Einzelbild herunterladen
 

Mr. 1867

Marburg, Donnerstag, 13. November 1884.

XIX. Jahrgang.

«..eigen nimmt entgegen: die Erped'tion b. Blattes, f.g,ie d.Ünnoncen-Bureaux Ln Saatenft ein undVogler i, Frankfurt a M-.Ham- barg, Magdeburg u. Wien; Mdolf Moffe in Frankfurt M., Berlin, München und «Sln: G- L Daube und go. tn Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig;^ I. Barck u. Co. in Halle; - Bi. Thienes in Elberfeld. A

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für ba8 Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2*/» Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark »0 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Reklamen die Zeile 25 Pfg. Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Die gute Vorfrucht.

Vielen ist gewiß das Resultat bei den Wahlen sehrunan- genehm, daß genau zwei Drttteile der Wahlkreise, in denen Die Sozialdemokratie entweder im ersten Wahlgange sieg­reich gevlieben over in Stichwahlen gekommen, vordem tn demokratischem und „dentschfreisinnigem" Besitz waren und nur ein Drittel! derselben in demjenigen aller anderen Parteien.

Man meint, wir .faselten auch heute noch von der FortschrittSpvrtei als Vorfrucht der Sozialdemokratie", und glaubt den FortfchrittSphiiister über die von uns vor­gebrachte Thalsache mit der Behauptung Hinwegtrösten zu können, die „freisinnige" Partei könne getrosten Mutes und voll Zuversicht dem Schauspiel zuschauen, das sich nun entwickeln werde, ihre Zeit sei näher, als die, die heute triumphieren, sich träumen ließen.

So lange die „Vossische Zeitung" — diese leistete ihren Lesern diesen Trostspruch — die Beweise für derartige Be­hauptungen schuldig bleibt und man den von unö vor­gebrachten Thatsachen nichts Anderes als Redensarten ent­gegenzusetzen hat, dürften bei „denkenden" Lesern solche Prophezeiungen doch höchstens Kopfschütteln Hervorrufen. Aber möge man gestatlen, daran zu erinnern, wie lang­weilig man eS gefunden hat unv mit wie überlegen spöt­tischem Lächeln man glaubte, uns abferttgen zu können, als wir fast genau vor Jahresfrist in einer längeren Serie von Artikeln uns mit der „sozialen Realpolitik der Fort­schrittspartei" beschäftigten und darin, wie stets, ebenfalls an Thatsachen erläuterten, wie j<ne „Leistungen" geradezu angelegt schienen zur planmäßigen Züchtung von Unzu­friedenen.

Wer sich zum „berufenen Vertreter der Unzufriedenen im Laude" aufwirst, wer dem Arbeiter sagt, für deine sozialen Beschwerden giebt eS keine Hilfe, fchimpfe nur tüchtig mit uns gemeinsam auf die Regierung, vaS hilft zwar auch nicht, erleichtert aber doch; wessen gesamtes so­ziales Rezept in der dem Münchh msenschen Zopfe sehr ähnlichen Selbsthilfe besteht; wer zu Parteizwecken den Samen der Unzutriedenhett auSstreut, ohne der daraus erwachsenden Drachensaat sagen zu können oder zu wollen, hier ist das Hilfsmittel zur Abstellung deiner Beschwerden — darf der, der olches alles planvoll und gewohnhätsmäßig um seiner politischen Zwecke willen thut, sich wundern, wenn die nun einmal zur „Unzufriedenheit" Bekehrten sich von ihren Lehrmeistern in dieser Kunst schleunigst wieder abwenden und in ren Heerbann von Leuten eintret n, die doch wenigstens oem Verschmachtenden ein Traumbild zeigen, wie alles schön und gut werden solle, wmn nur erst der vermaledeite Racker von Staat umgekcempelt und die ver­rottete Gesellschaft reformiert sei?

Nun möge man Hand ausS Herz die Frage beantworten, ob denn nicht in jeder der von ihr- betriebenen Wahl­agitationen die Fortschrittspartei so operiert habe, wie wir ed'N geschildert; ob denn incht in jeder fortschrittlich-

14 DerWegzumHerzeu.

Novelle von Bernh. Frei.

