Nr. »78
Marburg, Donnerstag, 20 November 18s4.
XIX. Jahrgimg.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedrtion d. Blattes, sowie ».Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a M. Hamburg, Magdeburg u. Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt e.$L, Berlin, München und Mn; G- L Daube und -o tn Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d- Blatte», sowie dAnnoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. 3)1.; Hermann» scheBuchhandluna daselbst > Adolf Steiner i. Hamburg • ♦ Jnvalidcndank in Berlin
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Deutsches Reich.
Berti«, 18. Nov. Die heutige Konferenzsthung fällt aus wegen noch weiterer Vorbereitung deS für die Sitzung erforderlichen Materials. Morgen um 1 Uhr findet eine Konferenzsttzung statt. Die Konferenzbevollmächtigten haben zum Mitttvoch eine Einladung zum Diner beim StaatS- jekretär Grafen Hatzfeldt empfangen. — Die Konservativen haben als Prästvent deS Reichstages nunmehr den Ober- prästdenten von Ostpreußen, Herrn v. Schlickmann, in Aussicht genommen, das Zentrum wird diese Kandidatur voraussichtlich acceptteren. Da die Wahl de« Fretherrn zu Franckenstetn zum ersten Vizepräsidenten gleichfalls gesichert ist, so besteht nur noch hinsichtlich der Person deS zweiten Vizepräsidenten eine Ungewißheit. Den Anspruch der Freisinnigen auf die Besetzung dieser Stelle geben die Mehrheitsparteien nunmehr bereitwillig zu. Auch die „Kreuzzeitung" erklärt, daß die freisinnige Partei im Präsidium vertreten zu sein ein Recht habe. Von den Sozialdemokraten wird noch immer erwartet, daß sie die Geltendmachung des Rechts der Vertretung im Vorstande nicht unterlassen und eine der Schriftführerstellen für sich fordern werden. DaS nicht ganz leichte Geschäft der Verteilung der Plätze im Sitzungssaale an die einzelnen Fraktionen ist nunmehr, dank den klaren und sicheren Dispositionen des verdienten Büreau - Direktors des Reichstages, in der Hauptsache beendet. — Graf Guido Henckel von Donnersmarck ist nach Unterbrechung der Sitzungen des Staatsrats nach Paris abgereist. Wie eS heißt, dürfte in nicht zu langer Zeit seine Ernennung zum deutschen Botschafter bet der französischen Republik erfolgen, da der jetzige Botschafter, Fürst zu Hohenlohc-SchilltngSsürst bei seinem vorgerückten Alter — der Fürst ist bereits mehr als 70Va Jahre alt — und bei seiner nicht mehr ganz festen Körperkonstitution ernstlich damit umgehen soll, demnächst seinen Abschied zu erbitten. — Professor Schweninger, welchem bisher tn der unmittelbarsten Nähe deS Fürsten Bismarck eine Wohnung im Reichskanzlerpalais eingeräumt war, in der er auch die Besuche von Kranken empfing und seine Sprechstunden abhielt, hat jetzt eine eigene Wohnung, Königgrätzerstraße 9, bezogen. Der Herr Prosefior mußte seine bisher von ihm innegehabten Räume »edafien, weil dieselben mit den großen Konferenzsälen zusammenstoßen, welche jetzt zu den Sitzungen benutzt werden, welche die Mitglieder der Congokonferenz abhalten. — DaS Resultat der Prüfung, welche die Einjährig - Freiwilligen der französischen Armee behusS ihrer Beförderung zum Reserve Offizier tn diesem I chre abgelegt haben, ist ein keineswegs erfreuliches. Von 3844 Einjährig- Freiwilligen sind nur 341 als tauglich zu Reserve-Oifizteren erachtet worden, während 554 als für die Beförderung zu Unteroffizieren geeignet bezeichnet worden find. — DaS Hauptsteueramt für ausländische Gegenstände teilte dem Aeltcstenkollegium der Berliner Kau mannschoft mit, daß die Provinzialsteuerdtrektoren ermächtigt seien, etwaigen Ge
suchen auf Gestattung von Privatniederlagen unter steueramtlichem Mitverschluß zur Lagerung inländischen Zuckers mit Anspruch auf Abgabenvergütung zu entsprechen, wenn auch jetzt nur mit der Maßgabe, daß bei Zurücknahme de« Zuckers vom Lager in den freien Verkehr des Zollgebiets der tarifmäßige EtngangSzoll zu entrichten ist.
