Nr. *48
Marburg, Dienstag, 21. Oktober 1884.
XIX. Jahrgang.
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Das Skieruiewicer Friedeuswerk und seine „Gegner im eigenen Hanse".
Die Rede TiSzaS, durch welche derselbe die in dem Adreßentwurf des ungarischen Abgeordnetenhauses zutage tretende übelwollende Haltung gegen Rußland reprimierte, hat folgenden Wortlaut: „Ich bin übeczeugt, daß niemand der Meinung war, daß der Adreßentwurf der Majorität irgend einer europäischen Macht gegenüber, welche zur Aufrechterhaltung des Friedens mitwirken will, eine abweisende und dadurch verletzende Aeußerung machen wollte. Um mich besser verständlich zu machen, will ich mich etwas aus- sührlicher äußern. Ich habe meinerseits das österreichisch deutsche Bündnis vom ersten Augenblicke mit Freuden begrüßt und sow.it ich auf indirektem Wege in meiner amtlichen Stellung ein Geringes dazu beitragen konnte, daß dieses Verhältnis sich möglichst innig gestalte, habe ich eS stets gern gethan, weil meines WisienS und nach meiner Ueberzeugung dieses Bündnis die Aufgabe hatte, den europäischen Frieden in jeder möglichen Weise zu sichern. Diese Wirkung oes Bündnisies hat sich auch manifestiert. Sie hat sich auch dadurch in hohem Maße geäußert, daß eS Anziehungskraft ausübte den benachbarten Mächten und Nationen gegenüber, welche den Frieden aufrecht erhalten wollen, und ich denke, je mehr solcher Mächte es giebt, um so erfreulicher ist dteö vom Gesichtspunkte der Sicherung des Friedens. Schon dies an sich wäre Grund genug, keiner solchen Macht gegenüber eine provokante, verletzende oder abweisende Aeußerung zu thun. Und wenn jetzt jene Macht, deren Grenzen an jene Deutschlands, wie auch an die unserigen stoß n, wenn Rußland seinerseits ebenfalls erklärt: auch ich will mit Euch gehen, damit wir Frieden auf Gcunv deS durch die internationalen Verträge fest- gestellten Status quo erhalten, so wird und kann jeder aufrichtige Freund des Friedens sich dcsien nur freuen. (Lebhafte Zustimmung.) Wenn also die Adresse der Freude darüber Ausdruck giebt, daß wir mit den Mächten im besten Freundschaftsverhältnis, mit Deutschland in intimsten Beziehungen sind, und daß dieses Verhältnis auch heute besteht, so habe ich dies immer so verstanden, und konnte eS auch nicht anverS verstehen, als so, daß die Adresse sich darüber freut, daß dieses so sehr intime Bündnis, welches auch bisher als ein wichtiger Faktor andere Mächte im Interesse der Erhaltung deS Friedens angezogen hat, in dieser seiner Natur, in dieser seiner Anziehungskraft heute noch besteht und somit der von unS allen ersehnte Frieden um so sicherer ist. (Lebhafter Beifall.) Ich wiederhole, eö ist meine Ueberzeugung, daß alle jene, welche die Adresie abfaßten, diesen PasiuS so verstanden haben. Jede entgegengesetzte Deuiung weise ich entschieden zurück. Ich kann den PassuS meinerseits nur in der von mir gegebenen Interpretation anuehmen, und ich bin überzeugt, wenigstens hoffe ich es, daß auch die Majorität ihn bloß in diesem Sinne annimmt." (Lebhafte Zustimmung.)
39 vruderuud Schwester.
Erzählung von M. Gerhardt.
(Fortsetzung statt Schluß.)
ES zuckte über Egberts Gesicht wie von verhaltener Rührung, er aniwortete kein Wort, aber er neigte sich, und die Lippen ter Beiden begegneten sich in heiligem geschwisterlichem Kuß.
