Rr. «SM
Marburg, Dienstag, 28. Oktober 1884.
XIX. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: dir Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux »onHaasenstein undBoglcr in Frankfurt a M.. Hamburg, Magdeburgu.Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a.M., Berlin, München und Mn: G. L Daube und do- in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
bllWsche 3 ritnng
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt a.M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin; Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. ThicneS in Elberfeld.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jllustrtrte- Sonntagsblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2'/. Mark, durä» die Postämter der Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
Reklamen die Zeile 25 Pfg. Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
BST Für die Monate November und Dezember nehmen auf die
Öberhesfische Zeitung
nebst deren Beiblätter
Amtlicher Anzeiger
für die Kreise Marburg und Kirchhain
und
Illustrierte- GouutagSblatt
alle Postanstalten Bestellungen entgegen, aus dem Lande auch die Postboten.
In Marburg find Bestellungen bei der Expedition zu machen._______________________________________________
Au die Bauer«.
Für die Landwirtschaft find die ReichStagSwahlen von größter Wichtigkeit und in allen Dörfern sollten die Bauern darüber wachen, daß keiner aus Gleichgültigkeit oder Trägheit von der Wahlurne fern bleibt. Jede Stimme ist von größester Wichtigkeit, denn auö den vielen einzelnen werden die Stimmrnfummen, welche bei der Wahl den Ausschlag geben und eö darf keiner sagen: auf meine Stimme kommts nicht an, eö geht auch ohne mich, die Regierung liegt ja in guten Hän. en, der König wird das schon machen u.s.w. Leider finden sich solche faulen Ausreden oft gerade beiden bestgestnnten Leuten, während die Liberalen und Demokraten eifrig bet der Hand sind. Und daher kommt eS, daß so oft die Wahlen liberal ausfallen, obgleich das Volk konservativ denkt. Gegen diese Faulheit muß energisch angekämpst werden; die Leute müsien wisien und bedenken, daß die Wahl nicht bloß ein Recht, sondern auch eine Pflicht gegen den Staat ist, so gut wie die Pflicht Steuer zu zahlen, den Staat zu verteidigen; denn von der Wahl hängt die Zusammensetzung des Reichstags und von dem Reichstag wieder hängt großenteils die Gesetzgebung und das Wohl des Landes ab. Der Kaiser und der Bundesrat können ohne den Reichstag keine Gesetze erlassen. Der Reichstag muß seine Zustimmung dazu geben. Die Mehrheit des Reichstags hat also den größten Einfluß aus die Gesetzgebung und eie Liberalen möchten diesen Einfluß noch größer machen und ihn auch aus die Regierung veS Landes und auf die Ausführung der Gesetze auSsehnen. Deshalb streben ste nach dem parlamentarischen Regiment, wonach der König gezwungen jein soll, seine Minister immer auS der Mehrheit des Parlaments zu nehmen. Wte schwer aber eine liberale PailamentSmehrheit die Jnteresien deS Bauernstandes jchävigen kann, °aS hat die liberale Gesetzgebung der liberalen «era mit ihren schlimmen Folgen für die Landwirtschaft bewiesen. Der Freihandel mit den landwirtschaftlichen Produkten deS unter viel billigeren Berhältntfien produzieren»«» Auslandes, wte Rußland, Ungarn, Amerika