— Der von den beteiligten BundeSratS - AuSschüsien über Bremens Zollanschluß dem Plenum erstattete Bericht hat folgenden Wortlaut: „Der Finanzminister von Scholz sprach im Hinblick auf Nr. 2 und 4 des Ausschuß- antrageS, dem zufolge in den zollabgeschlosienen Bezirken eine zollamtliche Anschreibung der vom Auslande in dieselben eingeführten Waren nicht stattfindet, die Voraussetzung auS, daß seitens Bremens geeignete Maßnahmen getroffen würden, um für die Richtigkeit der zu erteilenden Ursprungszeugnisse über die Abstammung der auS den bezeichneten Bezirken ausgeführten Waren die nötige Bürgschaft zu gewinnen und daß der Bundesrat über die Zulänglichkeit dieser Maßnahmen zu befinden haben werde. Der Bevollmächtigte Bremens erkannte diese Voraussetzung als zutreffend an. Nachdem darauf beschlossen worden war, für den Fall des ZollanschluffeS Bremens die von den Aus- schüssen für den Vollzug oeS ZollanschluffeS vorgeschlagenen Modalitäten zu genehmigen, stellte der Bevollmächtigte Bremens, unter Bezugnahme auf diesen Beschluß und der Voraussetzung, daß der unter Ziffer 8 deS Ausschußantrages vorgeschlagene Reichsbeitrag reichsgesetzlich genehmigt werde, den im Artikel 34 der RetchSverfaffung vorgesehene Antrag: Bremens Zollanschluß an daS Zollgebiet zu beschließen." Demgemäß entschied der Bundesrat, seinen Beschluß erst nach reichsgesetzlicher Genehmigung deS Reichsbeitrags wirksam werden zu lasten unc die betreffenden Ausschüsse mit der Feststellung der darauf bezüglichen Vorschläge zu beauftragen.
— Im „Hannov. Cour.' finden wir eine von gut unterrichteter Seite stammende Korrespondenz auS Braunschweig, der wir einige Mitteilungen entnehmen: Die Meldung von dem angeblich unmittelbar bevorstehenden Abschluß einer Militärkonventivn erklärt der Verfaster für irrig. „Der Kaiser hat die Zusage erteilt, die militärischen Reservatrechte des Herzogs „provisorisch" selbst auSzuüben; so lange der Kaiser aber namens des braunschweigischen Herzogs, den noch niemand kennt, die KonkingentSherrltch- keit ausübt, fehlt es für ihn als den Vertreter deS Reiches an einem Mitkont ahenten. Der Kaiser könnte ja nur mit sich selbst paktieren. Diese Frage hängt also mit der endlichen Gestaltung der Regierungsfolge mehr oder weniger untrennbar zusammen, und eS ist nicht abzusehen, warum und wie eine Aenderung in militärischer Beziehung ein- treten sollte, ehe der dem Regentschaftsrat gesetzte Jahres- tcemin abgelaufen und damit die neue Regelung der Regentschaft etngetreten sein wird. Jndestcn darf nicht übersetzen werden, daß inzwischen militärische Rücksichten her
vortreten könnten, welche augenblickliche Entscheidungen wünschenswerter erscheinen ließen. Jedenfalls aber wird hier nirgends eine Dislozierung des Braunschweigischen Infanterie-Regiments tn Metz vor Ablauf des dem Regent- schaftSrat vorgesehenen Jahres erwartet, so gern die Rückkehr deS Regiments auch in allen Kreisen gesehen würde." Ferner tritt der Korrespondent einem in Braunschweig verwetteten Gerüchte entgegen, dem zu Folge der Leibkammer- Steuer H. deS verstorbenen Herzogs ein späteres Testament seSselben „forteSkamotiert" habe; das Gerücht behauptet ogar, H. sei schon festgenommen und hochangesehene Per- onen, die in der Umgebung des Herzogs während der etzten Stunden in Sibyllenort gewesen, hätten sich zu Ansagen wider H. erboten. Dieses Gerücht, welches