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Marburg, Mittwoch, 29. Oktober 1884.
XIX. Jahrgang.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undBogler in Frankfurt a M., Hamburg, Magdeburg u. Wien; Rudolf Moste in Frankfurt a.M., Berlin, München und Mn: G- L Daube und tzo- in Frankfurt 0. M., Berlin, Hannover u. Paris.
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Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wSchentlichen Beilage „Jlluftrtrteü Sonntagsblatt" durch die Expedition (K 0 ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2'/« Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zelle 10 Pfg.
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VSU- Für die Monate November und Dezember nehmen auf bie
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Amtlicher Anzeiger
für die Kreise Marburg und Kirchhain unb
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In Marburg sind Bestellungen bei der Expedition zu machen.
Die Eröffnung der Sitznvgea des Staatsrats fand am 25. Oktober im König!. Schlöffe statt. Die hierzu eingeladenen Mitglieder hatten sich fast vollzählig eingefunden. Um 2 Uhr nachmittags versammelten sich dieselben im Elisabeth-Saale. Nachvem darauf der Reichskanzler Fürst von Bismarck unb die übrigen Mitglieber des Staats- Ministeriums eingetreten waren, erschien Se. Kaiserliche unb Königliche Hoheit ber Kronprinz, begleitet von Ihren Königlichen Hoheiten den Prinzen Friebrich Karl, Wilhelm uns Heinrich in der Versammlung und eröffnete diese durch folgende Ansprache;
Meine Herren Mitglieder des Staatsrats!
Se. Majestät der Kaiser unb König haben den Staatsrat nach langjähriger Unterbrechung seiner Thätigkeit wiebereinzuberufen und durch Allerhöchsten Erlaß vom 11. Juni b. I. Mich, Der Ich vor dreißig Jahren unter die Mitglieder desselben ausgenommen wurde, zum Präsidenten zu ernennen geruht.
Die Ausgaben, welche für den Staatsrat in Aussicht genommen sind, werben sich vorzugsweise auf dem Gebiet der Gesetzgebung bewegen. ES ist bie Absicht Sr. Majestät, Ihr Gutachten über Gesetzentwürfe, welche zur Einbringung in bin Landtag bestimmt sind, über Entwürfe zu Allerhöchsten Verordnungen, über Entwürfe zu Gesetzen unb Verorbnungen, welche von bet preußischen Regierung bei dem Bundesrat eingebracht werden, und über bie Abgabe der preußischen Stimmen im Bundesrat in Sachen der Reichsgesetzgebung zu erfordern, so oft die Bedeutung deS Gegenstandes dies angemeffen erscheinen läßt. Daneben haben Se. Majestät Sich Vorbehalten, auch Angelegenheiten aus dem Gebiete der Verwaltung dem Staatsrat zur Begutachtung zu überweisen.
Die Erledigung dieser Aufgaben wird in Ihre Hände gelegt, weil Se. Majestät das Vertrauen hegen, daß die von Ihnen in den verschiedensten Wirkungskreisen durch eigene Beruföthätigkeit gewonnenen Erfahrungen die Regierung Sr. Majestät des Königs bei den Vorarbeiten für
3 Der Weg z« m Herze«.
Novelle von Bernh. Frei.
Leicht ermüdet, wie sie war, setzte sie sich auf den mit» genommenen Plaio, den sie über eine Baumwurzel gebreitet hatte. Um sie her standen des Thüringer Walde« stolze Bewohner, breitästige Buchen und prachtvolle, ölte Linden, durch deren Gezweig die Sonne Goldpfelle schickte. Die großen, schönen Äugen de« Mädchens gingen langsam von Baum zu Baum, als grüße sie stumm die stummen Bekannten. Kein Laut unterbrach die tiefe Waldesstille, nicht einmal ein Windhauch rührte in den Blättern, — regungslos standen sie, wie traumbefangen; es war ein heißer Mitt- sommertag, eine jener Stunden, von denen die Allen sagten: Gott Pan schläft! —
Horch l Da begann auf einem der Bäume eine Schwarzdrossel ihr liebliches Lied; flötenwetch unterbrach e« die WalveSsttlle, und dazu machte sich ein leises Säuseln auf und ließ einen Augenblick die Blätter an den Bäumen tanzen.
