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Marburg, Dienstag, 25. November 1884.

xix. Jahrgang.

83

DerWegzumHerze«.

Novelle von Beruh. Frei.

„Ja, ich weiß eS, und es giebt wir sickere Bürgschaft für unsere g>meinsame Zukunft I Sehen Sie, Elsa, un- beiden ist zu teil gewsr en, was nur wenigen Menschen beschieoen ist: wir haben einander gründlich keni.en lernen tonnen, wir wissen, was wir üdernehmen, wenn wir unfern Lebensweg fortan zusammen gehen! Sie sagten mir, Sie könnten Ihrem Herzen nie wieder trauen, weil eine erste große Leidenschaft es iraurig in die Irre geführt hat. Wenn jetzt aufs neue eine solche in Ihnen wach geworden wäre, könnten Sie mit Recht mißtrauisch sein, — so aber —. ich bitte Sie inständig darum, — trauen Sie meinem Herzen, legen Sie Ihre Zukunft zuversichtlich in meine Hände — an mit soll e« sein, dies Vertrauen nie zu täuschen 1"

Ter tiefe, ernste Klang seiner Stimme, der klare, feste Blick seiner Augen wirkte beruhigend auf sie

„Wer weiß, ob Sie sich aus freier Wahl für mich ent­schieden hätten", sie sah mit einem schwachen Lächeln zu ihm auf, „so wie die Sachen ständen, handelten Sie korrekt und ehrenhaft, — eS ist aber doch so, als hätten Sie zu mir gesagt: eS geht nicht anders, amica, wir muffen unS heiraten!"

„Und es ist recht gut so", fiel er lebhaft ein, «denn wer weiß, wann und ob wir sonst geheiratet hätten, — und doch, glauben Sie e« mir, ist für uns beide eine Heirat das allerbeste!"

«Meinen Sie, lieber Freund?"

«Ja, ich meine entschieden! Wollen Sie sich nicht aber daran zu gewöhnen suchen, mich Albrecht zu nennen ? Mit d«r Zeit «erden Sie sogar «Du" zu mir sagen »äffen I*

sicht standen zwei kluge blaue Augen, und fle blickten ge­rade jetzt nachdenklich zu bin Sternen auf, die am nacht- dunkiln Himmel funldten.

„Schaust Du nach Papa aus, Paul?" fragte eine weiche Frauenstimme hinter ihm, und ein Arm legte sich leite um seine Shutter. „Der kommt noch lange nicht heim!"

„Mamachen", sagte das Kind, ohne sich umzuwenden, „müssen die Jungens von den Sternmenschen auch lesen lernen?"

„Was für Menschen meinst Du?"

„Die oben auf den Sternen wohnen! Tante Klementine sagt, jeder Stern ist bewohnt, da find auch solche Städte drauf, wie Berlin, und da sind auch solche Jungens drin, wie ich!"

Die junge Frau lächelte etwas verlegen, — Tante Klementinen- Phantasieberichte dem Knaben gegenüber gin­gen oft bedenklich ins Große, und doch wollte sie die Auto­rität der bisherigen treuen Pflegerin ungern erschüttern.

«Laß' jetzt die Sterne, und komm', Dein Abendbrot» wartet."

Der Kleine wände stch bereitwillig zu ihr.

„Wie schön Du heute angezogen bist, Mamachen!" Sein Händchen griff nach einem Medaillon mit Brillanten, das an feiner Goldkette auf ihre Brust herabhing. „Du hast gewiß am hübschesten von Allen auf dem Damenkaffee auSgesehen l Nicht wahr, in der Kapsel ist PapaS Bild und auch meines ?"

