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xix. Jahrgang

Marburg, Dienstag, 18. November 1884.

Ät. *71

20 zersplittert

7373

17

Tochter gekommen seien.

(Fortsetzung folgt.)

1830

1397

2505

Nationalliberal

Konservativ Sozial

DerWegzumHerze«.

Novelle von Beruh. Frei.

p. Tas letzte Wort der Nationalliberale« bei de« Stichwahlen.

Keine politische Partei wirb stch mehr über das Heidel­berger Programm der Nationalliberalen gefreut haben, als die konservative; für die Umkehr zu einer besieren Ansicht ist es nie zu spät, und der Fehdehandschuh, den man in Heidelberg und in den großen Agitationsreden der national- liberalen Führer am Rhein und sonst den Deutsch-Frei­sinnigen so osten hinwarf, berechtigte vollends zu der Hoff­nung, daß der Rest der nationalliberalen Partei eine Grütze der Konservativen in den großen Fragen der Zoll- und Sozialreform -werden würde. Es schien eine abgemachte Sache zu sein, daß stch die konservativen- und national­liberalen Parteien dem Fortschritt und selbstverständlich der Sozialdemokratie gegenüber gegenseitig unterstützten, um so mehr, da ja im großen und ganzen die Programme beider Parteien nicht gerade sehr von einander verschieden waren. Die „Kölner Zeitung* adoptierte sogar in beschränktem Maße den Borschlag eines großen liberalen Blattes, daß es zwischen Nationalliberalen und Konservativen auf dem Status quo bleiben sollte, nur sollten einzelne Wahlbezirke, die durch besondere Verhältniffe von den Nationalliberalen an die Konservativen verloren worden wären — es wurde von der „Köln. Ztg." des Wahlbezirkes Wetzlar mit be­sonderem Nachdruck Erwähnung gethan — davon ausge­nommen werden. Das sah alles überaus verlockend und friedlich auS und konservativerscits konnte man schon zu­frieden sein, es lag ja auf der Hand, daß bei Stichwahlen zwischen Nationallibcralen einerseits und Fortschritt und Sozialdemokraten anderseits die Konservativen selbstverständ­lich den Ersteren ihre Stimme geben würden.

Die Wahl fiel wider Erwarten nicht ganz so günstig für die Nattonalliberalen aus, schon dies erregte einige Bitterkeit bei denselben, und nun im Augenblicke der Stich­wahlen sind von selten der sührcnden liberalen Zeitungen Worte gefallen, die man nicht mit Stillschweigen über­gehen darf und deren Konsequenz kein patriotischer Mann verantworten kann. '

In Siegen hat der konservative Kandidat mit Hülfe der Nattonalliberalen gegen den Fortschrittler gesiegt; man konnte es keinem Nattonalliberalen verdenken, wenn er im ersten Wahlgange dem deutsche konservativen Gegner seine Stimme nicht gegeben hat, bei beschräukler Wahl aber pflegt man den politisch am nächsten stehenden Kandivatcn zu nehmen; die Siegener Nationalliberalen haben infolge besten Sticker gewählt.

In Kastel stand der konservative Kandidat Lotz einem Sozialdemokraten, wir machen darauf aufmerksam, daß cS nicht etwa nur ein Fortschrittler, wie in Siegen war, gegenüber. Und nun höre man und glaube cs: In Kastel hat die nationalliberale Morgenzcitung mit großer Em­phase «klärt, daß die nstionallt-eralen Wähler den kon­servativen Kandidaten nicht wählen könnten, und selbst am

„Dann werden Ste ibm ganz unbefangen meinen Namen nennen, und er wird Ihnen mit Wonne „den Roman meines Ledens* erzählen, die ganze alltägliche und doch so pikante Geschichte, die die guten Bremer so lange Zeit in Atem gehalten bat, weil die Hauptakteur« deS kleinen Trauer- o>er Lustspiels, — wie Sie wollen! — zwei gar so bekannte Persönlichkeiten waren! Nein!" sie lachte bitter mv „Ehe ich eS duloe, daß dieser gallige kleine Teufel mit seiner scheinheilige« TrcvherzlgkeitSmaske Ihnen daS erzählt, entstellt, verzerrt, mit seinen eigenen hämischen Randglosten und mitleidsvollen Bemerkungen durchwirkt, — lieber will ich es selbst thun, — hier, — gleich —, auf der Stelle!"

