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3Rac6utg, Sonntag, 9. November 1884.

XIX. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Franlfurt a M., Ham­burg, Magdeburg u. Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a.M., Berlin, München und Adln: G. L Daube und Co. in Franlfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frantsurt a.M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin; Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. ThieneS in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „ZllustrtrteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2'/. Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) - Jnsertionsgebüdr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Reklamen die Zeile 25 Pfg. Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

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Zur Beurteilung der Sozialdemokratie.

Die Ergebnisse der eben vollendeten Reichstagswahlen, bei welchen ote Sozialdemokraten eine große Rührigkeit entwickelt und manche Erfolge errungen haben, machen eö für jeden Freund unseres Vaterlandes wünschenswert, genau zu erfahren, wie diese Partei entstanden ist, welche Ziele sie verfolgt und auf welchem Weg sie dieselben zu erreichen hofft. Diesem Bedürfnis sollen die folgenden Mittellungen entgegenkommen, welche sich auf eine von Dr. Zacher verfaßte Schrift stützen, die den Titel führt: „Die rote Internationale". Berlin. Beffersche Buchhandlung. 1884." und au« Urkunden eingehenden Bericht erstattet.

Als Begründer der Sozialdemokratie darf Karl Marx aus Trier gelten, welcher im Jahr 1848 ein „kom­munistisches Manifest" veröffentlichte. In diesem empfahl er als einziges Rettungsmittel aus der bedrängten Lage der Arbeiter, daß die bestehenden EtgentumSverhält- niffe umgestürzt würden und alles Eigentum künftig nur der gesamten Bevölkerung eines Landes zugehöre. Alle Glieder eines Volkes sollten Arbeiter im Dienst der Ge- samthrit werden und für ihre Arbeit den entsprechenden Lohn erhalten. Hiernach müßte also eine Zentralgewalt bestellt werden, welche jedem einzelnen eine bestimmte Thä- tigkeit anwiese, alles, was von den einzelnen erworben würde, für die allgemeine Kaffe vereinnahmt, und diese den Lohn für die Arbeiter zahle. ES soll an Stelle der bisherigen Klaffen - Unterschiede eine Assoziation ge­schaffen werden, „worin die freie Entwickelung eines jeden die Bedingung für die freie Entwickelung aller wäre". Was für eine Freiheit daS sein würde, wenn jeder auf die Wahl deS Berufs und der damit verbundenen Lebensweise verzichten und sich der Entscheidung der Zentralgewalt un­bedingt fügen müßte, hat Marx nicht ausgesührt, vielleicht auch nicht erwogen.

Dieses für die Verhältnisse aller Völker geltende Mani­fest hat Ferdinand Lassalle auS Breslau für Deutsch« land zur Ausführung zu bringen gesucht. Im Mai 1863 stiftete er einen „allgemeinen Deutschen Arbeiterverein", welcher auf friedlichem und gesetzlichem Wege, insbesondere durch Gewinnen der öffentlichen Meinung die oben genannten Ansichten in Deutschland durchführen sollte. Doch sein 1864 im Duell erfolgter Tod und die geringen Erfolge der von ihm empfohlenen friedlich n und auf Deutschland beschränkten Richtung bewirkten, daß die Anhänger von Mmx einen anderen Weg cinschluzen. Unter der Führung von Bebel auö Köln und Liebknecht au« Gießen schloffen sie sich an die im September 1864 zu London begründete „Internationale" an, d. h. an einen Verein, der die Arbeiter aller Rationen umfaffen und mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln die Gleichmachung aller Ver- hältniffc (Kommunismus) durchzuführen bestimmt war. Sie begründeten demgemäß aus einem zu Eisenach am 7. August 1869 abgehaltenen Kongreß den deutschen Zweig

der internationalen sozialdemokratischen Arbeiterpartei und erzielten durch die rastlose Thätigkeit für Ausbreitung ihrer Bestrebungen solchen Erfolg, daß die Partei 1877 41 Partei- blätter und für diese 150000 Abonnenten zählte, daß ste für ihre Zwecke über eine Summe von 400000 Mk. ver­fügte und daß ihr die Wahl von 9 Reichstagsabgeordneten gelang.

