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Marburg, Sonntag, 19 Oktober 1884.
XIX. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Lnnoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a M. Hamburg, Magdeburg u. Wien: Rudolf Mofle in Frankfurt a.M., Berlin, München und Köln; G L Daube und Co- in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
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DaS „sreifiuuige" Steuerprogramm.
Bekanntlich verdankt die Neugründung der „deutsch- freisinnigen* Partei dem Umstande ihren Ursprung, daß es mit der alten Firma „Fortschrittspartei* nicht mehr ging und es für die Geschäftsinhaber darauf ankam, dem sonst unvermeidlichen Bankerott auf geschickte Weise zu entrinnen. S lbstverständlich aber ist die GeschäftSpraxiS dieselbe ge blieben und der Kredit damit kein besierer geworden. Die Partei mag daS fühlen unv deshalb schrickt sie vor keinem Mittel zurück, sich über Wast-t zu halten. Wie leichtsinnige Spieler, die nichts mehr zu verlieren haben, setzen sie daS bischen Kredit, welches die Führer sich bet kindlich naiven Gemütern durch die neue Firma erworben haben mögen, und alles, was sie sonst noch an Ruf und Ansehen haben, ausS Spiel und machen obendrein noch Versprechungen, die sie nicht halten können.
Das beweist ausS schlagendste ein Flugblatt der deutsch- freisinnigen Partei, welche« an Täuschung, Verdrehung und Vorspiegelungen seines Gleichen sucht und auf dem ganzen Erdenrund nicht finden dürfte. In diesem Flugblatt wird zunächst den Wählern vorgerechnet, daß z. B. daS Kilo in« ländischen Tabaks um 50 Pfennig, Kaffee um 40, Thee um 100, Zucker um 16, Salz um 12, ReiS um 4, Gewürz um 50, Schmalz um 10 Pfennig, das Liter Petroleum um 6, Bier um 1 und Branntwein um 17 Pfennig teurer geworden sei. In Wahrheit ist das aber nicht derFall. Wir rufen jeden Hausvater, jede Haus- fr u, die nicht etwa auf die „freisinnige* Fahne eingeschworen sind, zu Zeugen dafür auf, daß weder der Tabak noch der Thee uns die übrigen Verbrauchsgegenstände teurer geworren sind, daß das Petroleum gegenwärtig billiger, als feit langer Zeit ist, und daß namentlich Zucker und Salz noch niemals so billig gewesen sind.
Die „freisinnigen* Behauptungen können bei vernünftigen Leuten nur daS Gegenteil von dem, was damit bezweckt wird, erzielen. Eine Partei, welche sich zu ihrer Empfehlung solcher handgreiflichen Unwahrheiten bedient, beweist damit, daß sie von der Wahrheit und von rechtschaffenen Mitteln sich keinen Erfolg versprechen kann und daß sie bei den Wählern einen hohen Grad von Urteilslosigkeit vorauss tzt, der für diese geradezu beleidigend ist.
Die „Freisinnigen* begnügen sich aber nicht nur mit Entstellungen der Wahrheit, sondern versuchen die Gunst der Wähler dadurch zu gewinnen, daß sie in ihr Programm die Worte: „keine neuen Steuern, sondern Steuererlaffe* ausgenommen haben. DaS mag ja für viele einen verlockenden Klang haben. Aber jeder vernünftige Mana muß sagen, daß die Freisinnigen selbst, wenn sie ans Ruder kämen, ihre Versprechungen gar nicht einlösen könnten. Den Bedürfnissen und Aufgaben deS Staates muß Genüge geleistet werben, und derjenige, «welcher allen hierauf bezüglichen Vorschlägen ein Nein entgegensetzt, ist geradezu gewissenlos. In Preußen und im Reich ist noch nicht ein
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38 vruderund Schwester.
Erzählung von M. Gerhardt.
„DaS ist vorbei. Egbert hatte Recht, wie ein Verblendeter jagte ich einem nichtigen, verderblichen Truggebildc nach, und nur rin Schritt trennte mich noch von einem Abgrund selbstverschuldeten Elend«.'
