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Marburg, Dimrlag, 11. November 1884.
XIX. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux »onHaasenstein undVogler in Frankfurt a M. Hamburg, Magdeburgu.Wien; Rudolf Moste in Frankfurt a.W.« Berlin, München und jtöln; G L Daube und Eo- tn Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
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Deutsches Reich.
Berlin, 8. Nov. Der Reichstag soll, wie wir hören, am 20. d. MtS. eröffnet werden. — DaS Plenum deS StaatSratS dürste, dem Vernehmen der „Berl. Pol. Nachr.* zufolge gegen Mitte dieses Monats wieder zu- sammcntreten. Bis dahin werden die bisher den Abteilungen überwiesenen Vorlagen durchgearbeitet und die Berichte der Referenten fertig gestellt sein. Der Bericht über die Verhandlungen der Ftnonzabtetlung betreffs der Postsparkaffen soll beute verlesen werden. — Der Entwurf eines Gesetzes betreffend die Unfallversicherung der im land- und forstwirtschaftlichen Betriebe beschäftigten Personen, welcher durch Erlaß des Kronprinzen vom 28. Ott. den StaatSratSadteilungen für Handel und Gewerbe, öffentliche Bauten, Eisenbahnen und Bergbau, für Landwirtschaft, Domänen und Forstverwaltung und für die Justiz zur Vorberatung überwiesen worden ist, ist heute unter dem Vorsitze des Staatsministers v. Bötticher tn einer im Kgl. Schlosse abgehaltenen Sitzung zur Verhandlung gelangt. — Die Reichsregierung beabsichtigt dem Vernehmen nach eine Revision des Patentgesetzcs. Der Reichskanzler hatte dies bereits tn der RcichstagSsttzung vom 28. Februar 1881 angereutet. Seitdem sammelte die Reichsregierung daS erforderliche Material, um ein Urteil darüber zu gewinnen, ob und in wie wett die deutsche Patentgesetzgebung den praktischen Bedürfnissen nicht Rechnung trage. — Die Kommission, welche im Reichs-Gesundheits-Amt die Jmpf- frag e beraten, hat, wie mehrfach gemeldet wird, ihre Verhandlungen zu Ende geführt. Es ist über die wichtigsten Punkte eine völlige Ueberetnstimmung der Sachverständigen erzielt worden, mit Ausnahme der drei eingeladenen prinzipiellen Jmpfgegner. Die Kommission hat sich zu gunsten des Ueberganges vou der Impfung mit humanisierter Lymphe (von Arm zu Arm) zu der mit animalischer Lymphe (Kälberlymphe) ausgesprochen und auch eine Anzahl wichtiger Normativ-Bestimmungen über die Ausführung deS JmpfgefetzeS getroffen. — Ein intereffanter Nachtragsetat für daS Etatsjahr 1884/85 ist heute dem BundeSrat zugegangen. Es handelt sich, um die Bewilligung von 180000 Mk. zum Bau eines Küstendampfers und einer Dampfbarkaffe für den Gouverneur tu dem Gebiet von Kamerun. Das in Hamburg gebildete Syndikat der am westafrikanischen Handel beteiligten Firmen hat, wie es tn der Begründung heißt, die Einsetzung eines Gouverneurs für das Gebiet von Kamerun und die Beschaffung eines Küstendampfers und einer Barkasse für den Klußdienst als wünschenswert bezeichnet. Der Dampfer soll 150000 Mark, die Barkaffe 30000 Mark kosten. Beide sollen binnen 6 Monaten ferttggestellt und der Bau schon tn diesem EtalSjahr begonnen werden. Die Besatzung der beiden, nicht gerade für Kriegszwecke bestimmten Fahrzeuge wird unter dem Kommando und der Disziplin der Kaiser!. Marine stehen und die UnterhaltungS- und Betriebskosten
12 Der Weg zum Herzen.
Novelle von Beruh. Frei.