„Wie schadenfroh Sie stndl" sagte Albrecht. „Ich würde mich freuen, wenn ich Recht behielteI"

Eine Landfrau ging grüßend vorüber, — dann wandte sie sich um und warf einen beifälligen Blick aus daS Paar.

„Das galt Ihnen!" sagte Albrecht.

„Warum? ' gab sie zurück. „ES wirb vielmehr an Ihre Adresse gegangen sein; Sie sind wirklich ein gutaus­sehender Manu, Doktor!"

„Das ist wahr hastig daS erste Kompliment aus Ihrem Munde 1"

„Uns ich fürchte, eS wird auch das letzte sein! Bei Komplimenten fällt mir ein, rote hat Ihnen denn mein Klavlerspiel gefallen?"

„Gefallen hat eS mir gar nicht, — es war großartig schön uno hat mir an die Seele gegriffen."

Mit einem sonderbar ernsten Blick sah sie zu ihm empor, onb wieder waren ihre Augen ganz dunkel. „Ja, ja, das kann ich mir wohl denken 1" sagte sie nach einer Weile mit leiser Stimme. —

Aus dem Hotel kam ein Test der gestern verregneten Gesellschaft in den Vorgarten herab. Man grüßte ein­ander und wechselte ein Paar höfliche Redensarten, denn ein oberflächlicher Verkehr war vermittelt worden. Eine alte Dame, Die wohlhabende Witwe eines SanilätSratS, im Besitz zweier Töchter, von denen eine pikant und un­schön, die andere hübsch und einfältig war, hatte sich sogar »roße Mühe gegeben, Elsa Dornbach zu sich heranzuziehen. 6k fano eS unpassend, daß da- .niedliche Mädchen" soviel

„deutschfreisinnigen" ZeitungSnummer der Refrain stets der gewesen sei: ihr habt ganz recht, wenn ihr unzufrieden seid, alles ist schlecht bei uns und die Absichten der Regierung und derer, die sie unterstützen, sind nur darauf berechnet, euch noch elender zu machen! Wenn man nun so die Leute systematisch nnzusne en gemacht hat mit allem, was um sie her ist, mit jeder Angelegenheit, in welcher sie mit dem Staate oder den übrigen öffentlichen Organisationen in Berührung kommen, wenn man dem Arbeiter jahrelang und immer wieder vorgepredigt hat, der Staat, die Regie­rung, die Konservativen re., die sorgen nur für die Großen und Reichen, für die Majoratsherren und Schlotjunker; und wenn dann der Arbeiter sich einer Partei in die Arme wirft, die ihm als seine eigene, als die des vierten Standes entgegentritt und ihn nicht auf den Stein der Selbsthilfe verweist, wie kann man sich dann wundern, wenn andere die Fortschrittspartei als beste Vorfrucht der Sozialdemo­kratie betrachten? Lehrt nicht gerade der Umstand, daß dort, wo die fortschrittliche Agitation am eifrigsten und intensivsten betrieben worden, die Sozialdemokratie ungeahnt rasch emporfchießt, was in vollständig richtiger Konsequenz die letzte Wirkung dieser Agitationsmanier sei?