„Sie sollen nicht, wenn Sie nicht freiwillig wollen!' sagte Meinhardt ernst und legte seine Hand wie zurück haltend auf ihren Arm. „Sie wisten, ich habe Sie lieb, ich vertraue Ihnen voll und ganz und halte Sie hoch! Ich werde dem Doktor kein Wort davon sagen, daß ich Sie hier getroffen, und sollte der Zufall ihn auf Ihren Namen zu sprechen bringen, so werde ich dem Gespräch eine andere Wendung zu geben wisten, — mein Wort darauf! Es würde Sie aufregen und schmerzen, die Ver­gangenheit aufzuwühlen und da Sie mir g stattet haben, die Rolle Ihres Freundes und Beraters zu übernehmen'.

Elsa schien den Scherz zu überhören.

„Nin", sagte sie hastig, „ich bin Ihnen Vertrauen und Wahrheit schuldig, ich habe schon mehrmals gewünscht, mit Ihnen davon sprechen zu können, — es war nicht Mißtrauen, w-S mich zurückhielt. Fürchten Sie nicht, baß ich St- mit zu au'füh'lichen Schilderungen ermüden weide, fürchten Sie auch nicht, daß ich mich zu sehr aufrege, —

und, wo es angeht, gewähren wolle, haben wir es für eine richtige Taktik bei den Stichwahlen gehalten, offen zu be­kunden, daß wir den Sozialdemokraten nicht als den durch­aus schlimmsten Feind behandelt wisten wollen. Und viele nationalliberale Stimmen haben sich in gleichem Sinne geäußert. In Frankfurt a. M. haben die Nationalliberalen beschlossen, im Kampfe zwischen dem Demokraten Sonne- wann und dem Sozialisten Sabor nicht für ersteren, sondern gar nicht zu stimmen.---Ja Hannover haben in ähn­

lichem Falle die Nationalliberalcn den Kandidaten der Sozial­demokraten und den Welfen bei der Stichwahl unter sich zu lasten beschlvsten; was zweifellos den dortigen Sozial­demokraten zum Mandat bringen wird. Aehnltche Ab­machungen würden wahrscheinlich auch in andern Kreisen getroffen worden sein, wenn bei der Kürze der Zeit unk nach Lage der Verhältniffe eine Verstän­digung mit den Sozialdemokraten möglich gewesen wäre, wie eS in Köln erfreulicherweise geschehen konnte. Die Kölner Sozialdemokraten haben in einer gestern abend hier stattgehabten Wählerversammlung erklärt, daß sie ihreZtele auf gesetzmäßigem Wege anstreben wollen, Gewalt und Umsturz aber verabscheuen, und von netionalliberaler Sette konnte ihnen erwidert werden, wenn ihre Führer im Reichstage dieselbe Erklärung abgeben wollten, werde die national­liberale Partei, werde jedenfalls in erster Reihe der in Köln zur Stichwahl stehende nationalltberale Kandidat, der ja begeisterter Anhänger der Sozialreform ist, für thunlichst schleunige Beseitigung der Ausnahmegesetze gegen die Sozialdemokratie eintreten.

Der offenherzige Artikel schließt alsdann mit dem Kern­punkt der ganzen Sache, nämlich daß jeder der Kölner Ar­beiter, ob Sozialdemokrat oder nicht, das äußerste aufbieten müsse, um dem nationalliberalen Kandidaten zum Siege zu verhelfen.

Also die nationalliberale „Kölner Zeitung" versteht stch dazu, um die Sozialdemokraten für ihren Kandidaten zu gewinnen, das Sozialistengesetz preiszugeben! Nun wir denken, das ist denn doch noch ein anderes Zu­geständnis als der Kaffeler konservative Kandidat gemacht haben soll, und wir wünschen den Nationalliberalen Glück zu demselben, können unS aber nicht zu der Ueberzeugung bereden, daß die klugen Leute im RedaktionSbüreau der „Kölner Zeitung" wirklich die kindliche Naivetät besitzen, wie sie behaupten, die Sozialdemokraten für keine revolutio­näre Partei zu halten.

