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Nr. »SO

JRarfiurg, Donnerstag, 23 Oktober 1884.

XIX. JlhrMg.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux oonHaasenstein undBogler in Frankfurt a M.. Ham­burg, Magdeburg u. Wien: Rudolf Mosse in Frankfurt a M., Berlin, München und Köln: G. L Daube und Co- in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Iägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M.; Hennann- scheBuchhandluna daselbst - Adolf Steiner i. Homburg Jnvalidendank in Berlin! Dresden und Leipzig! I. Barck u. Co. in Halle' W. ThieneS in Elberfeld!

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage ,,Illustriere» Gonntagsblatt" durch die Expedition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen 2*/t Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf».

Reklamen die Zeile 25 Psg. Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.

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Warum wird eigentlich eine autzerordeutltche Generalsynode für de« Regierung- - Bezirk Kassel berufen T

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Nach diesem Ueberblick über die Entstehung und Ent­wicklung der Kirchenversassung in Heflen kehren wir zur Gegenwart und zu der Frage zurück: Warum wird denn jetzt wieder eine Generalsynode zusammen gerufen? ES ist wahr, eine dringende Nötigung ist nicht vorhanden. Im Augenblick sind in der Kirche keine Stürme zu be­schwichtigen, keine Streitigkeiten zu schlichten; jeder Pfarrer kann in seiner Gemeinde das Evangelium rein und lauter verkün igen, jedes Glied der Gemeinde kann sich daran er­bauen. Ucberall herrscht völlige Stille. Sollte da die rechte Zeit zu Aenderungen und Verbesserungen sein? Vielleicht doch. Denn sowie es Regel ist, daß derjenige, welcher den Frieden will, sich während der Ruhezeit auf einen drohenden Krieg zur Abwehr rüstet, so kann man auch sagen, daß man die jetzige Stille benutzen solle, um künftigen Stürmen feste Schranken entgegen zu stellen. Das Jahr 1848 giebt uns dafür eine Lehre, die wir nicht vergessen sollten. Aber, wird man fragen, was darf wan für die Kirche von einer VerfastungS Aenderung erwarten, welche Güter kann uns die beabsichtigte Synodalordnung bringen? Vorerst ist zu erwarten, daß die Gemeinden nicht mehr, wie bisher, mundtot bleiben, daß die Kirche ferner nicht, als wäre sie eine StaatSanstalt, durch das Mini­sterium des Innern regiert, sondern als eine selbständige Körperschaft anerkannt wird. Hat doch der Preußische König Friorich Wilhelm IV. selbst anerkannt, daß ein solches Ziel erstrebt werden müsse. Außerdem giebt es manche Dinge, die einer Verbesierung bedürftig sind, die aber ohne Zustimmung der Gemeinden eine befriedigende Lösung nicht finden werden. Dahin gehört zunächst die Einführung eines besscren Gesangbuches. Allgemein ist man darüber einverstanden, daß die jetzt in Hessen ge­bräuchlichen Gesangbücher ihrem Zweck nicht entsprechen. Viele von den herrlichsten Ltevern unserer evangelischen Kirche sind in ihnen verstümmelt, verwässert, oder ganz weggelassen. DaS muß anders werden I Ebenso ist eS mit der Liturgie, deren Umgestaltung von vielen Seiten ge­wünscht wird. Soll in diesen Stücken das Konsistorium einseitig Vorgehen uns den Gemeinden ein neues Gesang­buch und neue liturgische Ordnungen vorschreiben? Nein, eS hegt selbst gerechtes Bedenken, ohne Zustimmung der Geistlichen und der Gemcinveglieder in diesen Dingen einen Schrill vorwärts zu thun und dem Gewissen evangelischer Christen einen Zwang aufzuerlegen. Und jeder Urteils­fähige wird ihm darin Recht geben, um so mehr, als in der früheren Kurhcsstschen Verfassungs-Urkunde bestimmt war:Ueberhaupt wird in liturgischen Sachen der evan­gelischen Kirche keine Neuerung ohne die Zustimmung einer

Synode stattfinden, welche von der Staatsregierung be­rufen wird." Auch bei der Besetzung der Pfarrerstellen ist eine Verbesierung wünschenswert, welche nur durch den Beschluß einer Synode zu erreichen sein möchte. ES ist nämlich gewiß kein unbescheidenes Verlangen, daß hie Ge­meinde vor der Bestellung eines Mannes, dem die Seel­sorge in derselben anvertraut werten soll, irgendwie wenig­stens gehört werde.

