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Marburg, Sonnabend, 8. November 1884.
XIX. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undBogler in Frankfurt a M., Hamburg, Magdeburg u. Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a.M., Berlin, München und Mn; G- L- Daube und Co. in Frankfurt a- M., Berlin, Hannover u. Paris.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux
Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M-; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Invalidendank in Berlin; Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jlluftrirtes Sonntagsblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2*/* Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
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Deutsches Reich.
Berlin, 6. Nov. Der Kaiser nahm vormittags die regelmäßigen Vorträge und Meldungen entgegen, empfing dann den Besuch des Kronprinzen, arbeitete später mehrere Stunden allein und empfing um 2 Uhr den Herzog von Sachsen - Altenburg und dann den Geheimen Hofrat Bork zum Vortrage. Das Befinden des Kaisers ist durchaus zufriedenstellend; der Kaiser empfindet an der kontustonicrten Stelle nur noch gelinde Schmerzen. — Die Arbeiten des Staatsratö nehmen einen raschen Fortgang. Der Kronprinz hat allen Abteilungsfitzungen bis jetzt beigewohnt; die Absicht desselben, noch einmal nach Tirol zur Frau Kronprinzessin zurückzukehren, gilt jetzt als aufgegeben. — Die soeben dem Bundesrat zugezangene Uebersicht über die Einnahmen un? Ausgaben des Reichs pro 1883/84 ergiebt: Gesamteinnahme 606118693 Mark, Ausgabe 587251758 Mk., bleibt Bestand 18 866935 Mark; da aber die Etnnahmereste 56028686 Mk., die Ausgabereste 76800940 Mk. betragen, so ergiebt sich bet Vergleichung der rechnungsmäßigen Solleinnahme mit der rechnungsmäßigen Sollausgabe ein Fehlbetrag von 1905 318 Mark. Die zu genehmigenden Etatsüberschreitungen bezw. außeretatsmäßigen Ausgaben betragen 16 541825 Mk. — Im Etat für die Verwaltung der Kaiser!. Marine pro 1885/86 stellen sich die dauernden Ausgaben auf 34809847 Mk., wovon künftig 1755239 Mk. fortfallen. Das find 7598960 Mk. mehr als im Vorjahre. Die einmaligen Ausgaben find aus 7 639 400 Mk. veranschlagt, was ein Weniger von 21276500 Mk. gegen das Vorjahr ergiebt. Es muß hierbei allerdings in betracht gezogen werden, daß unter den einmaligen Ausgaben des vorigen Jahres die Anschaffung von 70 Torpedobooten nebst der dazu gehörigen artilleristischen und Torpedoarmierung und sonstige Neuanschaffungen im Betrage von 18 790000 Mk. als Nachtragsetat pro 1884/85 auf Beschluß des Reichs« tages eingestellt worden sind. — Der Etat des Reichsamts des Innern pro 1885/86 weist an Einnahmen 1436093 Mk. gegen 1383633 Mk. pro 1884/85 auf. Der größte Teil des Mehr im Betrage von 150000 Mk. entfällt auf die Gebühreneinnahmen des Reichs-Patentamts, welche mit 1395307 Mk. gegen 1245307 Mk. des Vor« jahreS angesetzt find. Die fortdauernden Ausgaben beziffern sich auf 3191021 Mk. gegen 2990753 Mk. im Ansatz pro 1884/85. Die einmaligen Ausgaben sind auf 1335 600 Mk. gegen 2208975 Mk. deS Vorjahres ver« anschlagt. Das Weniger entfällt zum großen Teile auf den Titel; „Errichtung des Reichstagsgebäudes", welcher pro 1884/85 mit 2000000, pro 1885/86 aber nur mit 1000000 Mk. angefetzt ist. Dagegen ist der Titel „Beihülfe zur Förderung der auf Ecfchließung ZentralafrikaS und anderer Länder gerichteten Bestrebungen" mit 150000 Mark, das sind 50000 Mk. mehr als im Vorjahre an« gefetzt; ferner ist der Titel „Erweiterung deS fog. <Sü?»
Was dem Kantor Jonatha« vlaumichel auf dem Wettzenstetn begegnet ist.
Eine Vision.
