HX. Jahrgang
JUotBurg, Freitag, 14. November 1884.
Kr. «68
GcheMk jcitmio
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Der Weg z«m Herzen.
Novelle von Beruh. Frei-
Eine lange Pause trat ein, die Elsa endlich mit den Worten unterbrach:
„Wollen Sie mir Ihren SonnenMlrm geben, Doktor, er ist größer, als der meinige, uud die Sonne brennt hier sehr 1"
Herr Albert Säusel beeilte sich, mit einem anzüglichen »wünsche viel Genuß zu Ihren Studien!' zu verschwinden.
„Wir beide müssen unsere Freundschaft zu einander durch täglichen Kampf beweisen, meinen Sie nicht?" fragte Albrecht lächelnd.
„Jo, die Menschen beneiden mich um Sie und Sie um mich! Mögen fiel Apres nous le delugel Sie legte ihren Arm in den seinen und ging leichten Schrittes mit ihm dem Walde zu.
Die letzten vierzehn Tage de» Beisammenseins waren pfeilschnell vergangen. Immer dringender wurden Frau Dorndach'S Briefe, immer gebieterischer riefen Meinhardt'S Pflichten ihn nach Berlin, und mit schwerem Herzen bereiteten sie sich aus Abschied und Abreise vor. —
„Die Opposition" oder „das feindliche Heerlager", wie Albrrcht H rrn Säusel und die Königschen Damen scherz« haft nannte, hielt treu zusammen und machte gemeinsam Front gegen daS unpassende Freundschaftsbündnis. Der Fabrtkherr war nunmehr fest entschlossen, Fräulein Dornbach nicht zu seinem ehelichen Gemahl zu erheben, sie h Ute sich in seinen Augen gar zu sehr mit „dem Menschen" kompromittiert l — aber er behielt einen mächtigen Stachel gegen ste im Busen uud hätte für sei« Leben g«m eine
sozialpolitischen Ueberlieferungcn der Hohenzollern zurück, auf dieselben Ueberlieferungen, welche Preußen seit mehr als zweihundert Jahren groß gemacht haben.
Den Kaiserlichen Worten folgte alsbald die That. Von den in Aussicht gestellten sozialpolitischen Gesetzen — Unfallversicherung, Krankenkasflngesetz, Altersversorgung — sind die beiden ersteren nach mühsamen parlamentarischen Reibungen glücklich zu Ende gebracht; die Altersversorgung wird voraussichtlich den neugewählten Reichstag beschäftigen. In ihrer Gesamtheit werden diese Gesetze die Grundzüge eines neuen Arbeiterrechts bilden, welches, auf korporativen Verbänden beruhend, die soziale Klasicnstellung der Arbeiterbevölkerung dauernd heben und mit bisher nicht gekannten Rechten und Sicherheiten umgeben wird. Es steht zu hoffen, daß daS Gefühl der Dankbarkeit für diese staatliche Fürsorge in Arbeiterkreisen immer weitere Wurzeln schlägt. Freilich lehren die jüngsten Wahlergebniffe, daß auf raschen Metnungsumschwung in diesen verhetzten und methodisch verbitterten Klaffen nicht zu rechnen ist.
ES hieße tndeffen die staatSsozialisttsche Thätigkeit der RetchSregierung zu eng auffaffen, wollte man dieselbe lediglich in dem Eingreifen zu gunsten der arbeitenden Klaffen finden. Die nationale Zoll-, Handels- und Kolonialpolitik, die zu gunsten der Gewerbe und Industrie getroffenen Maßnahmen, der Schutz der agrarischen Jntereffen, die in Preußen fast völlig zur Durchführung gebrachte Verstaatlichung der Eisenbahnen, die Steuergesetzgebung — alle diese und ähnliche Staatsmaßregeln entspringen denselben Anschauungen und Quellen, aus welchen die sozialpolitischen Gesetze zu gunsten der Arbeiter er flössen find. Angesichts dieser vielseitigen staatLsozialistischen Aeußerungen und Be- thätigungen wird doch endlich der viel genährte Aberglaube, als ob daS Wesen des StaatssozialtSmuS in finanziellen Leistungen seitens der Staatskasse bestehe, verschwinden. Der StaatSsozialismuS ist weit mehr und etwas weit Höheres. Er ist die Seele, welche die gesamte Reichsgesetzgebung gegenwärtig durchdringt. Er hat sich bereits zum Glaubenssatz verdichtet und ist zu einem Bestandteile der geistigen Luft geworden, in welcher die Gegenwart lebt und Atem holt.