Dann plötzlich, wie rin lang verschütterter, heißer Quell mit einem Male durchbricht, stürzten ihr die Thränen aus den Augen, so unaufhaltsam, als wollten sie nie wieder versiegen, und, ihr Gesicht in beide Hände drückend, rief sie:
„Gehen Sie, lieber Freund, gehen Sie! Mir ist nicht wohl um's Herz! Ich bin viel zu glücklich gewesen, um jetzt nicht sehr unglücklich zu fein!* —
Albrecht verließ sie wie in halber Betäubung. Als er unten angekommen war, rollte der erste Donnerschlag durch das Thal, von niederstürzenden Regengüffen begleitet. —
In der ganzen Zeit seiner Bekanntschaft mit Elsa Dornbach hatte Doktor Meinhard ihr gegenüber nie irgend welche peinliche Empfindungen gehabt: sie gab sich so offen, klar und wahr, er that desgleichen, ihnen beiden war wohl dabei, .... cS war ihm nie der Gedanke gekommen, es könnte jemals anders werden! —
Seit gestern abend freilich dachte er anders über das Mädchen. Zwar hatte er keine schlaflose Nacht ihretwegen gehabt, dazu war er eine zu gesunde Natur und sie stand seinem Herzen, bei aller Freundschaft für sie, noch nicht nahe genug, — aber sein Interesse für str war viel lebendiger und größer geworden seit gestern, er beschäftigte sich ernstlich mit der Frage, welcher Art der Herzenskummer gewesen sein könne, um ein so gar nicht seMimentaleS gescheutes Mädchen noch in der Ertnnemng so ganz aus den Fugen zn rücken.
Ihr starrer Blick wollte ihm nicht a«S dem Sinn, — and wie dann ihre großen Augen ganz schwarz geworden
werden von 1885/86 ab in den Marine-Etat gestellt werden. — Von den Reichsetats sind noch nicht bekannt die der Militärverwaltung und deS Auswärtigen Amtes. Der letztere Etat soll sehr wesentliche Veränderungen enthalten sowohl bezüglich der Vermehrung der Konsulate wie auch der Organisation des Amtes selbst. Es besteht die Ad- sicht, dasselbe statt wie bisher tn 2, in 3 Abteilungen zu teilen. Es wird daS eine entsprechende Vermehrung des Personals zur Folge haben. Sämtlich 3 Direktorstellen müßten neu besetzt werden, da Dr. Busch aus Gesundheitsrücksichten ausscheidet und Dr. v. BojanowSki ebenfalls Icbenb ist. — Ueber den Staatsrat und feine Thättgkeit werden, wie es scheint, da seine Verhandlungen geheim sind, mehrfach falsche Mitteilungen verbreitet. Von insormirter Seite wird die Nachricht veeschiedener Blätter als falsch bezeichnet, daß die Abteilungen des StaatSratS die Maximalgrenze der auf ein Sparkaffenbuch zulässigen Einlage von 1000 Mk. herabgesetzt hätten. — Die Teilnehmer an der Congo-Konferenz treffen zum Teil schon morgen und in den nächsten Tagen hier ein. Eine Verschiebung deS Termins soll nicht stattfinden. Auch der russische Botschafter, Fürst Orlow, ist soweit wieder herstellt, daß er zur Teilnahme an der Konferenz rechtzeitig erwartet wird. Ein regierungsseitig informierter Berichterstatter schreibt in der „Kreuz -Ztg." mit Bezug auf die Meldung, daß die bevorstehende westafrika- nifche Konferenz die sämtlichen Verträge der Affociation Africaine mit den Eingeborenen am Congo einer Prüfung unterziehen werde: „Diese Angabe dürfte ihre Bestätigung finden. Bei der Beratung über die Regelung der westafrikanischen Verhältniffe bildet einen der wesentlichsten Punkte daS Verlangen der Affociation, daß man ihr gewisse ausgedehnte Gebietsstrecken des Landes zuspreche, weil diese von ihr auf regelmäßige Weise in Besitz genommen seien. Die Konferenz wird hierfür Beweise verlangen, und diese sind nur dadurch zu führen, daß man die betreffenden Verträge mit den dortigen Häuptlingen vorlegt. DaS Ergebnis wird voraussichtlich sein, daß