Man wird uns vorhalten: aber wir haben ja doch durch tie Organisation der Gewerkvereine und durch die Schulzeschen Genossenschaften uns redlich bemüht, dem sozialen Bedürfniffe des Arbeiterstandes und kleinen Mannes Genüge zu thun. Möglich, daß man solches gewollt hat; aber hat der Wille sein Ziel erreicht? Die Schulzeschen Probuktions - Genoffenschafteu sind vollkommen gescheitert, über diese Thatsache hat Schulze selbst sich keinen Illusionen hingegeben. Die Konsumvereine eben leisten nur dort etwas für den Arbeiterstand tn seiner Gesamtheit oder wenigstens für einen erheblichen Bruchteil desselben, wo sie vom „Schloljunker", tn die Hand genommen und or­ganisiert worden sind, im übrigen blieb deren Wirkung für den Arbeiter gleich Null. Und die Kreditgenoffen- schaften? Gut gemeint mögen sie ja auch für den Arbeiter und kleinen Mann gewesen sein; aber haben sie ihm auch den Nutzen gebracht, den man ihm versprochen hatte? Hat nicht jeder Krach nicht nur die betreffenden Mit­glieder, sondern Tausende der Außenstehenden bel'hrt, daß hier kein soziales Arkanum zu finden sei? Nun haben wir noch die Hirsch - Dunckerschen Gewerkvereine. Herrn Dr. Max Hirsch hat man in Gera nicht einmal wieder als Kandidaien zu präsentieren gewagt, dort war seine „Perle" durch einen dem g.H P.mpel analogen Fall Oswald in gar zu schlechten Geruch gekommen; in einem anderen, und zwar einem richtigen Aibeiterwahlkieise, ist er glänzend durchgesallen, trotz durch GewerkvereinSapoflel eifrigst be­triebener Agitation! Muß nicht die an der Jnvalidenkasse des Verbandes der Gcwerkocreine gemachte Erfahrung, daß eS eben schlechterdings unmöglich sei, die gegebenen Ber- sprechangen zu erfüllen, muß nicht die an den Tag ge-

mst ti-fem Doktor Meinhardt verkehrte, wenn er auch den Eindruck seines reifer» ManneS machte und wirklich kein Kourmacher zu sein schien. Ein paar Mal hatte Elsa mit ihnen Spazierfahrten gemacht, sie hatte aber die Mutter neugierig und taklloS, die älteste Tochter boshaft uno die jüngere langweilig g'fundcn, — folglich hatte sie sich mit ihrer gewohnten höflichen Entschiedenheit von weiteren An­näherungen zu befreien gewußt.

„Denken Sie nur, Fräulein Dörnbach" sagte Molly König, die ältere Schwester, „ich habe gestern ein inter­essantes Naturphänorncn beobachtet".

„Hing es mit dem Gewitter zusammen?" fragte Elsa, der oct dem malitiösen Blick und Lächeln der Sprecherin nichts gutes ahnte.

„Nein, — das nicht — Doktor Meinhardt soupierte gestern allein, und Ihr Platz neben ihm leer."

Elsa nickte ihr unbefangen zu.

„Gewiß muß Ihnen das verwunderlich erschienen sein, — Sie können es auch nur im Fall eines Gewitters, das mir immer die Nerven verstört, noch einmal erleben, denn im übrigen gedenken Doktor Meinhardt und ich Ihnen bis zum Schluß unseres hiesigen Aufenthalts das erfreuliche Bst" zw-lcr treuen Genoffen vor Augen zu führen. Kommen Sie, Doktor, eS ist die höchste Zeit für unS, unsere italie­nische Stunde zu beginnen. Ich wünsche allsestlgeS Ver­gnügen, meine Damen!"

„DaS man Sie mit mir im Verdacht hat, ist doch wunderbar, amica," bemerkte Albrecht, als sie außer Gehör- weite der Damen waren, „sehe ich auS und benehme mich wie Einer, der Ihnen Die Kour macht?"

„Ich kann Ihne« da» ehrenvollste Zeugnis für das

kommene Erkenntnis, daß die Leiter der Gewetkvcreine solches längst haben wissen müssen, muß nicht Die auch in anderen gewerkvereinlichen Gründungen sich zeigende Unzu­länglichkeit der Mittel, außer den so hart Getroffenen und Enttäuschten, Hnnderttausende von dem Glauben an die Durchführbarkeit deS fortschrittlichen Selbsthülfe - Evan­geliums abwendig gemacht haben? Und wohin sollten sich denn diese alle anders wenden, nachdem man sie zu Un­zufriedenen erzogen und ihre Hoffnung auf das einzig mögliche dargestellte Heilmittel vernichtet war, wohin an­ders als zur Sozialdemokratie?

Wer hat denn den Leuten im Lande gesagt, die Sozial­reform deS Reichskanzlers und der Konservativen, das sei ja der reine Unsinn, das geht ja nicht? Wer hat den Leuten, ehe noch die beschlossenen Maßregeln überhaupt irgend welche Wirkung äußern konnten, systematisch und planvoll Mißtrauen dagegen eingeimpft? Hat nicht;. B., um eins zu erwähnen, der „gemäßigte" Herr Rickert in Marien­burg vor versammeltem Volke gesagt, die Belastung der Arbeiter durch die Krankenkaffen sei viel größer, als der Nutzen, den ihnen der Erlaß der Klaffensteuer ge­bracht habe?

