Einzelbild herunterladen
 

XIX. Jah'Mllg.

Marburg, Freilag, 7. November 1884,

Mr. *6»

tim«

Sunfd)

Parti

Wie

10

um I

8. 1

weichen müsse.

(Fortsetzung folgt.)

an,

vbr.i

, ttel. rteu itz 13 )errn

zSvoll man

>ch-W svorst daß

ach 1 ir bui Mögt t M Ich i , den mterbt

DerWegzamHerze«.

Novelle von Bernh. Frei.

'Onni »Vit« Kfe Act« thal. udr

on « eit«, iita8t

Vollblutfranzose bewäbrt. Seinem cäsaristischen Vorbilde folgend, hat er dieGendarmerie - Expeditionen" auf den Weltmeeren zwar etwas energischer betrieben; im übrigen aber stellte er seinen Freunden in der Kammer die Din.ie mit optimistischer Nonchalance dar und erklärte nebst Chal- lemel Lacour die Chinesen für eine Nation ohne kriegerische Aspirationen. Bei jeder neuen Krcditbewilligung wurde ein neuer Eklat in Szene gefetzt. Die Depeschen kamen immer genau zum Tage der betreffenden Sitzung an, und wenn Tonktngkredite auf der Tagesordnung bevorstandcn, war das Publikum auch auf neue Nachrichten vom Kriegs» fchauplatz gespannt. Zum T'il entspricht ja diese homöo­pathische Behandlung einer ernsten Krisis der parlamen­tarischen Natur. Ferry findet sich mit derselben desto leichter zurecht, weil ste mit feinen eigenen Anlagen übereinstimmt. Er scheint nicht der Mann zu sein, der sich mit großartigen Auffassungen herumträgt, um diesen mit aller Anstrengung seiner Kräfte und Mittel Gestalt und Leben zu verleihen. Dagegen benutzt er große Ideen, welche in den Köpfen seiner genialen Vorgänger herumspukten, um an ihnen Ge­legenheit zu finden, feine RegierungSkunstmittelchen in An­wendung zu bringen. Wir glauben nicht, daß er davon träumt, in Hinterindien den Kernpunkt einer französisch- asiatischen Weltmacht zu etablieren, welche dem britischen Vorderindien den Rang ablaufen und den unsicheren Alliierten jenseits des Kanals zum französischen Grenznachbar machen würde. Jndeffen zu Aushilfmtttel benützt er gern die Strömung im Volke, welche über die Meere drängt. Wer würde stch nicht an der Idee begeistern, die 40000 Quadrat­meilen große hintcrindtsche Halbinsel unter französischer Herrschaft zu sehen. Die ganze Tragweite einer solchen kolonialen Ausdehnung vermag indessen ein vielköpfiges Parlament ebensowenig vorauSzusehen, als von dem Volke die Initiative verlangt werden kann, Mittel und Wege zu solchen Einverleibungen zu beschließen. Dazu gehört eben ein Führer, dessen Genius jenen unermeßlichen Wert der anzustrebenden Erfolge im voraus erkennt, welcher erst später von der so lange schwankenden Volksstimmung als vollbrachte Thatsache gepriesen wird.

In Gambetta mochten solche Konzeptionen zu finden gewesen sein. Ferry ist mehr realistisch angelegt und er erfaßt die Richtung seiner Zeit im streng opportunistischen Sinne. Sein Arbeiten mit halben Maßregeln entsprach so ganz der Stimmung in der Kammer und im Lande, mit welcher er durch Vermittlung seiner Fraktion, der Union Röpublicaine stets Fühlung behielt. Itzt hat sich das Spiel gewandt; die Lage dec Dinge fordert ganze Maß­regeln. Man will die Entscheidung herbeigeführt wiffen, uno wenn die Ueberraschungen, aus die man immer noch hofft, ausbleiben, bann wirb Ferry gezwungen sein, eine neue Phase seines Regierungsprinzips zu vollziehen. Aus dem Mann der expedients muß sich der Mann der großen Aktion entpuppen.