In deS jungen Mädchens ernsten Augen war bei dem Liedchen de« kleinen Vogels ein weiches Träumen aufgewacht, — ihr Gesicht hatte einen schmerzlichen Zug bekommen, der eS total veränderte.
Das dauerte aber nicht lange; Elsa Dornbach war eine energische Natur, und sie hatte sich fest vorgenommen, sich keinen nutziosm Grübeleien hinzugeben. Alles, was sie rührte, was ihr das Herz bewegte unb sie der Vergangenheit gedenken liefe, wollte sie vermeiden, sie wollte den Schmerz nicht Herr werden laffen über sich, und ob wieder unb wieder In den Frauengemüt so besonders gefährliche Versuchung ste überkam, unterzutauchen In die Fluten traurig-süßer Erinnerung, — et half nichts unb änderte
die Gesetzgebung in einer den Jntereffen dcS gesamten Vaterlandes förderlichen Weise unterstützen und das Material vervollständigen werden, welches den Verhandlungen der gesetzgebenden Körper als Unterlage dient.
Damit dies Ziel erreicht werde, wollen Sie eS Sich angelegen fein laffen, die Gesetzentwürfe, ehe sie zur parlamentarischen Verhandlung gelangen, einer sorgfältigen Prüfung daraufhin zu unterziehen, ob sie den Bedürfnissen des Landes entsprechen, ob die Mittel, durch welche sie den letzteren gerecht zu werden suchen, unter den gegebenen Ver- hältniffen die angemeffenen unb erfolgverheißenben sind, unb ob bie praktische Durchführung der Grundsätze, auf welchen die Entwürfe beruhen, in solcher Weife geordnet ist, daß der Zweck deS Gesetzes so vollständig und mit so geringer Belästigung wie möglich erreicht werden kann. Neben diesen sachlichen Erwägungen wirb eS bem Staatsrat obliegen, die Redaktion der Entwürfe aufmerksam zu prüfen, damit dieselben nicht nur eine klare unb in sich widerspruchslose Faflung erhalten, sondern auch in ihrer Konstruktion dem System der bestehenden Gesetzgebung sich organisch anschließen.
Geehrte Herren, der Staatsrat hat in der Organisation, welche ihm durch die Allerhöchste Verordnung vom 20. März 1817 gegeben worden ist, während der ersten Periode seines Bestehens von 1817—1848 die gleichen Aufgaben zu lösen gehabt, welche gegenwärtig Ihnen übertragen werden. Er hat sich diesen Aufgaben stets mit voller Hingebung und mit einem Erfolge gewidmet, welcher seinen Arbeiten die Anerkennung des Königs und deS Landes erworben hat. Ich vertraue darauf, daß Sie Sich mit Mir in dem Bestreben vereinigen werden, dem neu berufenen Staatsrat durch pflichttreue, unbefangene und umsichtige Erledigung seiner Geschäfte dieselbe Anerkennung zu gewinnen, welche Ihren Vorgängern zu teil geworden ist.
Auf Allerhöchsten Befehl Sr. Majestät des Kaiser« und Königs erkläre Ich die Sitzungen des Staatsrats für eröffnet.
Durch Allerhöchste Erlaffe ist bem Staatsrat zunächst bie Begutachtung bet Entwürfe von Gesetzen wegen Erweiterung ber Unfallversicherung, wegen Subvention überseeischer Dampfschiffahrt unb wegen Errichtung von Post- Sparkaffen zugewlesen. Ich beabsichtige zunächst, den letzteren Ihrer Beratung zu unterstellen, unb ernenne zum Referenten für denselben den Staatssekretär des Reichs- Postamts, Wirklichen Geheimen Rat Stephan und zum Korreferenten den Staatssekretär des Reichs - Schatzamts, Wirklichen Geheimen Rat von Burcharb, und bestimme zur Teilnahme an ber Beratung bie Abteilungen für Angelegenheiten der inneren Verwaltung und für die Finanzen. Die Mitglieder dieser Abteilungen, denen die Vorlage inzwischen zugestellt werden wird, ersuche Ich, Sich am Mittwoch den 29. d. MtS. hier wieder zu versammeln.