hat unsere deutsche Landwirtschaft an den Rand des Verderbens gebracht. Während alle anderen Preise für Dinge, welche der Bauer kaufen muß, feit 20 Jahren ums mehrfache gestiegen find, ist der Preis der landwirtschaftlichen Produkte, namentlich für Weizen, Roggen, Kartoffeln, jetzt eher noch niedriger als damals. Dazu ist auch die Steuerbelastung fortwährend gestiegen, namentlich durch die verhängnisvolle Einrichtung, daß die Kommunalsteuern nach den Grundsteuern auSgeschlagen werden. — So ist die Landwirtschaft mit ihrem spärlichen Einkommen mehrfach belastet, während alle anderen VolkSkiaffen, namenllich der Handel und das Kapital, unverhältnismäßig wenig besteuert find. Alle Versuche der Konservativen, wenigstens einen Ausgleich herzustellen, sind an dem Widerstand der Liberalen gescheitert, welche sich bis jetzt der höheren Besteuerung des mobilen rententragenden oder an der Börse spekulierenden Kapitals widersetzt haben. Den Konservativen haben es die Bauern zu danken, daß die Steuerreform wenigstens insoweit zustandegekommen ist, daß die Klaffensteuer größtenteils aufgehoben worden ist. DaS wäre aber nicht möglich gewesen, wenn nicht vorher vom Reiche durch die Einführung der von Konservativen geforderten Zollreform zum Schuhe der nationalen Arbeit die Einnahmen deS Reiches sehr bedeutend erhöht worden wären und zwar in einer Weise, daß daS Ausland, welches seine Waren bet uns einführen, daran profitieren und unseren deutschen Produzenten Konkurrenz machen will, diese Zollerhöhung fast ganz zu tragen hat. Daß daS Ausland die Zölle bezahlt, beweist der Umstand, daß die Waren seitdem nicht teurer, manche sogar noch billiger geworden find, schlagend. Hoffentlich gelingt eö den Konservativen auch endlich doch noch, eine ergiebige Börsensteuer einzusühren und soviel dabei herauSzuschlagen, daß der Staat die Grundsteuer entbehren und ste den Gemeinden überlasten kann, damit dann die Kommunalsteuerlast dadurch vermindert und namentlich auch die hohen Schullasten zum großen Tell auf den Staat übertragen werden können.
Wollen daS die Bauern, dann dürfen ste aber keine liberalen, sondern müsten konservative Abgeordnete in den Reichstag wählen. Denn die Liberalen sind all diesen Bestrebungen ungünstig gesinnt; von einer Einführung der Getretdezölle, von einer Regelung des Versicherungswesens durch den Staat, damit es auch dem kleinen Mann gegen geringe Kosten zu gute kommen kann, wollen ste nichts wisten. Alle Bauern wisten, wie notwendig eS ist, daß die Kreditverhältniste bester geordnet werden, daß dem Wucher- und Schachertum gesteuert und dem Landmann sür einen guten und leichteren Absatz seiner Produkte gesorgt werde, ohne daß der Zwischenhandel den Profit hat und der Bauer trotz aller seiner Mühe und Arbeit kaum seine Abgaben und sein trockenes Brot herausschlagen kann. DaS aber ist nicht möglich, wenn nicht Einrichtungen und
Ordnungen geschaffen werden, welche den Einzelnen vor der Ausbeutung schützen. — Jeder Bauer weiß, daß eS ohne Religion, ohne Gottesfurcht und Nächstenliebe nicht geht. Die Schulen müsien Pflanzstätten dieser Tugenden sein und bleiben, der Sonntag muß der Tag des Herrn sein, wenn er ein Tag deS Segens sein soll. Wohin es kommt, wenn die Gottlosigkeit einreißt, daS haben die Bauern an den zahllosen Vagabunden gesehen, welche in der liberalen Aera daS flache Land überschwemmten und unsicher machten. Wte kein Bauernhof bestehen kann, wenn nicht gute Zucht und Ordnung, Gottesfurcht und gute Sitte darin waltet, so kann auch ohne diese Dinge kein Staat bestehen. Wenn man das weiß, dann muß man aber auch Abgeordnete wählen, welche ernstlich bestrebt sind, von diesem Gesichtspunkte aus die Gesetze und Ordnungen des Landes machen zu helfen und darf nicht Liberale wählen, welche die schrankenlose Freiheit und den Kampf umS Dasein proklamieren, bei dem nur der gewöhnlich gewinnt, der die größten Geldbeutel oder die größte Klugheit und das weiteste Gewisten besitzt, bei dem aber der einfache, ehrliche, biedere, fleißige Bauer immer den Kürzeren zieht. Deshalb, ihr Bauern, wenn ihr euren Vorteil versteht und für euer Wohl forgeu wollt, dann geht Mann für Mann am 28. an die Wahlurne und wählt zuverlässige christlich gesinnte konservative Männer zu Abgeordneten!