man diese Verträge, von denen mehrere durch daS dem englischen Parlament vorgelegte Weißbuch und dann andere durch Zeitungen bekannt geworden sind, als unanfechtbar und allen dortigen Regeln entsprechend, anerkennt. Möglicherweise würden von Portugal gegen einige dieser Verträge Einwendungen gemacht werden, da man zu Lissabon an der sonderbaren Fiktion festhält, daß ein sogenannter König vom Congo zu San Salvador vorhanden sei, der allein die Macht zu Gebietsabtretungen besitze und die Suzeränetät Portugals anerkannt habe. Abgesehen davon, daß dieser König weder bei den Mächten bekannt, noch selbst bet den afrikanischen Eingeborenen al« solcher anerkannt ist, kommt auch noch hinzu, daß dieses San Salvador ganz außerhalb des Landbezirks liegt, um den kS sich handelt. Gerade der Umstand, daß das Land dort unter unzählige Häuptlinge k einer Ortschaften geteilt ist, welche die Souveränetät keines Mach
waren. Er hörte noch die gepreßte Stimme: „Mir ist nicht wohl um's Herz! Ich bin viel zu glücklich gewesen, um jetzt nicht sehr unglücklich zu sein 1* Die Worte schnitten ihm in die Seele, er hatte tiefes Mitleid mit ihr l Und ihr Spiel, dies wunderbare, unvergeßliche Spiel, das feine Empfindungen bis in feine geheimsten Tiefen aufgewühlt hatte.... und ihm gefchah dergleichen wahrlich nicht oft 1 Wer hätte gedacht, daß dies ruhige, reservierte Mädchen so zu spielen verstände! Albrecht freute sich seines Scharfblicks, der ihm gleich am ersten Tage gefugt hatte, es fei etwas außergewöhnliches um diese junge Dame, an der viele gewiß achtlos vorübergingen, well sie nicht a ffallend schön war, keine extravaganten Toiletten trug und in Ihrem Benehmen sichtlich bestrebt war, in den Hintergrund zu treten. —
„Der Mann, der ein so starkes und reines Herz betrogen und um Jugcndglück, Lebensfreude und Gesundheit gebracht hat, muß ein erbärmliches Subjekt gewesen sein !* sagte sich Doktor Meinharv voller Zorn. „Ist sie nicht eine Seltenheit in unserer Zeit, die die jungen Mädchen oft schon mit dem siebzehnten Jahr aller unbefangenen Frische beraubt und sie wie Zerrbilder erscheinen läßt? Wirkt es da nicht erquickend, einmal einer ganz ungebrochenen Natur zu begegnen, die sich mitten im Getriebe der großen Welt ihre volle Ursprünglichkeit, ihren gesunden Sinn, ihren klaren Verstand bewahrt hat, der, ohne im geringsten prunken zu wollen, ihrem ganzen Wesen den deutlichsten Stempel aufprägt?* Er ließ im Geist seine weiblichen Berliner Bekannten Revüe passiren, und e6 waren sehr hübsche Erscheinungen und kluge liebenswürdige Damen darunter! — er fand aber nicht eine, die er seiner
tigeren kennen, hat e8 Stanley so erleichtert, größere Ge- bietSerwerbungen zu machen.*
Fraustadt, 8. Nov. Bet der Stichwahl zum Reichstage wurde v. Rheinbaben (Reichspartei) mit 5595 St. gewählt; Klapowskt (Pole) erhielt 4961 Stimmen.
BreSliM, 7. Nov. (Stichwahl.) Ostkreis: Hasenclever mit 8499 Stimmen gewählt, Ditichlet 5833 Stimmen; Westkreis: Kräcker (Soz.) mit 8934 Stimmen gewählt, Friedländer erhielt bereit 7 376. Gewählt sind: In Brieg- Namslau: v. Hönika (deutsch-freis.), tn Löwenberg: Halberstadt (deutsch-freisinnig).
Niederbarutm, 8. Nov. Bei der Reichstagsstichwahl im Wahlkreise Niederbarnim wurden für Lehren (kons.) 9843 St., für Knörke (d.-freis.) 9550 St. abgegeben. Der erstere ist sonach gewählt.
Duisburg, 8. Nov. (Stichwahl.) Bisher Hammacher (nat.-lib.) 17 756, v. Schorlemer - Alst 13 755 Stimmen. Hammachers Wahl ist gesichert.
Solingen, 8. Nov. (Stichwahl.) Im Wahlbezirke Solingen ist Schumacher (Sozialist) gewählt.