Es trat eine Panse ein. Endlich fragte Katharina mit leise bebender Stimme:
„Egbert sagt mir, daß der Schutz, den du deiner Tochter gewährt, mit Gefährdung deines Leben« erkauft fein soll?*
„ES gab noch eine zweite Veranlassung. Aber lasten wir das. Die Angelegenheit ist nicht von solcher Wichtigkeit, um dich auch nur vorübergehend zu beunruhigen.*
Die schmerzliche Bitterkeit, mit der Halden spr-ch, schnitt seiner Gattin in« Herz. Ihre schwererrungene Fastung schwand dahin, Stolz und Liebe rangen in tötlichem Kampf in ihrer Brust AI« Halten sich ihr näherte, bebte sie vor ihm zurück, schloß sich fest an ihren Sohn und sank fast ohnmächtig in feinen Armen zusammen. Haleen zog sich etwas zurück, während beide Ätncer wetteifernd um die Mutter bemüht waren. Endlich brach sich der gewaltsam zurückgedämmte Strom ihrer Gefühle in Thränen Bahn.
„Laß mich allein mit eurer Mutter, meine Kinder,* bat Halben jetzt.
Zn dem engen Schlafzimmerchen, da» Mutter und Tochter gemetnschaftltch bewohnten, standen Bruder und Schwester jetzt dicht beieinander am Fenster, und eine Ahnung der verheerenden HerzmSstürme, die da in dem Zimmer neben chnen nach Besä sttgung und Abschluß rangen, überschat-
Pfennig unnütz verausgabt und vergeudet worden. Die größte Sparsamkeit herrscht in allen Zweigen der Verwaltung, und wenn man bedenkt, wie viel Summen andere Staaten für ihr Heer, für die Marine wie für die ganze innere Verwaltung ausgeben, der kann nur Respekt vor bet preußischen und deutschen Verwaltung haben, die mit verhältnismäßig viel geringeren Mitteln Großes erreicht hat.
Wer die Parole: „keine neuen Steuern, sondern Steuet- erlaste* ausgiebt, hat damit, wenn er anders bet Sinnen ist, keinen anderen Zweck, al« daö Volk gegen die Reglern g und gegen den Staat selbst aufzuhetzen und unzufrieden zu machen. Da« geht selbst noch über die Tendenzen der Sozialdemokratie hinaus I In keinem Falle aber kann auf diesem Wege den mit Steuern besonder« belasteten Bernf«- klasten geholfen werden. Was würde die Folge davon sein, wenn die vielgeschmähten Zölle auf Lebensrnittel und Ver- brauchsgegenstände nach dem Rezept der „Freisinnigen* aufgehoben würden? Dem Staat würden viele Millionen verloren gehen, mit denen er bisher wichtige Aufgaben hat erfüllen können, und die Lebensmittel würden nicht um einen Pfennig billiger werden: das hat die Aufhebung der Mahl- und Schlachtsteuer in unanfechtbarer Weise bewiesen, denn weder Brot noch Fleisch sind dadurch billiger oder bester geworden! Kein Staat bet Welt kann auf die Besteuerung allgemeiner Vetbrauchsgegenstände verzichten und kein Staat der Welt ist so thöricht, dem Ratschlage der „Freisinnigen* zu folgen. Wenn aber andere, und zwar wirklich drückende Steuern, wie die Kommunallasten und die Zuschläge zur Grundsteuer aufgehoben werden follen, fo giebt es kein anderes Mittel, als die indirekten, niemanden bedrückenden Reichssteuern zu vermehren und daS bewegliche Kapital mehr als bisher zu Steuern heranzuziehen.
Das Steuerpogramm der „Freisinnigen" ist nicht nur unerfüllbar, sondern auch schädlich für die Allgemeinheit wie für den Einzelnen. Nut derjenige kann hoffen, von dem wirklichen Steuerdruck befreit zu werden, welcher die Wirtschaft«- und Steuerreform der Regierung unterstützt und dazu beiträgt, die Hinderniste zu beseitigen, welche die Erreichung dieses Zieles bisher verhindert haben. DaS geschieht am besten radurch, daß kein Freisinniger in den Reichstag gewählt wird! ________
Deutsches Reich.