Nachdem im Jahr 1878 mit Rücksicht auf die Atten­tate von Hödel und Nobiltng das Gesetz vom 22. Oktober 1878 gegen die gemeingefährlichen Ausschreitungen der Sozialdemokraten ergangen war, verhielten sich diese eine Zeillang sehr ruhig, vermutlich in der Hoffnung, die öffent­liche Aufmerksamkeit von ihren Bestrebungen abzulenken und so die baldige Aufhebung des Gesetzes herbeizuführen. Als aber statt deffen die Geltung des Gesetzes im Früh­jahr 1880 verlängert worden war, wurde von den Sozial- Demokraten zur Förderung ihrer Bestrebungen ein Kon­greß nach dem Schloß Wyden, in dem schweizerischen Kanton Zürich, berufen. Hier verwarf man zwar die von Most und Haffelmann, den Häuptern der sogenannten Anarchisten, gestellte Forderung, daß man sofort mit dem Umsturz alles Bestehenden und mit der sogenannten Dynamit-Revolution beginnen solle, jedoch beschloß man, daß man eifriger als bisher fortfahren solle, die bestehende gesetzliche Ordnung zu untergraben. Dies geht aus dem nach der Ver­sammlung im August 1880 an die GeflnnungS - Genossen erlaffenen Manifest deutlich hervor. In demselben heißt eS nämlich wörtlich: „Die Beratungen zu Wyden werden Euch überzeugen, daS die Deutsche Sozialdemokratie, un­gebeugt von den Verfolgungen einer infamen Regierung und einer nicht minder infamen Bourgeoisie und ihnen zum Trotz, die alte geblieben ist, die alte, wie an Umfang und Einfluß, so auch an Prinzipientreue und revolu­tionärer Thatkraft." Ferner: „Als Vertreter der Partei in der Presse, kurz als offizielles Parteiblatt, wurde der bis dahin provisorisch als solches wirkende „Soztal- Demokrat" in Zürich erklärt."

Soviel aus dem Manifest. Ueber die Art, in welcher die Sozial - Demokraten zu revolutionieren gedenken, gtebt der als Parteiblatt förmlich anempfohlene Sozialdemokrat näheren Aufschluß. In diesem Blatt heißt es in Nr. 21 vom 25. Mat 1880 unter der Ueberschrift: Sozialdemo­kratie und Christentum wör lich folgendermaßen: „Es ist einmal nicht anders und darum muß es offen ausgesprochen werden: DaS Christentum ist der ärgste Feind der Sozial- Demokratie. . . . Wie eine so blödsinnige Religion, wie das Christentum ist, überhaupt nur bet der gänzlichen Ver­kommenheit der Menschheit vor 2000 Jahren Wurzel schlagen und sich auöbreiten konnte, so hat e« seither auch immer mehr dahin gestrebt, Not und Elend nicht etwa auö der Welt zu schaffen, sondern dieselben für seine Zwecke und zum Deckmantel für seine sonstigen Sünden und Ver­brechen auszunutzen."