Eine Illustration zu diesem Vorgänge ist wohl kaum nötig; diesmal haben die Sozialdemokraten das Richter­amt übernommen, und, sobald sie die Erklärung der Natio­nalliberalen besaßen, mit Hohn erklärt, daß sie nun erst recht nicht für diese stimmen würden!

Wir sind der festen Ueberzeugung, daß kein ehrlicher

ick bin gesünder, wie damals, als ich Ihnen das Chopinsche C-moll Notturno vorspielte!'

Er nahm ihre kleine Hand und streichelte sie sanft, — sie lächelte ihm dankbar zu.

„Daß ich von frühester Kindheit an eine große musika­lische Begabung zeigte, sagte ich Ihnen früher einmal", fing sie mit ruhiger Stimme an. „Als ganz kleines Mäd­chen schon konnte ich regungslos in einer Ecke sitzen, wenn gespielt oder gesungen wurde, und ich konnte die Zeit nicht erwarten, da ich Stunden bekam, obschon ich sonst ein Wildfang war, dem das Stillsttzcn schwer fiel. Meine Eltern, die eitel auf mein Talent waren, ermutigten mich auf alle Weise und gaben mir die besten Lehrer, — ich machte rapide Fortschritte, behielt alles auswendig, besuchte jedes Konzert schon als Kind und spielte selbst in matinees und soirees zu wohlihätigm Zweck. Da meine Mutter sehr besorgt um meine Gesundheit war, ging man methodffch mit mir zu Werke, — ich mußte turnen, Schlittschuh laufen und viel im Freien sein, durfte nicht zu anhaltend üben, und so blieb ich frisch und gesund. Meine schönsten Stunden waren die am Klavier verbrachten, — wenn ich nicht eitel und oberflächlich wurde und im Weltleben aufging, verdanke ich eS einzig der Musik, denn im Hause meines Vaters herrschte ein bunteS, geselliges Treiben, jeder Tag galt für verloren, den man nicht auf Bällen, Gesellschaften und im Theater verbrachte, glänzmde Toiletten und schöne Brillan- t«n spielten die Hauptrolle. Ich galt in diese Kreisen all­gemein für ein Original, man fand meine Leidenschaften für die Musik übertrieben und wunderte sich, wie die leicht­lebigen, liebenswürdigen Dörnbachs zu einer so exaltierten

Schluß des Aufrufs zugegeben, daß durch diese Wablent- Haltung die Wahl deS sozialdemokratischenKan- didaten ermöglicht werden würde. Die „Heff. Morgen- Zeitung" hatte zunächst die Person deS Kandidaten zu verunglimpfen gesucht, nun mochte sie das immerhin thun, auf eine solche Kampfcsweise, die von allen Parteien, mögen sie heißen wie sie wollen, als der Sache nicht würdig be­zeichnet werden wird, konnte sich niemand mit ihr ein­lassen. Und für diese Wahlenthaltung der National­liberalen war nun noch das Bennigsensche Organ, der „Hanvösersche Courier", offen eingetreten, indem derselbe es nicht unterlaffen konnte, den Siegener Nationalliberalen wegen ter Wahl Stöckers den Standpunkt in derber Weise klar zu machen. Das Resultat der Kaffeler Wahl ist bereits bekannt. Der gewählte konservative Kandidat Lotz erhielt in Kastel 3048, Pfannkuch (Soz.) 4079 Stimmen. Bor vierzehn Tagen war das Resultat folgendes:

1634 Stimmen für Fortschritt

Nun, Berlin und Bremen sind nicht tausend von Meilen entfernt zum Glück," scherzte er, „und wenn t» auch leider weiß, daß Sie sobald nicht nach Berlin kommen, da Sie dort zufällig grr keinen Familienanschluß h-ben, so kann es stch desto eher ereignen ß ich einmal nach Bremen herübcrfahre, wo ich manche Geschästsverbtndung habe und jeden Augenblick von den Zeitungen, an denen ich arbeite, als Berichterstatter herübergeschickt werden kann, sobald stch irgend Gelegenheit bietet!"

