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srr. 874

Marburg, Sonnabend, 23. November 1884.

XIX. JahlMg.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a M., Ham­burg, Magdeburg u. Men; Rudolf Utoffe in Frankfurt e.St, Berlin, München und Mn; G- 2- Daube und So. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin. Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle, W. ThieneS in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageZlluftrtrte» Sonntagsblatt" durch die Expedition (Ä o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2A Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg.

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Die Eröffnung deS Reichstages.

Berlin, 20. November.

Der Eröffnung ging für die Evangelischen ein Gottes­dienst im Dom, für die Katholischen ein solcher in der St. HedwigSkirche voraus, worauf dieselbe in der feier- lichstcu Weise unter besonders großer Teilnahme deS Publi­kums im Weißen Saale deS königlichen SchlosieS um halb 2 Uhr nachmittags stattfand, da die Hoffnung, daß Se. Majestät der Kaiser und König den Staatsakt Allerhöchst- selbft vollziehen werde, erfreulicherweise in Erfüllung ging.

Ehe der feierliche Akt begann, hatten stch die Bevoll­mächtigten zum Bundesrat im Grünen Salon versammelt. Die Abgeordneten zum Reichstage nahmen im Weißen Saale in dem mittleren, dem Throne gegenüber belegenen Raum, die Staatsminister, die Generale, die Wirklichen Geheimen Räte und die Räte erster Klaffe, sowie die Vor­tragenden Räte der Ministerien ebendaselbst auf der Lust- gartenseitc Aufstellung. Für die Mitglieder des diploma­tischen Korps war auf der nach der Kapelle zu belegenen Tribüne eine Loge bereit gehalten. Die zahlreich erschienenen Mitglieder des Reichstages waren größtenteils in ihren Militär- resp. Zivilunifarmen erschienen.

Sobald im Weißen Saale die Abgeordneten zum Reichs­tage versammelt waren, machte der Büreaudirektor deS Reichstags dem Fürsten Reichskanzler Meldung. Bald darauf erschienen unter Vortritt deS Reichskanzlers Fürsten von Bismarck die Bevollmächtigten zum Bundesrat, neben dem Reichskanzler der bayerische Gesandte und Bun-eS- bevollmächtigte Graf von Lerchenfeld-Köfering, und stellten stch links vom Thron auf. Der Reichskanzler begab stch sodann zu Sr. Majestät dem Kaiser, um Allerhöchstdemselben anzuzeigen, daß Reichstag und Bundesrat versammelt seien.

Se. Majestät erschien bald darauf in Begleitung Sr. kaiserl. und königl. Hoheit des Kronprinzen und Ihrer königlicher. Hoheiten der hier anwesenden Prinzen deS könig­lichen Hauses nebst Allerhöchstem und Höchstem Gefolge und wurde von der Versammlung mit einem dreimaligen begeisterten Hoch empfangen, welches von dem Abg. Grafen v. Moltke (Alterspräsident) ausgebracht wurde. Se. Majestät nahm auf dem Throne Platz, während Se. kaiserl. und königl. Hoheit der Kronprinz auf der mittleren Stufe und Ihre königlichen Hoheiten die Prinzen des königl. Hauses nebst Allerhöchstem und Höchstem Gefolge zur Rechten des Thrones sich oufstellten.

Se. Majestät der Kaiser und König nahm aus der Hand des Reichskanzlers Fürsten Bismarck, der, stch ver­neigend, vor den Thron getreten war, die Thronrede ent­gegen und, das Haupt mit dem Helm bedeckt, verlas Se. Majestät dieselbe mit kraftvoller Stimme wie folgt:

Geehrte Herren!

Ich freue Mich, daß es Mir vergönnt ist, Sie Selbst zu begrüßen, und heiße Sie im Namen der verbündeten Regierungen willkommen.

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81 Der Weg z»m Herze«.

Novelle von Beruh. Frei.