Wie hat sich nun die Deutsche Soztal-Demokratie gegen­über dem Allerhöchsten Erlaß vom 17. November 1881, in welchem Seine Majestät der Kaiser mehrere Gesetzvorlagen, welche zur positiven Förderung des Wohls der Arbeiter dienen sollten, ankündtgte, seither verhalten? In einer zu Dresden im Dezember 1881 abgehaltenen Konferenz be­schlossen die Häupter der Partei den StaatS-SozialiSmuS (d. h. die zur Förderung des ArbetterwohlS vorgelegten Gesetze) unbedingt von der Hand zu weisen, so lange er (der StaatSsozialismus) von Fürst Bismarck geleitet werde, und auf dem im Frühjahr 1883 zu Kopenhagen abge­haltenen internationalen Kongreß wurde einstimmig be- schloffen, „daß der Kongreß weder an die ehrlichen Absichten noch an die Fähigkeit der herrschenden Klaffen glaube, sondern der Ueberzeugung sei, daß die sogenannte Sozialreform nur als taktisches Mittel benutzt werden solle, um die Arbeiter vom wahren Wege abzulenken." Dementsprechend lautet eine Stelle in der Vorrede zu dem gedruckten offiziellen Kongreßprotokoll: „Wir sind eine revolutionäre Partei, unser Ziel ist ein revolutionäres, und wir geben uns über seine Durchführung auf parlamentarischem Wege keinen Illusionen hin." Außer demjenigen aber, was im offiziellen Protokoll ausgesprochen ist, wurde noch manche« beraten und beschloffen, waS nicht öffentlich mitgetellt wurde. Dahin gehört unter anderem, daß, um auch die ländliche Bevölkerung für die Sozial-Demokratte zu gewinnen, vorläufig jeder Angriff auf die Religion vermieden, vielmehr nur die politische und ökonomische Freiheit g predigt werden solle, weil die Religion dann von selbst über Bord fallen würde.

Dem obengenannten B'schluß über Sozialreform ent­sprechend haben dann auch die sozialdemokratischen ReichS- tagß Abgeordneten bet dem Zustandekommen der Gesetze zum Wohl der Arbeiter (Krankenk. ssen, Unfall Versicherung u. s. w.) sich gar nicht beteiligt, sondern haben im Gegenteil bei ihren Parteigenossen Mißtrauen und Abneigung gegen diese Gesetze zu erwecken gesucht. ES zeigt sich hier das auffallende Schauspiel, daß die Leute, welche stets die Not der Arbeiter im Munde führen und als unerträglich hin­stellen, bei allen Maßregeln zur Linderung der Not sich unthättg verhalten, ja es ungern sehen, wenn anders, als nach ihrem Sinn, geholfen wird.

Die mitgeteilten Thatfachen geben wohl genügenden Aufschluß darüber, waS t te Sozialdemokraten wollen, und wie sie es wollen; eS kann daher dem geneigten Leser getrost überlassen werden, waS für ein Urteil er sich über die Be­strebungen der Sozialdemokratie bilden will.

Deutsches Reich.

Berlin, 7. Nov. Der Kaiser machte nachmittags ein Spazierfahrt. — Der Etat der Reichsschuld pro 1885/86 weist Ausgaben im Betrage von 17102500 Mk. auf, da­von für Verzinsung 16500000 Mk. Durch Anleihe find pro 1885/86 aufzubringen 49324996 Mk. — Der gestrigen

u DerWegzumHerze«.

Novelle von Beruh. Frei.

„Sieht eS nicht schön aus?" fragte Meinhardt.

„Ja, — schön und unheilvoll! Ich habe bei Gewittern stet» eine dumpfe Schwere in den Gliedern — da« muß sich aber überwinden laffen, ich bin ja fast schon gesund l"

„DaS Spielen wird Ihnen jetzt nicht zuträglich fein, — laffen wir eß lieber!"

„Nun, das muß ich sagen, Doktor, Sie sind wunder­lich! Zuerst enkouragieren Sie mich, und dann sagen Sie, ich sollte es lieber laffen!"

„Ich habe gesagt, ich liebte Musik!"

„Da« ist eS ja eben, — baß hat mir Mut gemacht. Nun also I Wir muffen um daß Hotel herumgehen, um be­quem in mein Zimmer zu kommen. Reichen sie wir den schwarzen Spitzenshawl, auf daß ich mich vor Ihren Augen in Ihren gepriesen n Defreggerschen Sladienkopf verwandle, und jetzt — andlamo!"

Elsu's Zimmer lag, wie schon bemerkt, in einem Seiten­flügel eine Truppe hoch. Die drei Fenster beß hohen, freundlichen Gemach«, an welches sich ein Schlaskabinet schloß, gewährten einen schönen, weiten Blick aus Wald und Fluren. Da« Piano stand inmitten des Zimmer«, eß war ein Instrument von angenehmem Ton und mittlerer Güte, kein Steinway, wie daheim in Bremen I" wie Elsa mit einem Seufzer sagte.