nichts, darüber zu grämen, und zu grollen, und darum wollte sie eS laffen! — Ihr feines, etwas leidendes Gesichtchen wurde wieder kühl unb varnehm-gelaffen, sie hob baS Buch vom Rasen auf, legte eS auf ihre Knie unb las eifrig barin. —
Es war kein pikanter Roman der Neuzeit, auch keine ergreifende Tragödie, sondern eine italienische Grammatik, in der sie studierte, unb sie war gerade jetzt bei den unregelmäßigen Verben angekommen, die sich durchaus nicht so leicht lernen und verwerten ließen, wie der Anfang eS ihr verheißen hatte. —
Aber eben das wat ihr recht! Sie las sehr gern und würbe sich eigentlich mit weit mehr Vergnügen in einen hübschen deutschen, französtschen oder englischen Roman verliest haben, al« in die trockene Grammatik. Nur daß ste unmöglich wiffen konnte, ob ihr nicht in Romanen immer wieder, so oder so, ihre Lebensgeschichte vor die Seele geführt werden würde 1--Ob sich baS In Rede
stehende Paar „bekam* oder nicht — gleichviel — es war doch jedeSmal Hangen unv Bangen In schwebender Pein, Hoffen ober Entsagen, Suchen und Fliehen, mit einem Wort, das tausendmal variierte Thema ber Liebe, — unb bavon wollte sie jetzt nichts hören! Vorerst wünschte sie erst einmal, gesund zu werden, bann wollte sie sehen, ob e« für sie noch einmal im Leben etwas zu thun gab, benn ihr bestes Stück Leben schien ihr unweigerlich abgespielt zu sein. Es konnte ja aber sonst noch allerlei in der Welt für sie geben, Menschen unb Dinge, für die man sich interessierte, an deren man einen gewissen Anteil nahm, wern man sie auch nicht liebte, — eS kam nur auf den Versuch an, und ste bestrebte sich ehrlich und aus aller Kraft, ihn zu machen. Um ihren Geist zu schulen und abzuziehen
Nachdem sich darauf bie Versammlung in bett Thronsaal der Königin Elisabeth begeben hatte, nahm Se. Kaiserliche und Königliche Hoheit der Kronprinz die Vorstellung ber neu berufenen Mitglieder deS StaatSratS entgegen und richtete an jedes derselben einige Worte.
Die Feierlichkeit endete gegen 3 Uhr nachmittags.
Die Verteilung der Mitglieder in die sieben Abteilungen ist bereits erfolgt. ES gehören danach an:
I Der Abteilung für auswärtige Angelegenheiten und Kriegswesen: v. Albebyll, Dr. v. BvjanowSki, Dr. Busch, v. Caprivi, Dr. Gneist, v. Hänisch, Graf zu Limburg- Stimm, Freiherr v. Manteuffel, Graf v. Mvltke, Oehl- schläger, Dr. Pape, v. PhilipSbvrn, Dr. v. Ranke, Herzog v. Ratibor, Dr. Stephan, Graf v. Walbersee, Prinz August von Württemberg.
II. Der Abteilung für Landwirtschaft, Domänen- und Forstverwaltung: Dietze, Donner, Graf v. Frankenberg- LudwigSborf, Glatzel, Freiherr v. Hammerstein, Herzbrnch, v. Heyden, v. Köller, Marcard, Freiherr v. Minnigerode, Rötger, Dr. Freiherr v. Schorlemer-Alst.
III. Der Abteilung für die Justiz: v. Bennigfen, Dr. v. BojanowSki, de la Croix, Glatzel, Hamm, v. Helldorff, Homeyer, D. Kögel, Dr. Mejer, Meyer, Dr. Mommsen, Nebe-Pflugstädt, Dr. v. Schelling, Dr. WebSky, Graf von Zieten-Schwerin.