«Ja, mein Herzchen l"

«Unb Du bist in dem pr chtvvllen Kleid geblieben, damit der Papa sich über Dich freuen soll, wenn er nach Hause kommt?" (Fortsetzung folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin, 22. Nov. Zu dem heutigen Galadiner bei dem Kaiser zu Ehren der Bevollmächtigten und Delegierten zur Kongo-Konferenz waren gegen 80 Einladungen er­gangen. Vor dem Diner ließ sich der Kaiser die Konferenz- Teilnehmer durch den betrefftnben Botschafter oder Ge­sandten vorstellen. Bei der Tafel saß der Kaiser zwischen dem Kronprinzen und dem Prinzen Wilhelm, woran sich auf beiden Seiten der Köntgl. Prinzen, die Generalität, die Minister und obersten Hofchargen anschlossen. Dem Kaiser gegenüber saß Fürst BiSmarck, rechts von demselben der italienische, französische und englische Botschafter; links von BiSmarck der österreichische und türkische Botschafter. Daran reihten sich aus beiden Seiten die übrigen Konferenz­mitglieder. Ein Toast wurde nicht auSgebracht. Nach der Tafel hiel der Kaiser längeren Cercle. — In der heutigen KommisstonSsitzung der Kongo-Konferenz wurden keine rott

■«.eigen nimmt entgegen: hie Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux »onHaasenstein undVogler i« Frankfurt a M.. Ham- hurg, Magdeburg u. Wien; »udolf Masse in Frankfurt aM, Berlin, München und Mn; G. L Daube und Lo- tn Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

verwaltung-rechte entstandenen und nicht zu leugnenden VermögenSbenachteUigungen zu geben haben.

Haben wir etwa- an der bisherigen Kirchen-Vermögens­verwaltung zu tadeln gehabt, so ist es die übertriebene Be­vormundung durch die Konsistorien. Denn abgesehen da­von, daß dieselben schon im vorigen Jahrhundert den her­kömmlichen zweiten «Kastenvorsteher" aus der Gemeinde beseitigt hatten, war eS dahin gekommen, daß sich die Konsistorien statt der ihnen gesetzlich zukommenden Ver- mögenSvberaufstcht geradezu die Vermögensverwaltung an­gemaßt und letztere den Kirchenvorständen entzogen hatten, z. B. daS Ausleihen der Kirchengelder, die Deponierung der Wertpapiere, die Anweisung der Rechnungen, Jn- strnierung von Prozessen und Abschluß von Vergleichen rc., und den Kaffenvorständen nichts als eine Anweisung der Kom­munionrechnungen und einer BauauSgabe von 10 Mk. übrig- geblieben war. Jndeffen ist eS anzuerkennen, daß das dermaltge Konsistorium aus der Kleinigkeitskrämerei heraus in die ihm gebührenden Schranken zurückgetreten ist und ein weit coulantereS Verfahren im Rechnungswesen eingehalten hat. Darum Ehre der Treue und Sorgfalt der bisherigen Kirchenvermögensverwaltung.

Wenn nun auch die Meinung besteht, als feien ge­wählte VertretungS-Organe geeigneter und das Kirchen­vermögen in ihren Händen gesicherter, so ist dieses eine unbewiesene und der Wirklichkeit nicht entsprechende Illusion, welche sich Theoretiker und Männer vom grünen Tisch zu machen pflegen, welche von der Kirchenvermögensadmini- stralion und den in den Gemeinden und ihren Organen hin und wieder bewegenden Ursachen und Konnexionen wenig Kenntnis haben. Vor dieser Illusion und Ueber- schätzung der zu schaffenden Organe möchten wir daher im Jntereffe deS KirchenvermögenS der Gemeinden unsererseits hiermit warnen und gleich, wie Metropolitan Dr. Hoch- huth, auf die Notwendigleit der Garantieen Hinweisen.

Auch für den Monat Dezember nehmen auf die

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In Marburg sind Bestellungen bei der Expedition zu wachem__

•t Die hessische Kirchenvermögeusverwaltuug.