Gegenüber diesen Ergebniffen und Erfolgen des mehr und mehr maßg'benden Prinzips beginnen sich die Reihen der Gegner erheblich zu lichten. ES ist bezeichnend genug, daß kaum eine einzige Partei mehr eS unternimmt, gegen das leitende Staatsprinzip kräftig Stellung zu nehmen. Gleichwohl find noch immer zahlreiche Abneigungen vorhanden. ...
Einen wirklich beachtenswerten Widerstand findet die staatssoztalistische Bewegung in Deutschland zur Zeit nur ncch in denjenigen politischen und bürgerlichen Kreisen, welche ihre parlamentarische Vertretung auf der linksliberalen Sette tes Reichstags besitzen. Darüber, daß die Durchführung staatssozialistischer Pläne — und zwar nicht nur in der eigentlichen Sozialpolitik — gewisse Opfer
seitens einzelner Jntereffenten, ja ganz allgemein eine ge- wiffe Selbstentäußerung und Selbstbeschränkung der besitzenden Klaffen erheischen, daß ste einen Bruch mit alten liebgewordenen Gewöhnungen und überlieferten Anschauungen bedeuten, darüber konnte ja niemals der leiseste Zweifel sein. Aus dieser Notwendigkeit aber entspringen mancherlei Verstimmungen. Es regen sich die kurzsichtigen Jntereffen des Geldbeutels, und die alten manchesterlichen Erinnerungen werden wach. ES ist aber kein fester Mörtel, welcher die einzelnen losen Teile dieser Opposition verbindet. Die Kantonisten jenes Lagers sind von ganz ungleichartigem Schlag. Da finden sich alte demokratische Doktrinäre, welche sich in die Erinnerungen ihrer achtundvierziger Jahre eingesponnen haben und eS dem Kanzler nicht verzeihen können, daß die Entwickelung der deutschen Angelegenheiten nicht nach ihren alleinseligmachenden Rezepten gegangen, ferner mannichfache durch die neuere Zoll- und Handels- Politik gekränkte Jntereffenten, Veteranen der alten liberalen Oekonomie, unzufriedene Staatsbeamte außer Dienst und andere aus irgend welchen Ursachen mißvergnügte Elemente. Die Partei hat kein festes Rückgrat, eS wäre denn die gemeinsame, vielfach persönliche Abneigung gegen den Kanzler. Jeder sozialen Neuerung widerstehend, nennt ste sich mit Unrecht fortschrittlich. Diese Bezeichnung entspräche dem Wesen nach weit mehr denjenigen Gruppen, welche die progresstontsttsche Sozialpolitik der Reichsregierung billigen und vertreten. Der Widerstand dieser fälschlich sogenannten FortschrittSmäuner wird aus naturgesetzltchen Gründen zerbröckeln, weil eS nicht gelingt, im Herbste das vergilbte Blatt am Stamme zu erhalten. Die nachdrängende Generation aber wird zur Fortschrittspartei keine Rekruten mehr abgeben, sie ist in ganz anderen, wesentlich verschiedenen Anschauungen und Grundsätzen auferzvgen worden. Ihr schweben die Männer, welche Deutschland zu seiner gegenwärtigen Höhe emporgeführt haben, vor, wie Gestalten aus antiker Zeit. Und aus den akademischen Hörsälen hat ste die ethischen und staatssozialistischen Grundsätze in den praktischen Beruf mit hinausgenommen. Diesem jungen Deutschland gehört die Zukunft, denn der Lebende hat Recht. Ist doch diese nachdrängende Generation dieselbe, welche in zahllosen Schlachten begeistert dem Feinde die Stirn bot, um dem deutschen Volke zu Kaiser und Reich zu verhelfen.