AlleS Mögliche wird zwar noch geschehen, um die Ent- scheidung hinzuhalten. Man zaudert, den MobilmachungS- plan anzutasten, zwar nicht entfernt aus Furcht vor deutschen JnvastonSplänen, wohl aber auö Furcht vor der öffentlichen Meinung. Regierung und Kammern haben zu oft geschworen, nicht einen Mann der Revanche-Armee zu entziehen, um in jedem Augenblick fertig zu sein. Jetzt fühlt man, wie lächerlich man stch mit diesem Liebäugeln mit dem Chauvinismus gemacht hat, den rin DöroulöseS, ein Anatole de la Forge oder Andrieux und die ganze Opposition der Rechten und Linken nun als Sturmbock gegen die Regierung gebrauchen. Dazu kommt die unan­genehme Stunde der Geldabrcchnung, die fatalen Budget- Debatten und die notgedrungene Konstatierung des Defi­zits und unerhörter Mißbräuche, die von Parteiregierung und parlamentarischem System unzertrennbar find. Auch ist die Jahreszeit mit ihren Meeresstürmen den Operationen vor Formosaö Küsten nicht günstig, und endlich munkelt man noch von einigen anderen Schwierigkeiten, die von dem Berichterstatter der Kommission als Staatsgeheimnis respektiert werden müssen.

Wie gewinnbringend auch in späteren Zeiten einmal die Rückwirkung des tonkinestschen Besitzes aus das Mutter­land sein mag, vorläufig werden noch viele Millionen in Anspruch genommen werden müffen, welche aufzubcingen dem durch fortschrittliche Finanzwirtschaft erschöpften Lande bitter schwer fallen wird. Auch Algier erwähnte man im Jahre 1830 erobert zu haben, und dennoch währte noch 17 Jahre hindurch der innere Krieg, der zur Kriegsschule der Armeen der Julimonarchie und des zweiten Kaiser­reichs gedient hatte. Wollte man auch in Tonking stch mit einer solchen occupation restreinte begnügen und vor­läufig nur das Delta besetzen, so würde der dortige Kriegs­zustand in ähnlicher Weise permanent werden.

Nicht nur die Angelegenheiten in Asien, sondern auch die auswärtige Politik im allgemeinen erfordert in diesem Augenblicke einen schneidigen Führer und einen glücklichen Scharfblick. Die Entscheidung über die tonkinestsche Frage füllt zusammen mit der Entscheidung über gewisse Reformen im Kolonisatioussystem überhaupt und über die internatio­nalen Beziehungen auf diesem Gebiete. Frankreichs Stellung­nahme im europäischen Konzert ist eine besonders günstige, weil cS in der Lage ist, seine zunächst bedrohten Jntereffen in Egypten und im Roten Meer alS identisch mit den­jenigen deS europäischen Festlandes anzuerkennen. ES darf deshalb der Unterstützung der Kabinette des letzteren sicher fein, und diese erzielte Uebereinstimmung wird sich auf die übrigen Kolonialfragen, also auch aus die tonkinesische Frage, erstrecken. Gelingt Ferry, diese günstige Position im Rate der Völker geschickt auszunutzen, so wird er nicht nur über die materiellen Schwierigkeiten triumphieren, sondern er würde auch das geschwundene Prestige Frank­reichs durch zeitgemäße Aktion mietet ausfrischen. Freilich

Ja, daS habe ich! Sie war so selbstlos, mütterlich warm und liebevoll, daß mir noch heute eigen zu Mute wird, wenn ich an sie denke I"

Erzählen Sie Ihrem Kinde oft von seiner Mutter?

Gewiß, uno mit dm Jahren soll das noch viel ausführlicher geschehen, jetzt muß ich noch gar zu sehr zu seinem kindlichen Begriffsvermögen hinuntersteigen l Ich erzähle ihm kleine Züge von ihr, beschreibe ste ihm, habe ich ste Ihnen schon beschrieben?"

Nein. Ich hätte Sie gern darum gebeten, fürchtete "ber, Ihnen damit wehe zu thun."

Ich spreche gern von ihr, zu jedem beliebigen Fremden freilich nicht, aber zu Ihnen, amica, kann es immer geschehen!"

Sie reichte ihm die Hand herüber, und er schüttelte ste herzlich.