Egbert, der anS Fenster getreten, um seiner Bewegung unbemerkt Herr zu werden, rief plötzlich, indem er daffelbe öffnete: „Da ist Leo!" — Der junge Offizier der drüben auf dem Trottoir stand und angelegentlich heraufsah, grüßte, und Else zog sich erröten» zurück.
.Ich werde ihn heraufholen," sagte Egbert und sprang zur Thür.
„Nein, das geht nicht, Bruder — die Mama —"
„Ach die Mama wird mir doch nicht verwehren, meinen besten Freund bei ihr einzuführen."
„Aber Egbert, ich bitte dich, — gerade jetzt — denke doch nur —"
„Nun gut, so bleibe ich unten bei ihm."
Else trat etwas seitwärts an das Fenster, so daß sie beobachten konnte, wie Egbert unten zu dem Freunde trat, seinen Arm nahm und eifrig sprechend mit ihm auf und nieder ging, — immer nur so weit, daß sie Brise nicht aus dem Gesicht verlor. Zuweilen erhob Leo den Kopf und blickte herauf, und dann schien eS ihr, er sei seit gestern bedeutend ernster und männlicher geworben.
Und dann öffnete sich die Thür und ihr Vater trat zu ihr herein, umfaßte sie liebreich und küßte sie auf die Stirn. Ein Strahl erhabenen Friedens lag auf seinem Antlitz, das aussah, wie wenn nach stürmischem Unwetter di« Wollen
Darauf beantwortete TiSza die Interpellation JranyiS betreffs Skierniewice und sagte: „Unser gegenwärtiges Verhältnis zu Rußland kann man nur auf Grundlage unseres Verhältnisses zu Deutschland richtig beurteilen. DaS Wesen des Vertrags zwischen Deutschland und unserer Monarchie besteht darin, die beiden Staaten gegenüber den äußeren Gefahren aneinander zu knüpfen. Seine ausschließliche Aufgabe aber war und ist noch heute Erhaltung des Friedens und nicht Krieg. Wenn nun seine ausschließliche Aufgabe die Erhaltung des Friedens ist, so ist natürlich, daß es eine seiner Hauptaufgaben war, auch mit mehreren Nachbarstaaten und so natürlich auch mit dem vom Gesichtspunkte der Erhaltung des Friedens so wichtigen Rußland gute freundschaftliche Beziehungen zu stände zu bringen und hierdurch dem Frieden immer größere Garantieen zu schaffen. Auch unsere Regierung mußte daher im Vereine mit der deutschen Regierung bestrebt sein, dieses Verhältnis nach jeder Seite hin zu einem beruhigenden, loyalen, vertraulichen zu machen. Und man muß anerkennen, daß sowohl seitens des Herrschers als auch der gegenwärtigen Regierung Rußlands die Bestrebungen der beiden verbündeten Regierungender größten Zuvorkommenheit begegnen. Das auf diese Weise zu stanve gekommene Verhältnis hat anläßlich der Entrevue in Skierniewice thatsächlichen Ausdruck gefunden, als die drei Monarchen einander neuerdings die Versicherung freundschaftlicher Gefühle gaben, die ohnehin niemals gestört waren und als die betreffenden Minister in persönlichen Verkehr zu einander traten. Damit, glaube ich, haben sie den Völkern Europa« einen guten Dienst erwiesen, indem sie eine neue Gewähr dafür boten, daß der Ftede auf Grund der bestehenden Verträge aufrecht erhalten werden wird, und, wie ich weiß, hat man dies größtenteils überall mit Freuden ausgenommen, wie sich denn auch jedermann, der den Frieden will, darüber freuen muß, wenn sich die Fürsten und Negierungen dreier mächtiger Länder vereinigen, um den Frieden von niemanden stören zu laffen. Es giebt dies demselben moralischen Zusammenhalt, derselben Tenoenz und demselben Zweck Ausdruck, der zum Zweikaiserbündniffe gesührt hat, d. h. dem Bündnis zwischen dem deutschen Kaiser und dem Herrscher der österreichischungarischen Monarchie. Und gerade deshalb, weil nichts Anderes bezweckt wurde, bedurste es in Skierniewice weder einer schriftlichen Abmachung, noch eines Vertrages oder Protokolls, denn dam, daß bezüglich der Aufrechtholtung des Friedens alles mit der gegenseitigen aufrichtigen Unterstützung geschehe, genügte die aufrichtige und konsequente Entschließung der Monarchen und Regierungen. Diese bei Gelegenheit der Begegnung in Skierniewice zum Ausdruck gelangte Entschließung wird die Regierung unserer Monarchie leiten, welche bezüglich der Gegenseitigkeit auf Rußland vertrauensvoll rechnet.