Infolge der im G ing befindlichen Synode ist die Kirchen- vermögenSverwaltnng in erhöhtem Grade in die Aufmerk­samkeit gekommen, denn diese soll es vornemlich sein, auf welche die neue Ktrchenverfaffung Bezug hat, und an welcher den zu schaffenden Kirchenvorständen und Gemeindevertre­tungen eine Teilnahme gewährt werden soll. Die Zukunft wird lehren, ob die neue Verfaffung und diese Beteiligung, wenn sie eine Wahrheit und nicht ein bloßer Schein oder Name sein soll, wirklich eine beffere, als die bisherige Ver­waltung schafft. ES hat schon lange zu den Grundsätzen de« Liberalismus, welcher die Gescheidtheit in WirtschaftS- unb G lbfragen bis zu den großen Krach« der Gründerära In Pacht zu haben meinte, gehört, daß nur durch gewählte Vertretungen eine sichere und genügende KirchenvermözenS- verwaltung geführt werden könne, und die bisherigen Kasten- vorstände, gegen die man auch wohl gar Verdächtigungen auSgestreut, dazu unfähig seien, weil nicht jedermann Ein blick in die Kastenverwaltung habe. Jndeffen sind solche Verdächtigungen durchaus unbegründet. Keine Kaffenver- wallung ist treuer geführt und mehr beaufsichtigt gewesen, als die Kirchenvermögensverwaltung ter Pfarrer und Kasten- meister, welche von den Konsistorien geleitet und von den Superintendenten und Metropolitanen beaufsichtigt worden ist. Jetzt, wo diese Verwaltung zu Grabe getragen werben soll, stehen wir nicht an, ihrer Treue unb Sorgfalt einen Grabstein ehrenden Andenkens zu setzen. Insbesondere ver­dienen die Verdienste, welche sich der berzettige UniversttätS- renbant Rechnungsrat Dörffler in seiner früheren Eigen­schaft als hiesiger Konststortalprobator um bie Erhaltung und Besserung deS KirchenvermögenS in Oberheffen erworben hat, rühmlichst und dankbarlichst anerkannt zu werden. Manche Kirchen, welche früher nicht einmal zur Bestrei- tung der heiligen Kommunion oder fonstigen kirchlichen Utensilien im stände rvaren, weisen jetzt sogar einige Ucber schüfst auf. Wie eS gekommen^ daß in früherer Zeit viele Kirchen in ihrer Vermögenslage f o tief heruntergekommen, durch die KriegSunruhcn, Eibleihen, unregelmäßige Rech

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nnngSabhörnngen rc., ist hier zu erörtern nicht der Ort. Jedenfalls ist e« eine unrichtige Vorstellung, als ob in der rationalistischen Zeit wenigstens daS Kirchenvermögen gut verwaltet worden fei. Selbst hierin hat der Rationalismus nichts geleistet, wie z. B. daS Stift Rotenburg beweist.

Jndeffen ist es um die angebliche Kontrolle deS Rech­nungswesens durch das Publikum ein eigene- Ding. ES ist eine nicht zu bestreitende Thatsache, daß eine Einsicht in die für jedermann offen gelegten bürgerlichen Gemeinde­rechnungen in der Regel ebensowenig genommen zu werden pflegt, wie in die Ktrchenrechnungen, wo deren Offenlegung vor der Abhörung stattfindet unb daß selbst eine Einsicht­nahme in der Regel einen wirklichen RechnungS- und Haushaltsschaden ebensowenig trifft, wie die Ausstellung der von den Kirchenverfassungen der Neuzeit beliebten Etats eine wirkliche Einsicht in die Vermögenslage gewährt, sondern diese Etats ähnlich wie bei den Aktiengesellschaften die Ver­mögenslage zu verschleiern geeignet sind.

