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Nr. 916

Marburg, Sonnabend, 18. Oktober 1884,

XIX. Jahrgang

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a M., Ham­burg, Magdeburg u. Wien: Rudolf Masst in Frankfurt a.M., Berlin, München und flöln; G L Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

MnMche Leitung

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jügersche Buchhandlung in Frankfurt o. M-; Hermann- scheBuchhandlung daselbst - Adolf Steiner i. Hamburg Jnvalidendank in Berlin- Dresden und Leipzig I. Barck u. Co. in Halle; W. ThieneS in Elberfeld.

den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteS TonntagSblatt" durch die Expedition (K och'fche »ezogen 2«/. Mark, durch die Postämter de» Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.! - JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

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Deutsches Reich.

Berlin, 16. Okt. Die Kongo-Konferenz tritt anfangs November zusammen. Auch Portugal hat inzwischen die Einladung zu der Konferenz angenommen. Die Einladung an die Vereinigten Staaten von Nordamerika wird dieser Tage in Washington übergeben. Die Verhandlungen mit England dauern fort. Die an der Konferenz nicht direkt interessierten Großmächte: Italien, Rußland und Oester­reich sind, wie die direkt interessierten Staaten, ebenfalls schon zum Beginne der Konferenzverhandlungen eingeladen. DieInternationale afrikanische Gesellschaft" wird nicht vertreten sein. In Anwesenheit Sr. Majestät des Kaisers Franz Joseph erfolgt Sonntag den 19. er. in Budapest die feierliche Schlußsteinlegung des großen Elisabeth - Spitals, welches von dem Zentralkomitee vom Roten Kreuz für die Länder der Krone Ungarns erbaut worden ist, und für das Ihre Majestät die Kaiserin Augusta durch Stiftung eines permanenten FreibetteS Ihre lebhaftesten Symp thieen zu erkennen gegeben hat. Da« Deutsche Zentralkomitee vom Roten Kreuz, das zur Beteiligung an der Festfeier ein­geladen worden ist, wird sich bei derselben durch seinen ersten stellvertretenden Vorsitzenden, Regierungsrat Haß, vertreten laflen. Das viel erwähnte Schuldotationsgesetz dürfte, wie verschiedene Blätter melden, zunächst den Staats­rat beschäftigen. Man wird sich erinnern, daß der Kultus­minister v. Goßler dem Abgeordnetenhause erklärte, der Entwurf sei fertiggestellt, es ständen demselben aber Be­denken entgegen. Der Entwurf schien die Billigung des Fürsten Bismarck nicht zu finden und zwar, wie man glaubte, wegen dcS vom Ministerium angenommenen Ver- teilungsmaßstabcS der Lasten zwischen Staat und Gemeinden. Betreffs des Kommunalsteuergesetzes ist eine Entscheidung Vorbehalten, ob man einen größeren Entwurf oder jenes Not-Kommunalsteuergesetz vorlegen soll, welches bekanntlich vom Herrenhause kurz vor dem Schluß der vorigen Session begraben wurde. Die viel erwähnte Kanalvorlage ist seit drei Monaten Gegenstand der Verhandlungen zwischen den Ministerien für öffentliche Arbeiten und Finanzen. Für alle diese Fragen dürfte die bevorstehende Rückkehr dcS Finanzministers zu den Geschäften von Bedeutung sein. DieNeue Reichs-Korrespondenz" weist darauf hin, oaß in neuester Zeit bei uns gerade für die ärmeren Schichten der Bevölkerung die Anregung zur Sparsamkeit wie die Spargelegenhett selbst nur in sehr beschränktem Maße vor­handen gewesen sei; sie führt als Beweis dieser Behaup­tung folgende Zahlen an: Während der Jahre 1870 bis 1882 hat sich in Preußen die Summe der Einlagen um 364 Prozent, die Zahl der Bücher nur um 241 Prozent vermehrt. Das durchschnittlich auf ein Buch entfallende Guthaben ist von 356,03 Mk. auf 544,13 Mk. gestiegen. Unter den im Jahre 1882 im Umlauf gewesenen Spar­kassenbüchern hatten nur 27,20 Pcoz. ein Guthaben von nicht über 60 Mk., 18,36 Proz. ein solches von 60 bis

37 Bruderuud Schwester.

Erzählung von M. Gerh a rdt.