Diese Gründe, um von anderen zu schweigen, genügen wohl schon, um zu beweisen, daß eine Umgestaltung der kirchlichen Verfasiong zu wünschen ist. Auch handelt es sich dabei nicht sowohl um Etnführtmg von etwas Neuem, als vielmehr, wie wir vorher gezeigt haben, um Wieder­herstellung einer früheren, niemals förmlich abgeschafften Ordnung. Dabei ist es allerdings erforderlich, daß mit Weisheit und in echt evangelischem Sinn an der alten Verfasiung, bei welcher nur das geistliche Element ver­treten war, manches zeitgemäß verändert und namentlich auch eine Vertretung des Laten-Elements hinzugefügt wird. Daß dies geschehen werde, dafür birgt einmal der Umstand, daß die anberaumte Synode auS zwei Abteilungen bestehen soll, von welchen die eine, aus den Superintendenten, In­spektoren und den Abgeordneten der Geistlichkeit zusammen­gesetzt, der althessischen Synodal - Ordnung entspricht, die andere Abgeordnete der Gemeinden sowohl geistlichen wie weltlichen Standes enthält. Ferner versprechen die statt- grsundenen Wahlen ein solches Ergebnis. Denn, soweit man schon jetzt urteilen kann, sind sehr viel einsichtsvolle und kirchlich gesinnte Männer als Abgeordnete gewählt worden.

Wir dürfen deshalb der demnächst zusammentretcvden Synode mit der Hoffnung entgegensehen, daß ihre Wirk­samkeit da« Kirchenwesen der evangelischen Gemeinden im Hesienland neu beleben und kräftigen werde. Denn wir können der guten Zuversicht sein, daß die Glieder der Synode nicht vergessen werden:Wo der Herr nicht das Haus bauet, so arbeiten umsonst, eie daran bauen.*

Deutsches Reich.

Berlin, 21. Okt. Fürst Bismarck ist mit dem Grafen Wilhelm heute nachmittags 4 Uhr 38 Minuten hier ein- getroffen. Generalleutnant Graf Wartensleben ist zum kommandierenden General des dritten Armeekorps ernannt worden. Der frühere Abgeordnete und Appellation- gerichtsvizcprästvent Kirchmann ist gestern abend hier ge­storben. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat im Anschluß an seinen Erlaß vrm 12 Februar d. I. den königlichen Eisenb-hndirektionen die von ihm festgestellte Geschäftsordnung für die mit der Leitung des Baues neuer Bahnstrecken befaßten königlichen Eisenbahn - BetricbSämter zugehen losten. Danach regelt sich der GeschäftSumfang, die Zuständigkeit und die Geschäftsführung oiefer Behörden auch bei dem Bau neuer Bahnstrecken im allgemeinen nach