„Dies ist die Lage nach der Begegnung und so wird dies auch in Deutschland aufgcfaßt, als di- Bekräftigung
abwärts sinken, und ein letzter Sonnenstrahl das reine Blau des AbendhimmelS durchleuchtet.
„Wo ist Egbert ?* fragte er.
Elfe deutete nach der Straße hinab und sah mit schüchtern zweifelnder Frage zu ihrem Vater auf.
„Ich will zu den Beiden," sagte er mit leisem Lächeln. „Egbert wird Leo mitgeteilt haben, wie eS hier steht. Soll ich ihm einen Gruß bringen?"
„O lieber Vater!"
„Still, mein Kindl — Die Mutter darf nicht mit einer Sache bestürmt werden, gegen die sich ihre Gefühle naturgemäß empören mußten. Wir sind ihr jede Schonung und Rückflcht schuldig. Die Zeit, meine Tochter, wird auch diese KnoSpe zum Blühen bringen. Ihr seit Beide noch sehr jung. Wird mein liebes Kind still und geduldig warten und hoffen, wenn ich ihm sage, daß ich Leo lieb habe wie meinen eigenen Sohn, und ihm meinen Beistand versprochen habe, noch ehe ich wußte, wer das Mädchen war, das sein Herz gewonnen?"
„O lieber Vater — wie glücklich mich das macht I"
„Kann sein, daß ich euch einmal zusammen in meinen Garten lade, — aber dann müßte Mama dich begleiten, — heimliche Rendezvous sind nicht mehr gestattet, — steh zu, ob du sie überreden kannst."
Er küßte das junge Mädchen zärlltch und kehrte mit ihr in daS andre Zimmer zurück. Katharina saß still mit gefalteten Händen auf dem Sopha, sie sah blaß und verweint aus, aber ein mild verklärender Schimmer lag auch auf ihrem Gesicht.
„Lebwohl, Katharina," sagte Halden in warmem Ton, indem er ihre Hand nahm und ehrfurchtsvoll küßte. „Erlaubst du mir, wiederzukommm, wenn — ich leb«?"
der Fnedenstendenz des BündniffcS zwischen dem deutschen Kaiser und der österreichisch-ungarischen Monarchie. Ich glaube, daß dies auch bei uns in der Brust eines jeden Freundes des Friedens nicht Sorgen, sondern Beruhigung heivorruft, und ich glaube, daß derjenige kein guter Freund Ungarns und der ungarischen Nation ist, der da verbreitet, Ungarn oder die ungarische Nation ließe sich, von Haß erfüllt, gegen irgend eine Nation zu solchen Aeußerungen oder Thaten hinreißen, welche die Störung des auch in unserem Jnterefle so notwendigen Friedens entweder verursachen oder derselbe» zum Vorwande dienen könnten. (Lebhafte Zustimmung.) Und ich bin der Ansicht, daß jede auf Erhaltung des Friedens abzielende Bestrebung der Regierung sowohl seitens der Gesetzgebung wie auch seitens der Nation unterstützt werden wird. (Lebhafte Zustimmung.) Das ist es, waS ich bezüglich dieser Angelegenheit erklären wollte, und indem ich diese einzig und allein richtige Interpretation des Passus über die auswärtigen Angelegenheiten und meinen Protest gegen jede anderweitige Interpretation aufrecht halte, empfehle ich den Adreßentwurf des AuSschuffeS." (Lebhafte Zustimmung, Eljenrufe.)