Meine Paula Sie wiffen, daß ich den Jungen nach ihr genannt war blond, ihr Haar hatte einen stlbernen Farbenwn» ste hatte schöne, starke Flechten und fristrte stch sehr einfach, obgleich man vor fünf Jahren vielfach falsches Haar trug uns allerlei künstliche UJlittd auwenvete, um einen möglichst hohen Thurm auf dem Kopf zu tragen. Es war ungefähr Ihr Arrangement, nur saß der Haarknoteu nicht so tief im Nacken, wie bei Ihnen. Ihre Gestalt war ähnlich der Ihrigen, nur »oller, auch hatte ste lebhaftere Bewegungen als Ste, und gleichfalls diel natürliche Anmut. Weiß und rosig war ste wie eine Pstrfichblüte, und da« schönst« an ihr waren ihre grohef

mit China entstanden ist.

Die Geschichte der tonkingnestschen Expeditionen wäre ganz unverständlich, wenn man nicht den französischen Volks­charakter dabet in Erwägung zöge. Mit geringen Mitteln ungeheure Erfolge erzielen, das entspricht der psychologischen Beschaffenheit des Durchschnitts-Franzosen. So opferte man jahrelang Millionen von Franke und viele brave Svloaten, weil man KriegSzüge unternehmen ließ, die wegen Unzulänglichkeit der Streitkräfte von vornherein ihren Miß- erfolg hätten verbürgen müffen. Geringschätzung der Gegner, Gleichgültigkeit in dem VerwaltungSdetriebe, euphemistische Darstellung der Lage und Zustände und endlich jenes blinde Vertrauen aus Ueberraschungen, die von irgend einer Seite kommen könnten, um dem Gauge der Ereigniffe eine vor­teilhafte Wendung zu geben, das ist die Signatur der fran­zösischen Politik in O,r-Asten.

Ferry hat stch auch auf diesem Gebiete als moderner

blauen, kindlich klugen Augen, in denen ihre ganze Seele stch wieserspiegelte. Ich liebte es, daß ste sich elegant kleidete, und da sie daS wußte und selbst viel Geschmack besaß, bin ich in Gesellschaften oft um meine reizende Frau beneidet worden, deren sonniger Liebenswürdigkeit wohl Niemand widerstand. Mit sehr viel Witz und Schelmerei und einem raschen Verstände verband ste eine so große Herzensgüte, Klarheit des Urteils, da« nie hart und unge­recht aurstel, und praktischen Sinn, daß selbst ältere und erfahrene Menschen stch ihr gern unterordneten, was ste in ihrer Bescheidenheit nie einsehen wollte. Wie glück­lich ste mich machte, wie sie es verstand, mir unsere Häus­lichkeit lieb und schön zu gestalten, das kann ich Ihnen doch nicht schildern', und wenn ich stundenlang redete, dergleichen läßt stch nur empfinden!"

Er schwieg, und eS war ganz aus seiner Seele herauS- gefühlt, daß Elsa dies Schweigen mit keinem Wort deS Mitgefühls oder des Danks unterbrach, es lag ent­schieden etwas verwandtes in diesen beiden Naturen, und sie empfanden das gleichzeitig mit gewiffer Geuugthuung.

Sie sind so bleich, amica!" nahm er nach einer Weile wieder daS Wort.Fühlen Sie stch sehr angegriffen?"

Ich kann eS nicht leugnen, und ich weiß auch, woher eS kommt, eS ist das Gewitter, das ringS in der Luft und mir in ben Gliedern liegt."

So darf ich e» wohl gar nicht wagen, Sie an Ihr Versprechen zu erinnern?"

Welches Versprechen?"

Jtou Ihr Gedächtnis ist es nicht zum besten bestellt,

st wenn St« so rasch vergeff ru. Wiffen Sie gar nicht mehr,

eit«» Uhr Herr

irbul 40.

Ueberraschnngeu.

(Korrespondenz aus Paris.)

In wenigen Tagen wird die Tonkingkommtsston ihre Arbeiten vollendet haben und in der Plenarsitzung ihren Bericht erstatten lasten. Die Kammer und das Land werden dann alles über die augenblickliche Lage der französischen Streitkräfte in Ost-Asien und über den Stand der diplo­matischen Verhandlungen mit China oder einer Mediations­macht zu erfahren bekommen, was ihnen zu wisten gut ist. Denn die elf Mitglieder des Ausschusses haben trotz deS Widerstrebens der vier Radikalen über gewiste Punkte amt­liches Schweigen einzuhalten. ES bleibt abzuwarten, ob diese Diskretion in der Hitze der Debatte in ihren gezogenen Grenzen aufrecht erhalten bleiben wird. Jedermann will vor allen Dingen Klarheit In der Sache haben; aber eS ist schwer abzusehen, wie die Kommission und die Regierung die verlangte Klarheit über eine Verwickelung abgeben können, welche noch in der Schwebe ist und welche mit jedem neuen Tage von andern Gesichtspunkten aus umfaßt werden kann. I)urch die gesamte Preste zieht stch der eine Notschrei: En finirl DaS ist der brennende Wunsch des Landes und eS wird das Votum der Kammer sein. Man