Gleicherweise ist eS eine unbestreitbare Thatsache, daß eS um die Vermögenslage unb den Rechnungshaushalt der bürgerlichen Gemeinden durchgehends recht übel steht unb dieselben als Kommunen durchgehends tief verschuldet sind unb keinen Vergleich mit den Vermögenssachen weniger selbständiger unb behördlich mehr bevormundeter Gemeinden in Nassau uns Darmstadt, bezw. im Hinterland an-halten können. Diese sind durchgehend- als Kommune wohl­habender, und die kommunalen Einrichtungen, Brücken, Wege rc. mindestens eben so gut, meistens aber bester im Stande, als die kurhesstschen. Diese Thatsache zeigt, daß die kommunale Selbständigkeit, wie sie an der kurhesstschen Gemeinde-Ordnung von 1834 oft gerühmt worven ist, keineswegs solche Früchte getragen, wie man sie von der Beteiligung und Kontrolle der Gemeindeglieder uns ihrer Vertretungen zu erwarten berechtigt gewesen. Die Er­fahrung hat gelehrt, daß verhältnismäßig immer nur sehr wenige Persönlichkeiten in den Gemeinden zum Rechnungs­wesen geeignet, viele mit dem Rechnungswesen betraute unfähige Personen sogar in ihrem Privatvermögen Schaden genommen oder gar, besonders in Landstädtchen geradezu ruiniert worden sind. Wird es bezüglich der Beteiligung und SelbstätUig- keit in Vermögenssachen der Kirchgemeinden in Zukunft ander- und bester sein und hierfür geeignete Perfonen zu Gebote stehen oder stehen wir an der Klippe, wo daS Kirchenvermögen ebenfalls in den Strudel der Selbstver­waltung geworfen und von demselben wie das bürgerliche Gemeindevermögen verschlungen werden kann? Diese Frage, welche bereits von dem Met opolitan Dr. Hoch Huth in der Synodcsttzung vom 17. d. Mts. berührt und mit einem großen Ausrufungszeichen versehen worden ist, wird stch auch die betmalige Synode vorzulegen unb im Interesse der Kirchgemeinden darauf eint Antwort durch eventuell genügende Garantieen oder Beseitigung der aus der kurhesstschen Gemeinde - Ordnung und ihrem Selbst-

Er schlug vorsätzlich einen leichten Ton an, um ihre immer noch nachklingende Aufregung zu dämpfen.

„Gut denn, — Albrecht!" sagte sie entschlosten.

Sie hatten beide in diesem Auqenilick denselben Ge­danken, — ihr fiel es ein, wir sie ihren früheren Verlobten zum ersten Mal Viktor genannt hatte, — wie st: glühend errötet war und stch abgewcndet hatte. Und er backte daran, wie glücklich eS ihn gemacht hatte, als Paula zum ersten Mal feinen Vornamen nannte: stürmisch hatte er fle an stch gezogen und ihre Augen, ihre Lippen, ihr Haar geküßt. — Elsa war nicht errötet und er empfand keinen inneren Jubelsturm, — er hob ihre Hand zu feinen Lippen empor, und dann, da ihm dies doch zu kühl-achtungSvoll erschien, küßte er sie sanft auf die Stirn.

„Wir werden eine gute Vernunftehe führen, Albrecht!"

Er legte ihren Arm wieder in den feinen und nahm wieder die kleine Linke gefangen.

«Das wollen wir, Elsa;" sagte er froh und zuverstchtlich.

«Kommen Sie! Mutig ins Leben hinein!"--

Es war mitten im Januar, und in Berlin herrschte eine ganz ungewöhnlich scharfe Kälte. Ein sternklarer Frost- Himmel funkelte über der belebten Stadt, und die Reihen der Gaslaterncn längs der langen Straßen erschtcneu wie eine Schnur aufgereihter Goftperlen. Die Potsdamer Straße entlang klingelten bie Pferdebahnwagen, raffelten die Omnibuffe unb Equipagen, flutete der regste Menscheuver- kehr. Am Fenster eines der stattlichsten Häuser kniete ein fünfjähriger Knabe auf einem Stuhl und sah mit großem Anteil auf die Straße herab, — die Wohnung war Hoch­parterre gelegen, und der Kleine hatte einen bequemen Be- vbachtungspvstcn. I« sciuem runden, hübschen Ktnderge«