So wird denn der Staatssozialismus seine gesamte Gegnerschaft überwinden, weil ihm die zwingende Kraft eines KulturgedankenS tnnewohnt. Faffen wir eS nochmals in Kürze zusammen: der Staatssozialismus ist die kräftige Einflußnahme der Staatsgewalt auf die jeweiligen Formen der sozialen und wirtschaftlichen Vergesellschaftung, Staatssozialismus ist die Bewahrung des uralten Vesta« feuer« der Kultur gegenüber zerstörenden, das Völkerleben vergiftenden Einflüffen. Staatssozialismus ist das Attribut eines jeden selbstbewußten und kräftig emporstrebenden
stchtspunkte zu, — natürlich ohne Buch, denn heute, am letzten Tage ihres Beisammenseins, sollte nicht italienisch getrieben werden.
Der Trippstein bietet einen wundervollen Rundblick auf das liebliche Fleckchen Erde, des zum Schwarzburger Gebiet gehört. Oft schon hatten die beiden in dem kleinen Borkenhäuschen auf der Höhe gestanden und ins gesegnete Thal niedergesehen, und jedesmal wieder feffelte ste der einzig schöne Blick, den man von dort oben hatte. Der Thüringer Wald im satten Farbenschmuck deS Hochsommers, die saust hingelagerten, schwellenden Triften mit ihrem üppigen GraswuchS, drüben das Schwarzburger Schloß, über den Baumwipfeln deutlich sichtbar, einzelne Villen gleich weißleuchtenoer Pünktchen im Thal verstreut, — friedvoll und malerisch war der Anblick, und als Elsa jetzt mit leiser Stimme sagte: „Ich werde dies liebe Bild schwer vermiffen — es ist wie ein Stückchen HerzenSheimatl" da nickte Albrecht beistimmend zu ihren Worten und sagt«:
„Schade, daß ich nicht zeichnen kann! Aber vergeffen werde ich dies Bild dennoch nie!"
Sie stiegm langsam wieder zu Thal, nachdem sie den Knaben, der täglich vor dem Borkenhäuschen mit frisch ge- sammelten Erdbeeren saß, zum Abschied reichlich beschenkt hatten. Beide waren schweigsam, wie man e» so oft vor dem Scheiden ist, „und doch", sagte Meinhardt, „ist mirS, als müßte ich Ihnen noch vieles sagen!"
Elsa lächelte ihn trübe an.
„Werden wir korrespondieren, amico?"
„Ja, — gewiß I DaS heißt,---ich bin leider
kein eifriger Briefschreiber!" (Fortsetzung folgt.)
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt 0.31t.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg, Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. ThieneS in Elberfeld.
Gelegenheit wahrgenommen, sich für ihre hochmütige Kälte an ihr zu rächen. Wenn er sich nur hätte entscheiden können, mit welcher der Schwestern König er sich verloben sollte, — denn daß seine Verlobung die eklatanteste Rache sei, daS stand fest. Aber sobald er in Fräulein Mollys gescheutes Gesicht schaute, fand er ste zu häßlich für die Frau eines so schönen Mannes, wie eres war, und sobald er Fräulein Lisette anblickte, mußte er sich mit einem Seufzer gestehen-, daß ste dumm auSsah, waS ihr Wesen durchaus bestätigte. „Zwei Seelen wohnten, ach, in seiner Brust", — ihm war keineswegs wohl zu Mute. Es tröstete ihn wenig, daß die SanitätSrätin ihn mit fast mütterlichem Wohlwollen behandelt-, daß die Töchter ihm deutlich zu verstehen gaben, wie sie ihn bereits ganz als zur Familie gehörig betrachteten, —--diese Elsa Dornbach, dieS
gegen ihn so unglaublich prüde, gegen „den Menschen" so unglaublich entgegenkommende Mädchen, daS die Thüringer Lustkur überdies auffallend verschönt und fast wieder zu dem gemacht hatte, was ste vor zwei Jahren in Frankfurt gewesen war, — ste sah distinguiert und reizend auS l Der Kampf mit seinem Herzen machte Herrn Säusel nicht gerade liebenswürdiger, und die Königschen Damen hatten oft unter seinen wechselvollen Stimmungen zu leiden. —
So war der Tag vor der Abreise jener beiden vielbesprochenen, vielbeobachteten Freunde herangekommen.
