnlichen Fällen in der Kommission von 14, 21 und 28 Mit­gliedern (als Siebenerkommisston besteht nur die Rechnungs- Kommission) zusammen je 4, 6 und 8 Mitglieder, daS Zentrum ebenso (nach einem gewissen Turnus verstärkt sich diese Zahl auf 9), während die Deutschfreisinnigen ab­wechselnd 5 bis 6 Mitglieder in einer Achtundzwa ziger- Kommtsston erhalten. Es ist dabei zu bemerken, daß die kleine Anzahl der VolkSpartet von den Deutschfreistnnigen mttvertreten wird, ebenso die 2 btS 3 Liberalen, welche zur Zett noch wild sind. Für die nationalliberale Fraktion hat sich insofern nichts geändert, als ihr stets ein Siebentel der KommifstonSmitglieder zufällt, sie somit je nach der KommtsstonSzahl 1, 2, 3, 4 stellt. Für den Fall der Ver­hinderung des Freiherrn v. Franckenstein ist Graf Kleist- Schmevzin zum Vorsitzenden deS Seniorenkonvents be­stimmt worden. — In heutiger KommifsionSsitzung der Kongokonferenz legte der holländische technische Delegierte

Elsa Meinhardt sah lächelnd an der eleganten stahl­blauen AtlaSrobe nieder, die ihre ebenmäßige Gestalt so vortetlhast zeigte. Wollte sie der Wahrheit die Ehre geben, so müßte sie sich gestehen, daß eS ihr unbequem gewesen w ir, für die wenigen letzten Stunden de» TageS nochmals die Toilette zu wechseln

Die Hand ihres StiefsöhnchenS fastend, führte sie ihn durch die schönen, großen behaglichen Zimmer, vte mit ge­diegener Vornehmheit auSgestattet waren, nach einem kleinen Stübchen, in dem sem Abendesten bereit stand. Diebeioen hielten ein sehr heiteres Mahl, — sie vertrugen sich vor treiflich mit einander; Elsa hatte daS kluge, gut geartete Kind ganz in ihr Herz g-s rlost-n, all' ihr fröhlicher Jugend­mut, ihre ganze ausgelassene Schelmerei wachte in ihr auf, wenn sie mit Paul spielte und scherzte, — das Helle Lachen und Jauchzen der Beioen drang oft bi» in Albrechts Ar­beitszimmer und machte ihm das Herz leicht und froh, — der Knabe liebte die Mama, die er zuweilen in überströ- mender Zärtlichkeit etwas despektierlich „Elsa* nannte, schwärmerisch und vertraute seinem Vater an, sie sei „kein Vergleich" mit Tante Klmentinr, obgleich er die ja auch sehr gern möge. Jetzt ließ er sich von der Mama zu B-tt bringen, wo^ei er, wie jeden Abens, den herorischen Ent­schluß faßte, wach zu bleiben, bis Papa käme, während ihm schon beim Nach gebet die Augen halb zufielen. —

Draupen kam ein rascher Schritt oie Treppe herauf, der Schlüssel drehte sich in d r Thür. In dem gemütlich erhellten und durchwärmten Korridor legte Doktor Mein­hardt seinen Pelz ab und wischte sich den Reis vom Bart.

bleiben selbstverständlich nach wie vor bestehen, doch wird zunächst die Grundlage weiter ouszubauen und zu befestigen sein, damit die Schwierigkeiten jenes Planes leichter über­wunden werden können. Neben den Versicherungsgesetzen soll aber eine Besserung der sozialen Verbältniste auch durch Förderung und Unterstützung ter Selbsthilfe vermittel» der gemeinnützigen Einrichtung von Postsparkasten angebahnt werden. Diejenigen, welche der Staatshilfe immer die Selbst­hilfe entgegenstcllcn und vorziehen, werden hieraus entnehmen, daß die Sozialreform der Regierung nicht in einseitiger Weise staatliche Zwangseinrichtungen schaffen will, sondern ebenso darauf hinauSgeht, der Selbsthilfe Spielraum zu gewähren und ihr Erleichterungen zu schaffen: nur Staats­und Selbsthilfe zusammen, aber jede nur da, wo sie an­gebracht ist, können zu dem erstrebten Ziele führen.

