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JRatßurg, Freilag, bl. November 1884.

XIX. Jahrgang.

...»gen nimmt entgegen: die Sipebition d. Blattes, , -je d.Ännoncen-Bureaux .»nSaasenstein undVoqler in Frankfurt a M. Ham- La, Magdeburg u. Wien; SuboH Moste in Frankfurt

, Berlin. München und «ln: ®- L Daube und iio in Frankfurt a. M., Kerlin, Hannover u. Paris.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes,

sowie dÄnnoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Kranlfurt o.!vt.;Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin.

Dresden und Leipzig;

I. Barck u. Co- in Halle, W. Thienes in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJlluftrtrtetz Sonntagsblatt" durch die Expedition (5t o ch'schc Buchdruckerei) bezogen 2*/. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zelle 10 Pfg.

Reklamen die Zeile 25 Pfg. Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pf,. berechnet._____

ras allgemeine, gleiche, geheime unb unmittelbare Slimmrecht.

Die Grundlage der V rfustung des neuen deutschen Reich.« bildet das allgemeine Wahlrecht. Jeder Deutsche |m Besitze der bürgerlichen Rechte, sofern er nicht öffent­liche Armenunterstützung bezieht oder unter Vormundschaft Seht, ist nach vollendetem 25. Lebensjahre wahlberechtigt gnb wählbar. Das Wahlrecht ist gleich, eS ist geheim und unmittelbar (direkt). Zur Wahl eines Abgeordneten ist die volle Stimmenmehrheit für ihn erforderlich; wird diese im ersten Wahlgange nicht erreicht, so ist in einer Stich­wahl zwischen den beiden in der ersten Wahl am meisten begünstigten Kandidaten zu entscheiden.

Die soeben beendeten Wahlen hatten nicht weniger als 98 Stichwahlen erforderlich gemacht, bei welchen dem beim ersten Wahlgang zutage getretenen Stimmenverhältniffe gegenüber geradezu eine Fälschung der eigentlichen Parte« verhältniffe sich ergab, da infolge ganz unnatürlicher Wahl- bündniffe häufig genug solchen Kandidaten da« Mandat zufiel, die im ersten Wahlgange kaum die Hälfte der auf ihren Stichwahlgegner gefallenen Stimmen erhalten hatten. Die Stichwahlen ergänzen und klären daS Wahlergebnis nicht, sie verrücken und verzerren es. Bei den Wahlen am 28. Oktober erhielten nach zuverlässiger Schätzung Stimmen: Zentrum und Welfen 1392 667, Deutschkonservative 884 743, Deutschfrcistnnige 983 293, Nationalliberale 979 430, Reichs- Kartei 331474, Sozialdemokraten 526241, Volkspartei 72915. Nach diesem Stimmenverhältnis hätte unter ge­nauer Berücksichtigung der übrigen hier nicht aufgezählten kleinern Parteien der Anspruch auf M mdate zwischen den genannten Parteien sich also verteilt: Zentrum und Welfen 98, Deutschkonservative 69, Nattonalliberale 69, ReichS- partet 23, Sozialdemokraten 37, VolkSpartet 5. In Wirk­lichkeit aber zählen im neuen Reichstag: Zentrum und Welfen 109, Deutfchkonservative 77, Deutschfretstnntge 66, Nattonalliberale 54, ReichSpartet 27, Sozialdemokraten 24, BolkSpartei 7.

Sind sonach die Stichwahlen vom Parteistandpunkte aus gänzlich ungerecht, so find ste namentlich in erregter Zeit verbitternd und die politische Moral verschlechternd. Was soll man dazu sagen, daß die Katholiken von ihren Einpeitschern zur Wahl eines Bamberger, Sonnemann, LangerhanS getrieben wur en, daß die Deutschfreistnnigen in Hannover lieber einem Welfen als einem National­liberalen zum Mandate verhalfen, daß die Sozialdemokraten den ausgesprochenen Manchestermännern in Lübeck, Bingen, Berlin den Vorzug gaben vor den entschiedensten Anhängern der Sozialresorm?