Berlin, 17. Okt. Der Justizminister hat unterm 14. Oktober a. c. folgende allgemeine Verfügung, betreffend die Anberaumung der gerichtlichen Termine, erlassen: Wiederholt stid in Berichten der Handelskammern und in Einzelnbeschwetden Klagen darüber zu meiner Kenntnis gekommen, daß die zu gerichtlichen Terminen vorgeladenen Personen oft mehrere Stunden auf den Beginn der Ver Handlung, bei welcher sie beteiligt sind, zu warten haben und infolge desten durch den Aufenthalt im GertchtSgebände tete wie eine vorüberziehende Wolke den Horizont ihres jungen Lebens.
„Aus unserer Reise wird nichts," sagte Egbert unzufrieden. „Ter Vater wird dich nlit von sich lasten. Jetz t gehört der Garten dir und alle Blumen drin. Dir wird er Alles zu Liebe thun — Alles l*
„Ich werde ihm aber auch Alle« zu Liebe thun," versetzte Else. „Aber bei ihm wohnen werde ich nicht. Ich muß bei der Mutter bleiben."
Beide schwieg n ein Weilchen, und die Frage, wie sich ein Zusammenleben ermöglichen lasten würbe, beschäftigte sie im Stillen, ohne daß sie ihr Worte zu leihen wagten.
„Du hättest ja doch nicht bei unS bleiben können," bemerkte Else. „Du mußt dein Studium fortsitzen und kannst den Vater gar nicht entbehren."
„Meinst du, ich hätte nickt vermocht, wa« dir und der Mutt- t möglich ist, sür mich selbst zu sorgen? Ich wollte, ich hätte einmal zeigen dürfen, waS ich kann."
„ES ist doch bester, daß du das nicht nötig hast, Hebei Bruver," wandte Else altklug ein. „Du hast eine höher- Aufgabe Im Leben als ich, und würdest sie schwerlich et füllen, wenn bu j tzt schon für dein Brod arbeiten solltest.*
„Ja daS ist wahr," gab Egbert den Kopf senkend zu. „Sckwer wäre eS mir geworden, aber ich hätte es dnrch- gesetzt, daraus kannst du dich verlosten.*
„Ich glaube e«, du bist so unbeugsam wie Mama, aber eS ist doch viel schöner, die ©einigen in herzlicher Gedulo zu tragen und zu schonen, und in liebevollem Austausch zu geben und zu empfangen, als sich in starrem Stolz zurückzaziehen und auf sich selbst zu stellen."
Egbert ließ ergeben die junge Weisheit seiner Schwester
nicht tut belästigt, sondern auch durch den Übermäßigen Zeitverlust in ihren wirtschaftlichen und sonstigen Interessen geradezu geschädigt werden. Diese Klagen sind in der Mehrzahl der Fälle darauf zurückzuführen, daß die Gerichte für sämtliche, an einem Tage stattfindenden gerichtlichen Verhandlungen eine und dieselbe Terminsstunde bestimmen. Eine solche Uebung ist nicht zu billigen, da sie auf das Interesse der Parteien, ihrer Sei tretet und bet sonst bei bet Verhandlung beteiligten Personen nicht die zulässige und darum auch gebotene Rücksicht nimmt. Es wird sich deshalb, abgesehen von den Verhandlungen von zweifellos kurzer Dauer, al« Regel empfehlen, die an einem Tage stattfindenden Termine in geeigneten Zwischenräumen, etwa von ganzen ober halben Stunden, anzuberaumen. Die richterlichen Beamten, bentn die Bestimmunggder Termine obliegt, wollen dem hier gegebenen Hinweis die entsprechende Beachtung schenken und damit, soweit eS irgend thunlich, auf Beseitigung der laut gewordenen Klagen Übet eine daS Maß des Notwendigen übetschreitenbe Zeitversäumnis seitens bet zu gerichtlichen Terminen vorgeladenen Personen hinwirken. — Die lateinische Münzkonvention vom Jahre 1865 ist gekündigt und auf den 21. Oktober d. I. ist nach Parts eine