Wir selbst hätten uns rasch genug darein gefundm, statt sehr reicher Leute einfach wohlhabende zu fein, aber nun wurde ich krank, und damit begann eine neue Sorge. Meine Mutter konnte stch nicht entschließen, ihre Vaterstadt mit einem andern Wohnort zu vertauschen, sie schickte mich im vergangenen Herbst nach Nizza, von wo ich elender hetmkam, als ich htngegangen war; es war ein Mißgriff unseres Hausarztes gewesen, das weiche, südliche Klima wirkte zerstörend auf meine Nerven. Der Graf hatte stch zwei Monate nach der Katastrophe mit der Tochter jenes Millionärs verlobt, bei welchem wir einander kennen gelernt hatten. Hier waren ähnliche finanzielle Störungen nicht zu erwarten: der Vater hatte stch seit einiger Zeit ganz vom Geschäft zurückgezogen und verzehrte in Seelen­ruhe seine fürstlichen Revenüen. Dann hatte der Graf den Takt, aus Bremen zu verschwinden, auch seine Ver­mählung ist nicht daselbst vollzogen, wo das glückliche Paar jetzt weilt, ist mir unbekannt. Soweit wäre ja alles sehr schön und wohlgeordnet gewesen, wenn ich mich nur ein klein wenig mehr hätte fasten können. Aber ich konnte mit meinem H-rzen nicht fertig werden, dem ich unaufhör­lich dastelbe vorzuwcrfen hatte: wie so unglaublich hatte ta die Irre gehen können, diesen Kiesel für einen Edelstein zu nehmen und über seinen Verlust sich so ungeberdig an­zustellen i Und da spricht man von der untrüglichen Stimme des Herzens I Das meinige hatte mich belogen, ich kann ihm nie wieder trauen, und dazu «ar ich krank an Leib und Seele, träumte jede Nacht, wenn der Schlaf endlich kam, von ihm, bald so, bald so, und litt ost so grenzen-

ES gereicht Mir zu besonderer Genugthuung, daß die Wünsche, welche Ich in Meiner Botschaft vom 17. Nov. 1881 an dieser Stelle kundgegcben, seitdem auf dem Wege zu ihrer Erfüllung wesentlich Fortschritte gemacht haben; Ich entnehme daraus am Abend Meines Lebens die Zuversicht, daß der stufenweise Ausbau der begonnenen Reform schließ­lich gelingen und für den inneren Frieden im Reiche tie Bürgschaften Herstellen werde, welche nach menschlicher Un­vollkommenheit erreichbar sind.

Unsere nächsten Schritte in dieser Richtung werden in der Ausdehnung der Unfallversicherung auf die Arbeiter der Landwirtschaft und des Transportwesens und in der Erweiterung der Sparkasteneinrichtungen bestehen, wofür die Vorlagen Ihnen zugehen werden.

Der Entwurf des ReichShauShaltSetatS für das nächste Rechnungsjahr wird Ihnen unverweilt vorgelegt werden. Die Fortentwickelung der Einrichtungen des Reichs bedingt naturgemäß ein Anwachsen seiner Ausgaben. Sie werden hierin mit Mir eine Mahnung erkennen, neue Einnahme­quellen für das Reich zu erschließen. Der Versuch, der Rübenzuckersteuer im Wege der Reform höhere Reinerträge' abzugewinnen, wird für jetzt durch die Notlage der beteiligten Industrie und der in Mitleidenschaft stehenden Landwirtschaft erschwert.

Die Herstellung des einheitlichen Zoll- und HandelS- gebieteS im Reich ist durch Verständigung mit der freien Hansestadt Bremen vorbereitet und wird die Bewilligung eines Beitrags hierzu Ihnen zur Beschlußnahme vorgelegt werden.

Im Anschluß an den revidierten Gesetzentwurf wegen Subventionierung unserer Dampfschiffahrt werden Ihnen Mitteilungen über die unter den Schutz deS Reiches ge­stellten überseeischen Ansiedelungen und die darüber gepflo­genen auswärtigen Verhandlungen zugehen. Wenn diese Anfänge kolonialer Bestrebungen nicht alle Erwartungen, die stch daran knüpfen, erfüllen können, so werden sie doch dazu beitragen, durch Entwickelung der Handelsverbindungen, und durch Belebung des Unternehmungsgeistes die Aus­fuhr unserer Erzeugniste dergestalt zu fördern, daß unsere Industrie zu lohnender Beschäftigung ihrer Arbeiter be­fähigt bleibt.