Diese Wahrnehmungen nun, daß die Stichwahlen in ihrem Ergebnis die Stimmung der Wähler nicht verdeut­lichen, sondern verdunkeln und die politische Moral verderben, hck namentlich diesmal in den Blättern der verschiedensten Parteien Erörterungen darüber hervorgerufen, ob man nicht

die ganze Einrichtung der Stichwahlen beseitigen solle. Wenn wir diese Frage nicht so schnell bejahen, wie eS meist geschehen ist, so leitet uns dabei nicht etwa ein geringeres Maß von Bedenken gegen die Schäden der Stichwahlen, sondern nur eine größere Scheu vor Aenderung an den nun einmal bestehenden Bestimmungen der Verfaffung, an denen man ohne äußerste Not nicht rütteln soll. ES wird und muß die EikenntniS kommen wenigstens braucht man heute noch daran nicht zu verzweifeln daß die unsittlichen Wahlbündniffe, welche namenÜich daS Zentrum und die Deutschfreistnnigen diesmal bei den Stichwahlen schloffen, sehr bald ati der eigenen Partei sich rächen. Und wenn man daS Endergebnis der Stichwahlen betrachtet, wird man finden, daß an der Hauptstimmung des Reichs­tages, die nach der Stellung des Reichskanzlers am sichersten gemessen wird, nicht allzuviel durch die Stichwahlen ver­schoben wurde. Hat das Zentrum mit den Welfen, Demo­kraten und Polen um 15 Stimmen über Gerechtigkeit die klerikale Gegnerschaft verstärkt, so sind Konservative und ReichSpartet zu gunsten der Regierungsfreundschaft um volle 19 Stimmen bedacht worden, wofür die National- liberalen 15 Sitze weniger erhielten. Haben einmal alle Parteien erkannt, daß die Handhabung der Stichwahlen, wie es eben geschehen, schimpflich sei, so darf man erwarten, daß dem Uebel aus den Parteien heraus freiwillig abge­holfen werde.

Geht es aber und darüber werden wir noch etwas mehr Erfahrung abwarten müffen mit dem jetzigen Wahlsystem nicht, fo wird radikaler vortegangen werden müffen. Stellt sich heraus, daß das allgemeine und gleiche, unmittelbare Stimmrecht seinen Zweck, den wahren Willen der Bevölkerung zum Ausdruck zu bringen, nicht erreicht, dann muß Hand an die Wurzel gelegt werden. Die Menschen sind eben nicht gleich, noch folgen ste lieber der Wahrheit als der Verführung; und wenn hier nicht all­mählich Besserung wahrnehmbar wird, so muß Aenderung eintretcn; es muß die Gleichwertigkeit der Stimmen fallen, wenn die Voraussetzung derselben nicht erreicht werden kann. In nähere Erörterungen, wie die Aenderung zu treffen wäre, wollen wir heute nicht eintreten: die Stichwahlen sind daS kleinere Bedenken an unserm Reichs-Wahlsystem; ihretwegen allein würden wir nicht raten, die Axt onzulegen. (K. Z.)

Deutsche- Reich.

Berlin, 19. Nov. Die Kaiserin übersandte dem Vaterländischen Frauenverein in Hanau 600 Mark zur Unterstützung der Hinterbliebenen der bei dem Hanauer Eisenbahnunfall Verunglückten. In der heutigen Sitzung des Bundesrats wurde der Reichshaushaltsetat für 1885/86 auf 621196051 Mk. Ausgabe, nämlich 556314286Mk. fortdauernde und 64881765 Mk. einmalige; sowie auf 621196051 Mk. Emnabme festgesetzt. Die auszunehmende Anethe beträgt 44671996 Mk. In der heutigen