Also ist wahr die ahnungsvolle Stimme in meinem Innern hat mich nicht getäuscht," sagte Halden tief ergriffen und zog das junge Mädchen an seine Brust. Mein Kind, mein schmerzlich entbehrtes, heißgeliebtes Kind! Nicht wahr, auch du fühltest schon gestern, caß wir einander nicht fremd sind? Du hassest deinen Vater nicht, du wirst lernen, ihn zu lieben, mein liebes, holdes Töchterchen!"

Ich weiß erst seit wenigen Tagen, daß ich einen Vater habe," sagte Else leise, sich zärtlich an den hohen Mann schmiegend.Uns ich fühlte gestern im ersten Augenblick, daß ich dich über Alles lieben und verehren könnte."

Mit unendlicher Innigkeit liebkoste Halden das wieder­gefundene Kind. Endlich bat er Egbert, seine Mutter zu fragen, ob sie ihn sehen wolle.

Der Jüngling gehorchte, und bald darauf erschien die edle Frauengestalt blaß und bebend auf der Schwelle. Egbert stand neben ihr und hatte den Arm wie zu Schutz und Stütze um sie gelegt. Stumm und unbeweglich, über­wältigt von dem Anblick der einst so heiß geliebten Frau, stand Halden vor ihr. Das waren noch dieselben kräftig schönen, reinen Züge, noch dasselbe ernste Feuer der tiefen blauen AugeS, ja ein Schimmer der einstigen schwungvollen Jugendlichkeit lag verklärend über der gereiften Gestalt der Vierzigjährigen, über dle so viele Lebensstürme nicht spur­los hingegangcn waren. Else hatte ihren Arm um den des Vaters geschlungen, «od dem leisen Impuls folgend,

150 Mk., 16,43 Proz. ein solches von 150300 Mk, 16,11 Proz. ein solches von 300000 Mk., während 21,90 Proz. den Betrag von 600 Mk. übersteigen. Nicht wesentlich anders sind die Verhältniffe in den übrigen Bundesstaaten. Das durchschnittliche Guthaben eines Ein­legers beläuft sich in Baden auf 785 Mk., in Bremen auf 660 Mk., in Hessen auf 620 Mk. Für das ganze Reich stellt sich der Durchschnittssatz auf 480 Mk. Der Haupt­grund dieser Erscheinung ist darin zu suchen, daß die be­stehenden Sparkaffen den ärmeren Klaffen der Bevölkerung nicht leicht genug zugänglich sind. Die Einführung der Postsparkaffen werde diesem Uebelstande wirksam abhelfeo. DieSchles. Ztg." kommt bei Erörterungeiniger Mängel unserer Rechtsanwalts - Ordnung" zu folgendem Schluß: Die seitherige Entwickelung der Rechtsanwalts - Ordnung vom 1. Juli 1878 hat dahin geführt, daß die großen Städte mit Rechtsanwalten überfüllt sind, während die Hälfte aller Amtsgerichte eines Anwalts überhaupt noch entbehrt. Dieser sicherlich nicht gesunde EntwickelungSgang legt notwendigerweise die Frage näher, ob eine Beschränkung der durch die RechtSanwalts-Ordnung den Anwälten zuge­standene Freizügigkeit nicht angezeigt erscheine. Allerdings ist die Advokatur seit ihrer Freigebung einfreier" Berus geworden. Aber die Rechtspflege ist doch nicht um der Anwälte willen da, die Sache liegt vielmehr gerade umge­kehrt; schon die Pflicht, nach seinen Kräften dafür zu sorgen, daß, da die Rechtsanwälte nun einmal ein wich­tiges und unentbehrliches Organ einer geordneten Rechts­pflege bilden, eS auch den Eingeseffenen der kleineren Amts­gerichte nicht an einem rechtskundigen Berater fehle, gtebt dem Staate die Befugnis zur Herbeiführung von Maß­regeln, welche die Erreichung dieses Zweckes nach Möglich­keit stcherstellen. Dabei hat der Staat an der Integrität deö Anwaltstandes ein ebenso großes Interesse wie an der­jenigen der Richter. Er soll und darf nicht dulden, daß das Recht zu einer Ware gemacht wird, mit der man Handel treibt; er soll und darf nicht abwarten, bis schließlich bei einem Teil der Anwälte die Rechtsmoral von einer schmutzigen Geschäftsmoral überwuchert wir?; wo aber eine Ueberfüllung in den Reihen der Rechtsanwaltschaft besteht, macht auch diese Gefahr alles Ernstes sich geltend. Die Konkurrenz­macherei mit ihren häßlichen Auswüchsen läßt auf dem Gebiete der AnwaltSthätigkeit nur dadurch sich steuern, daß bei jedem Zulaffungsgesuche eines Anwalts die Frage, ob für dasjenige Gericht, bei welchem die Zulassung erfolgen soll, ein Bedürfnis zur Vermehrung der Rechtsanwälte vor­handen ist, f.i von der Landesjustizverwaltung, fei eS von dem betreffenden Gerichte erwogen wird. Auch in einer Vorschrift, welche junge Affefforen, die der Rechts­anwaltschaft sich zuwenden, nötigte, ihre Thätigkeit unter allen Umständen bei einem Amtsgericht zu beginnen, wür­den wir ein Unrecht, einen unzulässigen Eingriff in die persönliche Freiheit nicht erkennen.