Im Einverständnis mit der französischen Regierung habe Ich Vertreter der meisten seefahrenden Nationen hier­her eingcladen, um über die Mittel zu beraten, durch welche der Handel mit Afrika gefördert und vor Störungen durch internationale Reibungen gesichert werden kann. Die BereitwilliMt der beteiligten Regierungen, Meiner Ein­ladung zu entsprechen, ist ein Beweis der freundschaftlichen Gesinnung und des Vertrauens, von welchem alle Staaten deö Auslandes dem Deutschen Reiche gegenüber erfüllt stad. Diesem Wohlwollen liegt die Anerkennung der That- sache zu Grunde, daß die kriegerischen Erfolge, die Gott uns verliehen hat, uns nicht verleiten, das Glück der Völker

los, daß ich dicht vor dem Selbstmord stand! Meine Zu­kunft war vernichtet, ich durfte nicht spülen, und wenn ich es dennoch that, endete der Versuch mit Weinkrämpfen und Ohnmächten. Das C-moll Notturno von Chopin habe ich am letzten glücklichen Abend meines Lebens gespielt, er saß mir gegenüber und sah mich an, während ich spielte. Nun wissen Sie, weshalb ich damals sagte:Gerade das!" ---Meine LebenSgefchichte bietet eigentlich nicht« neues, es ist eine alte, tausend Mal dagewesene Sache, aber auS Dokior Lichtwerders Munde sollten Sie sie doch nicht hören, lieber habe ich sie Ihnen erzählt, wenn auch etwas umständlicher, und Sie sind ein musterhaft ge­duldiger Zuhörer gewesen!"---

Sie hatte immer lebhafter und rascher gesprochen, zu­letzt so schnell, daß Albrecht kaum zu folgen vermochte; auch war ihm nicht ganz wohl bei dem bittern Humor, der au» ihren Worten klang, bei der anscheinend gleichgül­tigen Behandlung des Ganzen, sie war ein ruhigrS Mädchen, was konnte diese Selbsttyrannei anders sein, als eine künstliche Beherrschung, die alsbald ins direkte Gegenteil umschlagen mußte?

Auch hatte er stch nicht geirrt, sie hatte doch ihre Kräfte überschätzt, als sie zuvor gemeint hatte, sie sei ganz herzestellt. Er sah, wie sie ein paar Mal tief aufatmete, leichenblaß wurde und die Augen schloß, während ihr ganzer Körper leise zu zittern anfing.

Er legte den Arm um sie und zog sie an stch, sie ließ müde ihren Kopf an seine Brust sinken. Er empfand tiefes, herzliches Mitleid mit ihr, aber er wußte, daß sie Tröstungen nicht liebte, abgesehen davon, daß es zweifelhaft «ar, ob sie ihn jetzt überhaupt verstand.

auf anderem Wege als durch Pflege des Frieden» und seiner Wohlthaten zu suchen. Ich freue Mich dieser An­erkennung, und insbesondere darüber, daß die Freundschaft mit den, durch die Tradition der Väter, durch die Ver­wandtschaft der regierenden Häuser und durch die Nachbar­schaft der Länder Mir besonders nahestehenden Monarchen von Oesterreich und Rußland durch Unsere Begegnung in Skierniewice der Art hat besiegelt werden können, daß Ich ihre ungestörte Dauer für lange Zeit gesichert halten darf. Ich danke dem Allmächtigen Gott für diese Gewißheit und für die darin beruhende starke Bürgschaft deS Friedens.