Konferenz von Vertretern der fünf Vertragsstaaten Frankreich, Italien, Belgien, Schweiz und Griechenland ausgeschrieben (eS heißt neuerdings, die Konferenz werde erst im November zusammentreten), damit dort beraten werde, ob die Konvention auf einige Jahre verlängert werden solle oder ob man sie liquidieren wolle. D ie WährungS-Korre- spondenz erläutert dies dahin: Wenn die Uebereinkunft verlängert wird, so bezieht sich diese Verlängerung nicht auf den ursprünglichen Inhalt des Vertrags, der auf bet Doppelwährung mit Prägefrelheit beruhte, sondern nur auf den jetzigen Zustand, wie er seit 1878 besteht, der zwar die Gleichwertigkeit der vorhandenen Silber- und Goldmünzen in ihrem gesetzlichen Verhältnisse beibehalten, aber die Freiheit der Sllberprägungen aufgehoben hat. Für eine dieser beiden Möglichkeiten muß sich die Konferenz ent« scheid»n, nnb zwar tritt die Auslösung und Liquidation de« Bundes van selbst ein, wenn der Beschluß der Erneuerung nicht vor dem nächst.n ersten Januar gelingt. Zum Schluffe ihrer et-gehenden Besprechung bemerkt sie in bezug auf da« Verhällnis zu den Aufgaben der heutigen deutschen Münz- polltik: Für uns in Deutschland aber würde die Verlängerung der lateinischen Konvention eine Verlängerung der Frist bedeuten, Inrethalb welcher wir ohne die Konkurrenz der lateinischen Münzstaaten unsere Silberverkäufe wieder aufnehmen könnte». An diese Frage muß endlich bei uns wieder herangetreten werden. Allen Versuchen, mit Hülfe der Gesetzgebung unsere Valuta auf dem Weltmarkt der englischen ebenbürtig einzuführen, muß die Erklärung unserer Thaler zu Scheidemünze vorausgehen. Daß der innere Verkehr bei unS mehr Silber verträgt als 10 Mk. auf den Kopf der Bevölkerung, das kann unbedeklich zugegeben
über sich ergehen, bie fast erstaunt und sehr befriedigt war« ihre Worte so ernst ausgenommen zu sehen.
„Ich bin wohl ein rechter Bär?* fragte er in sich auf- drängender Selbsterkenntnis.
„Du bist ein guter lieber Trotzkopf, aber Mama und Ich werden dich schon sanfter machen. Ich wollte, ich dürfte dir gleich von Anfang eine Bitte thun, deren Erfüllung dir vielleicht nicht leicht fallen würde."
„Sprich nut, Else, je schwerer daS Ist, waS ich dir zu Liebe thun soll um so bester."
„So bitte ich dich von Herzen: sei gut mit dem Vater! — Er ist nicht glücklich, und du kannst so viel thun, ihm das Leben leichter zu machen.*
Else hotte Ihre beiden Hände auf die Achseln deS Bruder« gelegt und blickte Innig mit feuchten Augen zu ihm auf. Egbert blieb eine Welle stumm, eS arbeitete sichtlich in Ihm.
„Ich verspreche es dir;* sagte er endlich in ungewöhnlich welchem Ton. „Aber sage mir nun ein«, Else: du hast jetzt den Vater, du hast Leo, die du beide liebst, und bie deine Liebe verdienen. Auf den Anteil deS Bruder» fällt da doch wohl nur ein wenig schwesterliche Nachsicht. Nicht wahr, wäre Ich nicht zufällig Leo'« Freund und dein Bruder, ich würde dir vollkommen gleichgültig — vielleicht zuwider sein?"
„Nein, o nein, — ober warum stellst du solche sonderbare Fragen? — Wie Leo liebe ich dich natürlich nicht, auch nicht wie den Vater — aber da« ist ja gerade so herrlich, daß ich jetzt euch drei habe, denen ich gut sein darf, Jetern in anderer Welse, aber jedem gleich seht von Herzen. Wa« du mit bist, kann mit doch keiner der beiden Anderen s.in.* — (Schluß folgt )