Und wer nun Unzufriedenheit gesäet, mit den eigenen Panaeeen Schiffbruch gelitten, die Maßnahmen anderer nach Absicht und Mitteln tn Grund und Boden hinein verdächtigt hat, der wundert sich noch, daß die erst aufge- wiegelten und dann tn ihren Hoffnungen betrogenen Ar­beiter endlich dem Herrn Bebel in die Arme laufen? Eigentlich sollte man sich wundern, daß es nicht schon eher geschehen fei.

Wenn die „Franks. Zig." im Schmerze über die Nieder­lage ihres Patrons Trost sucht in der Meinung, die Er­oberung der großen Städte durch die Sozialdemokratie sei nur eine Frage der Zeit, so darf man wohl daran er­innern, daß gerade Fortschritt und Demokratie es als ein ihnen angestammtes Recht in Anspruch genommen haben, allein berechtigte Vertreter der „intelligenten" Großstädte zu sein. Auf der anderen Seite aber widerspricht gerade die „Vossische Zeitung" in ihrer Abwehr gegen unS dieser Meinung bet „Franks. Ztg."; denn jene meinte, cS seien hauptsächlich die Industriezentren, wo die Sozialdemokratie wuchere. Mag man also die Sache drehen, wie man will, die Thalsache bleibt bestehen, daß die Vertreibung demokratisch-s0itschrittlicher Ideen der Sozialdemokratie den Boden bestellt, möge dies auch so keck wie immer abge- leugnet werden.

Nein, davon wird „Deutschfreisinn", Fortschrittspartei und Demokratie weder vor dem Urteil der Zeitgenossen, noch vor dem der Geschichte loskommen, daß sie es ge­wesen, die für die Ernte der Nachäffer Lassales den Boden bestellt haben. ES scheint ja, als ov stellenweise man an- fange daS einzusehen, aber man scheint auch zu glauben, nut nötig zu haben, in daS entgegengesetzte Extrem zu

Gegentell ausstellen, erwiderte sie ernsthaft, „Sietadeln viel häufiger au mit hemm, als mir lieb ist."

„Ohne daß Sie eS sich zu Herzen nehmen."

„Nun, Gottlob, — ich bin nicht hergekommen, um mir Zwang anzuthun. Es ist gütig von Ihnen, sich um meine Erziehung zu bemühen, ich bin aber zu alt und zu bequem, um mich noch zu ändern. Nehmen Sie mich nur, wie ich bin, — Sie würden ja nicht einmal die Früchte Ihrer Ermahnungen ernten, Sie gehen nach Osten, ich nach Westen."

Hier begegnete ihnen Herr Albert Säusel, der stehen blieb und mit Ostentativ» fragte, ob sie nicht Frau Sani­tätsrat König und Fräulein Töchter gesehen hätten.

Wir sprachen die Damen soeben im Hotelgarten" er­widerte Albrecht höflich.

„Sehr verpflichtet, — in der That!" Der junge Elegant haftete einen nachdenklichen Blick auf Elsa, die in bet kleid­samen Morgentoilette mit dem Häubchen von Goldspitzen und roten Schleifen auf dem braunen Haar außerordentlich reizend aussah.

„Die Königschen Damen find so ausnehmend liebens­würdig gegen mich," fuhr er fort, in der Absicht, einen Trumpf auszuspielen. „Ich weiß wirklich gar nicht, wodurch ich das verdient habe und wie ich mich dafür erkenntlich zeigen soll!"

„Dadurch, daß Sie dm Königschen Damen möglichst viel Ihre interessante Gesellschaft schenke»! sagte Meinhardt mit unbewegt verbindlichem Gesicht, während Eifa rasch die Augen »iedetschlug.

„Ah — Sie meinen ? Ich fühle mich allerdings zu dm Damm sehr hlngezogm." (Fortsetzung folgt.)