Die Thronrede ward an verschiedenen Stellen und namentlich am Schluffe von lebhaften Zustimmungsrufen begleitet. >

Nach Beendigung der Rede trat der Reichskanzler Fürst von Bismarck vor den Thron und verkündete die Eröffnung des Reichstages mit den Worten:Auf Befehl Sr. Majestät des Kaisers erkläre ich im Namen der ver­bündeten Regierungen den Reichstag für eröffnet." Seine Majestät der Kaiser verließ daraus unter einem erneuten dreimaligen Hoch der Versammlung, ausgebracht von dem königlich baierischen Bevollmächtigten zum Bundesrat, außer­ordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister Grafen v. Lerchenfeld-Köfering, in Begleitung Sr.kaiserl. und königl. Hoheit des Kronprinzen und Ihrer königl. Hoheiten der Prinzen des königl. Hauses, huldvoll nach allen Seiten grüßend, den Weißen Saal.

Das treffliche Aussehen Sr. Majestät de» Kaisers und Königs, sowie die Frische deS Allerhöchsten Vortrag» hatte alle Anwesenden innig beglückt. Die für das weitere Publikum bestimmte Tribüne war, wie stch denken läßt, gefüllter denn je.

Reichstags-Berhandlunge«.

1. Sitzung, Donnerstag, 20. Nov., nachmittags 3 Uhr. Vor ziemlich gut besetzten Bänken eröffnete der Abg. Gras v. Moltke bald nach 3 Uhr die Sitzung auf Grund des 8 1 der Geschäftsordnung, indem er sich als älteste» Mit­glied des Hauses (geb. 26. Oktober 1800) legitimierte. Der Präsident berief zu provisorischen Schriftführern des Hauses die Abgg. Herren Graf von Kleist, Graf von Adelman, Dr. Meyer (Jena) und Hermes und ver­anlaßte darauf den Namensaufruf, um die Beschlußfähig­keit des HauseS zu konstatieren. Der Namensaufruf ergab die Anwesenheit von 269 Mitgliedern. Das HauS ist also beschlußfähig. Während deS Namensaufruf« wurde die bereits erfolgte Verteilung der Wahlakten an die Ab­teilungen angezeigt unv demnächst Mitteilung von dem Eingänge folgender Vorlagen gemacht: 1. eines Nachtrags­etats pro 1884/85; 2. der Entwurf eine» Gesetzes, bett, die Kontrole deö ReichShauLhallS - Etats pro 1884/85; 3, der Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Aufnahme einer Anleihe zu Zwecken der Post- und Telegraphen-, so«

Können Sie nicht weinen, amica ?" fragte er sanft. Das würoe Ihnen wohlthun l"

Sie lächelte matt und versuchte zu sprechen, aber er hinderte sie daran.

Nicht jetzt, eS würde Ihnen noch mehr schaden. Verhalten Sie stch eine Weile ganz ruhig, ich bitte Sie darum l"

Sie that, wie er eS wünschte, aber ruhig wurde ste darum doch nicht. Ihr Herz klopfte in wilden Schlägen, d°S Zittern dauerte fort, und ihre Hand, die er in die seine nahm, war eiskalt und wie leblos.

Im hellsten Sonnenschein lag die Waldwiese vor ihnen, friedlich lächelnd schickte der schöne Sommertag stch an, zur Rüste zu gehen, die goldenen Strahlen fielen schon schräge durch Busch und Baum. Lautlos trat drüben, wo das Gesträuch dichter wuchs, ein Reh auf die Lichtung her­aus und witterte nach den Menschen herüber, die dort saßen. Aber das schöne Edelwild des Schwarzburger FostbestaudeS ist sehr zahm, und so blieb das schlankgebaute Tier regungs­los in der warmen Abendluft stehen und wandte nicht ein­mal den Kopf, als feine Jungen, unter der Obhut eines staatlichen Rehbocks mit stolzgetragenen Geweih, langsam hcrakamen.

Albrecht sah die hübsche Familiengruppe und hätte Elsa gern darauf aufmerksam gemacht, er fühlte aber wohl, daß sie in dem schmerzlichen Aufruhr ihres Innern für alle Außendinge unempfindlich war.

Ich mache mir Vorwürfe l" sagte er nach einer Pause, Niemal« durfte ich eS zulasten, daß Sie sprachen, ich mußte Ihre Natur gut genug kennen, um die Wirkung vorauSzusehen l" Sortsetzuug felgt)