Von den unerledigt gebliebenen Entwürfen der vorigen Session wird vor allem die Dampfersubventionsvorlage den Reichstag wieder beschäftigen. Dieselbe bildet ein wesent­liches Glied und Mittel der von Deutschland eingeschlagenen Kolonialpolitik, welche von der ganzen Nation mit un­geteiltem Beifall begrüßt worden ist. Der neue Reichstag wird sich nicht wie der frühere des Fehlers schuldig machen dürfen, einer großen nationalen Sache durch kleinliche Partei­taktik Hindernisse zu bereiten. Die äußeren Umstände, unter denen sein Zusammentritt erfolgt, weisen ihn darauf hin, daß Deutschlands nationale Ausgaben eine wesentliche Er­weiterung erfuhren haben, und daß die Volksvertretung dieser Thaisache Rechnung tragen muß. Vor wenigen Tagen ist in Berlin die westaf iranische Konferenz zusammengetreten, auf welcher Deutschland zum erstenmal als Kolonialmacht den Vorsitz führt. Wir denken, der Reichstag wird hierin einen beachtenswerten Fingerzeig erblicken, der ihm keinen Zweifel mehr über die der Kolonialpolitik gegenüber ein­zuschlagende Richtung läßt. ES wirs sich gerade hierbei beurteilen lasten, was von dem Reichstage in seiner neuen Zusammensetzung für die Verfolgung praktischer nationaler Politik zu erwarten ist. Hoffen wir, daß er in diesem Punkte allen berechtigten Erwartungen der Nation entspricht.

Die Arme in einander verschränkt, ihr Köpfchen dicht an seiner Schulter, gingen sie langsam in da» schöne Speise­zimmer, wo ein Helle» Feuer im Ramin prasselte.

„Nun, weißt Du", Elsa lehnte sich in ihren Schaukel­stuhl und setzte die Füße auf da» niedrige Gitter, „e» war ein echt Berliner Damenkaffee, — spezifisch berlinisch muß ich sagen! Die Bremerinnen sind ganz andere Damen — interessanter wohl nicht, aber doch ein Ton wärmer I Heute waren fast alle Damen von der Presse versammelt, — Du kennst sie ja! — fabelhafte Eleganz, viel Takt und Geschmack, kein zudringliche» Anstarren einer so neuen Er­scheinung, wie ich eS bin, auch nicht einmal eine heimliche, verstohlene Musterung! Kein verletzender, gehässiger Ton, auch kein christliche» Erbarmen, daS den lieben Nächsten an Ruf und Namen, mit mildester Stimme nackt auspiün« dert, nichts von Neuigkeitskram, „haben Sie schon gehört?" ober „wissen Sie schon?" — und doch--und doch!!

All diese feinen, gescheuten Damen lasten mich kalt, selbst die, welche ich schon des öftern sah, die meinen Intimen Umgangskreis bilden sollen! DieS beständige kühle Witzeln, diese Konversation, die sich so mtt geflissentlicher Vorliebe an reale Dinge hält, — es ist förmlich eine Sucht, nur ja niemals ein warme», herzliches Wort, eine ehrliche Be­wunderung, einen schwunghaften Enthusiasmus auskommen zu lasten! Ich glaube, man würde mich wie ein Wesen au« einer andern Welt angestaunt und meine für eine Bremerin unglaubliche Kleinstädterei innerlich belächelt h iben, wenn ich eine impulsive Bemerkung, ein gemütvolles Wort statt kluger glatter Phrasen in die Unterhaltung hin- geworfen hätte. «Fortsetzung folgt.)

Deutsches Reich.

Berit«, 24. Nov. DaS NeichStagSpräsidimn wurde heute nachmittag um l1/* Uhr vom Kronprinzen, und gegen 4 Uhr vom Kaiser empfangen, vom Kaiser darauf auch zur Tafel gezogen. An ret Tafel nahmen auch die Fürsten von Hohenlohe-Ingelfingen und von SulkowSki mit mehreren anderen Fürstlichkeiten, der württembergische Minister v. Mittnacht, der österreichische Botschafter In Petersburg, Gras Wolkenstein, sowie die Rektoren der hiesigen Universität und der technischen Hochschule teil. — Da« Aeltestenk- lleglum der hiesigen Kaufmannschaft beab­sichtigt, den Mitgliedern der Kongokonferenz namens der Kaufmannschaft in den Räumen deS BörsengebäudeS ein größeres Fest bezw. ein größeres Diner anzubieten, zu

Seine erste Frau war ihm stets bis hierher entgegenge­kommen; wenn er, wie eben jetzt, vor dem Spiegel stans, dann war ihr blondes Köpfchen in der geöffneten Thür er­schienen, und ein strahlendes Lächeln sagte ihm, wie glück­lich sie sei, daß er wieder da war. —-

Er dachte an diesem Abend nicht daran, eS lag über­haupt nicht in seiner Natur, beständig Vergleiche anzustellen. Er freute sich, Elfe gewonnen zu haben, ihr Anblick, ihre Stimme, ihre ganze Art, sich zu geben, that ihm wohl, und für fein mutterlofeS Kind hätte er nicht bester sorgen können. Wie er jetzt durch feine Wohnung schritt und Elsa an dem kleinen Bett sitzen sah, nickte er wohlgesällig, und sein Gruß klang heiter.

„Schläft er schon?"