Kantor Jonathan Blaumichel war die Zierde seiner Be- rufSgenoffen, und niemand wußte das besser, als er selbst. Er nahm mit der liebenswürdigsten Miene von der Welt und doch mit der Würde eines Perserkönigs die Tribute des Zehntens vom Schweine« und Gänseschlachten in Empfang, und hatte mit wahrhafter Virtuosität die Wirkungen der verschiedenen harten und schmiegsamen Baumretsec an seinen wilden Bauernjungen studiert. Daneben war er ein eifriger Forscher der Lokalgeschichte und dazu Präsident deS Alter- lumsvereins in seinem Dorfe. Nichts konnte ihn mehr in Aufregung bringen als alte Steinmetzzeichen, ehrwürdige Bierkrüge aus der guten, alten Zeit, die noch volles Maß schenkte, und — Ausgrabungen. So war eS denn eben nicht zu verwundern, daß der biedere Blaumichel auf die Nachricht hin, daß man auf dem W-ißenstein Mauerreste entdeckt habe, sich eines Sonnabend Nachmittag« eilig dorthin aufgemacht hatte. Dort saß er nun in den Gräben die Brille auf der Stirn und untersuchte gewiffenhaft und mit kritischem Auge das Gestein; „Ja, ja", murmelte er, indem er sich aufrichtete und mit dem rotkarrierten Sacktuch die angelaufene Brille abwischte, „da ist kein Zweifel mehr, das sind veritabele Mauern aus dem 13. Jahrhundert, so wahr ich Jonathan Blaumichel Heißei Aber ob sie Sstve spinnen werden beim weiteren Ausgraben, ob — so zu sagen — was finden werden", nickte er mit überlegenem Lächeln vor sich hin, „das steht auf einem anderen Brette. Jetzt wollen wir uns zunächst ein Plätzchen ausjuchen und sehen, was Papa Rommel zu der Sache sagt."
baueö des AnstaltSgebäudcs des germanischen Museums in Nürnberg" in der 3, Rate mit 100000 Mk. gegen 25 000 Mark des Vorjahres angeseht. Ebenso befindet sich ein Titel „Zur wissenschaftlichen Bearbeitung des ErgebniffeS der deutschen Polarforschungen" mit 38 000 Mk. unter den einmaligen Ausgaben. — Der Marineetat weist keineswegs jene bedeutenden Mehrforderungen auf, die in Aussicht standen; er ergiebt an Einnahme 438250 Mk. und an fortdauernden Ausgaben 34309847 Mk., um 7 598 960 Mk. mehr als pro 1884/85; einmalige Ausgaben weist derselbe auf 7639400 Mk., um 21276500 Mk. weniger als im Vorjahr. — Für Westafrika wird ein Kanonenboot 2. Klasse in Dienst zu stellen beabsichtigt. — Als frühester Termin, an welchem der Reichstag zusammentreten kann, hat der 20. November zu gelter. Die letzten Stichwahlen finden nämlich erst am 15. November statt. Vier Tage später wird das Wahlresultat, entsprechend dem Reichswahlgesetze, amtlich verkündigt. Erst am 19. November abends also ist die Zusammensetzung deS Reichstags offiziell bekannt und feststehend. Eine Eröffnung der Session vor diesem Termine ist also nicht zu erwarten, weil überhaupt nicht zulässig. — Die für die dem Ressort des Ministeriums deS Innern unterstehenden Gefängnisse erlassenen Anordnungen stehen, soweit es sich um Untersuchungsgefangene handelt, in mehrfacher Hinsicht nicht mehr in Uebereinstimmung mit den jetzt geltenden gesetzlichen und allgemeinen reglementarischen Bestimmungen. Der Minister deS Innern hat deshalb im Anschluffe an die Vorschriften des Reglements für die Gefängnisse der Justizverwaltung vom 16. März 1881 eine Reihe von Bestimmungen aufgestellt, welche bei der Behandlung von Untersuchungsgefangenen in den Gesängniffen seines Refforts in Anwendung zu bringen sind. Aus denselben ist hervorzuheben, daß die UntersnchungSgefangenen möglichst in gesonderten Räumen untergebracht werden sollen. Was die Disziplinarstrafen betrifft, so sind körperliche Züchtigung und Lattenstrafen ganz ausgeschlossen, Fesselung, Zwangsstuhl und Zwangsjacke nur zur augenblicklichen Sicherung und Bändigung gestattet. Wenn der Gefängnisvorsteher die Anwen.ung des strengen Arrestes für geboten erachtet, muß vor der Vollstreckung eine Erhebung durch schriftliche Vernehmung des Angeschuldigten und der Zeugen stattfinden, auch der Anstaltsarzt darüber gehört werden, ob der körperliche Zustand des Gefangenen die Vollstreckung des strengen Arrestes zuläßt. Letzterer besteht in einsamer Einsperrung mit oder ohne Aufgabe einer Arbeit bis auf die Dauer eines Monats und kann durch zeitweilige Entziehung des BettlagerS, durch Verdunkelung der Arrestzelle und Kostschmälerung verschärft werden. J.de Verhängung einer Disziplinarstrafe soll In ein „Strafbuch" eingetragen werden. Die Erlaubnis zur Annahme von Besuch hat der Richter zu erteilen; in der Regel soll der Untersuchungsgefangene nur einmal im Monate Besuch empfangen, und zwar im Sprechzimmer