Braunschweig, 7. Ott. Allmälig legt sich die Erregung im Lande Braunschweig, man beginnt sich mit der Sachlage abzufinden, welche durch den Tod deS Herzogs geschaffen worden ist. Die Mitglieder deS Regentschaftsrates, StaatSminister Graf Görtz-WriSberg und Kammer- prästdent von Veltheim, sind von ihrer Reise nach Berlin feit einigen Tagen zurückgekehrt, und zwar sehr befriedigt über die Audienzen bei dem Kaiser und dem Reichskanzler. Wird auch über daS Ergebnis dieser Audienzen strengstes Geheimnis gewahrt, so betrachtet man es doch als sicher, daß schwerwiegende Vorfälle in bezug auf die Erbfolgefrage in nächster Zeit nicht zu erwarten sind. Die Regierungsverwesung des Regentschaftsrats ist jetzt nach jeder Richtung hin gesichert und weitere Schritte von Bedeutung wird der RcgentschaftSrat nach seiner eigenen amtlichm Erklärung nicht unternehmen, ohne sich darüber vorher mit der Landesversammlung ins Einvernehmen zu setzen. Wenn unvorhergesehene Ereignisse eintreten, so kann der außerordentliche Landtag, der nur vertagt worden ist, sofort wieder zusammentreten, aber man glaubt kaum, daß daS notwendig sein wird. Man beschäftigt sich deshalb auch jetzt im Allgemeinen weniger mit der Zukunft des Landes; man hält die Möglichkeit einer Regierung deS Herzogs von Cumberland für vollständig abgethan, rechnet aber auch auf der anderen Seite ganz bestimmt darauf, daß bei endgültiger Regelung der Thronfolge die Selbstständigkeit des Landes, namentlich in finanzieller Beziehung, gewahrt werde. Viel mehr als die Erbfolgefrage wird noch immer das Testament des Herzogs und die Frage deS Eigentums der MuseumS- schätze, der Kammergüter (Domänen) u. s. w. erörtert. Diese Eigentumsfragen können allerdings noch zu großen Verwicklungen Anlaß geben, und man begreift kaum, warum nicht bei Lebzeiten des Herzogs eine Regelung verfucht
Freundin hätte an die Seite stellen können. Frellich hatte er Elsa wirklich kennen lernen können, eine Gunst, die das Schicksal heutzutage wenigen gönnt, den meisten wird die Sache, Namentlich in unferm vielfach in Rücksichten und SchicktichkeitSnüanzen zugefpickten Gefellfchastsleben, derartig erschwert, daß viele entmutigt von ihrem Vorhaben Abstand nehmen. Albrecht und Elsa aber hatten rasch daS Sympathische und Verwandte in ihren Naturen erkannt, sie fühlten sich von einander angezogen und waren sich in diefen drei Wochen näher getreten, als den Herren und Damen, die sie in der Heimat seit Jahren kannten.
Nachdenklich schlürfte Doktor Meinhard seinen Morgenkaffee und fixierte dann und wann mit etwas bangen Blicken die GlaSthür, durch die seine Freundin inS Freie treten sollte. Als es jetzt geschah, beschäftigte er sich angelegentlich mit seiner Zigarre, die durchaus nicht brennen wollte, weshalb et den Blick hartnäckig gesenkt hielt.
„Guten Morgen, vielmehr buon giorno, amico mio!" sagte Else'S angenehme Stimme, und er, der nun notgedrungen aufsehen mußte, fühlte seine ganze Befangenhei schwinden, angesichts ihrer klaren Augen und ihrer völlig gleichmütigen Miene. „Haben Sie schon Kaffee für mich bestellt? Ja? DaS ist schön, Sie wissen immer, was zu meinem Frieden dient! — Jetzt wollen Sie fragen, wie mir die Aufregung von gestern bekommen ist und wagen es doch nicht recht, weil Sie nicht wissen, ob ich darüber sprechen will! Nicht wahr, ich habe recht gesehen? Ich laS es Ihnen förmlich ans den Augen ab. Wie gut ich Sie schon kenne!* — Albrecht lächelte Sie an.
(Fortsetzung folgt.)