Er hob ihre Hand zu seinen Lippen empor und küßte dann ihr seidenweiche« Haar.

„So halb und halb, — Du weißt ja!"

„So? Aber Mamachen, — ich wache doch noch! Und der Papa — und die Sterne — die Jungen« lernen da auch — und die Mama ist heute so hübsch — die Kapsel wo unsere Bilder drin sind"--

Hier brach daS schläfrige Sümmchen ab, unh Paul schlief fest.

Die Gatten sahen einauser lächelnd an.

„3a, wirklich, Elsa, der Junge hat Recht, — da» ist ein reizende« Kleid, — und wie vortrefflich e« Dir zu Gesicht steht! Tritt einmal zurück--so! Ja, Kind, ich

muß Dir sagen, Du hast beute Deinen beau Jour, aber mit dem Defceggerichen Studienkopf wird eS nächitens vor­bei fein, — Du stehst soviel jünger nud blühender au»!"

„Uns das rechnest Du Dir natürlich al« Verdienst an!" ^Versteht sich, — westen wäre e» sonst? Aber nun komm' erzähle, wie «ar Dein Dammkaff«?"

««eigen nimmt entgegen: bie Expedition d. Blattes, sowie d.Annonceu-Bureaux vonHaasensteinundVoqler in Frankfurt a M. Ham­burg, Magdeburg u. Wien; Aiudolf Mosse in Frankfurt aM, Berlin, München und Köln; G- L Daube und Co. tn Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Pari«.

WM- Auch für den Monat Dezember nehmen auf die

Oberhesfische Zeitung

nebst deren Beiblätter

Amtlicher Aiyeiger

1 für die Kreise Marburg und Kirchhain und

Illustriertes TonutagSblatt

alle Postanstalten Bestellungen entgegen, auf dem Lande auch die Postboten.

In Marburg find Bestellungen bei der Expedition zu machen.____________

Die Aufgabe« des Reichstags.

Nach den langen und aufregenden Wahlkämpfen und Streitigkeiten Über Parteiprinzipien wird eS daS Land al« eine Wohlthat empfinden, daß jetzt wieder die praktische gesetzgeberische ThätiKit ihren Anfang nimmt. Ueber Ziel und Richtung derselben kann ein Zw ifel nicht obwalten: wir wisten es, und darauf hin haben stch auch die Wahlen gerichtet, daß fich die Aufgaben deS Reichstag« auf dem Boden der Sozial , Steuer, Wirtfchafts- und Kolonial­politik bewegen werden. In diesen Punkten übernimmt also der neue Reichstag die Erbschaft des alten, die Thätigkeit deS neugewählten Reichstag» kann hierin nur eine Fort­setzung der Thätigkeit des vorigen bilden.

Freilich aber wird man nicht erwarten dürfen, daß in der bevorstehenden Session alle hierbei in Frage kommen­den Ziele auf einmal in Angriff genommen werden. Bor allem wird der Reichstag zunächst einen großen Teil feiner Zeit und Kraft der Feststellung de» ReichShauShaltSctatS, dem hiermit tn Verbindung stehenden Anleihegefetz, sowie Überhaupt den Fiuanzsragen widmen. Der Rückgang In den Zöllen und Verbrauchssteuern, so wenig bedeutend oder gar Besorgnis erregend er ist, hat diesmal in Verbindung mit der Thatsache, daß aus dem letzten Etatsjahr kein Ueber- schuß vorhanden und zur Deckung der Ausgaben zu ver­wenden ist, sowie mit dem wachsenden Bedürfnis einiger Zweige der Verwaltung, welche Mehrausgaben erfordern, zu der Notwendigkeit geführt, In dem Etatsvoranschlag auf eine Erhöhung bet Matrikularbeiträge Be acht zu nehmen. Hierdurch ist die Frage, auf «eiche Weife die ReichSbedürf- niffe am besten und leichtesten zu befriedigen sind, von neuem tn den Vordergrnnv gerückt worden. Eine gründ liche Prüfung und Erörterung derselben wird tm Jntereffe aller sein.

Neben den Etats tagen wird aber auch die Fortsetzung der Sozialreform eine wesentliche Aufgabe deS Reichstag« bilden. Hier wird eS stcv zunächst um die Aus ehnung und Ergänzung des UnfallverstcherungSgefetzeS handeln. Weiter gehende Ziele, wie die bet Alters- und Invalidenversicherung,

Erfcheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JLustrtrtes Sonntagsblatt" durch die Expedition (Koch sche Buchdruckerei) bezogen 2'/. Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - JnfertionSgebühr für die gespaltene Zerle 10 Psg.

Reklamen die Zeile 25 Pfg. Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Psg. berechnet.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d- Blatte«, sowie d-Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in grantfurt a. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co- in Halle. W. Thienes in Elberfeld.