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Blaumichel war immer praktisch, er hatte sich den betreffenden Band von Rommel für seine Exkursion mitgenommen; er breitete sorgfältig das Sacktuch über einen Stein unter einer blätterreichen Jungeiche, um die Hose zu schonen, und begann seine Lektüre. Wahrhaftig da stands haarklein beschrieben auf Seite 346, wie die Bauern von Wehrda im Jahre 1249 unter der List des Schwerttanzes die Burg Weißenstein erobert und die räuberischen Bewobner nieder- gemacht hätten; eS war dem Kantor mit einem Male sonnenklar, daß jenes unerklärbare Mauerdreieck nichts anders sein konnte, als eine bisher unbekannt gebliebene Hauptmaxime des frühromanischen Baustils. Welche Perspektive eröffnete ihm diese Entdeckung, sinnend barg er sein geistreiches Haupt in beide Hände. Als er wieder o ui schaute, war er nicht wenig verwundert, die imposante Gestalt einer schönen Jungfrau, die ihm holdselig zulächelte, vor sich zu sehen.
„El der Tausend nicht noch einmal", schnellte Blaumichel in die Höhe, „wie kommen Sie denn hierher, mein hochverehrtes Fräulein?" Er machte einen Bückling, daß der Oberkörper in den rechten Winkel zu den Beinen kam und die langen Arme den Boden berührten.
„O," nickte die Angcredete, „ich bin eben hier zu Hausei" „Hier oben auf oem Weiß nsteln?" frug der Kantor verwundert und fuhr sich mit der Hand unter den Hut.
„Ja versteht sich!" lachte die Jungfrau; „ich wohne feit undenklichen Zeiten hier oben mit meinem alten Vater. Seht Ihr dort die Thür, das ist der Zugang zu unserer Wohnung!"
Wahrhaftig, da war eine alte moosbewachsene Thür am Abhänge; Jonathan Blaumichel hätte sich vor den Kopf schlagen mögen, daß er sie nicht früher entdeckt hatte, und
oder einem anderen dazu bestimmten Geschäftsräume im Beisein des Richters ober eines von diesem dazu beauftragten Beamten. Dem Richter steht in gleicher Weise die Aufsicht über die Korrespondenz des Untersuchungsgefangenen zu. Derselbe soll in der Regel alle vier Wochen einen Brief empfangen und absenden dürfen. Jm Uebrigen sollen die Untersuchungsgefangenen mit steter Berücksichtigung deS Umstandes zu behandeln sein, daß ihre Schuld noch nicht feststeht. Fesseln können denselben nur angelegt werden, wenn es wegen besonderer Gesährlichkeit der Person, namentlich zur Sicherung Anderer erforderlich erscheint, oder wenn der Gefangene einen SelbstentleibungSversuch gemacht oder vorbereitet Hot. UntersuchungSgefangene können nicht zur Arbeit gezwungen werden. Die freiwillige Beteiligung bei den in der Anstalt eingeführten Arbeiten kann ihnen jedoch mit Genehmigung des Richters gestattet werden. Eigene Kleidung ist ihnen zu belasten, sofern dieselbe ausreichend, reinlich und ordentlich ist. Auf Verlangen dürfen sie für ihre eigenen Beköstigung sorgen, doch darf dieselbe nur von dem zur Beschaffung derselben vom GesängniS- vorstande ermächtigten Speisewirte verabfolgt werden und die Grenzen eines mäßigen Genustes nicht übersteigen. Die Verabreichung von Branntwein ist gänzlich untersagt; auch kann die Erlaubnis zur Selbstbeköstigung im Falle deS Mißbrauchö wieder entzogen werden. — Der Verband deutscher Müller hat beim ReichSversichcrungSamt den Antrag eingebracht auf Berufung einer Generalversammlung behufs Bildung einer freiwilligen Berussgenostenschaft für die Mahl-, Reis- und Oelmühlen des ganzen deutschen Reiches. Unterstützt war dieser Antrag von 2599 Betriebsunternehmern mit 18045 versicherungspflichtigen Personen.