Den ungarischen Blättern erscheint als der ihnen am meisten genehme Punkt aus diesen Ausführungen die bestimmte Versicherung, daß in Skierniewice nichts schriftliches abgemacht wäre. In Cisleithanien ist man mit der Rede TiSzaS sehr zufrieden, und Pester Blätter versichern denn auch, daß die Erklärungen deS ungarischen Premiers vom Auswärtigen Amt in Wien inspiriert wären. Uebrigens bringt der „Pester Lloyd", offenbar in der Absicht, doch, zur Beruhigung der ruffenseindlichen Ungarn, die verschiedenartige Beschaffenheit der Beziehungen Oesterreichs zu Deutschland und zu Rußland in die Augen springen zu laffen, die Enthüllung, daß zwischen Oesterreich und Deutschland ein schriftlicher Vertrag bestehe, der ursprünglich für fünf Jahre Geltung hatte und im vorigen Jahre sür unbestimmte Zeit verlängert wurde, daß dieser Vertrag dem Wesen nach ein Schutz- und Trutzbündnis sei, und daß dieö Merkmale seien, welche daS Verhältnis Oesterreichs zu Deutschland von dem Verhältnis zu was immer für einer anderen Macht unterscheiden.
Die ungarische Abneigung gegen ein intimeres Verhältnis zu Rußland begegnet übrigens auch in gewiffen russischen Kreisen einem entsprechenden Maß von Sprödigkeit und Zurückhaltung. So erklärt der Aksakowsche sla- vophile „Ruß": Der Ausdruck Erhaltung des Status quo sei ein von dem Fürsten Bismarck aufgestellter Ausdruck, um Oesterr ichs sicher zu bleiben und Rußland zu Konzessionen an Oesterreich und Verzicht auf französische Allianz zu bewegen. DaS Blatt sagt dann weiter: „DaS Zusammengehen einer Passiven mit einer aktiven Politik auf der allgemeinen Grundlage deS Status quo kann dem passiven Teile wohl kaum jemals zu gute kommen. Letzterer wäre namens des Status quo zur absoluten Unthätigkeii
„Du fragst, Roderich? — O daß ich dich dieser Gefahr entgegengehen sehen muß! — DaS Schicksal wird schreckliche Buße von mir fordern für diesen Augenblick deS Wiedersehens, fürchte ich."
„Nein, fürchte nichts, Katharina; ich bin voll Zuversicht, denn jetzt wünsche ich zu leben um Vieles — Vieles gut machen zu können. Deine Sorge wird der Talisman sein, der mich behütet." —
„Mama," fragte Else, als Halden gegangen war und schmiegte sich dicht an die Mutter, „nicht wahr, wir reisen jetzt gar nicht?"
„Nein mein Kind, dein Vater wünscht dich in seiner Nähe zu behalten. Wir müffen gleich an die Vorsteherin deS Instituts schreiben und mit unserer Wirtin sprechen, ob sie unS diese Zimmer noch länger vermieten kann."
„Mama," flüsterte Else zuversichtlich, „du wirst wieder glücklich werden."
Frau Werner zog sie fest an sich und küßte sie mit leidenschaftlicher Innigkeit. „Du bist mein Schmerzenskind, mein Glückskind — du hast ihn mir zurückgeführt."
(Schluß folgt.)
— (Univ.-Nachr.) Wie im „R. A." amtlich gemeldet wird, sind der außerordentliche Profcffor Dr. Busch, der praktische Arzt und Zahnarzt Dr. Paetsch, der Dr. Miller und der Zahnarzt Sauer, und zwar die drei letzteren unter Verleihung des Prädikats Profeffor, zu Lehrern der Zahnheilkunde an dem neuen zahnärztlichen Institut der Universität Berlin ernannt worden: dem ersterem ist zugleich die Direktion des Instituts provisorisch übertragen worden.