Albrecht und Elsa hatten einen Gang nach dem Trippstein verabredet, um dort noch einmal die herrliche Aussicht zu genießen. Das Wetter war wunderschön, die beiden tranken in der Fasanerie, wo sie wohlbekannte Gäste waren, ihren NachmittazSkaff.-e und wanderten dann langsam auf den altvertrautm, schattigen Waldpfadm btm schönen Aue-
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, i,wie d.Annoncen-Bureaux oonHaasenstein undBogler in Franlfurt a M. Hamburg, Magdeburg u. Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt ,.M., Berlin, München und Mn; G- L Daube und Eo- m Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
Zur Geschichte der staatSsozialisttsche« Bewegung in Deutschland
brachte die Münchener „Allq. Ztg." eine Artikel-Serie von Dr. Moritz Ströll, im Schlußartikel derselben giebt der Verfaffer ein Bild von der letzten Phase dieser Bewegung,. Er schreibt:
... Als vor nunmehr sechs Jahren der Reichskanzler den Vordergrund der sozialpolitischen Bühne betrat, strahlte keine helle Sonne über Deutschland. Die Quellen des Wohlstandes waren versiegt und ein wüster agitatorischer Lärm erfüllte die Gaffen. Aber schon die bloße Befchäf ttgung des gewaltigen Mannes mit den sozialpolitischen Fragen und die gleichzeitige Anbahnung einer nationalen Zoll- und Handelspolitik stützten das schwindende Vertrauen.....
Zuerst galt es, daS öffentliche Leben vor dem Miasma zu schützen, welches ihm durch die sozialdemokratischen Wühlereien täglich aufs Neue eingeimpft wurde. DaS 1878 erlassene und seither verlängerte Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie schuf wenigstens äußerlich Ruhe. Dann erst konnte zur Aufstellung und allmählichen Durchführung eine« positiven sozialen Pro grammS «schritten werden. ES folgte am 17. Nov. 1881 die berühmt gewordene Kaiserliche Botschaft, diese magna Charta.Sfcß Staatssozialismus, welche auf Lebensalter hinaus die Richtschnur der sozialpolitischen Gesetzgebung zu bllden geeignet ist.
Nachdem diese an den Reichstag gerichtete Botschaft den Anspruch der Hilfsbedürftigen auf größere Sicherheit und Ergiebigkeit des Beistandes anerkannt, und die zu erwartenden sozialpolitischen Gesetzesvorlagen, welche den Ar beiterklaffeu ein höheres Matz staatlicher Fürsorge als bisher zu bringen hätten, aufgezählt hat, fährt ste wörtlich folgendermaßen fort: „Für diese Fürsorge die rechten Mittel und Wege zu finden, ist eine schwierige, aber auch eine der höchsten Aufgaben jedes Gemeinwesens, welches auf den sittlichen Fundamenten des christlichen Volkslebens steht. Der engere Anschluß an die realen Kräfte diefeS Volks leben« und daS Zusammrnfaffen der letzteren in der Form korporativer Genossenschaften unter staatlichem Schutz und staatlicher Förderung werden, wie Wir hoffen, die Lösung auch von Aufgaben möglich machen, denen die Staatsgewalt allein in gleichem Umfange nicht gewachsen sein würde."
Historischer Geist weht aus den Worten dieses Kaiserlichen Evangeliums. Ein Geist, welcher sich so maßvoll und fest zugleich, so schlicht und vorauSsetzungSloS äußert, daß seine Kunvgebung wie eine Offenbarung durch den wüsten, leidenschaftlichen Lärm unseres Zeitalters klingt. Mit Recht ist gesagt worden, daß unser greiser Kaiser damit sein sozialpolitisches Testament der Nation, der Zu« Zunft und den päteren Regierungen ans Herz gelegt habe. Die Botschaft greift mit voller Bestimmtheit auf die großen
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