den sie ihm gab, näherte er sich seiner ehemaligen Gattin und reichte ihr seine Hand:

Katharina!"

Roderich!" tönte es zurück, und eS klang wie ein Aufschrei aus verschmachtetem, todeSwundem Herzen. Sie ergriff die Hand des Mannes, der ihr ganzes Leben in Liebe und Haß, gestaltend und zerstörend beherrscht hatte, und umschloß sie fest mit der ihren, und eS war ihr, als reiche er sie ihr über einen unübersteiglichen Abgrund hin­über, in den sie hinabstürzen muffe, denn sie würde diese Hand nicht wieder loSlaffen können.

So habe ich dich endlich doch entdeckt!" sagte Halden, als er der Sprache wieder mächtig wurde, mit tiefem Auf­seufzen.Unsere Kinder waren ein Band, das sich nicht zerreißen ließ und uns einmal zufammenführen mußte. ES war grausam, Katharina, mir Else so lange zu ent­ziehen. O was wäre mir ein solches Kind gewesen!"

Mache mir fitzt nicht Vorwürfe, Roderich," bat Katharina und ihre Stimme bebte in nervöser Erregung. Ich war zur Verzweiflung getrieben und kämpfte um mein Dasein. Mit dem Kinde hättest du mir daS Leben ge­nommen."

O warum hattest du kein Vertrauen zu mir!" ent­gegnete Halden traurig.Warum ließest du dich In jedem Schritt nur von Groll und Widerspruch gegen mich leiten? Ich hatte nicht die Absicht dich zu berauben. Ein Miß­verständnis, vielleicht auch eine Eigenmächtigkeit meines Anwalts, der meinen Zweck durch einschüchternde Drohun­gen zu erreichen geglaubt, muß deiner Annahme zu Grund liegen, daß ich mich mit Gewalt ober durch illoyale Mittel meines Kindes bemächtigen gewollt. Dein Vater aber setzte