den Bestimmungen der unter dem 24. November 1879 allerhöchst genehmigten Organisation der StaatSeiseubahn- verwaltuug und der auf Grund derselben erlaflenen Ge schäftSordnung vom 4. Februar 1880. Nur hinsichtlich der Bearbeitung, Revision und Festsetzung der Bauprojette und Kostenanschläge sind besondere, die bestehenden Vorschriften ergänzende Anordnungen getroffen worden. Wie bei der Betriebsverwaltung, werden die Bortelle der Dezentrali­sation auch bei der Bauverwaltung im wesentlichen von der Handhabung der gegebenen Bestimmungen abhängen und die erhofften günstigen Mrkungen und Vereinfachungen im Geschäftsgänge nur dann zu erwarten sein, wenn die bau- leitenden BetriebSämter in der Ausübung der ihnen zu- gewiesenen Resiortbefugnisie nicht beengt werden. ES sind daher seitens der Eisenbahndirektionen Eingriffe in die Ge­schäftsführung der BetriebSämter auch auf dem Gebiete der Bauverwaltung auf die Fälle des wtrttichen Bedürfnisse« zu beschränken und etwaige bei den Direktionen dirett ein­gehende, zur Zuständigkeit der bauleitenden BetriebSämter gehörende Angelegenheiteu an dasselbe kurzer Hand zur ressortmäßigen Erledigung abzuqeben. Der Herr StaatS- minister v. Bötticher wohnte gestern der ersten Sitzung des Reichs - BerstcherungSamtS, welche dasselbe in seinen neuen Geschäftsräumen, Linkstraße 17, abhielt, bis zum Schluß bei. Die Sitzung galt der Beratung des Entwurfes eines Gesetzes, betreffend die den Reichsbeamten und deren Hinter­bliebenen bei Betriebsunfällen zu gewährenden Pensionen, Witwen- und Waisengelder. Es bildet dieser Entwurf den letzten unter den der Ausdehnung der Unfallversicherung dienenden Gesetzentwürfen, deren Ausstellung dem Retchs- VerstcherungSamt übertragen war, und deren weitere Be­ratung sodann im Reichsamt des Innern stattfindet. Der Entwurf nebst den Motiven gelangte zur Feststellung. Der Herr Minister benutzte die Gelegenheit dazu, um auch die GeschästSräme des Amtes in Augenschein zu nehmen und in denselben die Büreaubeamten sich vorstellen zu lasien. Hierbei nahm derselbe von der Lage der auf die AuS führung deS Urifallverflcherungsgesetz S bezüglichen Arbeiten Kenntnis, und konnte ihm die erfreuliche Mitteilung gemacht werden, daß das BetriebS-AnmeldungSverfahren seinen Zweck augenscheinlich erreicht habe, und die Mehrzahl der höheren Verwaltungsbehörden die zum 15. Oktober fällig gewesenen Verzeichnisse pünkllich etngesandt habe. Heute wird daS Reichs - VerstcherungSamt In die Beratung des Entwurf- eines Normalstatuts für die Beru'Sgenvsien- schasten eintreten. Laut Verkündigung des Reichskanzlers (in Vertretung v. Bötticher) hat der Bundesrat auf Grund der entsprechenden G-setze folgendes beschlosien: Die in den §8 9. 41 des Krankenverstchei ungS-GesetzeS, sowie im § 27 des Gesetzes über die eingeschriebenen HilfSkasien vorgeschrie­benen Ueberstchten und Rechnungsabschlüsse sind noch Maß­gabe zweier neu vorgeschriebenen Muster unter Beachtung vorgedruckter Erläuterungen für jedes Kalenderjahr aufzu-

AuS Kaiser Wilhelm- Jugendzeit.

Dem unter diesem Titel im Verlag von Greßner & Schramm in Leipzig erscheinenden illustrierten Prachtwerk von Max Hermann Gärtner entnehmen wir die folgenden Schilderungen, welche die in den Jugendjahren unseres Kaisers am preußischen Hofe herrschende Sparsamkeit tref­fend kennzeichnen.

Der Hofrat Ternite, welcher königlicher Galerie-Inspektor in Potsdam war, sollte den König malen. Er griff bereit» nach dem Pinsel, als er bemerkte, daß der König in einem alten abgetragenen Rock, der ihm nicht recht mehr paßte, in sein Atelier gekommen war, weshalb er einen Diener herbeirief und ihm befahl, dem König eine neue, bester passende Uniform zu holen. Der Köniz hielt den Diener zurück.Ich weiß nicht, Ternite, was Sie wollen," sagte er.Was haben Sie an dem Rock zu tadeln? Ist noch sehr gut und mir besonders liebi Mein guter alter treuer seliger Heinrich hat ihn mir noch besorgt. In Ehren halten I Nach einigen Jahren will ich Ihnen diesen Rock zum Andenken schenken. Wo denken Sie hin? Mit mir fteht'S anders, al» mit anderen Menschen. Wenn Sie sich einen neuen Rock machen lasten, so können Sie das thun, und brauchen, sobald Sie da» Geld dazu haben, weiter keinen zu fragen, aber wenn ich die Groschen nicht spare, so haben ja meine Unterthanen keine Thaler."