Deutsches Reich.
Berlin, 25. Okt. Heute nachmittag um 2 Uhr fand im Elisabethsaale deS König!. SchlosteS die Eröffnung des StaatSrateS durch den Kronprinzen in Anwesenheit der Prinzen deS Fürsten Bismarck, sämtlicher Staatsministcr, sowie der StaatSratSmitglieder statt. — Dem heutigen Diner im Kaiserpalais wohnten der Kronprinz, die Prinzen Wilhelm, Heinrich, Friedrich Karl, Prinz August von Württemberg und sämtliche aktiven StaatSministrr, sowie alle hier anwesenden Mitglieder des StaatSrats bei. Der Kaiser saß zwischen dem Kronprinzen und dem Prinzen Wilhelm, dem Kaiser gegenüber saß Fürst BtSmarck zwischen dem Grafen Moltke und Minister v. Puttk-mer. Toaste wurden nicht ausgebracht. Nach dem Diner hielt der Kaiser ein Cercle, ebenso unterhielt sich der Kronprinz fast mit jedem der Anwesenden. — Der Reichskanzler beantragte im Auftrage des Kaisers bei dem Bundesrate, derselbe wolle beschließen, daß die von dem braunschweigischen Regent- schastsrate gemäß der Reichsveifassung zu bestellenden BundeS- ratS-Bevollmächtigten als Vertreter Braunschweigs im Bun- deSrate im Sinne der ReichSverfasiung anerkannt werden. Der Reichskanzler teilt gleichzeitig dem Bundesrate mit, der Kaiser werde die in der ReichSverfasiung dem Herzoge von Braunschweig vorbehaltenen Rechte rückstchtltch des Kontingents nach den Artikeln 63 und 64 während der Dauer der provisorischen Regterungsverwesung auSüben. — Die
2 DerWegzumHerzeu.
Novelle von Beruh. Frei.
Albrecht wiegte mit einem halb spöttischen, halb bedauernden Lächeln den Kops .... am Ende, was gingen ihn diese fremden Menschen an? Mochte die junge Bremerin sehen, wie sie mit ihrem aufdringlichen Verehrer fertig würbe, — er würde sich nicht darin mischen. Gerade darum war er nach Schwarzburg gegangen, well keiner seiner zahlreichen Freunde und Bekannten dort wellte, — eS verlangte ihn nicht nach Anregung und Vergnügen, sondern nach absoluter Ruhe, uno darum hatte er auch seinen kleinen Sohn, von dem er sich sonst ungern trennte, in Berlin unter der Obhut einer alten Tante — Meinhardt war seit fünf Jahren Witwer — zurückzelasien.
Er ging auf sein Zimmer, wo oer Kellner soeben einen Brief für ihn deponiert hatte, — eine zierliche, etwa« veraltete Frauenhandschrist. Tante Clementine, die Pflegerin seine« Söhnchens, hatte sich verpflichten müsien, ihm täglich noch Schwarzburg zu schreiben, und wenn es nur die drei Worte wären: .Alles in Ordnung!" Mit so lakonischen Berichten konnte sich aber daS alte Fräulein nicht behelfen, ste verstand das Detailmalen aus dem Grunde, und der Redakteur, der an die kurze, knappe Form seiner Leitarttkel gewöhnt war, lächelte mehr als einmal über die umständliche Schilderung ihrer Ktnderstuben-Erlebnisie.
.Die Welt tm Kleinen!" nickte er vor sich hin. .Der Junge ist gesund, daS ist der lange Rede kurzer Siun — die Hauptsache!"
Er zündete sich etue Zigarre an und streckte sich auf dem Sopha aus, um fich einer behaglichen Siesta hinzu- geben, aber Stimmen, die unmittelbar unter seinem Fenster laut wurden, liehra ihn nicht zum Schlafen kommen.
Namentlich eine dieser Stimmen war unangenehm laut und durchdringend, — er erkannte ste sofort wieder, sie gehörte dem schwarzlockigen Herrn im karrierten Anzug.