Hamburg, 15. Okt. Der hiesigen Firma Wölber und Brohm geht soeben aus Klein-Popo die Nachricht zu, daß die KorvetteLeipzig" am 5. September in Porto Seguro (an der Sklavenküste in unmittelbarer Nähe von Klein-Popo) die deutsche Flagge gehißt und daß sich der König Mensah bereitwillig unter deutschen Schutz gestellt habe. Gestern hielt Herr Adolf Woermaun seine zweite ebenfalls mit großem Beifall aufgenommene Kandidaten­rede. Als besonders intereffant ist aus dieser Ansprache hervorzuheben, daß Woermann daS Klima von Westafrika als für ackerbautreibende Auswanderer nicht geeignet be­zeichnet, hingegen Kaufleuten und Technikern daselbst eine gute Zukunft verspricht. Als ein Beweis dafür, daß ent­gegen allen Spötteleien auS Westafrika doch wohl recht viel zu holen ist, mag auch die Nachricht dienen, daß Woer­mann in diesem Jahre wieder zwei neue Dampfschiffe für seine westafrikanischen Besitzungen gebaut hat. Das zweite ist gestern glücklich vom Stapel gelaufen. Beide Schiffe, die hier und zwar ganz aus deutschem Material gebaut wurden, sind von Stahl und haben zusammen eine Trag­fähigkeit von etwa 600000 Zentnern. Der Staatssekretär deS Innern, Staatsminister v. Bötticher, ist heute früh auö Frievrichsruhe wieder in Berlin eingetrvffen. Der fran­zösische Botschafter, Baron de Courcel wird in den nächsten Tagen wieder in Berlin eintreffen. DerVoss. Ztg." wird von gut unterrichteter Seite gemeldet, daß eine Vor­lage an den Landtag wegen Rückgabe des SchloffeS Augustenburg und der im Besitze des Fiskus befindlichen vormals Augustenburgischen Forsten auf Alfen an den Herzog Ernst Günther von Schleswig-Holstein zu erwar­ten steht. Man kann ziemlich sicher sein, daß eine solche Vorlage einen Widerspruch schwerlich erfahren wird. Die­selbe soll einem dringenden Wunsche des Kaisers entsprechen. Binnen Kurzem wird sich der BundeSrat mit den von den AuSschüffen bereits beratenen UebergangSbestimmungen zu bet veränderten Maß- und Gewichtsordnung beschäftigen; sobald diese Bestimmungen genehmigt sind, wird eine Ab­änderung der Eichordnung unmittelbar folgen. Die Normal- eichungSkommission hat in den letzten Tagen schon über den vollständig neuen Entwurf einer Eichordnung Beratungen gehalten, und dürfte damit nächste Woche zu Ende gelangen. Die Aenderungen der Eichordnung werden sich nicht nur auf die Abänderungen der Maß- und Gewichtsordnung be­ziehen, sondern auch anderen in der bisherigen Praxis empfundenen Mängeln Rechnung tragen. Das Reichs- verstcherungSamt nimmt seine Sitzungen nächsten Sonnabend wieder auf und tritt zunächst in die Beratung des vom Bergmeister Berg, einem Mitgliede des Amts, entworfenen Normalstatuts für die Unfallgenoffenschafien ein.

Braunschweig, 16. Okt. Die letzten Nachrichten über daS Befinden des Herzogs lauten wieder weniger günstig. Die offiziellenBraunschw. Anzeigen" melden von gestern: Eine wesentliche Hebung der Kräfte des Herzogs hat nicht meinen Versicherungen argwöhnischen Unglauben entgegen, hat dich vermutlich nicht einmal davon in Kenntnis gesetzt, wie er mit die Mitteilung deines Aufenthalts bis zu seinem Tod verweigerte. Meine Absicht war nur, mit die Mög­lichkeit zu sichern dir beizustehen, dsö Recht für mein Kind zu sorgen, ja Else und dich selbst auch wieder deinen Willen zu schützen vor den Folgen deines selbstvernichtenben Haffes gegen mich."

Mein Haß gegen bich* begann Katharina mit schwankender Stimme.Ja, Liebe und Haß kämpften in mir bis zum Wahnsinn. Es gab Augenblicke, in denen ich glaubte, ich hätte dich tödten können und bann mich selber, und das wäre Seligkeit gewesen. Hätte ich Else nicht gehabt aber o mein Gott, was rede ich!" tief sie und preßte beide Hände an die Stirn.

Halden stand in wortloser Ergriffenheit. Die Gewalt einer Liebe, die er aus seinem Dasein getilgt geglaubt, und die doch all diese Jahre her, ihm selbst unbewußt, oufS engste damit in Verbindung gestanden, erschütterte ihn bis in die Tiefen der Seele. Katharina hatte sich mit der ihr eigenen Willenskraft zu faffen gesucht, sie zog Egbert näher an sich, und sprach, ihn anblickend:

Laß mich für unfern Sohn Verzeihung erbitten. Er handelte eigenmächtig, aber es war ein natürlicher groß­mütiger Impuls, der ihn ans deinem Hause trieb. Ich habe seinetwegen meine Abreise verschoben, und ich hoffe es zu erreichen, daß er versöhnt mit dir, mit deiner Ein­willigung dein Haus verlaffen dürfe, in dem er nicht länger verweilen zu können glaubt, nachdem

Halden hob unterbrechend, mit dem Ausdruck innerer Pein die Hand. (Fortsetzung folgt.)