So spncsam der König in allen, ihn selbst betreffenden Ausgaben war, so freigebig war er gegen andere, nament­lich, wenn eS galt, Not zu lindern. Zahllos stad die Fäll«, in denen er mit freigebiger Hand gespendet, sobald er stch überzeugt hatte, daß der Empfänger der Gab« würdig war,

aber keiner zeigt seine Mildherzigkeit in so Hellem Lichte wie ein reizender Zug, der auS seinen Kinderjahren berichtet wird. Friedrich Wilhelm war ein Knabe von zehn Jahreu, als ihm an einem eisig kalten Januartag sein Kammerdiener ein Körbchen Kirschen brachte, die im Treibhause zu früher Reife gelangt waren. Der Prinz war im ersten Augenblick erfreut, als er aber erfuhr, daß die Kirschen 5 Thaler kosten sollten, lehnte er ihren Ankauf ab.Ich mag und will sie nicht," sagte er entschieden. Als aber bald darauf ein Schuhmachermeister auS Potsdam, der durch lange Krankheit in Not geraten war, ihn um 20 Thaler bat, damit »Leder einkaufen und sein Geschäft wieder beginnen könne, wieS der junge Prinz seinen Kammerdiener ohne langes Bedenken an, dem Mann die erbetene Summe aus­zuzahlen, trotzdem dieselbe den kleinen Geldbetrag, über den er verfügen konnte, fast zur Hälfte erschöpfte.

Eine der hübschesten Episoden aus dem Leben d«S Königs, welche die Grenze zeigt, die bei ihm zwischen Spar­samkeit und Freigebigkeit bestand, ist die folgende: Als er eine- Morgens wie gewöhnlich nach Erledigung der ersten Arbeiten in da- Wohnzimmer der Königin kam, um dort mit ihr zu fiühstücken, bemerkte er auf einem Tische eine neue Haube. Er betrachtet sie und fragt nach dem Preise. Die Königin will ihn anfangs nicht nennen. Es sei nicht gut, meint sie, wenn die Männer sich darum kümmern, was der Putz ihrer Frauen koste, denn eS fehle ihnen das Verständnis dafür und alles erscheine ihnen zu teuer. Da der König aber weiter in sie dringt und den Preis der Haube trotzdem zu misten wünscht, sagt sie endlich, tie Haube koste nur 4 Thaler, denn sie habe eine der billigen gewählt.Nur 4 Thaler?" ruft der König.Erschreck

lich viel Geld für so ein Ding I" In scherzendem Ton macht er der Königin Borwürfe über solche Verschwendung, und scheint sich gar nicht beruhigen zu können. Plötzlich unterbrich er seine Promenade durch da- Zimmer, bleibt am Fenster stehen und wintt einem vorübergehenden Inva­liden, heraufzukommen. Wenige Minuten später wird der alte Krieger etngelasten. Der König geht ihm entgegen und spricht:Die Dame, welche hier auf dem Sofa sitzt, hat viel Geld, denn wa» meinst du wohl, alter Kamerad, waS sie für die Mütze gegeben, die da auf dem Tische liegt? Darfst dich ober nicht blenden lasten von dem schönen Rosa­bande l" Verlegen betrachtet der Invalide die Haube; seine Blicke verraten klar und deutlich, daß die Königin recht gehabt, als sie sagte, daß Minner für dergleichen das Ver­ständnis fehle.Na, die wird wohl einige Groschen kosten l" platzt er endlich heraus. Da lacht der König fröhlich auf und ruft:Da hörst du'SI... Ja, wa» Groschen! Vier Thaler hat sie dafür bezahlt! . . . Nun geh' mal hin und laß dir von der schönen Frau ebensoviel geben!" Die Königin zieht sofort ihre Börse und reicht dem Men vier Thaler, aber dabei zuckt eS schalkhaft um ihren schönen Mund.Sieh mal," sagt sie zu dem Invaliden,der hohe Herr, der da am Fenster steht, hat viel mehr Geld als ich. Alle«, wa» ich habe, habe ich nur allein von ihm, und er giebt gern. Nun gehe auch zu ihm und laß dir daS dop­pelte geben 1" Mit fröhlichem Lachen steht sie zu, wie der König achselzuckend die Börse zieht und acht Th-ler in die Hand de» Invaliden zählt, der stch dann unter vielen Dank­sagungen, von den Glückwünschen te» hohen Paare- be­gleitet, zurückzieht. (Fortsetzung folgt.)

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