anscheinend nur dem Umstande seine Entstehung verdankt, daß man im Lande nach einer Erklärung für die so schmerzlich empfundene Ntchlberückstchtigung von Stadt und Land tn dem vorhandenen Testament sucht, erklärt eS sür unwahr. „Ein anderes Testament ist nicht vorhanden und nicht vorhanden gewesen. DaS Testament, welches der Herzog ziemlich ein Jahr zurückgelegt hatte, ehe er eS dem Gericht übergeben, gleicht einem vorläufigen Entwürfe, der nur die dem Testator persönlich zumeist am Herzen liegenden Punkte umfaßte, und spätere präzise Verlautbarungen, wie die Aufnahme von Zusatzbestimmungen nicht ausschloß. Zu letzteren ist eS indeffen (aus welchem Grunde, ist nicht zu erraten) nicht gekommen. Nicht undenkbar, daß der Herzog an der Zulaffung des Herzog« von Cumberland auf den Thron keinen Zweifel gehabt hatte. Dann würden ja allerdings eine Reihe von Fragen, die jetzt viel Staub aufwtrbeln, gegenstandslos geworden fetal"
— Se. Majestät der König von Sachsen hat, wie das „Leipziger Tageblatt" berichtet, eine Erklärung nach Braunschweig gelangen laffen, inhaltS deren er das ihm von selten des Herzogs von Braunschweig testamentarisch zugedachte Erbe in aller Form antritt. Der HauSmarschall Graf Vitzthum von Eckstädt begtebt sich in diesen Tagen nach Schloß Sibyllenort, um von dem Allodialbesitz deS Oheims Sr. Majestät Besitz zu ergreifen. — Bezüglich der beiden Kodizille zu dem Testamente'des Herzogs von Braunschweig, welche seit dem Jahre 1882 in OelS deponiert waren, teilt die Oelser Zeitung „Lern. a. d. O." folgende« mit: „Die oft erwähnten Kodizille betreffen bekanntlich ein Legat und die Pensionierung der Beamten. Nach dem ersten Kodizill ist den TestamentSerben die Berpfltchtung auferlegt, dem Prinzen Ludwig Wilhelm von Bayern, dem ältesten Sobne des Herzogs Maximilian in Bayern, ein Legat von 120000 Mark auszuzahlen. In dem zweiten Kodizill bestimmt der Herzog, daß, fall« die auf feinen schlesischen Besitzungen lebenslänglich angestellten Beamten gegen ihren Willen in Ruhestand versetzt werden sollten, die ihnen zustehende Pension dem gesamten Einkommen gleich sein soll, welches sie zur Zeit der Pensionierung beziehen."
io Der Weg z«m Herze«.
Novelle von Beruh. Frei.
Die jungen Damen nannten ihn in übereinstimmendem Enthusiasmus einen wunderschönen Mann, und ich habe Zeit meine» Lebens gegen schöne Männer ein Vorurteil gehabt, denn sie sind meistens blasierte Gecken. Daß er kein solcher war, sah man freilich auf den ersten Blick, er sah aus, als fei er viel zu stolz, um sich auf Gaben etwas einzubilden, die er ohne fein eigenes Verdienst empfangen hafte.
Als er sich mir vorst-llen ließ und fragte, ob ich noch einen Tanz für ihn frei habe, blieb mir buchstäblich das Herz still flehen vor Erregung, und ich antwortete so befangen, daß er mich für ein schüchternes Gänschen gehalten haben muß. Aber bann tanzten wir zusammen und später bat er um die Erlaubnis, sich bet Tisch an meine rechte Seite setzen zu dürfen, denn einen Kavalier hatte ich schon zum Souper. Ich sprach aber fast nur mit ihm, er erzählte in der anschaulichsten, belebtesten Manier, die mir noch je vorgekommen ist; von seinen Reisen, von seinem Ausenthalt in Japan, China, in der Türkei, uuo sein dunkles Gesicht sah genau so au«, wie ich mir daS deS Othello« denke, als er der lauschendes DeSdemona seine Abenteuer berichtete.