„Ich wollte Sie schon immer fragen, was daS für Ge­schäftsfreunde sind, die ste in Bremen haben, — vielleicht kenne ich ste." „ , ,

.Schon möglich. Am nächsten steht mir wohl Doktor Lichtwerder, mit dem ich oft brieflich zu verhandeln habe, er kommt auch häufig nach Berlin herüber. Kennen Sie ihn?

„O ja, — ein kleiner, kahler, lebhafter Herr, bisstg und gescheut, — die chronique scandaleuse der ganzen großen Stadt Bremen."

„In der letzten Eigenschaft ist er mir nicht bekannt, da er wußte, daß ich in Bremen bis Dato keine toeele kannte. Jetzt, da ich ihm Ihren Namen nennen kann" —

Er schwieg betroffen, denn Elsa war bleich geworden, >hr Ar m ging hörbar und in ihrem Geficht stand ein herber düsterer Zug.

„WrS haben Sie, amica?" fragte er besorgt.

Sie antwortete ihm nicht.

„Also er kommt ort nach Berlin?" fragte sie plötz ich.

„Wer? Doktor Lichtwerder? Ja, ich spreche ihn häufig, — ich erwarte ihn sogar in nächster Woche."

«n,eigen nimmt entgegen: feie Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureauk »onHaasenst-inundVogl-r in Frankfurt a M.. Ham- »urg, Magdeburg u. Wien; ztudolf Mosse in Frankfurt fl ®t., Berlin, München und Mn; ©• L Daube und Co- in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Es haben stch demnach nur 246 der Stimme enthalten. Um die Erhöhung der Stimmenzahl der Sozialdemokraten zu «klären, muß man annehmen, daß die Fortschrittler geschlossen für den Sozialisten eingetreten find; sie mögen also ihren Lohn dahin haben! Die National- liberalen aber haben sich trotz derAbmackungen ihrer Führer zum allergrößten Teil für den richtigeuWeg entschieden, sie haben ihre Ober­leitung einfach desavouiert und wieinSiegen konservativ gewählt. Und dies Resultat begrüßen wir mit Freude und wir meinen, daß auch die National- liberalen anderwärts diesem Entschluffe der Kaffeler National- liberalen ihre volle Zustimmung nicht versagen können.

Aber ein Vorwurf, den die „Hessische Morgenzeitung" dem konservativen Kandidaten in Kassel gemacht hat, ist doch zu intereffant, als daß man nicht versucht wäre, eine kleine Parallele zu ziehen. Mit Entrüstung erklärt der Kaffeler Moniteur, Lotz habe den Sozialdemokraten Zugeständnisse gemacht (wir wollen gleich diesd schrecklichen Sachen hier erwähnen, eö sind nämlich: Obligatorische Innungen, Normal- arbeilstag, Einstellung der Sonntagsarbeit, Einschränkung der ZuchthauSarb-it!). Zu d« nämlichen Zeit, als diese Nummer der „Morgenzeitung" geschrieben wurde, spielte stch in Köln eine Stichwahl zwischen Zentrum und National- liberale und zwar ein herrliches Pendant dazu zwischen Nationalliberalen und Sozialdemokraten ab. Dort hatten die Sozialdemokraten die Entscheidung in den Händen, und um ste zu gewinnen, erklärte die nationallibcrale „Kölner Zeitung" wörtlich: Um aber den Sozialdemokraten zu zeigen, daß man ihre Forderungen nicht abwetsen, sondern prüfen

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie dAnnoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; ♦ Jnvalidendank in Berlin;

Dresden und Leipzig;

I. Barck u. Co. in Halle, W. ThieneS in Elberfeld

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wächentlichen Beilage „Jllustrtrtrs SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2'/. Mark, durch di- Postämter des Deutschen Reiche« 2 Mark 50 Pf« (excl. Bestellgebühr.) - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf«.

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gegen

3048 Konservative

4079 Soziale

7127