„Was wollen Sie, daß ich spielm soll?" fragte sie, ihm seitwärts einen Seffel auweisend.

„Wenn ich bestimmen darf, dann laffen Sie eö etn

ChopinscheS Notturno fein, — ich liebe sie unbeschreiblich! Kennen Ste das herrliche in C-moll ?"

Elsa preßte die Lippen zusammen.

„Gerade das? — Ich kenne eß und spiele eß, — aber darf eß nicht etwaß anders fein?"

Meinhardt mußte lachen.

„In manchen Punkten bleiben sich doch alle Damen gleich!" sagte er mit Humor. „Und auch Sie amica, die Perle aller jungen Mädchm, machen keine Ausnahme! Zuerst soll man wählen, und thut man eß, dann heißt eß grade baß? Und: kann eß nicht etwaß anberß sein?"

Er konnte nicht sehen, wie eß um ihre Lippen zuckte und wie auffallend bleich sie geworden war, während sie vor sich hinmurmelte: „Ich weiß, warum ich eß sagte!" Sie warf die Noten, de auf dem Klavier umhcrlogen, achtlos beiseite und schlug den Deckel auf; bann setzte ste sich rasch vor bas geöffnete Piano, und gleich baraus zog in hallenden Tönen die leidenschaftliche Klage de« gewünschten Nottumo's durch da« Zimmer.

Albrecht hatte die Stirn in die Hand gestützt, er hatte die Spielerin, Ort und Zeit vergessen; feine Gedanken waren weitab von seiner „amica“, Elsa Dornbach, . . . . er hätte wohl selbst später nicht genau anzugcbm vermocht, wa« alles er während dieses Spiels empfunden. Er wußte nur, daß die Tiefen seiner Seele erschüttert und erregt wurden, wie seit lange nicht, — daß jedes Sehnsuchts­und Schmerzgefühl, da« er je gehabt, Wachgerufen wurde in ihm, greifbare Gestalt annahm und ihn mit klagenden Augen ansah, — daß alles, waß er je besessen und un­wiederbringlich verloren, wetnenb zu ihm zu sprechen schien, daß er sich unglaublich verarmt und unglücklich vorkam,

und über dem allen eine schmerzlich triumphierende Wonne! Du hast eß gehabt, Du hast eß besessen, daß reichste Glück! Eß ist Dein gewesen,--aber Du hast eß verloren, —

verloren! --

Dann, gegen den Schluß hin, kam ihm zum ersten Mal der Gedanke: daß ist ja Elsa, die da spielt, — die so spielt, der die intensivste Leidenschaft so unmittelbar vom Herzen in die Hänve strömt, daß der Zuhörer willenloß mitgeriffen wird in den Strudel. Also doch Leidenschaft! Und welche!---

Er war nicht im Stande zu sprechen, alß sie aufstand, — nur ihre Hand wollte er küssen — zum ersten Mall — und dann gehen. Aber als ste sich umwandte, erschrak er. — Wie um zehn Jahre gealtert, blaß, wie eine Tobte, breite Schatten unter den Augen, die Zähne leise «nein« andecschlagend, wie im Fieberfrost, so stand ste vor ihm. Ihr Blick war so unnatürlich starr, daß er ihm in die Seele schnitt.

„Um Gotteswillen, — — — — Sie hätten nicht spielen sollen! Wa« ist Ihnen geschehen?" tief er angstvoll und faßte ihre eiskalte Rechte in seine beiden Hände.

Nock immer sah sie ihn mit demselben starren Blick inß Gesicht, ohne zu sprechen, so daß er leise den Arm um ste legte, da er eine plötzliche Ohnmacht befürchtete.

,E« war nichts alß eine Erinnerung! sagte sie endlich tonlos.

„Ich hatte guten Grund zu sagen: „gerade baß!" Denn dieses Notturno habe ich zuletzt gespielt, alß" . . .

Ste hielt tone und sah sich mit einem hilflosen Blick im Zimmer um, wie ein ängstliches Kind.

(Fortsetzung folgte