.ES ist mir gar nicht befremdlich, mein Lieber, daß Sie sich nach der jungen Dame erkundigen", sagte er jetzt in gönnererhastem Ton, ,da0 wird hier noch Manchem so geben, — sie hat was Apartes, DtstinguirtcS, mit einem Wort . . . chic 1 Ist aber kein Vergleich mit dem , was ste vor zwei Jahren war! Ich habe sie damals in Frankfurt kennen gelernt, ihr Bruder, ein netter, alerter Mensch, war bei uns im Geschäft — Firma Hartleben und Säusel, — Ihnen unbekannt? Was tausend? Ich bin der Kompagnon Albert Säusel! Ja, — also damals lebte der Vater der jungen Dornbach noch, Bremer Millionär, Fiima Dorn- bach und Herz. Wieder nicht bekannt? Ja aber, lieber Freund, lesen Sie denn nie die Handelsregister, daß Sie von alledem nichts wisien?"
Der Andere murmelte etwa», was Meinhardt nicht verstand.
„Die junge Dornbach sollte damals gerade die Laufbahn einer Künstlerin betreten, sie hatte daS durchgefetzt gegen den Willen des Alten, dem es gegen die Ehre ging, daß feine Erbtochter für Geld öffentlich spielen sollte. Ich hörte ste damals in Frankfurt, und ich muß sagen — stupend! Sie hat mir imponiert, wahrhaft imponiert, und da« will nichts kleine» besagen, denn ich habe fic Alle gehört: Rubinstein, LiSzt, Bülow, Annette Efstpoff, Mary Krebs und wie sie fonst heißen, einer vom Geschäft muß allemal hingehen, das erfordert die Ehre der Firma I — — Da- Mädchen war damals reizend — frisch, blühend, lebhaft — zum Küsien! Die Frankfurter jeunosse dort huldigte ihr, ste hatte namhafte Erfolge dort, — sogar
mein Kompagnon — — hm! Ich mag nicht auS der Schule schwatzen!--Wie ste abgereist war, lauert
Jedermäuniglich auf den succes, liest mit Eifer die mustka- lischen---alles still! Allerlei unbekannte Größen
machen von stch reden, — Fräulein Elsa Dornbach nicht ein Wort! Man fragt, man erkundigt stch — der Bruder zuckt die Achseln, behauptet nichts zu wisien, tritt nach Monatsfrist aus unserem Geschäft aus, verläßt Frankfurt, — ein Paar ganz dumme, widersinnige Gerüchte, die kein Mensch glaubt, machen die Runde, — endlich beschäftigt man stch mit anderen Dingen. Und nun komme ich nichtSahnrod zu einer idyllischen Sommerfrische hierher und begegene der ci-devant Künstlerin, deren Vater inzwischen gestorben ist und die wegen derangiertcr Nerven daS Klavierspiel hat aufgeben und hierorts eine Luftkur brauchen müsien. Die Mama ist in Bremen zurückgeblieben, und da« Fräulein thäte gut, mit der Erholung Ernst zu machen, — sieht heilloS nervös und heruntergekommen aus, daS arme, kleine Ding!"
Der patronisterende Ton, mit dem Herr Albert Säusel .armes kleines Ding!" sagte, ärgerte den Lauscher aus seinem Sopha. Die Unterhaltung ging draußen noch eine Weile über allerlei gleichgültige Dinge sort, aber um Albrecht Meinhardt'S Nachmittagsruhe war e» geschehen, rr warf die Zigarre weg und sprang unmutig auf.-----
Mittlerweile war sie, von der man soeben so eifrig geredet, ein Buch in der Hand, das Sonnenschirmchen lässig über die Schulter gelegt, den Waldpfad entlang gewandert, bis zu dem lieblichen, verst-ck'en Plätzchen, daß sie gleich am ersten Tage ihre« Schworzburger Aufenthalt» entdeckt und zu ihrem Liebling-fltz auserkoren hatte.
(Fortsetzung folgt.)