In jener Nacht kam ich wie int Fieber nach Hause, — ich zog mein Ballkleid aus und einen Morgenrock an, bann setzte ich mich in mdnem einsamen Ztmmec vor mei- uen geliebten Steinwayschen Flügel und spielte alle« dämonische und leidenschaftliche, wa« mir von Schumannschen, Chopinschen und Beethovenschen Komposttionen in den Sinn
kam, — spielte, bis die Lampe erlosch und die fahle Morgendämmerung des grauen WintertageS über die Dächer sch, .... ich konnte nicht anders. •—
Er kam am andern Tage in unser HauS und machte seinen Besuch, und nach sehr kurzer Zett kam er wieder. Was ich in j neu Tagen inzwischen getrieben habe, ist mir jetzt nicht ganz klar: ich entsinne mich nur, daß ich entweder am Klavier saß und spielte oder wie verzaubert vor mich binftatrte, unempfindlich sür alle», was sich um mich her zutrug. —
Uai es kurz zu machen, — mein Vater ließ mich eines Tag S auf fein Zimmer rufen und eröffnete mir feierlich, Der Gcaf .... — feinen Namen möchte ich nicht auS- sprechen — habe bei ihm um meine Hand gebeten. Die Verhältnisse de« Grafen seien nicht die besten, e« gebe viel oarin zu sichten und zu schlichten, — dagegen sei die Familie sehr vornehm, der Adel einer der ältesten seines Lande«, seine Zukunft als Diplomat vielversprechend,---ob
ich mich entschließen könnte? —
Da« junge Mädchen strich sich mit der flachen Han» über die Stirn uud hatte ein müseS, traurige« Lächeln um die Lippen.
„Wie Sie mich jetzt kennen, «ar ich damals nicht, — ich sagte Ihnen schon: viel wärmer, empfänglicher, liebenswürdiger, — und nun in meinem neuen Glück, mir so groß, so unfaßbar, al« sei eS geiadezu vom Hirnrn l gefallen, haste ich da« Gefühl, als müßte ich es bei allen Menschen, die nicht so glücklich waren, wie ich, durch doppelte Güte uns Liebe gut machen, — mein Herz strömte über vor Da kbarkeit, — wie ich den Mann liebte, mögen Sie daraus ersehen, raß ich keine Minute bedauerte, meinen
geliebten, schwer erkämpften, seit meiner Kindheit erwählten Beruf aufgeben zu müssen, — eine Gräfin .... konnte unmöglich zugleich eine Pianistin fetal
Er selbst war aufmerksam und zärtlich gegen mich, freilich immer in seiner stolzen, etwas herrischen Weise, die ich ganz am Platz fand, — er mußte so fein, e« tarn ihm zu, ich sah mit demütigen Entzücken auf zu ihm und fühlte mich geehrt, wie eine Fürstin, daß er mich und keine Andere an fein Herz genommen hatte. Meine Familie war sehr zufrieden mit der Partie, unter meinen Bekannten hatte ich viele Neider, — meine Freundin Helene war die Einzige, die keine Sympatie für meinen Verlobten hatte, ja, sie zeigte sich ihm gegenüber auffallend kalt uns fremd, und das konnte mich biöwellen sehr verstimmen, da ich gerade diese beiden Menschen so gern eng befreundet gesehen hätte.
Er hatte einen langen Urlaub und blieb während mehrerer Monate in Bremen, — die Hochzeit sollte bald statt- stnden, und wir wollten dann zunächst nach Lonoon gehen. Er sprach wunderschön französisch und englisch, bagegen das Deutsche etwas gebrochen, und der deutsche Unterricht, den er bei mir nahm, hatte auch keine großen Resultate.
Die Zelt verging mir bamal« sehr rasch, Ich lebte hin, wie in einem wonnigen Traum, machte Visiten, fuhr mit meinen Verlobten in Theater und Konzerte und besuchte allerlei Magazine, um Einkäufe zu meiner AuSstattug zu machen. Die Einladung zu unserer Hochzeit gingen herum, mein Brautkleio war bestellt, unser ganzer großer Umgang«- kreis betrieb die eifrigsten Vorbereitungen zu einem glanzvollen Polterabend; auch die Hochzeitsfeierlichkelt sollte im großartigsten Stil vor sich gehen. —
(Fortsetzung folgt.)