IV. Der Abteilung für die Finanzen: Graf v.Aruim- Boitzenburg, Dr. Becker, v. Born, v. Burchard, Burchhart, v. Dechend, Graf Henckel v. Donnersmarck, v. Jordan, Meinecke, v. Meviffen, Dr. Michelly, Freiherr v. Mimtige- rode, Dr. Miquel, v. Stünzner.
V. Der Abteilung für Handel und Gewerbe, öffentliche Bauten, Eisenbahnen unv Bergbau: Baare, v. Bennigsen, Freiherr v. Berlepsch, Brefeld, Dr. v. Dechen, Dr. Heim- socth, Leuschner, Dr. Miquel, v. Neufville, Dr. Schmoller, Schneider, Schwartzkopff, Dr. Websky, Graf v. Zedlitz- Trützschler.
VI Der Abteilung für geistliche, Unterrichts- und Medizinal - Angelegenheiten: Graf v. Arnim-Boitzenburg, D. Brückner, D. Büchse!, Droop, Dr. von Goßler, Dr. Heimloeth, Dr. Hermes, Dr. Koch, D. Kögel, D. Kopp, D. Krementz, Dr. LucanuS, Freiherr von Mastenbach, Dr. Mejer.
VII. Der Abteilung für Angelegenheiten der inneren Verwaltung: v. Bennigsen, Droop, Dr. Gneist, v. Hänisch, Hamm, v. Hartrott, Herrfurth, D. Krementz, v. Levetzow, Dr. Miquel, Persius, Schnitz, Stellmacher, Stubt, Dr. Sulzer, v. Wilamowitz-Möllenborff, v. Wilmowski.
Deutsches Reich.
Berit «, 27. Okt. Der Bundesrat hat heute den Antrag de« Reichskanzlers vom 23. Oktober, den von bem Braunschweiger Regentschaftsrate zu befteäenben Bevoll- ...... ■■ 0
von unerlaubten Nebenwegen, lernte Elsa Dornbach, — lernte eifrig unb aufmerksam, wie ein kleines Schulmädchen, daS sich fürchtet, von ihrer gestrengen Lehrerin gescholten zu werden. Handarbeiten thaten eS nicht, dabei konnte man denken und träumen nach Herzenslust, — darum wurden Vokabeln gelernt, seitenlange Übersetzungen gefertigt und schwierige Rechenexempel gelöst, dazu stundenlange Spaziergänge unternommen, die den Körper so müde machten, daß der Schlaf des Abend bald kam.
In Bremen hatte ste, trotz der nervenberuhigenden Mittel, stundenlang wach gelegen, mit wild schlagendem Herzen, eiskalten Händen und brennenden Augen, Esten und Trinken hatte sie angewidert, bas Treiben der Menschen in den Straßen sie unwohl und schwindlig gemacht, — Leute, bie ste zu besuchen tarnen, verursachten ihr Beklemmungen, zuweilen von Ohnmächten gefolgt, — ba hatte der Arzt ste in den Thüringer Walo geschickt. Ihre Mutter hatte sie begleitet, war aber durch eine Erkrankung des einzigen Sohnes nach Bremen zurückgerufm worden, .... der junge Mann, hatte ein gastrisch-nervöses Fieber und war bereits in der Befferung, bedurfte aber immerhin noch für längere Zeit sorgfältiger, aufmerksamer Pflege. Es war dem jungen Mädchen erwünscht, daS sie nun ganz allein war, — sie hatte ihre Mutter lieb und lebte angenehm und friedlich mit ihr, — aber ste hatte roch Rücksicht nehmen wüsten, ihr Leben nicht ganz nach willkürlichem Belieben gestalten können, und gerade danach verlangte ihre Seele. Run war ste frei, konnte kommen und gehen, wann eS ihr beliebte Niemand fragte nach ihr, war um sie besorgt, wollte ihr in ber besten Absicht allerlei aufnötigen, was sie nicht mochte,--ste blieb völlig sich selbst überlasten! —
(Fortsetzung folgt.)