1011 101

t 102 103 1011 103 104 102

68 78

99

102 99

59t 77 78

296 : 96

219* 120.

daß Sie erst gestern mir sreiwillig versprachen, mir heute zum ersten Mal etwas vorzuspielen?"

Ach so, ganz recht, ich erinnere mich jetzt!

Muß eS fein, amico?"

Wenn Sie stch nicht wohl sühlen und eS nicht gern thun,--nein!"

Sehen Sie, es kommt darauf an, was größer ist, meine Unlust, zu spielen, oder Ihre Lust zu hören l Haben Sie wirklich ein großes Jntereffe für Musik?"

Ein großes und ernstes! Meine Frau sang sehr hübsch ich habe viel vorzügliches In Berlin gehört und gestehe, daß gute Musik zu den Hauptgenüffen meines Daseins zählt!"

---Klangen seine guten und herzlichen Worte über seine verstorbenen Gattin noch in ihr nach, und war sie ihm dankbar, daß er so offen mit ihr auch über seines Herzens Bestes und Hetligstees sprach?--Sie staub

auf und nickte ihm freundlich zu:Kommen Sie!"

Sie thun stch keinen Zwang an meinetwegen?"

Elsa lachte.

Wenn ich eS thäte, geschähe eS mir schon recht, ich thue ja eigentlich immer nur das, was ich gerade mag!"

Sie wandte stch zum Gehen, aber Meinhardt hielt ihre Hand fest.

Sehen Sie dort!" sagte er.

Hebet dem Thüringer Wald türmte sich ein gewaltiges Wolkengebirge empor mit scharf gezackten Rändern, die in greller Beleuchtung strahlten, ein schwefelgelbes Leuchten ging von ihnen aus, und die Sonne schoß zornigrote Blitze darunter hervor, wie aus Groll, daß ste dem Unwetter

wirb der Regierung alles, waS an Geld und Menschen erforder­lich ist, bewilligen, aber man will das Ende dieses Abenteuer« sehen, das allzu große Dimensionen angenommen hat.

Es ist eine bekannte Eigentümlichkeit der französischen Nation, daß ste, sobald ein unter ihrer Verpflichtung vom Zaun gebrochenes kriegerisches Unternehmen eine bedroh­liche Wendung nimmt, nach FriedenSschluß schreit, dabei jedoch die Bedingungen desselben vorschreiben will. Im Jahre 1871 verlangte man den Frieden, aber natürlich ohne einen Fuß breit Landes ober einen Stein der Festungen opfern zu wollen. Heute tritt man ebenso ener­gisch für den sofortigen Frieden mit China aus; wehe aber derjenigen Regierung und denjenigen Deputierten, welche Tonking aufzugeben wagten, um deffen Besitz der Krieg

Erscheint täglich außer an den Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für bas Quartal mit der wöchentlichen BeilageZlluftrtrteS SonutagSblatt durch die Expedltwn (K 0 ch sche Buchdruckerei) bezogen 2/t Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (erd. Bestellgebühr.) - Jnserttonsgebühr für bte gespaltene Zelle 10 Pfg.

Reklamen die Zeile 25 Pfg. Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 2» Pfg. berechnet.

tl»zeigen nimmt entgegen: die Erpedrtion d. Blattes, «»wie d.Annoncen-Bureaux »on Saasenstein undVogler in Frankfurt a M., Ham- barg, Magdeburg u. Wien; ziudolf Moste in Frankfurt 0.M., Berlin, München und Mn; G. L Daube und go. m Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Anzeigen nimmt entgegen* die Expedition b. Blattes' sowie d.Annoncen-Äureaur Jägersche Buchhandlu.^ Irantfurt 0. M.; Hermanw scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendanl in Berlin; Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle W. Thienes in Elberfeld!

Uljl ag cht man wuh« der nig-

eil ii