Hagen, 6. Nov. Die „Wests. Post" meldet: Eugen Richter zeigte dem Wahlkommistar die Annahme deS Hagener Reichstagsmandats an.
Dessau, 4. Nov. Der „Anhaltische Staats-Anzeiger" bringt folgende Erklärung: Den verschiedenen Zeitungen gegenüber, welche unsere Korrespondenz vom 28. d. Mts, die Regentschaft deS Herzogtums Braunschweig betreffend, ausgenommen und mehr oder weniger den amtlichen Charakter unsere« Blattes betont und zum Gegenstand der Erörterung gemacht haben, bemerken wir, daß die fragliche Korrespondenz im nichtamtlichen Teil unseres Blattes Aufnahme gefunden hat, weil sie nicht amtlichen Ursprungs, vielmehr uuS aus einer vertrauenswürdigen Berliner Privatquelle zugegangen ist.
Stuttgart, 5. Nov. Der „Staatsanzeiger für Württemberg" bringt auf Grund vorläufiger Berechnung eine Vergleichung des diesmaligen Wahlergebnisses mit dem des Jahres 1881 bezüglich der im ganzen Londe den Kandidaten der einzelnen Parteien zugefallenen Stimmen. Dieses Gesamtresultat der Wahlen stimmt mit demjenigen der einzelnen Wahlen überein. Dasselbe läßt einerseits eine entschiedene, wenn auchi nicht alle Erwartungen entsprechende
wo mußten denn nur die Gelehrten aus Marburg ihre Augen gehabt haben! „Und darf man wohl dahinein?" frug der Kantor schüchtern.
„Wenn Sie mich begleiten wollen, dann kommen Sie!" nickte die Dame, „mein Vater hört gerne Neuigkeiten von oben!" Sie klopfte an die Thür; nach einer Welle öffnete sich dieselbe, und ein kleiner Mann mit eisgrauem mächtigen Bart trat heraus. „Blick uns nur nicht so finster an", sagte sie zu dem ärgerlich Dreinschauenden, „eS ist ein Magister, ein Gelehrter, den ich dem Vater hinunterbringen will!"
Der Alte knurrte zwar etwas von „Hungerleider" und sah feindselig genug aus, ließ ihn aber eintreten; ein langer, schmaler Gang führte zu einer Halle, in deren mittlerer Wölbung eine mächtige Laterne angebracht war. „Herr, du meine Güte!" rief Blaumichel atemlos vor Erstaunen um sich schauend, „das ist ja —alles Romanisch! Wlffen Sie auch, meine Verehrteste", wandte er sich dann an seine Führerin, „wiffen Sie auch, daß Sie für einen solchen Stuhl, wie er da in der Ecke steht, 1000 Mark bekommen, das wäre ja eine brillante Aquisttlon sür den Hessischen Geschichtsverein I Alle Hagel noch einmal, alles, so zu sagen, romanisch, alles romanisch I"
„O, da werden Sie unten noch viel hübschere Sachen sehen, folgen Sie mir nur!" lachte die Jungfrau und schritt dem Kantor voran, eine halbduukele Treppe hinab. Allmählich wurde eS Heller, ste hörten Becherklirren und dazwischen derbe Baßstimmen. Blaumichel hielt seine Führerin ängstlich beim lang herabhängendeu Aermelzipsel fest und Süfierte leise: „Die da drinnen werden eS uns doch nicht bei nehmen, wenn — wenn wir, so zu sagen, störend"