Sitzung der Kongo-Konferenz präsidierte Staatssekretär Hatzfeldt. Seitens Deutschlands wurde der Konferenz ein Projekt vorgelegt, welches die Zwecke der Konferenz noch­mals darlegt und Anträge enthält, welche durch die Kon­ferenz zu Beschlüffen zu erheben sein würden. Dieses Pro­jekt wurde an eine Kommission verwiesen, bestehend aus Deutschland, Frankreich, England, den Vereinigten Staaten, Spanien, Belgien und Portugal. Diese Kommission, wel­cher der französische Botschafter Courcel präsidieren wird, soll erstens die Abgrenzungen der verschiedenen Gebiete am Kongo feststellen, zweitens die Ansprüche der verschiedenen dort konkurrierenden Parteien formulieren. An den Be­ratungen der Kommisston werden die technischen Beiräte teilnehmen, außerdem dieselbe alle Sachverständigen hören, deren Aeußerungen ste für wünschenswert hält. Die Ar­beit der Kommission wird auf 68 Tage geschätzt. Wie man hört, soll Portugal zu einem Ausgleich in dem Sinne die Hand bieten wollen, daß es für die Freiheit des Handels und der Schiffahrt auf dem Kongo ausreichende Bürgschaften leiste. Diese» wird mehrfach dahin verstanden, daß Portugal das Uebergehen der Besitzfragen, welches ja auch dem Konferenzprogramm entspricht, als eine stillschwei­gende Anerkennung seiner Rechte betrachten würde, während nach einer anderen Ansicht diese Frage offen bliebe und vielleicht ebenfalls außerhalb und neben der Konferenz oder infolge derselben zwischen den Kabinetten ihre Lösung finden würde. ES wurde vor einigen Wochen darauf hinge­wiesen, daß der Reichskanzler beabsichtige, in einer Denk­schrift die wichtigsten auf seine Kolonialpolitik bezüglichen Schriftstücke zusammenzustellen und ste dem Reichstage schon bald nach seinem Zusammentritt zugehen zu lassen. Eine Bestätigung dieser Nachricht finden wir heute in einer Mit­teilung eeS Deutschen Tageblatts, wonach sich an die Ein­bringung des Nachtragskredits zur Beschaffung eines Küsten­dampfers für den Gouverneur von Kamerun eine ein­gehendere Behandlung des Reichstags über die Gesamtheit der deutschen Kolonialpolitik anschließen und eine Unter­breitung zuverlässtger Mitteilungen über unsere jüngsten überseeischen Unternehmungen mithin wünschenswert sein würde. DaS Auswärtige Amt werde ohnehin der Kon­ferenz eine Zusammenstellung amtlicher Schriftstücke vor- legen, deren dieselbe bedürfen könnte, um einen klaren Ein­blick in daS Wesen der deutschen Kolonialpolitik in West­afrika zu gewinnen, und würde dann gewiß nichts dagegen haben, diese Sammlung auch dem Reichstage zugänglich zu machen. Im übrigen habe Fürst Bismarck selbst die Er­stattung weiterer Mitteilungen an den Reichstag seinerzeit in Aussicht gestellt. Wie dieNordd. Allgem. Ztg." meldet, ist der Botschaftsrat Bagdavlian nachträglich als technischer Delegierter der Türkei für die Kongvkonferenz ernannt worden. Bei Hose soll am Schluffe dieser Woche ein große« Diner zu Ehren der Konferenz beab­sichtigt sein; eine definitive Bestimmung scheint jedoch nicht

so Der Weg zum Herze«.

Novelle von Beruh. Frei.

Das Erwachen aus meinem Traum kam sehr jäh und Plitziichf Ich denke, ich habe Ihnen nie von dem Zusammen­sturz unsere« Heule« erzählt?"

»Nur vorüvergehens uns andeutungsweise l"

,Er kam ganz unvorbereitet, keine drohenden An­zeichen hatten ihn veiküno-t; soviel ich mich zucückbestnne, ich finde nichts, nichts, waS darauf hingeoeutet häue. Ich verstand nicht« von Geschäften, wußte abe , daß unsere Fama in ganz Bremen für eine der soll eiten und geachlet- sten galt. Meinen armen Vater traf g>r keine Schuld, er hafte nicht einmal über seine Berhältmffe gelebt, trotz ce« Anfw inv«, den wir triebe i, aber oaß sein Kompagnon ein gewiffenlojcr Schurke war, der nur den kichttgen Augenblick a paßte, um mit allen fl ftstgen Geldern auf und oavon zu gehen, da« hatte er freilich nicht gewußt l

Al« er e« erfuhr, ganz rasch und unvermittelt, war e« iu viel für ihn, er blieb besinnungslos auf der Stelle liegen, wo man ihm die Unglücksdoifchaft verkündet hatte, tann lebte oder vielmehr vegetierte er noch ein paar Tage, Und, wie die Aerzte richtig vorausgesagt hatten, starb dar­auf, ohne Besinnung und Sprache wieoererlaligt zu haben:

Mein Verhältnis zu ihm war zwar nie besonder« innig gewesen, doch aber gut und sreuudlich; er ließ mich ge- vihren, war stolz auf meine Erfolge im Spiel, freute sich, Wenn ich in schöner, kostspieliger Toilette vor ihn trat, ich hatte nie ein harte« Wort auS seinem Munde ge­hört, selbst damals nicht, al« ich gegen Ihn Opposition Wachte, |eln jäh r Tob erschütterte mtch sehr, eo.nju

meine Mutter, meinen Bruder I Mein V rlobter halte stch jeden Tag nach dem Verlauf der Krankheit erkundigt, er strnd stumm neben mir vor der Leiche, mit einem seltsamen Gest htSaustruck, den ich mir damals nicht enträtseln konnte. Ich habe nie bist von Trostspenden gehalten, ich fand e« nur in der Ordnung, daß er so still war. lieber Geld­angelegenheiten halten wir nie gesprochen; ich wußte, daß da« bedeutenoe Vermögen meiner Mutter sicher gestellt war, aber e« fiel mir nicht ein, e« ihm mitjutellen, meine Ge­danken war n weitab von Soll und Haben, Ich machte mir Vorwürfe, nicht eine bessere Tochter gewesen zu sein!

E« hätte mir auffallen können, daß er nicht om Be- gräbntß Teil n>hm, aber er schrieb mir, er sei krank, uns ein Zwei'el an seinem Wort wäre mir wie eine Sünde erschienen. Mit geteilten Empfindungen, die halb dem toten Vater, halb dem kranken Verlobten gehörten, wohnte ich der Feier bei, der em paar qualvolle Tage folgten, tch bekam keine Nachricht von ihm, außer wenn ich den Bedienten hinjchickte; eS sei bei demselben, hieß eS jedeSrnal, und ich hielt ihn für zu krank, um mir schreiben zu können und ängstigte mich namenlos, meine Trauer um den Vater fing an, in den Hintergrund zu treten.

Da kam mein Bruder eines Tages auffallend verändert von einem Spaziergang zurück er ist ein frischer, leicht lebiger Mensch, und der Tod deS BaterS, der finanzielle Sturz Hute ihn wohl erschüttert und betrübt, aber nicht nieoergeworfen, er hat eine elastische, glückliche Natur. Ich hatte noch nie auf seinem Gesicht einen AuS ruck ge­sehen, wie an dem Tage, empört, verächtlich, mitleidig, seine Augen flammten, seine Sippen zitterten, kaum fand er iltioite, un« mttjutetlen, waS geschehen war.

Nun, eS ist schon öfter im Leben dagewesen; mein Bruder hatte ein Paar gute Freunde getroffen, die es ihm schonend beigebracht: daß sein Herr Schwager in spe frisch und gesund sei und offen davon spreche, wie feine Verhält­nisse eS ihm nicht gestatteten, ein armes Mädchen zu hei­raten, das überdies anspruchsvoll und verwöhnt sei, und wie er nur nach einer anständigen Form für die Lösung suche. Er wünsche sehr, daß diese seine Auffaffung der Sach­lage zu Fräulein DornbachS Ohren käme, er kenne ste ja als ein verständiges Mävchen, sie werde bann sicher den ersten Schritt thun, ihm jede peinliche Intervention sparen und zugleich sich selbst in den Augen der Welt rehubilieren, eS sei bester, wenn eine derartige Lösung von der Dame auSgehe, ein Mann könne doch mehr vertragen.

Die gewünschte Wohlthat wurde ihm unverzüglich durch mich zu teil, und er nahm sie dankbar an. Mein Bruder forderte ihn, b k m eine Kugel in die Schuller und durch­schoß ihm den linken Arm. Sie können stch denken, daß die Sache gewaltiges Aufsehen machte, man kannte ja die Beteiligten so gut l Wäre ich mehr in der Verfassung be« kühlen Beobachters gewesen, e« hätte mir inter-staut sein wüsten, zu sehen, wie die Spreu stch vom Weizen sonderte, wie all' die Schmarotzer, die an meines Vaters offener Tafel geschwelgt, von un« abfi-len, wie Rast n, die daS sinkende Schiff verlaffen. Es blieben un« immerhin noch viele Getreue, die e« zufrieden waren, da« meine Mutter jetzt nicht mehr in eigener Equipage fuhr und statt ihrer fünf Häuser ein einzige« halte, da« kleinste und schmuckloseste, aber immerhin staatlich und hübsch, eine anmutige Billa inmitten ehe« Garten«.

(Fortsetzung folgt)